30 Jahre freie Wahl zur DDR-Volkskammer

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24.03.2020

Gespräch mit Zeitzeugin Monika Lazar

Wie war das vor über 30 Jah­ren mit der stär­ker wer­den­den Bür­ger­rechts­be­we­gung in der DDR, mit der Sta­si, dem Mau­er­fall und dann der ers­ten und ein­zi­gen frei­en Wahl zur Volks­kam­mer? Dar­über sprach ich mit mei­ner Frak­ti­ons­kol­le­gin Moni­ka Lazar, die in Leip­zig gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist.

Wir schau­ten uns gemein­sam die Aus­stel­lung über die Volks­kam­mer-Wahl vor 30 Jah­ren an. Die­se war unter dem Mot­to „180 Tage, 164 Geset­ze, 93 Beschlüs­se zur Wie­der­ver­ei­ni­gung“ im Deut­schen Bun­des­tag zu sehen. Moni­ka berich­te­te von den Ver­su­chen, sich mehr Frei­heit zu ver­schaf­fen, von enor­men Umwelt­pro­ble­men wie ver­seuch­ten Gewäs­sern („West­be­su­cher staun­ten über sicht­bar ver­schmut­ze Fließ­ge­wäs­ser“) und von der DDR-Kom­mu­nal­wahl 1989, bei der sie als kri­ti­sche Wahl­be­ob­ach­te­rin tätig war.

Es folgt ein Inter­view mit Moni­ka Lazar, MdB

Lie­be Moni­ka, als das DDR-Sys­tem zusam­men­brach warst Du 22 Jah­re jung. Wie hat­test Du die DDR wahr­ge­nom­men, wie hat es Dein Leben und das Dei­ner Fami­lie und Dei­nes Umfel­des beein­flusst?

Ich bin im Mark­klee­berg, einer Klein­stadt direkt im Süden von Leip­zig auf­ge­wach­sen. Mei­ne Eltern hat­ten eine pri­va­te Bäcke­rei und nach dem Abitur habe ich in Leip­zig an der Han­dels­hoch­schu­le stu­diert, als eine der weni­gen, die nicht in  „der Par­tei“, also in der SED waren. Zu all dem könn­te ich ganz viel erzäh­len…

Als es mit den Frie­dens­ge­be­ten und den Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen 1989 in Leip­zig los ging war ich als eine von vie­len mit dabei, eine unbe­schreib­lich span­nen­de Zeit, denn wir konn­ten uns gar nicht vor­stel­len, was auf ein­mal alles mög­lich war. Am beein­dru­ckends­ten ist immer noch die Mon­tags­de­mo am 9.10.1989, die fried­lich zu Ende ging. Danach war so vie­les anders. Als es nicht mehr gefähr­lich war, über­leg­ten vie­le, wie sie ihre neu­en Mög­lich­kei­ten nut­zen woll­ten. Da ich schon vor­her in einer klei­nen Umwelt­in­itia­ti­ve aktiv war (der Süden von Leip­zig war unglaub­lich öko­lo­gisch belas­tet mit Braun­koh­le und che­mi­scher Indus­trie), fand ich sehr schnell zur Grü­nen Par­tei in der DDR und enga­gier­te mich dort.

Dei­ne ers­ten poli­ti­schen Schrit­te gingst Du Ende der 1980er-Jah­re in einer Umwelt­in­itia­ti­ve im Land­kreis Leip­zig. Wie hast du das Ent­ste­hen der Oppo­si­ti­on in der DDR erlebt und wie warst du dar­an betei­ligt?

Die Oppo­si­ti­on in der DDR ent­wi­ckel­te sich schon seit Anfang der 80er Jah­re zu ver­schie­de­nen The­men wie Men­schen­rech­te, Frie­den, Gerech­tig­keit, Umwelt, Frau­en usw. Man war nicht nur im eige­nen Land, son­dern auch dar­über hin­aus gut ver­netzt, wie z.B. nach Polen oder in die CSSR. Aber auch Kon­tak­te zur BRD waren gut, sowohl zu den Medi­en wie auch zu dor­ti­gen Grup­pen. Nicht uner­wähnt möch­te ich auch Petra Kel­ly las­sen, die wie ande­re eine wich­ti­ge Rol­le ein­nah­men.

Da ich sel­ber in der Umge­bung von Leip­zig auf­ge­wach­sen bin und die Umwelt­si­tua­ti­on hier wirk­lich kata­stro­phal war, schloss ich mich einer klei­nen Umwelt­in­itia­ti­ve an, die ver­schie­de­ne krea­ti­ve Mög­lich­kei­ten aus­pro­bier­te, auf die Situa­ti­on auf­merk­sam zu machen. Das klapp­te durch­aus ganz gut. Da es in und um Leip­zig vie­le sol­cher klei­nen Grup­pen war, war so eini­ges an Akti­vi­tä­ten mög­lich.

