Offener Brief zum Nachhaltigkeitsbericht der Flughafengesellschaft Stuttgart

An die Flughafen Stuttgart GmbH

 

Filderstadt, 23.07.2014

 

Nachhaltigkeitsbericht 2013

Sehr geehrter Herr Prof. Fundel, sehr geehrter Herr Schoefer,

es ist gut, dass die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) seit dem Jahr 2010 einen Umwelt- bzw. nun erstmals einen um soziale Aspekte erweiterten Nachhaltigkeitsbericht vorlegt. Nur wer weiß wo er steht und sich Ziele setzt kann nachhaltiger wirtschaften.

Der Landesflughafen ist mit 9.500 Beschäftigten auf dem Areal ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor. Mit Lärmemissionen, die weit ins Umland hinaus Menschen belasten und mit dem Energieverbrauch einer Kleinstadt wie Bernhausen stellt der Flughafen aber auch ein Unternehmen mit erheblichen Umweltauswirkungen dar. Diese gilt es durch eine systematische Erfassung von Umweltdaten, ehrgeizigen Zielsetzungen zur Belastungsminimierung und der Umsetzung konkreter Maßnahmen schrittweise zurück zu führen.

Wie bereits in den Vorjahren habe ich auch Ihren aktuellen Bericht aufmerksam gelesen. Diesmal nicht mehr in der Rolle als Stadtrat, sondern als Verkehrspolitiker im Bundestag. Der Flughafen ist diesbezüglich in den vergangenen Jahren einige wesentliche Schritte vorangekommen. Der FSG und dem Aufsichtsrat spreche ich für seine unterstützende und treibende Rolle meine Anerkennung aus. Zugleich sehe ich aber auch Aspekte, die von der FSG noch nicht angemessen berücksichtigt werden und weitere erhebliche Handlungsbedarfe. Meine Einschätzungen lasse ich Ihnen mit diesem offenen Brief zukommen.

 

Handlungsfeld Klimaschutz

Der Klimaschutz ist eines der zentralen Aufgabenfelder im Bereich des Umweltschutzes – gerade auch im Flugverkehr. Zwar scheint der Flugverkehr beim Ausstoß von CO2 auf den ersten Blick keine erhebliche Rolle zu spielen. Aber es muss gesehen werden, dass in der Atmosphäre freigesetztes Kohlendioxid um ein mehrfaches stärker klimawirksam ist als auf der Erde. Und in der Atmosphäre emittiert, beeinflusst selbst Wasserdampf das Klima auf der Erde. Hinzu kommt, dass im Flugverkehr noch auf lange Zeit Treibstoffe auf fossiler Grundlage zum Einsatz kommen werden. Das Ziel der FSG, bis zum Jahr 2020 die von ihr direkt beeinflussbaren CO2-Emmissionen um 20 Prozent reduzieren zu wollen, klingt zunächst ehrgeizig. Der wesentlichste Beitrag hierzu ist die Inbetriebnahme eines neuen, hocheffizienten Blockheizkraftwerkes (BHKW) zur Wärme- und Stromerzeugung. Dass nahezu alleine mit dieser einen Maßnahme das 20-Prozent-Ziel bereits im laufenden Jahr erreicht werden soll zeigt, dass die Zielsetzung doch nicht ganz so ehrgeizig war. Die FSG sollte sich nach dem frühzeitigen Erreichen ihres Klimaschutzzieles ein neues, anspornendes und richtungsweisendes Ziel setzen.

Positiv ist, dass die FSG ihren Strombedarf, den sie nicht durch BHKW und Photovoltaik selbst decken kann, vollständig durch den Zukauf von Strom aus erneuerbaren Quellen abdeckt. Genau dies hatte ich vor vier Jahren vorgeschlagen und die FSG hat die Ende 2013 auslaufenden Stromlieferverträge zur Umstellung auf Ökostrom genutzt. Im Nachhaltigkeitsbericht fehlt allerdings der Hinweis darauf, ob es sich hierbei um zertifizierten Ökostrom handelt.

