Sondervermögen: Chancen für Infrastruktur verspielt

Es könn­te alles so schön sein: Die Koali­ti­on aus CDU/CSU und SPD nutzt das Son­der­ver­mö­gen für Inves­ti­tio­nen des Bun­des in Höhe von 400 Mil­li­ar­den Euro, um die Infra­struk­tur end­lich zu ertüch­ti­gen. In zehn bis 12 Jah­ren hät­ten wir Stra­ßen­brü­cken saniert, Schlag­lö­cher wären ver­schwun­den, die Schie­ne wäre intakt und über­las­te­te Bahn­stre­cken wür­den durch Aus- und Neu­bau ent­las­tet wer­den. Doch die Rea­li­tät ent­wi­ckelt sich lei­der nicht in die­se Rich­tung.

In Wirk­lich­keit sinkt die Inves­ti­ti­ons­quo­te des Ver­kehrs­etats von zuletzt 70 auf nur noch 48 Pro­zent im Jahr 2026. Hin­ter­grund ist, dass vie­le Inves­ti­tio­nen statt über bis­her vor­ge­se­he­ne Haus­halts­mit­tel nun aus dem Son­der­ver­mö­gen finan­ziert wer­den. Ein Bei­spiel: 7,6 Mil­li­ar­den Euro an Mit­teln nach der Leis­tungs- und Finan­zie­rungs­ver­ein­ba­rung wur­den bereits im Jahr 2025 kom­plett aus dem Son­der­ver­mö­gen statt aus dem Haus­halt finan­ziert. Die Mit­tel die­nen der Instand­hal­tung des Schie­nen­net­zes. Da es sich um eine Dau­er­auf­ga­be han­delt, ist eine Finan­zie­rung aus ori­gi­nä­ren Haus­halts­mit­teln logisch, statt die Finan­zie­rung aus dem regu­lä­ren Haus­halt auf Null zu set­zen. Ein­ma­li­ge Auf­ga­ben wie der Aus- und Neu­bau von Schie­nen­we­gen sind hin­ge­gen im Son­der­ver­mö­gen gar nicht vor­ge­se­hen. Für die neun gro­ßen Pro­jek­te, über deren Wei­ter­pla­nung zu ent­schei­den ist, ist der­zeit trotz des Son­der­ver­mö­gens kei­ne Finan­zie­rung abseh­bar. Dar­un­ter befin­den sich zen­tra­le Pro­jek­te zur Auf­lö­sung von Eng­päs­sen wie die Neu­bau­stre­cken zwi­schen Frank­furt und Mann­heim und zwi­schen Ham­burg und Han­no­ver. Anders aus­ge­drückt: Das Son­der­ver­mö­gen wird nur in stark unzu­rei­chen­dem Umfang für zusätz­li­che Inves­ti­tio­nen ein­ge­setzt. Ein hoher Anteil zusätz­lich bereit gestell­ter Inves­ti­ti­ons­mit­tel wird von stei­gen­den Bau­prei­sen auf­ge­fres­sen. Selbst die klei­nen und mitt­le­ren Maß­nah­men (KMM), die in den Ampel­jah­ren gestar­tet wur­den, sind nicht aus­rei­chend finan­ziert. Zu den KMM gehö­ren bei­spiels­wei­se zusätz­li­che Wei­chen, kür­ze­re Block­ab­stän­de, län­ge­re Bahn­stei­ge und Über­hol­glei­se. Die Finan­zie­rung von Bahn­hö­fen (Sanie­rung, Attrak­ti­vi­täts­stei­ge­rung, Bar­rie­re­frei­heit) wird sogar durch Kür­zun­gen ver­schlech­tert. Die Digi­ta­li­sie­rung, die für einen Hoch­lauf von Pla­nungs- und Bau­ka­pa­zi­tä­ten in beson­de­rer Wei­se auf eine län­ger­fris­tig ver­läss­li­che Finan­zie­rung ange­wie­sen ist, bekommt genau die­se nicht: Ab dem Jahr 2030 ist eine Absen­kung der Finan­zie­rungs­mit­tel für Digi­ta­li­sie­rung von Infra­struk­tur und Fahr­zeu­gen vor­ge­se­hen. Dabei brau­chen wir drin­gend die Digi­ta­li­sie­rung von Stre­cken, Kno­ten und Stell­wer­ken. Für die Stell­wer­ke ist die Moder­ni­sie­rung auch des­we­gen so drin­gend, weil der hohe Per­so­nal­be­darf in den alten, per­so­nal­in­ten­si­ven Stell­wer­ken nicht durch jun­ge, qua­li­fi­zier­te Leu­te gedeckt wer­den kann, zumal vie­le älte­re Fahrdienstleiter*innen in Ren­te gehen.

