„Tour barrierefreie Mobilität“

13.06.2017

Mit Menschen mit Behinderung in sechs verschiedenen öffentlichen Verkehrssystemen unterwegs

Mobilität ist die Voraussetzung für wirtschaftliche und soziale Teilhabe. In einer Gesellschaft mit immer mehr älteren Menschen und Menschen mit Behinderung werden barrierefreie Reiseketten immer wichtiger. In Deutschland leben über zehn Millionen Menschen mit Behinderung. Ihnen werden jedoch häufig Barrieren in den Weg gelegt. Busse und Bahnen im Nah- wie im Fernverkehr sind oftmals – wenn überhaupt – insbesondere für Menschen im Rollstuhl nur eingeschränkt nutzbar. Auch für Menschen mit Sehbehinderung sind öffentliche Verkehrsmittel häufig nur mit Hilfe anderer Personen nutzbar. Es muss jedoch darum gehen, Mobilität möglichst selbstbestimmt zu ermöglichen, also ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe. Von Barrierefreiheit profitieren auch Eltern mit kleinen Kindern und Reisende mit viel Gepäck.

„Barrierefreiheit“ kann nicht auf Stufenlosigkeit beschränkt werden. So müssen beispielsweise Informationssysteme und Fahrkartenautomaten auch für Menschen mit Seh- und für Menschen mit Höreinschränkungen nutzbar sein und WC-Anlagen in Bahnhöfen und Zügen behindertengerecht ausgestattet sein.

Von rund 5.400 Bahnhöfen der DB sind aktuell 77% stufenfrei (nicht automatisch barrierefrei!). So verfügen beispielsweise erst 51% der Bahnsteige über ein taktiles Leitsystem. Viele Bahnsteige sind nicht barrierefrei erreichbar, Aufzüge (alleine die DB betreibt 2.100 Aufzüge) sind zu oft defekt (häufig aufgrund von Vandalismus!). Oftmals bestehen zwischen Bahnsteigen und Zügen Höhendifferenzen.

Um mehr Einblicke in die Perspektiven von Menschen mit Behinderung zu gewinnen, war ich mit zwei Rollstuhlfahrern und zwei Personen mit Sehbehinderung (einer davon mit sehr geringem Sehrest)unterwegs. Wir haben entlang einer Reisekette insgesamt sechs verschiedene Verkehrssysteme genutzt. Unsere Erfahrungen werden hier dokumentiert. Sie wurden außerdem in einem Video festgehalten.

Mit dem ICE von Stuttgart nach Karlsruhe

Ein Problem wurde uns bereits in der Reiseplanung aufgezeigt: Der ICE verfügt nur über zwei Plätze für Menschen im Rollstuhl. Einer davon war zum Zeitpunkt unserer Buchung schon reserviert. Wir mussten uns also in zwei Züge – den ICE und den deutlich langsameren IRE – aufteilen. Die Ein- und Ausstiege waren mit der Unterstützung des Mobilitätsservice der DB problemlos. Was mir allerdings sehr negativ auffiel: Eine DB-Mitarbeiterin duzte einen unserer Rollifahrer (er ist über 30 Jahre alt) und auch bei weiteren Umsteigevorgängen wurde er zunächst geduzt, was dann allerdings schnell wieder korrigiert wurde.

Mit dem IRE von Stuttgart nach Karlsruhe

Der Platz für Rollstuhlfahrer war ganz hinten im Zug und nicht vorne, wie der DB-Mitarbeiter zuerst sagte. Da der Zug allerdings mehrere Minuten in Stuttgart Aufenthalt hatte, war das Einsteigen kein Problem. Wir hatten genug Zeit und der DB-Mitarbeiter hat mit der Rampe geholfen. In Karlsruhe kam die DB-Mitarbeiterin dann auch erst kurz nach der Ankunft des Zuges, weil sie am falschen Ende des Bahnsteiges auf uns gewartet hat. Der Rollifahrer konnte ohne Einstiegshilfe aussteigen, weil er sehr sportlich ist.

Hauptbahnhof Karlsruhe

Es stellte sich heraus, dass das Blindenleitsystem uneinheitlich gestaltet und mithilfe des Blindenstocks aufgrund des zu geringen Profils teilweise kaum ertastet werden kann. Ein Leitstreifen führte auf eine nur zu Hälfte geöffneter Tür zu, was beim blinden Mitreisenden zu kurzen Irritationen führte. Die Querung der Straßenbahn- und S-Bahngleise ist für Menschen mit Sehbehinderung schwierig, da die Züge sehr leise fahren und es kein akustisches Warnsignal gibt.

