Immer mehr von E-Bussen elektrisiert – nur nicht die Hersteller

Prototyp eines E-Busses.

24.05.2018

Aktuelle Situation bei E-Bussen

Anfang 2017 habe ich den ersten Artikel über Elektrobusse veröffentlicht. Seitdem konnte man eine wachsende Bedeutung des Themas beobachten: Mehr Hersteller bieten elektrisch angetriebenen Stadtbusse an und vor allem wächst bei den Kommunen und Verkehrsbetrieben die Nachfrage nach ebensolchen Bussen – insbesondere mit Blick auf die Probleme mit der Luftreinhaltung in den Städten.

Die Notwendigkeit des Einsatzes von Bussen mit alternativen Antrieben wird besonders deutlich, wenn man sich die Werte zum Stickoxidausstoß ansieht: Ein Bus mit Euro-6-Standard hat laut Untersuchungen des International Council on Clean Transportation (ICCT) einen Stickoxidausstoß von 4500 Milligramm pro Kilometer, während beispielsweise ein moderner Benzin-Pkw nur 50 Milligramm ausstößt. Hier können durch E-Busse große Einsparungen erreicht werden. Auch beim CO2-Ausstoß sieht Daimler schon beim heutigen Strommix E-Busse um 25 Prozent im Vorteil gegenüber Dieselbussen.

Entwicklung der Nachfrage

Die wachsende Nachfrage nach E-Bussen zeigt sich auch in Zahlen, die die Unternehmensberatung PwC ermittelt hat: 2018 wollen die Verkehrsbetriebe in Deutschland insgesamt 162 rein elektrisch betriebene Busse anschaffen. Derzeit sind laut Kraftfahrtbundesamt in Deutschland 209 Elektrobusse zugelassen, wovon 114 Batterie-, 15 Brennstoffzellen- und 80 Oberleitungsbusse sind. Zusätzlich gibt es einen Bestand von 369 Hybridbussen. PwC schätzt, dass Ende 2021 deutlich mehr als 500 E-Busse auf Deutschlands Straßen unterwegs sein werden. Dazu muss man allerdings ins Verhältnis setzen, dass im öffentlichen Verkehr in Deutschland etwa 40.000 Busse im Einsatz sind.

Die Tendenz ist jedoch deutlich erkennbar: In Hamburg und Berlin liefen im März Ausschreibungen über je 30 E-Busse aus. In beiden Städten dürfen nach Senatsbeschlüssen bei den Verkehrsbetrieben ab 2020 nur noch emissionsfreie Busse beschafft werden. Andere Städte wie Nürnberg, Darmstadt und Köln planen ebenfalls große Anschaffungsmaßnahmen von Bussen mit alternativen Antrieben. Laut PwC geht dabei der Trend zu reinen Elektrobussen. Hybridbusse seien kaum gefragt.

Ein weiteres ambitioniertes Beispiel: Wiesbaden möchte bis 2022 seinen Nahverkehr vollständig emissionsfrei gestalten. Dazu wird die gesamte Linienbusflotte durch insgesamt 225 Busse mit Batterieelektro- und Brennstoffzellenantrieb ersetzt. Auch die Hilfsfahrzeuge wie Werkstattfahrzeuge und Dienstwagen des Verkehrsbetriebs sollen dann elektrisch fahren.

Doch nicht alle Verkehrsbetriebe sind von einem schnellen Wechsel auf neue Antriebe überzeugt. Zum Beispiel die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) modernisiert ihre Flotte zwar, allerdings war von den 25 neuen Fahrzeugen 2017 keines vollelektrisch. Als Gründe werden Lade- und Reichweitenprobleme angegeben sowie die mit Diesel betriebene Klimaanlage/Heizung. Man verfolgt bei der SSB ein Konzept, bei dem der Bus den ganzen Tag mit einer Ladung durchfahren kann, ohne nachzuladen. Auch andere Verkehrsunternehmen kritisieren fehlende Reichweiten für große Umläufe, zusätzlichen Personal- und Fahrzeugaufwand durch Zwischenladungen und Probleme mit der Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Batteriebusse. Für Betreiber wie auch für Hersteller gibt es noch Arbeit bei der Optimierung von Betriebsabläufen mit E-Bussen und der Weiterentwicklung ebendieser.

Ziel der EU ist es, ab 2050 nur noch emissionsfreie Stadtverkehre in Europa zu haben. Dementsprechend erwartet man bei MAN und Daimler für 2030 bei den Stadtbussen einen Anteil von Elektrobussen von 60 beziehungsweise 75 Prozent.

