Verändertes Mobilitätsverhalten junger Menschen

23. Mai 2014

Junge Leute verzichten immer häufiger auf Führerschein

Dem Trend folgen heißt öffentliche Verkehrsmittel sowie den Radverkehr stärken!

Der Anteil junger Menschen im Alter von unter 21 Jahren, die einen Führerschein der Klasse B (Auto) bzw. BE (Auto mit Anhänger) erwerben, sinkt. Diese Entwicklung lässt sich nun auch für Baden-Württemberg und die Landkreise in der Region Stuttgart bzw. umliegenden Landkreisen belegen. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel hat die Zahlen recherchiert. Betrug der Anteil der unter 21-Jährigen, die einen Führerschein erhielten, im Jahr 2004 landesweit noch 30 Prozent, so sank er auf 23 Prozent im Jahr 2012. Die Rückgänge fielen in den Landkreisen ähnlich stark aus, wenngleich ausgehend von unterschiedlichen Niveaus. Überall – und damit auch in ländlicher geprägten Räumen – verliert der Führerschein für junge Menschen an Bedeutung.

Hinweis: Die nachfolgenden Diagramme dürfen gerne zum Abdruck verwendet werden. Bei Bedarf lassen wir Ihnen die Diagramme gerne in anderer Form (Excel) zukommen.

 

diagramm1

Diagramm 1: Das nachfolgende Diagramm zeigt die Entwicklung des Anteils der bis 21-Jährigen Führerscheinerwerber nach Jahr und Region[1]:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hinweis zu den nachfolgenden Diagrammen:

Diese zeigen die Entwicklung des Anteils der bis 21-Jährigen Führerscheinerwerber nach Jahr und ausgewählten Regionen[2]:

 

diagramm2

Diagramm 2 (Land Baden-Württemberg und Landeshauptstadt Stuttgart):

Erwarben im Jahr 2004 noch 30 Prozent der jungen Leute in Baden-Württemberg einen Führerschein, so sank deren Anteil bis 2012 auf 23 Prozent. Mit Ausnahme des Jahres 2007, als es einen leichten Zuwachs gab, zeigt die Kurve kontinuierlich nach unten. Dies entspricht einem Rückgang um 23 Prozent.

In der Stadt Stuttgart betrachteten junge Menschen verglichen mit ihren Altersgenossen in anderen Regionen den Führerschein von Anfang an als weniger wichtig. Schon im Jahr 2004 absolvierten nur 23 Prozent von ihnen den Führerschein. Bis 2012 sank ihr Anteil – mit Schwankungen – auf 18 Prozent. Das gut ausgebaute Angebot an öffentlichen Verkehrsmittel, die für eine Großstadt typischen kürzeren Wege zu den alltäglichen Zielen (Ausbildungs- und Arbeitsstätte, Einkaufs-, Freizeit- und Kulturangebote) sowie das mancherorts knappe Parkplatzangebot und das erhöhte Staurisiko machen hier den Verzicht auf einen Führerschein leichter als anderswo.

Dies entspricht einem Rückgang um 21 Prozent

 

diagramm3Diagramm 3 (Landkreis Böblingen):

30 Prozent der unter 21-Jährigen mit Wohnsitz im Landkreis Böblingen machten im Jahr 2004 den Führerschein. 2012 waren es noch 26 Prozent. Besonders auffällig war der starke Rückgang zwischen den Jahren 2006 und 2009. Davor und danach gab es auch kurzzeitige Zuwächse.

Dies entspricht einem Rückgang um 11 Prozent und fällt damit auffallend geringer aus als anderswo in der Region Stuttgart.

 

 

 

 

 

diagramm4Diagramm 4 (Landkreis Esslingen):

 

Im Jahr 2004 waren es noch 30 Prozent der jungen Esslinger, die den Führerschein erwarben. Bis 2012 sank ihr Anteil auf ein Viertel. Zwischendurch – im Jahr 2010 – lag der Tiefpunkt bei 24 Prozent. 2007 bis 2009 sank der Anteil der Führerscheinneulinge besonders stark.

