Die Infrastruktur der Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Würzburg ist dringend verbesserungswürdig. In einem offenen Brief an den Bundesverkehrsminister setzen sich grüne Mandatsträgerinnen und Mandatsträger aus der Bundes‑, Landes- und Kommunalpolitik für eine umfassende Sanierung und einen Ausbau ein. Nachfolgend wird der Inhalt des Briefes wiedergegeben:
Heilbronn und die Region rund um Heilbronn boomen. Wissenschaft, Forschung und Lehre, aber auch immer mehr Unternehmen aus verschiedenen Zukunftsbranchen sorgen für eine Zunahme an Studierenden, Arbeitsplätzen und Einwohner*innen. Es ist davon auszugehen, dass sich diese erfreulichen Entwicklungen fortsetzt. Die Anziehungskraft der aufstrebenden Wissensstadt Heilbronn benötigt einen Bahnverkehr, der dem gerecht wird. Viele Mitarbeitende an den Institutionen am Campus und den Hochschulen in Heilbronn sowie die Besucher*innen des IPAIs sind es gewohnt solche Regionen mit dem ICE anfahren zu können. Heilbronn wird von immer mehr Pendlerinnen und Pendlern angefahren. Wir wollen, dass die Bahn hierbei das bevorzugte Verkehrsmittel wird!
Die Verkehrsanbindung auf der Schiene hält mit diesen Entwicklungen und Erwartungen leider nicht Stand. Die Infrastruktur zwischen Stuttgart und Würzburg (Frankenbahn) ist geprägt von Überlastungen, täglichen Konflikten zwischen Personen- und Güterverkehren sowie von Engpässen. Industriegleisanschlüsse und ein eingleisiger Abschnitt beeinträchtigen die Kapazität der Strecke. Ergebnis unzureichender Infrastruktur: Verspätete Züge und kein regulärer Fernverkehr. Für eine Großstadt wie Heilbronn mit über 130.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist diese miserable Bahnanbindung nicht nur ungewöhnlich, sondern auch völlig inakzeptabel! Heilbronn braucht einen regulären, gut getakteten Fernverkehr mindestens in IC-Qualität sowie einen zuverlässigen Regionalverkehr und die dafür erforderliche leistungsfähige Infrastruktur, die höhere Geschwindigkeiten ermöglicht!
Das Land hat mit seinen Zugbestellungen vieles für Heilbronn erreicht. Zudem wurde der Hauptbahnhof in Heilbronn vor nicht langer Zeit saniert. Auch hieran hatte sich das Land beteiligt. Der Bund zieht seit Jahrzehnten nicht mit und lässt Heilbronn in der Frage einer angemessenen Schienen-Infrastruktur und einer regulären Fernverkehrs-Anbindung im Stich. Der Bundeskanzler schmückt sich gerne mit Entwicklungen aufstrebender Städte und besuchte den Spatenstich am IPAI. Der Bund ist im Moment nicht an der Finanzierung dieses Projekts beteiligt. Nun könnte er wenigstens für eine moderne und zukunftsgerechte Anbindung sorgen. Wir erinnern an den klaren Verfassungsauftrag: Der Bund hat, zum Wohl der Allgemeinheit, dafür zu sorgen, dass den Verkehrsbedürfnissen durch den Ausbau und Erhalt des Schienennetzes Rechnung getragen wird.
Unsere konkreten Vorschläge für eine leistungsfähige Schienenanbindung, die pünktliche Züge ermöglicht und die Strecke für den Fernverkehr interessant macht (Vorschläge basieren überwiegend auf einer Studie der Nahverkehrsgesellschaft des Landes Baden-Württemberg):
- Korridorsanierung
Der bauliche Zustand der Frankenbahn ist nicht gut. Die Deutsche Bahn bewertet insbesondere die Zustände der Stellwerke, Bahnübergänge und Weichen als schlecht. Der Sanierungs- und gleichzeitige Ausbaubedarf sprechen für eine Generalsanierung. Dabei sollen unter anderem folgende Ausbauelemente mit realisiert werden:
1.1 Anpassung der Überhöhung in Kurven
Für den Regionalexpress können Reisezeitgewinne von bis zu knapp 5 Minuten erreicht werden. Besonders sinnvoll ist diese Maßnahme zwischen Lauda und Osterburken.
1.2 Weichen mit größeren Radien
Mit dem Einbau von Weichen mit größeren Radien auf dem abzweigenden Gleis lassen sich ebenfalls Fahrtzeitgewinne realisieren.