Hersteller

Doch die deutschen Hersteller profitieren von der anziehenden Nachfrage noch nicht. Die beiden Marktführer bei Bussen in Deutschland, Daimler und MAN, haben noch keine elektrischen Modelle im Angebot, obwohl die Aufgabenträger händeringend danach suchen. Dr. Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe beschrieb die Situation auf dem Future Mobility Summit im April so: „Die Wahrheit bei den Elektrobussen ist, dass deutsche und europäische Hersteller an Geschwindigkeit zulegen könnten. Wir kommen uns wie in der DDR vor, wo man jahrelang auf einen Trabi oder Wartburg gewartet hat.“

Die Daimler-Tochter EvoBus bereitet aktuell die Serienproduktion des Citaro Electric vor, einem rein elektrischen Bus (also ohne dieselbetriebene Heizung). Die ersten Fahrzeuge sollen Ende 2018 an die Verkehrsbetriebe Rhein-Neckar ausgeliefert und dort im Linieneinsatz erprobt werden. Seit vier Jahren wird der Bus bereits getestet und auch auf seine Tauglichkeit bei Hitze und Kälte überprüft. Im Mannheimer EvoBus-Werk können jährlich 4000 Busse produziert werden, die je nach Nachfrage als Diesel-, Hybrid- oder reiner E-Bus ausgeliefert werden können. Die Reichweite des Citaro Electric wird unter realen Bedingungen bei 130 bis 150 Kilometern liegen und bis 2020 auf 190 Kilometer erhöht werden. Er wird über ein ausgefeiltes Thermomanagement für Antrieb und Klimatisierung verfügen, das den Energieverbrauch deutlich senkt.

Im Februar hatte Daimler Abgeordnete zu einem Parlamentarischen Frühstück eingeladen. Die Einladung versprach ein Gespräch überwiegend über emissionsfreie Stadtbusse. Die Eingangsreferate drehten sich dann aber nahezu ausschließlich um Euronorm 6-Dieselbusse. Auch im Gespräch danach wurde deutlich, dass Daimler von seinem eigenen E-Bus gar nicht so überzeugt ist. Zu gering sei noch die Reichweite. Stattdessen warb man lieber für die eigenen Dieselbusse.

MAN will dieses Jahr elektrische Busse in einigen Städten testen und erst ab Ende 2019 in Serie bauen.

Anders stellt sich die Situation beispielsweise beim polnischen Hersteller Solaris dar. Schon 2013 waren knapp 100 Elektrobusse von Solaris unterwegs und 2018 wird der tausendste E-Bus von Solaris auf die Straße kommen. Das Unternehmen ist in diesem Bereich in Deutschland der führende Anbieter. Im Verhältnis zur Konkurrenz ist Solaris ein sehr kleines Unternehmen. Viele der meist jungen Ingenieure studieren noch. Ihre Ideen können dank entsprechender Unternehmensstruktur innerhalb weniger Tage in den Produktionsprozess einfließen. Solaris sieht in der E-Mobilität seine Chance gegenüber Wettbewerbern und sieht sich im Vorteil, denn im Gegensatz zur Konkurrenz konnte man schon Alltagserfahrungen mit Elektrobussen sammeln. Der Solaris Urbino 12 electric – 2017 Bus des Jahres auf der IAA – hat im Winter bei -12 Grad eine Reichweite von 100 Kilometern, im Sommer bei 32 Grad eine Reichweite von 120 Kilometern und ohne Klimatisierung 160 Kilometern. Der Urbino 12 electric wird in mindestens 14 Städten in Europa eingesetzt.

Weitere Konkurrenz für deutsche Hersteller kommt aus China. Hier ist zuerst BYD zu nennen, seit 2016 der weltweit größte Hersteller von Elektrofahrzeugen. BYD hat unter anderem für London E-Busse – auch in Doppeldeckerausführung – produziert. Die Reichweite dieser Busse liegt bei 200-340 km nach dem europäischen Testzyklus SORT (Standardised On-Road Test cycles). BYD ist auch Hauptlieferant der weltweit größten Elektrobusflotte in Shenzhen, dem „Silicon Valley Chinas“. In der 12-Millionen-Metropole sind seit Ende 2017 ausschließlich Batterieelektrobusse im Einsatz: 16.395 Stück. In der Stadt verteilt gibt es 510 Busladestationen mit insgesamt 8000 Ladepunkten. Ein Ladevorgang dauert 2 Stunden und die Reichweite der Busse soll bei 250 km liegen.