Die Umwelt­be­we­gung war damals ja ein wesent­li­cher Teil der Oppo­si­ti­on. Wie stark war die­ser Teil der sys­tem­kri­ti­schen Bewe­gung von Umwelt­pro­ble­men in der DDR geprägt und wel­che Rol­le spiel­ten wei­te­re Aspek­te von Unzu­frie­den­heit, bei­spiels­wei­se die erheb­lich ein­ge­schränk­te Frei­heit der Men­schen?

Die Oppo­si­ti­ons­grup­pen in der DDR waren the­ma­tisch breit auf­ge­stellt und arbei­te­ten zu Aspek­ten wie Men­schen­rech­te, Frie­den, Gerech­tig­keit, Umwelt, Frau­en usw.

Durch die schlech­te Umwelt­si­tua­ti­on gera­de in stark indus­tri­ell gepräg­ten Regio­nen war die Umwelt­be­we­gung ein rele­van­ter Teil der Oppo­si­ti­ons­ar­beit.

Aber in der Pra­xis über­schnit­ten sich die The­men durch­aus, da für uns alle die all­täg­li­chen Ein­schrän­kun­gen von Mei­nungs­frei­heit, Rei­se­frei­heit betraf. Des­halb arbei­te­te man auch soli­da­risch zusam­men, denn wir wuss­ten, nur gemein­sam sind wir stark und kön­nen was ver­än­dern.

Hat­test du befürch­tet, dass der Staat womög­lich auch gewalt­sam gegen die Oppo­si­ti­on vor­ge­hen wird?

Das waren ja lei­der nicht nur lee­re Befürch­tun­gen, son­dern Rea­li­tät, denn es wur­den Oppo­si­tio­nel­le fest­ge­nom­men oder zur „Aus­rei­se in der BRD“ gezwun­gen. Eine wich­ti­ge Rol­le spiel­ten die west­deut­schen Medi­en, die da eini­ges ver­öf­fent­lich­ten, was in den Medi­en der DDR ver­schwie­gen wur­de.

Um Repres­sio­nen zu ent­ge­hen, wur­den vie­le phan­ta­sie­vol­le Mög­lich­kei­ten aus­pro­biert, um die Staats­macht und die Sta­si an der Nase her­um zu füh­ren.

Wie hat es sich in den fol­gen­den Mona­ten ange­fühlt, die Ent­ste­hung der Demo­kra­tie zu beob­ach­ten und zuneh­mend auch ein Teil davon zu sein? Wie hat sich das auf Dich, auf Freund­schaf­ten und wei­te­re Men­schen um Dich her­um aus­ge­wirkt?

Es war eine unglaub­lich span­nen­de Zeit, die wie im Flu­ge ver­ging. Beson­ders der Volks­kam­mer­wahl am 18.3.1990 fie­ber­ten vie­le ent­ge­gen. Umso ent­täusch­ter waren wir von den neu­en Grup­pen und Par­tei­en (neu gegrün­det wur­den damals ja Bünd­nis 90 und Die Grü­nen und auch die SPD), als am Abend des 18.3. fest­stand, dass so vie­le Men­schen die CDU und somit einen schnel­len Bei­tritt der DDR zur BRD gewählt haben. Da merk­ten wir ganz schnell, dass wir schon wie­der eine klei­ne Oppo­si­ti­on wer­den. Den „Rest“ des Jah­ren 1990 haben wir ansons­ten Wahl­kampf gemacht (ohne zu wis­sen, wie man das macht, denn bis­her gab es ja kei­nen Wahl­kampf), denn im Mai gab es Kom­mu­nal- und Euro­pa­wah­len, im Sep­tem­ber Land­tags­wah­len und im Dezem­ber dann die ers­te gesamt­deut­sche Bun­des­tags­wahl.

In die­ser Zeit ent­stan­den vie­le neue Freund­schaf­ten, aber auch so man­che Freund­schaft ging aus­ein­an­der, als man merk­te, wie Mit­strei­ter auf ein­mal „ticken“, poli­tisch wie per­sön­lich. Also es war ins­ge­samt wirk­lich eine auf­wüh­len­de Zeit.

Wie prä­gen die­se Erfah­run­gen mit einem Staat, den es längst nicht mehr gibt, aber Men­schen geprägt hat, Dei­nen Blick auf das heu­ti­ge Deutsch­land und auch auf das wie­der­erstar­ken rechts­extre­mis­ti­scher Bewe­gun­gen? Letz­te­res ist ja Dein The­men­schwer­punkt im Bun­des­tag …

Ins­ge­samt hat man schon immer noch auf bestimm­te Din­ge eine spe­zi­el­le Sicht, wenn man in der DDR auf­ge­wach­sen ist. Man ist sen­si­bler für Unge­rech­tig­kei­ten, aber auch wider­stands­fä­hi­ger, wenn nicht immer alles so läuft, wie es eigent­lich soll­te. In der DDR muss­te ja viel impro­vi­siert wer­den, da es nicht immer alles gab.