Mit der Straßenbahn durch Karlsruhe

Obwohl auf der elektronischen Fahrplananzeige an der Haltestelle vor dem Hauptbahnhof das Rollstuhlsymbol aufzeigte und dieses auch neben der Straßenbahn-Türe angebracht war, musste eine Höhendifferenz von etwa 20 Zentimetern überwunden werden. Eine Rampe oder ein Lift gab es dafür nicht. Die beiden Rollstuhlfahrer mussten in die Straßenbahn hinein- und später wieder hinausgehievt werden. Mit Elektrorollstühlen wäre ein Zugang unmöglich gewesen!

Mit dem Fernbus von Karlsruhe nach Stuttgart-Flughafen

Der Fernbushalt besteht aus zwei etwa 80 Meter langen Bussteigen, wobei unklar ist, welcher Fernbus wo hält. Für Menschen mit Sehbehinderung gibt es keinerlei Hilfen und mit einem Rollstuhl kann man nicht ohne Umwege von einem zum anderen Bussteig gelangen. Unser Bus fuhr so an den Bussteig heran, dass der Einstieg von der Fahrbahnseite und nicht von der Bussteigseite her erfolgte. Wir hatten zwei Tage vorher angemeldet, dass wir mit zwei Rollstuhlfahrern kommen. So verlangt es Flixbus, das Fernbusunternehmen mit einem Marktanteil von 90 Prozent. Die Busfahrer wussten jedoch von nichts, als sie mit einem angeblich ganz neuen, aber ohne Rampe oder Lift und ohne Stellflächen ausgestatteten Bus ankamen. Nach kurzer Ratlosigkeit packten sie an und hoben die beiden Rollifahrer in den Bus hinein. Die Tür zum WC und der Flur waren damit blockiert. Anschnallen konnten sich beide – entgegen den Vorschriften – nicht. Da Flixbus nach jeder Fahrt um eine Bewertung bittet, habe ich auf die beschriebenen Umstände hingewiesen. Zusätzlich habe ich einen Brief an das Unternehmen geschrieben.

Unterwegs am Flughafen

Der Weg vom neuen Busbahnhof zum Flughafen und zur S-Bahnstation ist für Menschen mit Sehbehinderung kaum zu finden, da die Wegeführung kompliziert ist und es außerhalb des Busbahnhofes kein Leitsystem gibt.

Mit der S-Bahn vom Flughafen nach Filderstadt

Einer der beiden Rollstuhlfahrer kam problemlos alleine in die S-Bahn hinein und wieder hinaus. Der andere benötigte Hilfe wegen der Lücke zwischen Bahnsteigkante und Zug. Im Zug stellte einer der beiden Begleiter mit Sehbehinderung (knapp zehn Prozent Sehvermögen) fest, dass er kaum lesen kann, was auf den Monitoren angezeigt wird. Die Schrift ist zu klein.

 

Mit dem Bus von Filderstadt nach Nürtingen

Die Klapprampe, die manuell bedient werden muss, ermöglicht vom erhöhten Bahnsteig aus einen problemlosen Einstieg. In Nürtingen sind die schmalen Bussteige und vor allem die fehlenden abgeflachten Bordsteine ein Problem (abgeflachte Bordsteine sind nicht nutzbar, so lange der Bus noch am Bussteig steht).

Bahnhof Nürtingen

Ein Blindenleitsystem ist lediglich auf den Bahnsteigen vorhanden. Der Aufzug funktioniert. Die Bahnsteige sind für die Regionalzüge zu hoch. Die manuelle Rampe, die der Zug mitführt und die im Internet angegeben („Fahrzeuggebundene Einstiegshilfe vorhanden“) ist, ist leider defekt. Einer der beiden Rollifahrer muss hineingetragen werden. Der andere (ein Rollstuhlbasketballer) kommt mit einem gewagten Sprung mitsamt seinem Gefährt alleine in den Zug. Auf der defekten Rampe steht, man solle eine andere Türe oder einen anderen Wagen nutzen. Sehr cleverer Tipp, denn es gibt keine weitere Rampe im Zug.

