3 Jahre Bürgerbus-Landesverband in Baden-Württemberg

17.10.2017

Bür­ger­bus­se erfreu­en sich zuneh­men­der Beliebt­heit. Unter einem Bür­ger­bus ver­steht man im All­ge­mei­nen ein ehren­amt­lich betrie­be­nes Mobi­li­täts­an­ge­bot. Dabei gibt es eine gro­ße Band­brei­te von sehr indi­vi­du­el­len Ange­bo­ten bis hin zu regel­mä­ßi­gen Takt­an­ge­bo­ten mit fes­ten Hal­te­stel­len. Bür­ger­bus­se sol­len bestehen­de Ange­bo­te des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs nicht erset­zen, son­dern sinn­voll ergän­zen.

In Baden-Würt­tem­berg besteht seit drei Jah­ren ein Lan­des­ver­band der Bür­ger­bus­se, der Kom­mu­nen und Initia­ti­ven berät.

Ich habe Fred Schus­ter, den Geschäfts­füh­rer von pro­Bür­ger­Bus Baden-Würt­tem­berg e. V., inter­viewt.

  1. Herr Schus­ter, im letz­ten Jahr hat­ten wir uns über die Idee der Bür­ger­bus­se unter­hal­ten (sie­he https://www.matthias-gastel.de/buergerbusse-die-weitgehend-selbststaendige-teilhabe-sollte-uns-bei-der-beschaeftigung-mit-mobilitaetsangeboten-leiten/#.WeWJ1E1lLIU). Ihr noch jun­ger Lan­des­ver­band hat in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren eine posi­ti­ve Ent­wick­lung genom­men. Wie sieht es der­zeit aus bei den Bür­ger­bus­sen?

    Fred Schus­ter

In der Tat sind enga­ge­ment­ba­sier­te Mobi­li­täts­an­ge­bo­te auf dem Vor­marsch. Und der aus­schließ­lich ehren­amt­lich täti­ge Ver­band hat sicher­lich sei­nen Anteil dar­an. Von 13 Mit­glie­dern bei der Grün­dung 2014 stieg die Zahl auf 27 in 2017. Wei­te­re Bür­ger­bus­se sind im Wer­den. Ins­ge­samt wer­den in Baden-Würt­tem­berg von der Nah­ver­kehrs­ge­sell­schaft 42 Bür­ger­bus­se gelis­tet. Und die Anfra­gen nach Bera­tun­gen rei­ßen nicht ab. Allein in den ver­gan­ge­nen 2 Jah­ren haben wir rund 10 Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen bedient und rund 40 Bera­tun­gen durch­ge­führt.

  1. Herr Dr. Schie­fel­busch von der Nah­ver­kehrs­ge­sell­schaft Baden-Würt­tem­berg hat ja ein Grund­la­gen­pa­pier zu den enga­ge­ment­ba­sier­ten Mobi­li­tä­s­an­ge­bo­ten erstellt. Dar­in wer­den Bür­ger­bus­se als recht auf­wen­dig zu orga­ni­sie­ren­de klei­ne Ver­kehrs­be­trie­be beschrie­ben. Sind die­se nicht schwie­rig auf den Weg zu brin­gen?

Der Lan­des­ver­band und die Nah­ver­kehrs­ge­sell­schaft arbei­ten im Sin­ne der enga­ge­ment­ba­sier­ten Ange­bo­te in der Bera­tung eng zusam­men. Die zusam­men mit der Aka­de­mie für den länd­li­chen Raum durch­ge­führ­ten Info­ver­an­stal­tun­gen füh­ren regel­mä­ßig zu Anfra­gen. Vie­le davon lan­den bei unse­rem Ver­band. Oft zeigt sich dann, dass genau Ihre Fra­ge­stel­lung auf­ge­wor­fen wird. Natür­lich ste­hen wir als Fach­leu­te beglei­tend bei der Ein­füh­rung der Lini­en­ver­keh­re zur Sei­te, aber zwi­schen­zeit­lich gestal­ten wir die­se Bera­tun­gen durch­aus ergeb­nis­of­fen. Will sagen, wir bera­ten auch in Rich­tung nie­der­schwel­li­ge­rer, unter­halb der Rege­lun­gen des Per­so­nen­be­för­de­rungs­rech­tes ange­sie­del­ter Ange­bo­te wie die ver­schie­de­nen For­men der Ruf­ver­keh­re. Wich­tig für alle der­ar­ti­gen Ange­bo­te ist, dass sie prak­tisch „bot­tom-up“ ent­wi­ckelt wer­den. Das heißt, die Ziel­set­zung und Organ­sa­ti­on bis hin zum Betrieb soll­te von den Men­schen erar­bei­tet und geleis­tet wer­den, die sich hier enga­gie­ren.

  1. Sie hat­ten sich auch ver­schie­de­ne poli­ti­sche Ziel­set­zun­gen gestellt, so z. B. eine bes­se­re finan­zi­el­le För­de­rung oder ein höhe­res Gesamt­ge­wicht für die Bür­ger­bus­se. Wo ste­hen wir denn jetzt?

