Ein Dorf sorgt für Nahwärme

13.07.2019

Besuch in Radolfzell-Liggeringen

Warmwasser und Heizung in allen Gebäuden eines Dorfes ohne Öl oder Erdgas, geht das? Liggeringen, ein sonnenverwöhnter 1.000 Seelen-Ortsteil von Radolfzell am Bodensee, befindet sich zumindest auf dem Weg dorthin.

Die Stadtwerke Radolfzell hatten in den letzten Jahren viel Überzeugungsarbeit geleistet und Gebäudeeigentümer überzeugt, auf eigene Heizanlagen zu verzichten und sich auf die Nahwärme zu verlassen. Kürzlich ging eine zentrale Holzhackschnitzel-Heizanlage (1,9 MW) in Betrieb und in wenigen Tagen folgt eine 1.200 Quadratmeter große Solarthermieanlage (500 kW). Ausgelegt sind die Anlagen auf 150 Anschlüsse. Knapp über 100 Haushalte sind bereits dabei, insgesamt 260 kommen in Frage (ausgenommen werden diejenigen, die über neue Heizungen verfügen). Mit meiner Fraktionskollegin Julia Verlinden und Grünen aus Konstanz habe ich mir die Anlagen angeschaut und vom Stadtwerke-Chef sowie vom Ortsvorsteher erläutern lassen. Im Gespräch erfuhren wir weitere Details: Das Holz für die Hackschnitzelheizanlage stammt aus der Region und zur Sicherheit gibt es noch einen Ölkessel. Es wurden 4,3 Millionen Euro investiert, davon wurden 1,2 Millionen durch Bund und Land bezuschusst. Die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich auf den Nahwärmebezug einzulassen, dürfte durch folgende Pluspunkte erreicht worden sein: Die bezogene Nahwärme ist etwas preiswerter als der Betrieb einer eigenen Heizanlage, es fallen keine Wartungs- und Instandhaltungskosten an, die Stadtwerke bieten einem Rund-um-die-Uhr-Service an, es wird Platz im Keller frei und jeder Anschlussnehmer bekommt einen Glasfaseranschluss kostenlos dazu. Wichtig erscheint mir auch die Feststellung, dass die Bereitschaft für ein „Ja“ zu Nahwärme von den Öl- und Gaspreisen abhängt. Zu Beginn des Projektes war der Ölpreis verhältnismäßig hoch – und die Zustimmung auch. Dann fiel der Ölpreis – ebenso das Interesse am Gemeinschaftsprojekt. Die Einführung einer CO2-Steuer könnte also in Liggeringen – und anderswo – Schwung in den Wärmemarkt bringen. Vielleicht bleibt die Wärmeversorgung dann nicht mehr „Sorgenkind der Energiewende und des Klimaschutzes“, wie wir im Gespräch immer wieder gehört haben.

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