Hauptbahnhof Stuttgart

Zum Ausstieg muss ein Höhenunterschied aufwärts überwunden werden. Hierfür benötigen beide Rollstuhlfahrer Unterstützung. Der Mobilitätsservice hat uns bereits erwartet und hilft.

Fazit

Alle Aufzüge haben funktioniert. Die DB-MitarbeiterInnen und die Fernbusfahrer waren äußerst freundlich und hilfsbereit. Auch die Mitreisenden haben geholfen, wo Hilfe notwendig war. Zugleich mussten wir erleben, dass Einstiegshilfen im Fernbus und im Zug gefehlt haben bzw. defekt waren. Und häufig passen die Bahnsteighöhen und die Einstiegshöhen der Fahrzeuge nicht zusammen. Menschen mit Behinderung werden häufig durch vermeidbare Hürden in ihrer Mobilität behindert. Die Flexibilität beim Reisen, wie ich sie gewohnt bin, ist Menschen mit Behinderung zumeist verwehrt. Sie müssen ihre Reisen akribisch im Voraus planen. Reisen in Gruppen, das hat sich gezeigt, ist besonders schwierig oder sogar unmöglich.

Es muss auch berücksichtigt werden, dass unsere gesamte Reise nur deshalb recht gut funktioniert hat, weil alle Verkehrsmittel nahezu pünktlich waren. Für die Politik und die Verkehrsunternehmen bleibt auf dem Weg zu einer barrierefreien Mobilität noch viel zu tun! Aber: Mobilität ist die Voraussetzung für Teilhabe! Für uns Politiker (neben mir war noch Hermino Katzenstein MdL dabei) hat die Tour nochmal sehr eindrucksvoll die Handlungsbedarfe aufgezeigt.

Sehr schade war es, dass die Presse den Einladungen zu Gesprächen an keinem der vier Orte, zu dem unterschiedliche Zeitungen eingeladen wurden, gefolgt ist. Ist das kein Thema für die Medien?

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Kommentare zu “„Tour barrierefreie Mobilität“

  1. Bernd Kittendorf Reply

    Fernbusse: wie signalisiert man Rollstuhl-Fahrern, daß man sie als Kunde nicht haben will? Ideen (ursprünglich nicht von mir): lange Fristen für die Anmeldung vorgeben, Anmeldungen ignorieren, keine geeigneten Einrichtungen an den Haltestellen bieten, keinen geeigneten Platz im Bus vorhalten (Sitze müssen manchmal vorher ausgebaut werden), Einstiegshilfen nicht vor Ort haben und so durch die Hebe-Nummer sich „groß“ und den „Hilflosen“ klein machen, ab und zu den Menschen in seinem Rollstuhl im Bus „irgendwie“ und nicht vorschriftsmäßig „hinstellen“ und damit das Verletzungsrisiko für den Rollstuhl-Fahrer und die übrigen Fahrgäste erhöhen, keine angemessene Lösung für die WC-Frage bieten (kein nutzbares WC im Bus wegen des Flächenbedarfs) und dem Fahrer aufbürden, wie er denn einen Halt an einer Raststätte trotz engen Fahrplans ohne Verspätung hinbekommen soll, am Rastplatz keinerlei Einstiegshilfen anbieten, vielleicht noch eine juristische saubere Lösung suchen („Ihr Rollstuhl entspricht nicht den Vorschriften, weil er nicht sicher befestigt werden kann“, Stichwort „Kraftknoten nach DIN“), irgendwann versteht der Rollstuhl-Fahrer, daß er ein anderes Verkehrsmittel nehmen oder daheim bleiben soll. Welches Druckmittel wurde denn bei der Schaffung des Fernbus-Marktes dafür eingeplant, wenn Rollstuhl-Fahrern die Mitfahrt unmöglich gemacht wird? Keines? Dann wird das auch so bleiben, dann ist das politisch gewollt. Gewinn maximiert sich besser, wenn der Aufwand reduziert wird. Ein wenig Bedauern ist schnell formuliert (Strg+C, Strg+V), die unglückliche Verkettung von irgendwas als Grund nennen, einen Reisegutschein (vielleicht kapiert der Rollstuhl-Fahrer das bei der nächsten Fahrt) beifügen, eine Abmahnung für den Fahrer als schwächstes Glied der Kette schreiben, schon hat man als Unternehmern „alles getan“ (damit sich nichts ändert). Aus Menschenfreundlichkeit werden auch in Arztpraxen, Restaurants, Hotels und beim Wohnungsbau nur selten barrierefreie Lösungen geschaffen. Wie viele Wahllokale werden auch bei der nächsten Wahl wieder nicht barrierefrei sein, wie oft wird wieder auf Briefwahl verwiesen?