1.3 Blockabschnitte
Durch den Bau von zusätzlichen Blockstellen kann die Zugfolgezeit verringert werden und die Betriebsqualität gesteigert werden. Dies trifft beispielsweise auf Bad Friedrichshall in beiden Richtungen zu. Die Blockabschnitte sind dort über acht bzw. über neun Kilometer lang. Die Kapazität der beiden Abschnitte lässt sich knapp verdreifachen.
1.4 Separates Anschlussgleis an das Audi-Werk in Neckarsulm
Derzeit wird der Güterverkehr zwischen Bad Friedrichshall und dem Audi-Werk in Neckarsulm über das westliche Streckengleis der Frankenbahn gefahren. Der Bau eines dritten Gleises zwischen dem Abzweig zu Audi und Bad Friedrichshall entkoppelt den Güterverkehr und die Frankenbahn, was zu mehr Flexibilität im Fahrplan führt.
1.5 Neubau des zweiten Bahnsteiges in Boxberg-Wölchingen
Derzeit müssen die RB in Richtung Süden auf das andere Streckengleis wechseln, um in Boxberg zu halten. Dies stellt einen eingleisigen Betrieb für RB in Richtung Süden dar und sperrt dieses Gleis für Zugfahrten nach Norden. Mit dem Bau eines Bahnsteiges am Streckengleis in Richtung Süden wird diese Engstelle behoben und haltende Züge in Richtung Süden können unabhängig von Zügen nach Norden verkehren. Die Fahrplanflexibilität und die Betriebsqualität wird erhöht. Zudem wird ein Fahrtzeitgewinn für RB in Richtung Süden von 0,5 Minuten erzielt.
- Streckenausbau
Infrastrukturoptimierungen sind sinnvoll und verhältnismäßig schnell umsetzbar, ermöglichen aber keine ausreichend großen Fahrzeitgewinne, um die Strecke für den Fernverkehr attraktiv zu machen. Daher sind größere geschwindigkeitserhöhende Maßnahmen erforderlich. Auf bestimmten Abschnitten ist dafür eine Anpassung der Linienführung zugunsten von Streckenverkürzungen und höheren Geschwindigkeiten (140 Stundenkilometer) erforderlich. Heute kann auf einigen Abschnitten eine Maximalgeschwindigkeit von nur 80 oder 90 Stundenkilometer gefahren werden. Derartige Geschwindigkeitseinbrüche sind zukünftig zu vermeiden. Die erwähnte Studie des Landes hat die Möglichkeiten für Neubauabschnitte untersucht und bewertet. Vorbereitende bauliche Maßnahmen sollten bereits mit der Korridorsanierung umgesetzt werden. Wichtig ist auch der Bau des zweiten Streckengleises zwischen Möckmühl und Züttlingen. Die eingleisige Brücke, die früher über ein zweites Gleis verfügte, stellt einen Engpass dar, der gute Fahrplankonzepte erschwert und im Falle von Verspätungen weitere Zugverspätungen nach sich zieht.
Auch die Bahnstrecke zwischen Öhringen-Cappel und Schwäbisch Hall-Hessental könnte mit einer vollständigen Elektrifizierung, eine Verbindung zwischen Mannheim bzw. Karlsruhe über Heilbronn nach Nürnberg ermöglichen. Dadurch könnte ein IC zwischen Mannheim und Nürnberg über Bad Friedrichshall, Heilbronn, Öhringen, Schwäbisch Hall und Crailsheim angeboten werden und die wirtschaftlichen Bemühungen der Raumschaft Heilbronn mit einem IC-Anschluss würdigen. Der Wiedereinbau eines zweiten Gleis am Bahnhof Schwäbisch Hall würde weitere Kapazitäten schaffen.
Das Land ist bereit, sich mit GVFG-Mitteln und Eigenmitteln an der Finanzierung der unter Punkt 1 genannten Maßnahmen zu beteiligen. Vom Bund erwarten wir die ausreichende Zurverfügungstellung von GFVG-Mitteln und die Zusage, sich für den Streckenausbau (Punkt 2) in der Verantwortung zu sehen.
Wir stehen gemeinsam in der Verantwortung, den Menschen eine gute, nachhaltige Mobilität und den Unternehmen eine leistungsfähige Logistik zu ermöglichen. Beides setzt intakte, moderne Schienenwege voraus.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Gastel MdB
Gudula Achterberg MdL
Erwin Köhler MdL
Armin Waldbüßer MdL
Sibylle Riegger-Gnamm, Gemeinderätin Bad Friedrichshall
