Bodensee in (sehr) gutem Zustand

Gemeinsam mit zwei Stadträtinnen aus Friedrichshafen war ich im Institut für Seenforschung (ISG) in Langenargen am Bodensee. Das ISF gehört zur Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg und ist damit dem Umweltministerium des Landes unterstellt. Wir sprachen mit einem Geologen (Schwerpunkt Sedimente) und einem Biologen/Gewässerökologen (Schwerpunkt Algen).

30.08.2019

Klimakrise und eingewanderte Tierarten machen dem See zu schaffen

In kaum einer Region wird die Klimakrise so greifbar wie am Bodensee. Im Institut für Seenforschung (ISF) in Langenargen habe ich mich genauer informiert.

Das landeseigene ISF, das über zwei Laborschiffe verfügt, beschäftigt sich schon lange mit Indikatoren wie der Entwicklung der Wassertemperatur. Daten liegen seit 1963 vor. Seither stieg die Durchschnittstemperatur um rund zwei Grad. Das ISF misst vierzehntägig. Die Befunde sind erschreckend: Binnen 20 Jahren ist die in einer Tiefe von 100 Metern über die Jahreszeiten ziemlich konstante Wassertemperatur um 0,5 auf 4,5 Grad gestiegen. An der Oberfläche erreicht das Wasser auch mal 25 und mehr Grad Celsius. Kein Wunder, traten doch 15 der 20 wärmsten Tage in Baden-Württemberg in den Jahren nach 2000 auf. Dass die Temperatur in der Tendenz steigt ist also einfach zu belegen. Komplexer sind die Prozesse, die sich zwischen den Wasserschichten im Bodensee abspielen. Weil der See vor allem an der Oberfläche wärmer wird und auch im Winter nicht mehr so stark abkühlt wie früher, wird der Austausch von sauerstoffreicherem Wasser, das sich in den oberen Schichten befindet, nach unter erschwert (kaltes Wasser ist schwerer und sinkt nach unten). Folge: Es gelangt weniger sauerstoffreiches Wasser an den Seegrund, wo einige der bodenseetypischen Fischarten auf kaltes, sauerstoffreiches Wasser angewiesen sind. Gerade die Felchen, von denen die Fischer immer weniger in ihren Netzen herausziehen, leiden darunter. Algen, die sich im warmen Wasser besonders stark ausbreiten, sorgen für eine Verschärfung des Problems. Denn gelangen diese in tiefere Schichten, so verbraucht deren Abbau den knappen Sauerstoff. Daher ist es wichtig, so das ISF, dass der Phosphatgehalt niedrig gehalten wird, um das Algenwachstum nicht auch noch zu befeuern. Die Forderung mancher Fischer, den Phosphatgehalt zu erhöhen, um den Fischen mehr Nährstoffe zukommen zu lassen, wird von den Wissenschaftlern unter Verweis auf die dann drohende Sauerstoffverknappung in unteren Wasserschichten abgelehnt. Obwohl die Durchmischung der Wasserschichten in den letzten Jahren schwächer war, sanken die Sauerstoff-Konzentrationen nicht so stark wie in Jahren mit hohen Phosphat-Konzentrationen, so die Experten des ISF. Sie verweisen jedoch auch auf das „Verschlechterungsverbot“, wonach sich der chemische Zustand von Gewässern nicht verschlechtern dürfte. Außerdem sei es absurd, erst Milliarden in bessere Kläranlagen zu investieren, um dann deren Reinigungswirkung wieder abzuschwächen. Sie verteidigen auch die Einstufung des Bodensees als „Alpensee“, da rund 80 Prozent des Wassers aus den Alpen zufließen (Alpenrhein und Bregenzer Aach). Nicht zuletzt wegen der deutlich gesunkenen Phosphatwerte im Wasser befindet sich der See inzwischen in einem guten bis sehr guten chemischen Zustand. Dies liegt wohl auch daran, dass Baden-Württemberg beim Ausbau der 4. Reinigungsstufe in den Kläranlagen „Vorreiter ist“. Die Schussen al einer der Zuflüsse ist jedoch nach wie vor belastet, da sie ein industriell geprägtes Einzugsgebiet habe, einen hohen Anteil an Kläranlagenwasser aufweise und immer wieder unter landwirtschaftlichen Ausschwemmungen leide – so erfahren wir im Gespräch.

Auch die Fragen rund um die „Neozonen“, also die zugewanderten Tierarten, haben uns im Gespräch intensiv beschäftigt. Der Stichling wurde im Bodensee zwar bereits seit etwa 1950 nachgewiesen. Er verbreitet sich aber erst seit wenigen Jahren massenhaft aus. Er ist sowohl Fressfeind als auch Nahrungskonkurrent der Bodenseefelche und ist damit für die drastischen Bestandsreduzierungen des beliebten Speisefisches mitverantwortlich. Eine weitere zugewanderte Art, die große Probleme bereitet, ist die Quagga-Muschel. Sie hat sich in nur sehr wenigen Jahre (seit 2015) massiv verbreitet, bedeckt mancherorts dicht den Seeboden, haftet sich an andere Tiere wie Krebse an und ist auch noch in großen Tiefen von 180 Metern auffindbar. Nennenswerte Fressfeinde und Krankheiten, die den Bestand wieder dezimieren könnte, sind im Bodensee nicht zu erwarten. Der Bodenseewasserversorgung bereitet sie, das war schon mehrfach zu lesen, große Probleme, da sie sich in den Ansaugrohren festhaften und nur mit großem Aufwand entfernt werden kann. Steigende Wasserpreise für die Verbraucher sind „Dank“ der eingewanderten Muschel wohl zu erwarten.

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