    Zwei weitere Ideen im o.a. Sinn sind „Unklare Vorgaben“ und „willkürliche Fristsetzung“. Beispiel aus „Bedingungen für die Nutzung der IC Busse (IC Bus) – Stand 27. Februar 2017“: „… muss eine Anmeldung bis 20:00 Uhr des Tages vor Reiseantritt bei der Mobilitätsservice-Zentrale (siehe Nr. 12) erfolgen. In besonderen Fällen, (…) können abweichende Anmeldefristen gelten.“ Und diese abweichenden Fristen erfährt man WANN? Während der Anmeldung erfährt man, daß es diesmal früher nötig gewesen wäre!? Also: Pech gehabt? Im Grunde genommen nicht wichtig, denn für Rollstuhl-Plätze (also nicht Rollstuhl als Gepäck) gilt: „Die Nutzung des Rollstuhlplatzes ist bis spätestens 7 Tage vor dem 1. Reisetag bei der Mobilitätsservicezentrale (siehe Nr. 8.5) anzumelden.“ Sind da Kalender- oder gar Werktage gemeint? Anderen Menschen Fristen setzen macht bestimmt Spaß, also gibt es noch eine. Der Treffpunkt „muss mindestens 30 Minuten vor der veröffentlichten Abfahrtszeit aufgesucht werden.“ Wozu? Damit man den Bus einwinken kann? Gut, daß das nicht bei Stadtbussen gilt. Bei Linien im Fünf-Minuten-Takt müßte man da sechs Busse durchwinken und erst den siebenten nehmen. Da ist sie wieder, die SIEBEN, wie die Anzahl der Tage, die man sich vorher melden muß! SIEBEN! Gut wäre nur folgende „Anmeldefrist“: beim Kauf der Fahrkarte (jeder Vertriebsweg!) mit erledigen reicht völlig. Wenn man im Vormonat bucht, dann ist das für alle Seiten einfach, wenn Fahrkarten auch am Reisetag und im Bus verkauft werden, dann sollte auch das reichen.

    • Matthias Gastel
      Matthias Gastel Reply

      Sehr geehrter Herr Kittendorf,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Nächste Woche wird es im Verkehrsausschuss des Bundestages ein Fachgespräch zum Thema „Fernbusse“ geben, bei dem ich unsere Erlebnisse und auch einige Ihrer Schilderungen bzw. Fragen zur Sprache finden werde.
      Mit freundlichen Grüßen
      Matthias Gastel

  2. borner Reply

    Hallo Matthias, der Bericht ist informativ und gut geschrieben. Du beschreibst völlig korrekt unsere Karlsruher Problemestelllen. Die Situation auf dem Karlsruher Vorplatz des Haiuptbahnhofes ist bekannt. Durch einen geplanten Umbau soll die Situation dort deutlich entschärft werden. Der Fernbusbahnhof soll auch verlagert werden, so dass wir auch dort hoffentlich verbesserte Bedingungen antreffen werden. Bedauerlich finde ich es allerdings, dass im Test manche „Behinderungssparten“ wie Hörbehinderte oder kognitiv einschränkte Personen ausgespart wurden.

    Gruß, michael borner, sozialpolitischer Sprecher GRÜNE GR-Fraktion Karlsruhe

    • Matthias Gastel
      Matthias Gastel Reply

      Lieber Michael,
      vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Du hast natürlich völlig Recht damit, dass wir auch Menschen mit Hörbehinderung hätten einbeziehen können. Ich muss Dir aber sagen, dass es extrem schwierig war, die Teilnehmer im Rollstuhl und die mit Sehbehinderung zu finden und dann auch noch einen Termin, an dem alle können. Vielleicht wiederholen wir die Aktion ja nochmal.
      Bei mir hat sich vorhin ein Mensch mit Hörbehinderung gemeldet, der dieselbe Anmerkung hatte wie Du. Ich habe ihn darauf verwiesen, dass bei uns Grünen in B-W eine gemeinsame Sitzung der beiden LAGen „Behindertenpolitik“ und „Mobilität“ vorgesehen ist (es dürfen auch Nicht-Mitglieder teilnehmen), bei der es ums Thema „barrierefreie Mobilität“ gehen soll. Das ist vermutlich die nächste passende Gelegenheit, auch die Belange von Menschen mit Hörbehinderung zu thematisieren und sich einzubringen.
      Viele Grüße
      Matthias

