Wehrpflicht, gesellschaftliches Pflichtjahr oder ..?

Die Debat­te läuft. Eine ers­te Ent­schei­dung wur­de getrof­fen. Die Mus­te­rung kommt zurück. Zen­tra­le Fra­gen blei­ben offen: Wird die alte Wehr­pflicht für jun­ge Män­ner wie­der in Kraft gesetzt? Oder gibt es gar eine Mehr­heit für ein ver­pflich­ten­des Gesell­schafts­jahr für alle? Ich infor­mie­re über den Sach­stand, über mei­ne Gesprä­che mit jun­gen Men­schen und gebe mei­ne Mei­nung wie­der. 

Das Wehr­dienst-Moder­ni­sie­rungs­ge­setz – Ziel

Kon­se­quen­te­re Aus­rich­tung der Bun­des­wehr auf die Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung ange­sichts der mas­si­ven Ver­schär­fung der Bedro­hungs­la­ge in Euro­pa.

Für ein­satz­be­rei­te, kalt­start­fä­hi­ge und durch­hal­te­fä­hi­ge Ein­hei­ten wer­den 460.000 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten inklu­si­ve der Reser­ve für erfor­der­lich gehal­ten.

Im Gesetz­ent­wurf wer­den drei Zie­le defi­niert:

  1. Ver­bes­ser­tes Lage­bild über die in Fra­ge kom­men­den Wehr­pflich­ti­gen
  2. Gewin­nung von deut­lich mehr Frei­wil­li­gen
  3. Mög­lich­keit zur Ver­pflich­tung zum Wehr­dienst

Das Gesetz

Der neue Wehr­dienst setzt zunächst auf die Frei­wil­lig­keit, ermög­licht aber auch die Akti­vie­rung der seit 2011 aus­ge­setz­ten Wehr­pflicht für jun­ge Män­ner. Dafür soll die Mus­te­rung begin­nend für die Jahr­gän­ge ab dem Jahr 2008 wie­der ein­ge­führt wer­den, um ein Lage­bild zu erhal­ten. Die ver­pflich­ten­den Mus­te­run­gen sol­len zum 01. Juli 2027 star­ten.

Das Recht auf Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung soll wie­der prak­ti­sche Rele­vanz erhal­ten.

Die Wehr­pflicht soll mit­tels Rechts­ver­ord­nung akti­viert wer­den kön­nen, wobei die­se vom Bun­des­tag beschlos­sen wer­den soll.

Der Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung wur­de vom Bun­des­tag im Dezem­ber 2025 beschlos­sen. Die Bun­des­tags­frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen lehn­te den Gesetz­ent­wurf ab und brach­te einen Ent­schlie­ßungs­an­trag ein. Die­ser setz­te stär­ker auf die Frei­wil­lig­keit und die Stär­kung des Zivil­schut­zes. Dar­in for­der­te die Frak­ti­on unter ande­rem, dass der Bun­des­tag eine Enquete-Kom­mis­si­on für gesamt­ge­sell­schaft­li­che Resi­li­enz ein­rich­tet. Ziel soll­te ein ergeb­nis­of­fe­ner Dis­kus­si­ons­pro­zess dar­über sein, wie mili­tä­ri­sche und zivi­le Dienst­for­men – frei­wil­li­ge, hybri­de und ver­pflich­ten­de – sowie wei­te­re For­men gesell­schaft­li­cher Mit­wir­kung zur Gesamt­ver­tei­di­gung und Resi­li­enz bei­tra­gen kön­nen. In die Arbeit der Enquete-Kom­mis­si­on soll­ten alle Betei­lig­ten und Betrof­fe­nen, maß­geb­lich jun­ge Men­schen, ein­be­zo­gen wer­den. (Quel­le: Home­page des Bun­des­ta­ges) Die ver­pflich­ten­de Mus­te­rung unter­stüt­zen wir Grü­nen. Hier ist unser Antrag zu fin­den: https://dserver.bundestag.de/btd/21/030/2103081.pdf

 

Ein­bin­dung jun­ger Men­schen

Ich hat­te jun­ge Men­schen zu einem Gespräch expli­zit zur Wehr­pflicht-Debat­te nach Kirch­heim unter Teck gela­den. Sie­ben jun­ge Frau­en und Män­ner waren gekom­men. Der Ter­min fand vor der Abstim­mung im Bun­des­tag statt. In der klei­nen Dis­kus­si­ons­run­de mit den jun­gen Men­schen war Skep­sis gegen­über einer mög­li­chen Wehrp­licht zu spü­ren. Als Argu­men­te kamen: Man kön­ne dann erst spä­ter in Aus­bil­dung, Stu­di­um und Beruf star­ten. Wer bereits früh mit einem eige­nen Unter­neh­men gestar­tet sei (Start-Up) bekä­me ein Pro­blem. Wenn, dann müs­se die Wehr­pflicht auch für jun­ge Frau­en gel­ten (nicht vor­ge­se­hen, da Ver­fas­sungs­än­de­rung erfor­der­lich wäre). Der Fokus, so eini­ge der jun­gen Leu­te, müs­se auf der Gewin­nung Frei­wil­li­ger lie­gen, wofür die Bun­des­wehr (ggf. mit ande­ren Man­gel­be­ru­fen) stär­ker in den Schu­len wer­ben kön­ne.

Eini­ge der jun­gen Leu­te könn­ten sich eher mit einem all­ge­mei­nen Pflicht­jahr für alle anfreun­den, bei dem man der Gesell­schaft auch im sozia­len Bereich die­nen kön­ne.