Dies entspricht einem Rückgang um 17 Prozent und bewegt sich Vergleich mit den anderen Landkreisen rings um die Landeshauptstadt im Mittelfeld.

 

 

 

diagramm5Diagramm 5 (Landkreis Göppingen):

Der Landkreis Göppingen mit seinen vielen stark ländlich geprägten Kommunen wies im Jahr 2004 noch einen Anteil von 31 Prozent junger Menschen auf, die den Auto-Führerschein erwarben. Interessant ist, dass dieser Wert nahezu stetig auf 23 Prozent im Jahr 2012 sank. Im letzten statistisch verfügbaren Jahr (2012) machten im Landkreis Göppingen damit noch genau gleich viele der bis 21-Jährigen den Führerschein wie im dicht besiedelten Landkreis Ludwigsburg – dieser Wert liegt außerdem genau im Mittel des Landes Baden-Württemberg.

Dies entspricht einem Rückgang um 26 Prozent und fällt damit unter allen untersuchten Landkreisen mit Abstand am deutlichsten aus.

 

diagramm6Diagramm 6 (Landkreis Ludwigsburg):

Gestartet mit 30 Prozent im Jahr 2004 – so viele junge Menschen erwarben damals den PKW-Führerschein – lag deren Anteil 2012 noch bei 23 Prozent. Den jungen Leuten im Landkreis Ludwigsburg ist damit die Fahrerlaubnis genauso wichtig oder unwichtig wie denen im Landkreis Göppingen – und sie liegen genau im Landestrend.

Dies entspricht einem Rückgang um 23 Prozent und fällt damit überdurchschnittlich aus.

 

 

 

 

diagramm7

Diagramm 7 (Ostalb-Kreis/Aalen):

Im Jahr 2004 starteten noch 32 Prozent der jungen Leute im Ostalbkreis mit einem Führerschein durch. Acht Jahre später, im Jahr 2012, erwarben noch 25 Prozent die Erlaubnis zum Führen eines PKW. Die Entwicklung zum Verzicht auf den Führerschein hat allerdings erst ab dem Jahr 2008 eingesetzt.

Dies entspricht einem Rückgang um 22 Prozent und ist für den ländlichsten der untersuchten Kreise beachtlich.

 

 

 

Gründe dafür, dass immer mehr junge Menschen auf den Führerschein verzichten

Die Tatsache, dass immer mehr junge Menschen darauf verzichten, einen Führerschein zu erwerben, macht grundlegende gesellschaftliche Veränderungen deutlich: Die emotionale Bedeutung des Autos sinkt. Mit der jungen Generation setzt ein gesellschaftliches Umdenken ein, in dem das Auto an Stellenwert verliert. Das Auto wird rationaler als früher als ein, aber nicht mehr zwangsläufig als das Verkehrsmittel betrachtet. Das Auto bleibt wichtig, wird aber zunehmend als ein mögliches Element verschiedener, immer häufiger miteinander kombinierter Verkehrsmittel betrachtet. Ebenso wichtig bleibt das Mobilitätsbedürfnis, es steigt vermutlich sogar eher noch an. Im Vordergrund steht dabei aber immer mehr das Ziel (Schule, Ausbildungs-/Arbeitsplatz, Sportplatz, Kino oder die Freundin/der Freund), während das Verkehrsmittel dorthin als Mittel zum Zweck betrachtet wird.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch die gestiegenen Kosten für Führerschein und Auto. Der Trend zu höheren Schulabschlüssen und zum Studium führt aber zu einem zeitlich verschobenen Einstieg in den Beruf und damit wird das erste Einkommen erst später erzielt.

Hier eine Beispielsrechnung zu den Kosten eines Autos: Erwirbt jemand mit 20 Jahren das erste Auto und bleibt bis 70 Jahren im Besitz eines solchen, summieren sich monatliche Kosten von 400 Euro im Laufe der Zeit auf 240.000 Euro auf. Stattdessen könnte man auch Teilzeit arbeiten oder sich eine mittlere Eigentumswohnung leisten. Zu solchen Überlegungen neigen Menschen vermehrt, wenn bei ihnen das Auto an emotionaler Bedeutung verloren hat.