  3. Stefan Krusche Reply

    Lieber Matthias,

    ganz herzlichen Dank für den hervorragenden Bericht über Deine Tour für barrierefreie Mobilität. Und ein besonderes Dankeschön für den Kommentar von Bernd Kittendorf zu den subtilen Einschränkungem für Menschen mit Behinderungen in dem schnell wachsenden Fernbus-Reisemarkt. Die Tatenlosigkeit des zuständigen Bundesverkehrsministeriums ist in diesem Bereich eine der größten Pflichtverletzungen gegenüber Menschen mit Behinderungen und damit potentiellen Fernbuskunden in der abgelaufenen Legislaturperiode.
    Fernbusse sind für Rollstuhlfahrer zum jetzigen Zeitpunkt absolut nicht nutzbar und das wird vermutlich auch noch längere Zeit so bleiben. Die Unternehmen – und da ist vor allem auch der Marktführer Flixbus angesprochen – machen alles, damit Rollstuhlfahrer erst gar nicht auf die Idee kommen können, sich evtl. als potentielle Kunden angesprochen zu fühlen. Sämtliche denkbaren Risiken (selbst das Recht, eine barrierefreie Toilette während der Fahrt oder in einer Fahrtpause aufsuchen zu können)werden dem Kunden aufgebürdet und der spürt schon in der Informationspolitik des Unternehmens (siehe Homepage), dass er lediglich als unnötiger Kostenfaktor gesehen wird und auf gar keinen Fall als ein zu umwerbender Kunde.
    Hier kann m.E. nur noch mit provozierenden You-Tube-Videos und Spezial-Reportagen auf die skandalöse Unternehmens- und Regierungspolitik in aufklärender Art und Weise eingewirkt werden. Von weitergehenden Regelungen im Pers.Beförderungsgesetz halte ich gar nichts, denn schon die bestehenden Regelungen werden so gut wie nicht eingehalten und die Frustration der Nutzergruppen wird betriebswirtschaftlich einkalkuliert.

    Trotzdem will ich an diesem Thema dranbleiben, denn Barrierefreiheit im Reiseverkehr ist ein sensibler Gradmesser für die Toleranzbereitschaft in der gesamten bundesdeutschen Gesellschaft.

    Vielen Dank und herzliche Grüße
    Stefan Krusche
    (Sprecher LAG Behindertenpolitik Bündnis 90/Die Grünen BW)

    • Matthias Gastel
      Matthias Gastel Reply

      Lieber Stefan,
      danke für Deinen Kommentar, den ich gerne einfach so stehen lassen kann. Ich bleibe auch an diesem Thema dran …
      Viele Grüße
      Matthias

  4. Pingback: Video: Tour barrierefreie Mobilität | Matthias Gastel |

  5. Bernd Kittendorf Reply

    Sehr geehrter Herr Gastel,

    inzwischen ist ja das „Handbuch Barrierefreiheit im Fernbuslinienverkehr“ erschienen. Herausgeber ist das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Schon das Vorwort bejubelt, daß die „Erfolgsgeschichte“ 2013 (!) begonnen habe. Minister Dobrindt erklärt: „Jetzt geht es darum, den Fernbuslinienverkehr konsequent barrierefrei zu gestalten“. „Jetzt“ (!?) in 2017, also nicht schon in 2013, da war das wohl aus gutem Grund ausgeblendet. Wer war damals zuständig? Und was meint in diesem Zusammenhang „konsequent“?