Förderung

E-Busse sind in der Anschaffung etwa doppelt so teuer wie Dieselbusse. Nach Schätzungen von Daimler wird zumindest mittelfristig der Elektrobus mit höheren Kilometerkosten als der Dieselbus verbunden sein. Deshalb ist eine gute Förderung wichtig. Das Land Baden-Württemberg übernimmt 50 Prozent der Mehrkosten bei der Anschaffung eines E-Busses oder bei der Umrüstung, maximal 100 000 Euro. Zusätzlich gibt es künftig die Möglichkeit, mit dem sogenannten „BW-e-Bus-Gutschein“ 10.000 Euro als Unterstützung bei den Betriebskosten zu bekommen. Diese Förderung können Unternehmen beantragen, die Bundesförderung erhalten. Für Unternehmen mit erhöhtem Beratungsbedarf bietet das Land darüber hinaus künftig Beratungsgutscheine im Wert von 2.500 Euro an.

Seit März dieses Jahres gibt es auch ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). Der Förderhöchstsatz für die Anschaffung batterieelektrischer Busse liegt bei 80 Prozent der Investitionsmehrkosten im Vergleich zur Anschaffung von Dieselbussen. Bei Plug-In-Hybridbussen und Ladeinfrastruktur werden bis zu 40 Prozent der Mehrkosten übernommen.

Auch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) fördert unter anderem mit dem Programm „Saubere Luft“ die Investitionsmehrkosten bei der Beschaffung von Elektrobussen mit bis zu 75 Prozent (40-60 Prozent bei wirtschaftlich tätigen uUnternehmen).

Fernbusse und Bürgerbusse

Auch abseits der Stadtbusse schreitet die Elektrifizierung von Busverkehren voran. Seit April gibt es über die Langdistanz die erste Verbindung mit Elektrobussen: FlixBus setzt in Frankreich zwischen Paris und Amiens (130 Kilometer) einen elektrisch betriebenen Bus der Firma Yutong ein. In Deutschland soll es ab Sommer auf der Linie Frankfurt-Mannheim täglich zwei Verbindungen mit E-Fernbussen geben. Hier entsteht ein weiterer Markt, für den bis jetzt allerdings nur Hersteller aus China vorbereitet sind.

Auch bei Bürgerbussen ist ein Einsatz elektrisch angetriebener Fahrzeuge denkbar und wird zum Beispiel in Göttingen schon umgesetzt. So wächst nicht nur der Markt für Stadtbusse, sondern auch die Bandbreite an elektrisch betriebenen Bussen. Und mit Sicherheit wird die Bedeutung dieses Themas in absehbarer Zeit nicht geringer.

Mein letzter Text zum Thema mit weiteren Infos unter anderem auch zu Brennstoffzellenbussen und Oberleitungsbussen: http://www.matthias-gastel.de/wie-das-angebot-fuer-e-busse-aktuell-aussieht/#.WvRJIBW-nnM

E-Bus-Radar, PwC: https://www.pwc.de/e-bus-radar

ZeEUS eBus Report #2: http://zeeus.eu/uploads/publications/documents/zeeus-report2017-2018-final.pdf

Marktübersicht Elektrobusse (aus der Studie „Einsatzmöglichkeiten von E-Bussen im Linienverkehr“): http://www.mobilitaetsmanagement.at/images/HERRYConsult_Broschuere_Marktuebersicht_eBusse_2017.pdf

Förderprogramm für E-Busse in Baden-Württemberg: https://vm.baden-wuerttemberg.de/de/verkehrspolitik/elektromobilitaet/foerderung-elektromobilitaet/foerderung-e-bus/

Förderung Elektrobusse BMU: www.bmu.de/P4772/

Bundesförderung Elektromobilität (BMVI): https://www.now-gmbh.de/de/bundesfoerderung-elektromobilitaet-vor-ort/foerderrichtlinie

Bundesförderung Wasserstoff und Brennstoffzelle (BMVI): https://www.now-gmbh.de/de/bundesfoerderung-wasserstoff-und-brennstoffzelle/foerderrichtlinien

 

Weitere Quellen:

– Staatsanzeiger, 26.01.2018

– Der Nahverkehr, Sonderheft Elektrobusse 2018, Februar 2018

– Stuttgarter Zeitung, 05.12.2017

– Presseerklärung Flixbus, 11.04.2018

– WirtschaftsWoche, 2.3.2018

– Süddeutsche Zeitung, 19.3.2018

– Staatsanzeiger, 11.05.2018

– Kleine Anfrage: „Beschleunigung der Energie- und Verkehrswende durch eigene Batterieproduktion“

https://cleantechnica.com/2018/01/03/100-chinese-citys-record-smashing-16359-electric-bus-fleet/

http://buergerbus-goettingen-dransfeld.de/

https://www.morgenpost.de/berlin/article213261759/Die-BVG-sucht-einen-alltagstauglichen-Elektrobus.html

http://hamburg.nahverkehraktuell.de/2017/05/01/rot-gruener-senat-ueber-1-500-elektrobusse-bis-2030/

 

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