 

Zugleich wirkt sich der Ausbau des ÖPNV aus. 2013 wurden im Verbundgebiet des VVS 349 Millionen Fahrten gezählt, ein neuer Rekord.[3] Hinzu kommt dass immer mehr Angebote für Leifahrräder entstehen. Gemeinsam mit der Ausbreitung der Smartphones lassen sich verschiedene Verkehrsträger verknüpfen: Von unterwegs aus lassen sich Fahrpläne aufrufen und Mitfahrgemeinschaften oder Mietfahrräder organisieren.

Aktuelle Verkehrszählungen am Kesselrand der Landeshauptstadt belegen, dass der Autoverkehr nicht mehr wächst, sondern sogar minimal rückläufig ist.[4] Der Peak Car ist also erreicht.

Das Phänomen rückläufiger Führerscheinquoten ist auch in anderen europäischen Ländern und in den USA zu beobachten. In den Vereinigten Staaten ging der Anteil junger Menschen, die den Führerschein machten, um 25 Prozent zurück – wenngleich im Betrachtungszeitraum der letzten 30 Jahre.[5]

 

Politische Konsequenzen aus dem rückläufigen Anteil junger Menschen mit Führerschein

Der Stellenwert des Autos sinkt und Mobilität wird heute anders, vernetzter zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln gedacht und praktiziert. Künftig verstärkt eine Rolle spielen und das Mobilitätsverhalten vor allem junger Menschen verändern wird der im vergangenen Jahr liberalisierte Fernbusmarkt. Dieses unschlagbar günstige Verkehrsmittel ergänzt die Alternativen zum Auto und ist gerade für preissensible junge Menschen besonders attraktiv.

Wichtiger als der Ausbau von Straßen ist daher der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Ebenso müssen mehr attraktive Radwegeverbindungen und sichere Fahrradabstellanlagen an zentralen Orten wie Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs und an Bahnhöfen geschaffen werden.

Konkrete Handlungsbedarfe:

– Ausbau der Bus- und Bahnangebote (u. a. Verbesserungen bei der Taktfrequenz, aber auch Ausbau des S-Bahn-Netzes bspw. nach Calw)

– Einfacheres Tarifsystem für öffentliche Verkehrsmittel

– Pünktlichkeit bei der S-Bahn in der Region Stuttgart erhöhen (bspw. Signaltechnik, Verkürzung der Haltezeiten in den Bahnhöfen, neue S-Bahnen vor Inbetriebnahme ausreichend testen)

– Pünktlichkeit verbessern und Fahrtzeiten reduzieren im Bereich der Busse bspw. durch Busspuren und den Aufbau eines Expressbusnetzes)

– Ausbau der Fahrgastinformationssysteme (bspw. Anzeigetafeln und verlässliche Bahnsteigdurchsagen) an den Haltestellen

– Anschlusssicherungssysteme zwischen Bahnen und Bussen ausbauen

– Ausbau attraktiver Radwege und sicherer Fahrradabstellanlagen an zentralen Orten wie Bahnhöfen

– Parkraumbewirtschaftung in den Kommunen und weniger strenge Auslegung von Stellplatzvorschriften bei der Genehmigung von Neubauten

 

 

 

 


[1] Dieses Diagramm zeigt nicht, wie hoch der Anteil der bis 21-Jährigen ist, die einen Führerschein erwerben, sondern die Rückgänge des Anteils in Prozent gegenüber dem Vorjahr.

[2] Dieses Diagramm zeigt nicht, wie hoch der Anteil der bis 21-Jährigen ist, die einen Führerschein erwerben, sondern die Rückgänge des Anteils in Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der besseren Übersicht wegen wurde hier eine Auswahl der dargestellten Stadt-/Landkreise getroffen.

[3] Stuttgarter Zeitung vom 08. Februar 2014, S. 22

[4] Stuttgarter Zeitung vom 02. April 2014, online abgerufen am 02.04.2014

[5] www.diepresse.com, abgerufen am 28.01.2014 sowie www.manager-magazin.de vom 02. Dezember 2013, abgerufen am 30.01.2014

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