    Wer beim Lesen des Handbuchs den Eindruck gewinnen will, es wäre alles auf einem guten Weg und es wäre „Konsequentes“ enthalten, der wird es schon schaffen, diesen Eindruck zu gewinnen. Nur Mut, nicht zwischen den Zeilen lesen hilft sehr dabei. Positiv ausgedrückt: Wer durch seine Mobilitätseinschränkung nicht bei Vorbereitung und Durchführung einer Reise mit dem Fernbus gehindert wird, für den sieht es gut aus. Was aber, wenn das nicht rund läuft? Beispiel Rollstuhlfahrer, und zwar nicht die, die den Faltrollstuhl hauptsächlich für schlechtere Tage auf die Reise als Gepäck mitnehmen. Genauer: als „Sondergepäck“, so nennt man das, hab ich im Handbuch gelernt. Wen meine ich genau? Beim Anbieter Flixbus habe ich als Beschreibung der Zielgruppe soeben diese Formulierung gefunden: „Wenn Du an den Rollstuhl gebunden bist…“ Die meinen mich, ich lege meinen Sicherheitsgurt im Rollstuhl immer an. An den Rollstuhl gefesselt, diese früher übliche Formulierung war denen wohl eine halbe Nummer zu krass.

    Für diese Personengruppe also kommt mit etwas kritischerem Blick ein völlig anderes Ergebnis raus. Es gibt im Handbuch Passagen zu den Themen Fahrzeuge, Infrastruktur und Betrieb und die kann man mal auf übliche Elemente einer Fernbusreise abklopfen.

    Beispiel Buchung und die Frage, wo da Unterschiede zu anderen Reisenden bestehen. „Teilweise … keine Online-Buchung möglich, sondern zwingend eine telefonische Ticketbuchung erforderlich … aus organisatorischen Gründen … spätestens sieben Tage vor Beginn der Fahrt“. Auch nicht im Reisebüro, wegen der Beratung (?!). Fazit: anderer Buchungsweg, nicht mehr kurzfristig, das ist schon ganz unschön anders. Wer nicht nur im Land seiner Muttersprache unterwegs ist, für den tun sich leicht neue Probleme auf und wenn der Reisegrund sich eher etwas kurzfristig ergibt, dann scheidet schon so der Fernbus aus. Es kommt noch schlimmer: „frühestens 2 Wochen und spätestens 7 Tage vor Reiseantritt“ steht dazu als Vorgabe von Flixbus. Frage an Schnäppchenjäger: wann sind Tickets am billigsten?

    Beispiel Rolli-WC. Vorab gibt es im Handbuch die Information: „In Fernlinienbussen gehört eine Toilette an Bord i. d. R. zur Standardausrüstung.“ Wie nett. Und für den Rollstuhlfahrer? Also – nicht im Bus, das kostet zu viel Fläche, das kann man nicht verlangen (Im Zug ist das ok, der hat ja mehr Fläche und da ist es vorgeschrieben und schmälert vor allem den Ertrag von Busbetreibern nicht). „Als Kompensationsmaßnahme für nicht rollstuhlgerechte Toiletten … sollten barrierefreie Toiletten an Busbahnhöfen … bzw. … an Raststätten genutzt werden können“, erfährt der geneigte Leser. Klingt doch gut. Nur etwas unbestimmt. Da steht nämlich auch viel über Lenkzeiten, Pausen, Hilfeleistungen und die Wichtigkeit des Fahrplans. Zitat: „Während der gesetzlich vorgeschriebenen, ununterbrochenen Fahrtunterbrechung darf das Fahrpersonal keine Hilfestellung leisten.“ Dazu über Rampen, maximale Steigung, die Situation an den Stationen und nicht vorhandene Borde an Raststätten, die keine Haltestellen sind. So ein WC-Stop kostet viel Zeit: „Beim Hublift … bis zu 15 Minuten je Vorgang“ für das Aus- und Einladen, steht da jedenfalls im Handbuch. „Bordhöhe bestimmt Stufenhöhe und Rampenneigung“ steht auch da und meint wirklich heftige Steigungen. Wenn es nur genug drückt (nicht er, der Fahrer beim Helfen wegen Gefälle und Steigung bis 36%, ich meine „es“), dann wird man über die maximal zulässige Steigung in der Anleitung des Rollstuhls nicht mehr nachdenken. Wird schon gut gehen?! Das sieht unterm Strich nicht danach aus, als ob das regelmäßig klappen könnte. Und bei Unregelmäßigkeiten im Fahrtverlauf erst recht nicht mehr.