Wir haben zwi­schen­zeit­lich ein sehr gutes Arbeits­ver­hält­nis zur Lan­des­ver­wal­tung und wer­den von dort auch als Ansprech­part­ner der ehren­amt­li­chen Enga­ge­ments wahr­ge­nom­men und ein­ge­bun­den. So kön­nen wir durch­aus auch auf unse­re Fah­nen schrei­ben, zusam­men mit dem Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um eine Ver­bes­se­rung der finan­zi­el­len För­de­rung im Lan­de für die eigent­li­chen Bür­ger­bus­se erreicht zu haben. Das heißt zum einen eine deut­li­che Erhö­hung der Gesamt­för­de­rung eben­so wie die Wie­der­ein­glie­de­rung in die all­ge­mei­ne Bus­för­de­rung nach dem GVFG. Wei­ter­hin sieht es so aus, als dass wir uns auch in Baden-Würt­tem­berg einer insti­tu­tio­nel­len För­de­rung der Bür­ger­bus­be­trei­ber in Form einer Ver­wal­tungs­kos­ten­pau­scha­le annä­hern. Lei­der ist das Land bis­her nicht bereit, auch den Lan­des­ver­band mit einer sol­chen Pau­scha­le zu för­dern, wie das in Nord­rhein-West­fa­len übri­gens der Fall ist.

Kei­nen Schritt wei­ter gekom­men sind wir in der Fra­ge der Kapa­zi­tät der Fahr­zeu­ge. Der Ver­such, ähn­lich wie bei den Lie­fer­ver­keh­ren auch für Bür­ger­bus­se eine Erhö­hung des zuläs­si­gen Gesamt­ge­wichts auf 4,25 to. z.B. für Elek­tro­fahr­zeu­ge zu errei­chen, um die Beför­de­rungs­ka­pa­zi­tät von acht Fahr­gäs­ten zu erhal­ten, wur­de bis­lang von der EU-Kom­mis­si­on abge­lehnt. Wir wer­den wei­ter mit den ande­ren Lan­des­ver­bän­den dar­an arbei­ten. Es ist für uns völ­lig unver­ständ­lich, wie die Kom­mis­si­on die­se Aus­nah­me­re­ge­lung ableh­nen konn­te. Es gibt noch kein trag­fä­hi­ges, belast­ba­res E‑Antriebskonzept für Bür­ger­bus­se, wel­ches uns acht Fahr­gast­sitz­plät­ze, Nie­der­flu­rig­keit, Kli­ma­an­la­ge und Stand­hei­zung bei 3,5to. zGG für FE-Klas­se B ermög­licht.

  1. Apro­pos E‑Mobilität, auto­no­mes Fah­ren und Fahr­gast­in­for­ma­ti­ons­sys­te­me. Ist das für die ehren­amt­li­chen Ver­keh­re ein The­ma?

Zuvor­derst steht ein­mal im Raum ein Ver­kehrs­an­ge­bot zu erstel­len, wo noch kei­nes war oder kei­nes mehr ist. Und dies mit ehren­amt­li­chen Kräf­ten kos­ten­güns­tig und so ein­fach wie mög­lich. Hier­zu bedarf es vie­ler Mit­ar­bei­ter, die mit Idea­lis­mus und Ein­satz­wil­len zu Wer­ke gehen.

Fahr­gast­in­for­ma­ti­ons­sys­te­me ste­cken da noch in den Kin­der­schu­hen. Es gibt ein­zel­ne Bus­se, in denen dank tech­ni­kaf­fi­ner Macher und Unter­stüt­zer z. B. bereits Fahr­gast­in­for­ma­ti­ons­sys­te­me ange­bo­ten wer­den. Auch eini­ge pri­va­te Anbie­ter sind bereits auf dem Markt, um über Apps Infos zu sol­chen Ange­bo­ten an Kun­den zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Auto­no­mes Fah­ren ist hin­ge­gen für Bür­ger­bus­se der­zeit noch kein The­ma, fah­ren wir doch meis­tens in länd­li­chen Gegen­den, für die die­se Tech­nik noch nicht aktu­ell ist.

Natür­lich gehört E‑Mobilität bei unse­ren Kun­den bereits zum Fra­gen­stan­dard. Neben den oben bereits ange­spro­che­nen Gewichts­pro­blem haben wir auch noch das Pro­blem der Reich­wei­te. Die­se gene­riert man heu­te über Bat­te­rie­ka­pa­zi­tä­ten und damit grö­ße­re Bat­te­rien. Die Reich­wei­ten­zu­sa­gen der Fahr­zeug­her­stel­ler bezie­hen sich auf den Lie­fer­be­trieb und berück­sich­ti­gen kei­nes­wegs die spe­zi­el­len Anfor­de­run­gen des Lini­en­bus­ver­kehrs. Somit haben wir kei­ne belast­ba­ren Erkennt­nis­se zur den Reich­wei­ten. Da Bür­ger­bus­be­trei­ber in der Regel nur ein Fahr­zeug haben, müs­sen die­se zuver­läs­sig den Dienst von 80 bis 120 km Tages­fahr­leis­tung ver­se­hen kön­nen. Eine Emp­feh­lung des Lan­des­ver­ban­des kann daher der­zeit zuguns­ten von E‑Fahrzeugen nicht aus­ge­spro­chen wer­den.

Aller­dings hat nun ein Bus­un­ter­neh­men einen Fahr­zeug­auf­bau für einen Bür­ger­bus auf der Basis des han­dels­üb­li­chen Nis­san e‑NV 200 beauf­tragt. Wir wer­den die Pra­xis­er­geb­nis­se ver­fol­gen und ggfs. unse­re Emp­feh­lun­gen anpas­sen.

 

Lan­des­ver­band pro­Bür­ger­Bus: www.pro-bürgerbus-bw.de

Wei­ter Infor­ma­tio­nen zum The­ma bei der Nah­ver­kehrs­ges­ll­schaft Baden-Würt­tem­berg: www.buergerbus-bw.de

Infos zum Bür­ger­bus in Wend­lin­gen: https://www.matthias-gastel.de/beim-buergerbus-wendlingen/#.WeWPBk1lLIU

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