Die FSG als Flughafenbetreiberin stellt inzwischen 22 Parkpositionen mit stationärem Stromanschluss für Flugzeuge am Boden bereit. Dass die Flugzeuge dadurch die Laufzeiten ihrer Motoren zur Stromerzeugung reduzieren können wirkt sich schadstoff- und lärmreduzierend aus.

Die wesentlichen Beiträge des Flugverkehrs für den Klimaschutz kann aber nicht ein einzelner Flughafenbetreiber leisten. Hier ist die Politik des Bundes und auf europäischer Ebene gefordert, beispielsweise den Flugverkehr in den Emissionshandel einzubeziehen und wettbewerbsverzerrende Steuerbegünstigungen zugunsten des Flugverkehrs abzubauen.

 

Lärm

11.000 Menschen leben im unmittelbaren Lärmschutzbereich des Flughafens. Daher kommt der Lärmreduzierung ein besonderer Stellenwert zu. Der anhaltende Trend zu größeren Maschinen bei stagnierenden Fluggastzahlen führt zu einem Rückgang der Starts und Landungen und kommt der FSG bezüglich dieser Zielsetzung entgegen.

Dass die lärmabhängigen Start- und Landegebühren inzwischen realitätsbezogener gespreizt werden und damit den Anreiz zum Einsatz lärmärmerer Flugzeuge erhöhen, begrüße ich ausdrücklich. Ebenso begrüße ich die neuen Vorschriften für Propellermaschinen und Nachtpostflüge, da sich Fluglärm in der Nacht besonders negativ auf die Gesundheit der betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner auswirkt.

Es sollten künftig aber nicht nur gemittelte Dauerschallpegel für Vergleiche zwischen den Jahren herangezogen werden, sondern auch Maximalpegel, was der Wahrnehmung von Lärm durch den Menschen gerechter wird.

 

Bodenverkehr

Die FSG beteiligt sich in erheblichem Umfang an der Finanzierung von Stuttgart 21. Das Unternehmen verspricht sich hiervon mehr Fluggäste, die auf dem Schienenweg anreisen. Wenn die FSG davon überzeugt ist erschließt sich mir nicht, weshalb auf dem Gelände des ehemaligen Luftfrachthofs ein neues Parkhaus mit 1.600 PKW-Stellplätzen errichtet wird – zumal die Erreichbarkeit des Flughafens mit der Verlängerung der Stadtbahn vom derzeitigen Endhaltepunkt Fasanenhof tatsächlich verbessert wird.

Gut ist, dass die FSG ihren Beschäftigten Jobtickets anbietet und Parkplätze für Carsharing bereitstellt.

Den verstärkten Einsatz elektrisch betriebener Fahrzeuge im Bodenverkehr bewerte ich positiv.

Dass die FSG den Bau einer Kerosinpipeline prüft unterstütze ich ausdrücklich. Dies verringert den Transport von Treibstoff per LKW auf der Straße und das Risiko von Gefahrgutunfällen.

 

Müll

Am Flughafen wird jährlich so viel Müll produziert wie in einer Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern. Die FSG setzt nach wie vor vorrangig auf Wiederverwertung. Die Möglichkeiten der Müllvermeidung werden hingegen unzureichend ausgeschöpft. Wie diese in den Bereichen, in denen große Mengen Müll anfallen, vermieden werden, bleibt unbeantwortet. So könnte die FSG als Verpächterin der Handelsflächen am Flughafen entsprechend auf die Gastronomie einwirken.

 

Sehr geehrter Herr Prof. Fundel, sehr geehrter Herr Schoefer,

auch als Bahnfahrer und jemand, der bisher noch nie mit dem Flugzeug geflogen ist, unterstütze ich alles, was den Betrieb des Flughafens für die im Umland wohnenden Menschen sowie die Umwelt erträglicher macht. Ich freue mich, wenn Sie Anregungen aus diesem Schreiben aufgreifen. Gerne bleibe ich auch künftig im Dialog mit Ihnen.

 

Mit freundlichen Grüßen

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