    Aber kann man überhaupt mit? Damit das mit dem WC nicht zum wirklichen Problem werden kann, muß man den Hebel früher ansetzen, damit die Zahl der zu befördernden „angebundenen“ (Flixbus-Jargon in den FAQ) Rollstuhlfahrer gesenkt wird: bei der Kennzeichnung des Rollstuhls. Zunächst einmal geht es um Sicherheit, was ja an sich gut und richtig ist. Jemand soll die Eignung des Rollstuhls für den Transport mit darin sitzendem Rollstuhlfahrer bestätigen. „Eine positive Kennzeichnung gilt zudem nur für die Grundkonfiguration des Rollstuhls. Häufig sind jedoch aufgrund eines spezifischen Behinderungsbildes individuelle Anpassungen erforderlich. In diesen Fällen erfolgt aus Produkthaftungsgründen keine Kennzeichnung des Rollstuhls für die Eignung einer Verwendung als Fahrzeugsitz, sondern es muss ein Warnhinweis am Rollstuhl angebracht werden, z. B. neben dem Typschild.“ Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Denn so ist man nicht nur wenige exotische sondern (siehe Text) die „häufigen“ Fälle mit einem Schlag los. Nicht traurig werden, das betrifft hauptsächlich andere. (Trifft eine Rollstuhlfahrerin eine andere und sagt zu ihr „Du sieht heute gefährlich aus“. Die hat nämlich seit einem Umbau einen Hersteller-Warnhinweis am Rollstuhl.)

    Wie schnell man von der Mitnahme in einem Verkehrsmittel durch „Typen“ ausgeschlossen werden kann, habe ich kürzlich in Belgien erlebt. Mein Rollstuhl mit e-Fix Antrieb – also nicht einmal ein wirklich elektrischer Rollstuhl – wurde von einem Fahrer (ÖPNV) als „verboten“ eingeschätzt. Zwar ging es bei der Regelung seines Arbeitgebers um „Scooter“, doch für den Mann waren Rollstühle nur die manuellen und der Rest eben „verbotene Scooter“. Nach seiner telefonischen Rücksprache mit der Zentrale ergab sich der Kompromiss: ich darf in meinem „Gefährt“ mitfahren, nur die Rampe darf nicht benutzt werden und die Barrierefreiheit beim Ausstieg ginge auf mich. Besser als in der Pampa stehen bleiben zu müssen. Übrigens: auch sein Arbeitgeber fabuliert von einer Liste zugelassener Hilfsmittel, wobei mich interessieren würde, wie lange es braucht, bis vor Ort nicht übliche Modelle oder seltenere Umbauten in solch einem Verzeichnis auftauchen können. Wahrscheinlich dämmert es bei manchem Leser: der Denkansatz mit Hersteller-Genehmigungen aus der Produkthaftung und irgendwelchen Verzeichnissen bietet sich nur zwecks Exklusion nicht erwünschter Kunden an.

    Irgendwie „unbefriedigend“ ist das Werk schon deshalb, weil es gleich am Anfang unter „1.2 Mobilitätseingeschränkte Fahrgäste“ die sozialgesetzlichen Definition voranstellt, ohne die Bedeutung in diesem Kontext wirklich heraus zu arbeiten. Die „Schwerbehinderteneigenschaft“, ihre Feststellung und die Bescheinigung mit Ausweisen ist derzeit rein national betrachtet und führt zu national gültigen gesetzlichen Vorgaben. Drei Freunde mit unterschiedlichem Hauptwohnsitz, einer in Paris, einer in Bern, einer in Stuttgart, mit sonst aber gleicher Ausprägung einer lebenslang anhaltenden Grunderkrankung kommen nur noch im Rollstuhl „raus“. Bei uns im Land ist allenfalls der aus Stuttgart „schwerbehindert“. Die anderen beiden nicht. Ihre Einschränkung der Mobilität ist jedoch zunächst völlig gleich. Komplizierter wird es für die drei, wenn sie sich alle jeweils an einem der drei Wohnorte treffen wollen. Dann kommen zu den Einschränkungen und Erschwernissen durch die Eigenart der Erkrankung noch zusätzlich die Einschränkungen und Erschwernisse durch die jeweiligen Gesetze und Regelungen. Auch da hat die Politik ihre ureigene Arbeit nicht getan. Von konsequenter Herangehensweise an die im Vorwort ja herausgearbeitete Fragestellung ist man hierzulande meilenweit entfernt (Weil „Rechtsquellen“ in dem Handbuch auch manchmal etwas ungewöhnlich herangezogen werden: in Kilometern ist das etwa 1,6 mal zu weit).

