Mobilitätsverhalten ist Gewohnheit

Der Verkehrspsychologe Dr. Jens Schade: “Die Aussichten auf freiwillige Verhaltensänderungen sind gering. Das ist eine schwierige Ausgangslage für die Politik.”

06.10.2019

Ein Verkehrspsychologe erklärt unsere Trägheit

Ein Forum des großen Radverkehrskongresses unserer Fraktion befasste sich mit der Frage „Freie Fahrt für freie BürgerInnen?“ Der Verkehrspsychologe Dr. Jens Schade erklärte, wie der Mensch Zwänge zugunsten des Autos entwickelt, aus denen er sich kaum mehr befreien kann. Ich durfte dieses Forum vorbereiten und moderieren, da mich die sehr festen Verkehrsgewohnheiten in unserer Gesellschaft und die Frage, wie man diese aufbrechen kann, schon lange interessieren.

Was hindert uns daran, entgegen unseres wachsenden ökologischen Bewusstseins, häufiger das Fahrrad auf dafür geeigneten Strecken zu nutzen? Ursächlich  für die Diskrepanz zwischen unseren Einstellungen und dem realisierten Verkehrsverhalten sind strukturelle und psychische Barrieren. Das Außerachtlassen der wahren Kosten des Verkehrs („Den Nutzen hat der Autofahrende, die negativen Folgen tragen die Allgemeinheit und die kommenden Generationen“) führt zu verzerrten Entscheidungen in unserem Mobilitätsverhalten. Mit der Gewohnheit einer jahrelangen Autonutzung wird ein Umstieg auf das Fahrrad (oder andere alternative Verkehrsmittel) zusätzlich erschwert. Eine damit einhergehende subjektive Lebensanpassung (Gewohnheit) mündet häufig in einer sog. „car-dependence“ (Auto-Abhängigkeit). Dabei findet der Mensch, der sich durchaus der Folgen seines Handelns bewusst ist, immer rationale Gründe, weshalb gerade er sich nicht anders verhalten kann.  Umweltschädigendes Mobilitätsverhalten muss daher einen Wert (einen Preis bspw. in Form der Citymaut) erhalten. Dabei ist die Politik gefragt, dem wachsenden Umweltbewusstsein von Menschen mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen und mutige strukturelle Weichen zu stellen.

Ziel des Forums „Freie Fahrt für freie BürgerInnen? Verkehrspsychologie“ war die Wissensvermittlung um die Hintergründe unseres Verkehrsverhaltens und zentral die Frage, welche psychischen Barrieren es zu überwinden gilt, damit der Umstieg vom Auto zum Fahrrad gelingen kann. Ausgangspunkt des Impuls-Vortrags des Referenten Dr. Jens Schade, Verkehrspsychologe an der Uni Dresden, war die Feststellung, dass technische Innovationen und damit korrelierende Effizienzsteigerungen allein nicht ausreichend sind, um den Verkehr auf unseren Straßen zu reduzieren. Das wohl wesentlichste Handlungsfeld ist die Notwendigkeit von Verhaltensänderungen. Doch worauf beruhen unsere individuellen Entscheidungen? Untersuchungen der Problemwahrnehmung im Verkehr zeigen, dass das Problembewusstsein um die Folgen des Autoverkehrs stark ausgeprägt ist und negative Effekte von Verkehrsteilnehmenden bewusst wahrgenommen werden, während auch das Umweltbewusstsein immer weiter steigt. Gleichzeitig zeigen Erhebungen wie etwa Mobilität in Deutschland (MiD), dass sich das wachsende Umweltbewusstsein nicht im realisierten Verhalten wiederfindet. Das Auto dominiert auch weiterhin nahezu ungebrochen unser Mobilitätsverhalten!

Warum ist dem so? Antworten darauf finden sich in strukturellen und psychischen Barrieren. Werden externe Kosten des Verkehrs nicht internalisiert und offengelegt, führt es dazu, dass wir verzerrte Entscheidungen treffen: Das für die Allgemeinheit deutlich günstigere Fahrrad wird mit unmittelbar empfundenen Anstrengungen verbunden, wohingegen das in seinen externen Kosten deutlich teurere Auto zunächst vom subjektiv empfundenen Nutzen profitiert.  Versteckte, für die Allgemeinheit relevante Kosten im Verkehr sind daher nicht entscheidungsrelevant. Hinzu kommen unsere über die Jahre reproduzierten Gewohnheiten. Je stärker unsere Gewohnheiten werden, desto geringer wird unsere Veränderungsbereitschaft, das gilt auch für unser Mobilitätsverhalten. Mit der Autonutzung und der Möglichkeit, längere Wege zu überwinden, geht zudem häufig eine subjektive Lebensanpassung einher, die in Zwängen und einer sog. „car-dependence“ mündet. Nach wie vor erfüllt das Auto für viele auch einen über seine Funktion als Gebrauchsgegenstand hinausgehenden Nutzen und wirkt als Statussymbol und Instrument der Zurschaustellung sozialer Hierarchie. Geht es darum, unser Verkehrsverhalten vor dem Hintergrund einer Verkehrswende zu bewerten, so offenbart sich ein weiteres psychologisches Phänomen: Der Mensch neigt regelmäßig dazu, Verluste zu umgehen. Daher ist seine Motivation, Verluste zu verhindern größer als Gewinne zu erzielen, die subjektiv betrachtet mit Risiken behaftet sind. Beim Projekt Verkehrswende wird das Bewusstsein stark von empfundenen Risiken einer erforderlichen eigenen Verhaltensänderung dominiert, die gleichzeitigen Chancen und Vorteile werden dabei ausgeblendet.

Was tun, um die Diskrepanz zwischen Einstellung und individuellem Verhalten aufzulösen? Notwendig ist vor allem die Sichtbarkeit der realen Kosten im Verkehr. Umweltschädigendes Mobilitätsverhalten muss ausgewiesen werden und einen Wert erhalten. Dabei ist die Politik gefragt, dem wachsenden Umweltbewusstsein von Menschen mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen und mutige strukturelle Weichen zu stellen. Psychische Barrieren im Mobilitätsverhalten lassen sich also nur mit einem strukturellen Wandel erreichen.

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