Statt in Ver­kehrs­we­ge, Gebäu­de oder Digi­ta­li­sie­rung zu inves­tie­ren, wer­den Kli­en­tel­ge­schen­ke wie die Wie­der­ein­füh­rung des Pri­vi­legs für Agrar­die­sel, die Aus­wei­tung der Pend­ler­pau­scha­le und die Erhö­hung der Müt­ter­ren­te finan­ziert. Damit wird das Land jedoch nicht zukunfts­fä­hi­ger und es wird kaum ein Wirt­schafts­wachs­tum aus­ge­löst. Die Wirt­schafts­wai­sen hal­ten mit dem Son­der­ver­mö­gen bis zum Jahr 2030 ein zusätz­li­ches Wachs­tum von fünf Pro­zent für mög­lich. Mit der geplan­ten Zweck­ent­frem­dung sehen sie jedoch nur noch ein zusätz­li­ches Wachs­tum von weni­ger als zwei Pro­zent für rea­lis­tisch.

Inter­es­sant ist, was alles finan­ziert wird oder noch finan­ziert wer­den soll: Für Stra­ßen (auch Neu­bau!) wur­den im Rah­men der Bera­tun­gen des Bun­des­haus­halts 2026 zusätz­lich drei Mil­li­ar­den Euro frei gemacht. Devi­se: „Alles, was bau­reif ist, wird gebaut!“ Zum Glück ist dies alles ande­re als rea­lis­tisch. Es droht aber die Sanie­rung durch die Fokus­sie­rung auf den Aus- und Neu­bau in Ver­zug zu gera­ten. Für die Schie­ne wur­de – anders als für die Stra­ße – im Rah­men der Haus­halts­be­ra­tun­gen kein wei­te­rer Euro locker­ge­macht. Die Luft­ver­kehrs­steu­er soll gesenkt wer­den, um die Luft­fahrt­bran­che zu ent­las­ten. Mit Easy­jet hat der ers­te Anbie­ter ange­kün­digt, die nied­ri­ge­ren Kos­ten NICHT an die Flug­gäs­te wei­ter­ge­ben zu wol­len. Die Koali­ti­on setzt also Steu­er­gel­der dafür ein, um die Gewin­ne der Kon­zer­ne zu erhö­hen. Erstaun­lich ist auch, was im Pkw-Bereich vor­ge­se­hen ist: Eine Kauf­prä­mie für E‑Autos. Eine sol­che muss nicht falsch sein, um auch Men­schen mit gerin­gem und mitt­le­rem Ein­kom­men den Zugang zur Elek­tro­mo­bi­li­tät zu erleich­tern und die Elek­tro­mo­bi­li­tät vor­an­zu­brin­gen. Öko­lo­gisch Sinn macht dies aber nur, wenn nicht die gro­ßen und beson­ders schwe­ren Fahr­zeu­ge geför­dert wer­den und auch kei­ne Hybrid­fahr­zeu­ge. Letz­te­res ist aber vor­ge­se­hen. Sinn­voll wäre zudem ein Bonus-Malus-Sys­tem, bei dem Auf­schlä­ge auf ver­brauchs­in­ten­si­ve Ver­bren­ner die Kauf­prä­mie für klei­ne­re E‑Autos finan­zie­ren. Dies ist jedoch nicht vor­ge­se­hen.