    Zum darüber Nachdenken: „Fahrgäste mit dem Merkzeichen „Bl“ in ihrem Schwerbehindertenausweis sind zur kostenlosen Mitnahme eines Blindenführhundes berechtigt.“ Klartext: Blind sein allein ist nicht genug für die kostenlose Mitnahme eines Blindenführhundes. Politik muß das Thema Barrierefreiheit bei der Mobilität anderes angehen, als unter versorgungsmedizinischen Gesichtspunkten. National denken ist zu kurz gedacht und EU-europäisch auch.

    erneut mit freundlichen Grüßen
    Bernd Kittendorf

    • Matthias Gastel
      Matthias Gastel Reply

      Sehr geehrter Herr Kittendorf,
      besten Dank für Ihre Kommentierung.
      Das „Handbuch Barrierefreiheit im Fernbuslinienverkehr“ liegt mir noch nicht vor. Ich habe gestern durch Ihren Kommentar und einen Fachartikel erfahren, dass dieses nun vorliegt. Mein Team und ich werden sich das Werk selbstverständlich anschauen und uns darüber mit Fachverbänden austauschen.
      Einige der von Ihnen geschilderten Probleme und Hürden für Menschen im Rollstuhl teile ich, so die Kritik an inflexiblen Buchungsfristen und die fehlende Normierung bzw. einheitliche Kennzeichnung von Rollstühlen bzgl. der Kraftknoten (hierzu sind wir im Austausch mit unserer Europafraktion). Der Forderung nach rollstuhlgerechten WC an Bord der Fernbusse kann ich mich nicht anschließen; auch Fachverbände wie der BSK fordern dies meines Wissens nicht. Sie bekommen auch noch eine Rückmeldung per E-Mail.
      Mit freundlichen Grüßen
      Matthias Gastel

      • Bernd Kittendorf Reply

        Sehr geehrter Herr Gastel,

        ein WC für die Kunden im Fernlinienbus ist Standard, für Rolli-Fahrer aber nicht nutzbar. Dann muß meiner Ansicht nach für eine nutzbare Alternativ-Lösung gesorgt werden. Auch das noch umgehen zu wollen, das ist schändlich.

        Die Auswahl der bedienten Haltestellen, die Kenntnis der Situation möglicher Rastplätze an der Strecke, die Bauart der Einstiegshilfe, an der dann die Dauer der Unterbrechung hängt, der Fahrplan und damit verbunden Lenk- und Arbeitszeiten, all das sind Faktoren, die vom Betreiber der Linie durch eigene Entscheidungen bestimmt wurden. Wenn man nur Verkehre zwischen Busbahnhöfen anbietet, die (zum Nutzen aller Fahrgäste – und im Interesse der Anwohner) solide ausgestattet sind, Streckenkenntnis nicht nur an der Straße fest macht und das Bedienen flott bedienbarer Einstiegs- und Rollstuhl- und Personenrückhaltesystem trainiert hat, dann würde nicht mal eine bindende Verpflichtung zu Rolli-WC-Stopps erschrecken können.

        Klarstellung bezüglich einer „Forderung nach rollstuhlgerechtem WC an Bord der Fernbusse“: Der Rollstuhl und der darin sitzende Fahrgast sind während der Fahrt ohnehin von den Rückhaltesystemen festgezurrt (Soll-Zustand). Zum WC „gehen“ oder „rollen“ kann so für diese Personengruppe nicht funktionieren, zumal Durchgangsbreiten eher nicht passen werden. Folglich erheben weder die Verbände (soweit mir bekannt) noch ich eine solche Forderung, der man sich anschließen könnte. Der (winzige) Vorteil eines Onboard-Universal-WC wäre, daß bei einem Halt an fast beliebiger Stelle ein „Umladen“ in die dann vorhandene Toilette möglich wäre. Bei Expeditionen per Bus wäre das genial.

        Gerade deshalb sind „Kompensationsmaßnahmen“ so wichtig. Im genannten Handbuch ist das jedoch nur mit dem Symbol für „weitergehende, optionale Maßnahmen“ versehen.

        Viel Erfolg bei der Wahl und
        mit freundlichen Grüßen
        Bernd Kittendorf

        • Matthias Gastel
          Matthias Gastel Reply

          Danke für Ihren Kommentar.

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