Und nicht nur ich, son­dern vie­le, hät­ten sich gewünscht, wenn Anfang der 90er Jah­re nicht alles aus  „dem Wes­ten“ auf uns über­tra­gen wor­den wäre, son­dern auch posi­ti­ve Din­ge, die sich in der DDR ent­wi­ckelt haben, mit beach­tet und erhal­ten wor­den wären. Genannt sei­en hier nur z.B. das län­ge­re gemein­sa­me Ler­nen in den Schu­len, die selbst­ver­ständ­li­che Kin­der­be­treu­ung ab einem Jahr, die ärzt­li­che Ver­sor­gung in Poli­kli­ni­ken, das Recy­cling­sys­tem, die leich­te­ren Rege­lun­gen bei Abtrei­bun­gen.

Auch war ich ent­täuscht, dass die neue Ver­fas­sung, die Anfang 1990 u.a. von so klu­gen Men­schen wie Wolf­gang Uhl­mann (Bünd­nis 90) ent­wor­fen wur­de, kei­ne Chan­ce im Bun­des­tag auf eine Mehr­heit hat­te.

Das alles sind ver­ta­ne Chan­cen, die uns heu­te ein­ho­len und von Men­schen, die mei­nen, zu kurz gekom­men zu sein, arti­ku­liert wer­den.

Die Sache mit dem Rechts­extre­mis­mus knüpft da lei­der an. Denn sofort nach Öff­nung der Gren­zen am 9.11.1989 kamen ver­schie­de­nen Rechts­extre­mis­ten in den Osten und tra­fen da teil­wei­se auf gro­ße Zustim­mung. Es war furcht­bar, dass wir uns wirk­lich schnell Anfang der 1990er-Jah­re schon gegen Rechts­extre­mis­mus enga­gie­ren muss­ten und es heu­te immer noch tun müs­sen. Die Aus­prä­gun­gen haben sich in den letz­ten 30 Jah­ren geän­dert, aber das Enga­ge­ment für eine offe­ne und freie Demo­kra­tie ist wei­ter­hin unglaub­lich wich­tig und des­halb bin ich immer noch mit dabei.

Du bist seit 15 Jah­ren Mit­glied des Bun­des­ta­ges. Die­se vier­te Legis­la­tur­pe­ri­ode wird Dei­ne letz­te sein, da Du nicht wie­der kan­di­die­ren wirst. Unse­re Frak­ti­on setzt sich ja aus sehr unter­schied­li­chen Per­so­nen zusam­men. Einen Teil der Unter­schie­de kann aus­ma­chen, wo jemand her­kommt. Machst Du Unter­schie­de aus zwi­schen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus dem Osten und dem Wes­ten und wenn Du sol­che wahr­nimmst, haben die­se sich im Lau­fe der Jah­re ver­än­dert?

Da ich, bis ich 2005 in den Bun­des­tag kam, immer in Leip­zig und Umge­bung gelebt habe, sind mir die Unter­schie­de zwi­schen Ost und West erst so rich­tig auf­ge­fal­len, seit ich im Bun­des­tag bin. Das fängt in unse­rer eige­nen Frak­ti­on ja an, wo wir von 67 Frak­ti­ons­mit­glie­dern nur 6 ost­deut­sche sind.

Und inter­es­san­ter­wei­se ver­steht man sich in bestimm­ten Situa­tio­nen unter ost­deut­schen Kol­le­gIn­nen im Bun­des­tag frak­ti­ons­über­grei­fend auch ganz gut.

Ins­ge­samt habe ich den Ein­druck, dass es heu­te stär­ker als noch vor eini­gen Jah­ren wahr­ge­nom­men wird, ob man aus Ost- oder West­deutsch­land kommt.

Mein Wunsch ist, dass wir das Jahr 2020 und damit 30 Jah­re Wie­der­ver­ei­ni­gung beid­sei­tig nut­zen, uns bes­ser zuzu­hö­ren und von den Erfah­run­gen der jeweils ande­ren ler­nen.

Das gilt auch für unse­re eige­ne Par­tei. Da freue ich mich, dass seit dem letz­ten Jahr mehr Wert dar­auf gelegt wird, auch die ost­deut­sche Per­spek­ti­ve stär­ker mit ein­zu­be­zie­hen. Das freut mich und ich hof­fe, dass dies wei­ter so bleibt.

Lie­be Moni­ka, herz­li­chen Dank für die Ein­bli­cke in die­sen Teil deut­scher Geschich­te!