Schön war, dass sich alle anwe­sen­den jun­gen Leu­te ins Gemein­we­sen ein­brin­gen oder dazu bereit sind.

 

Kurz vor Weih­nach­ten und damit nach der Abstim­mung im Bun­des­tag lud ich ein­mal mehr zu mei­nem poli­ti­schen Dia­log­for­mat für jun­ge Leu­te, „Poli­tik & Piz­za“, ein (sie­he Sharepic/Foto). Dies­mal lud ich gemein­sam mit der Nür­tin­ger Land­tags­kan­di­da­tin Cla­ra Schwei­zer ein und wir hat­ten den frü­he­ren Gene­ral­se­kre­tär der Bun­des­schü­ler­kon­fe­renz (BSK), Quen­tin Gärt­ner, zu Gast. Es waren mehr als 20 jun­ge Leu­te aus Nür­tin­gen und Umge­bung gekom­men – mehr als wir Platz hat­ten. Dies­mal war die The­men­stel­lung offen. Quen­tin Gärt­ner berich­te­te über sei­ne Arbeit als Gene­ral­se­kre­tär, die genau in die Zeit fiel, als die Poli­tik über die Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht beriet. Gärt­ner hat­te in vie­len Medi­en kri­ti­siert, dass jun­ge Men­schen viel zu wenig poli­tisch ein­ge­bun­den wür­den, so bei Ren­te, Kli­ma­schutz – und in die Wehr­pflicht-Debat­te. Er selbst spricht sich für ein gesell­schaft­li­ches Pflicht­jahr für alle aus. Die ande­ren jun­gen Leu­te brach­ten über­dies vie­le wei­te­re The­men ein. Eine Mei­nung aus der Run­de zur Wehr­pflicht lau­te­te in etwa so: Es wird oft beklagt, dass es zu wenig jun­ge Leu­te gibt. Mit einer Wehr­pflicht wer­den es nicht mehr und die Jun­gen wür­den an ande­ren Stel­len feh­len, wo es schon ohne Wehr­pflicht zu wenig Nach­wuchs gibt. Es gab aber auch die ande­re Stim­me: Kön­nen wir es uns ange­sichts der Bedro­hungs­la­ge leis­ten, so lan­ge mit einer Ent­schei­dung über die Wehr­pflicht zu war­ten?

Mehr als drei Stun­den wur­de aus­gie­big über ver­schie­de­ne The­men dis­ku­tiert und zuge­hört. Es war uns eine Ehre und Freu­de, vie­len Dank an die jun­gen Leu­te fürs Inter­es­se!

 

Mei­ne Mei­nung

Die Bedro­hungs­la­ge ist lei­der vor­han­den und wir brau­chen neben einer Stär­kung des Zivil­schut­zes auch eine hand­lungs­fä­hi­ge Bun­des­wehr. Russ­land soll sich nicht trau­en, mit sei­nen Pro­vo­ka­tio­nen noch wei­ter­zu­ge­hen und West­eu­ro­pa anzu­grei­fen. Daher hal­te ich es für rich­tig, die ver­pflich­ten­de Mus­te­rung wie­der ein­zu­füh­ren, um einen Über­blick über die Jahr­gän­ge zu erhal­ten und für den Dienst bei der Bun­des­wehr zu wer­ben. Die Ver­fas­sung lässt dies nur für jun­ge Män­ner zu. Eine Mehr­heit für eine Ver­fas­sungs­än­de­rung für eine even­tu­el­le Wehr­pflicht für alle jun­gen Men­schen ist nicht abseh­bar. Die Ein­füh­rung einer Wehr­pflicht leh­ne ich gegen­wär­tig ab.

Auch für ein gesell­schaft­li­ches Pflicht­jahr für alle bräuch­te es eine Ver­fas­sungs­än­de­rung. Unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass es dafür kei­ne Mehr­heit gibt, habe ich dazu eine Mei­nung:

Die The­ma­tik wird sehr stark aus der Per­spek­ti­ve oder für die Per­spek­ti­ve derer, die einen sol­chen Dienst leis­ten müss­ten, geführt. An die­ser Stel­le habe ich kei­ner­lei Beden­ken, denn sowohl der Dienst bei der Bun­des­wehr als auch der Dienst an hilfs­be­dürf­ti­gen Men­schen ist jedem Men­schen zumut­bar und stellt eine gro­ße Chan­ce für die Dienst­pflich­ti­gen dar. Ich wei­te aber den Blick auf die ande­re Sei­te: Nicht alle bekom­men den Job, den sie im Rah­men einer Ver­pflich­tung wol­len oder bei Skep­sis am ehes­ten wol­len. Ich erin­ne­re mich an mei­nen Zivil­dienst: Es war extrem schwie­rig, eine Stel­le nach den eige­nen Vor­stel­lun­gen zu bekom­men und nach vie­len ver­geb­li­chen Bewer­bun­gen nicht vom Bun­des­amt eine Zivistel­le zuge­wie­sen zu bekom­men. Es müss­te aber für alle jun­gen Men­schen eine Stel­le ange­bo­ten wer­den – nicht nur für die­je­ni­gen, die gewillt sind, einen Dienst zu ver­rich­ten. Mei­ne Befürch­tun­gen aus lang­jäh­ri­ger Erfah­rung im Sozi­al­be­reich: Mit hilfs­be­dürf­ti­gen und oft­mals wehr­lo­sen Men­schen zu arbei­ten muss man mit der ent­spre­chen­den Ein­stel­lung wol­len. Auch wie­der­um aus Sicht einer gelernten/studierten Kraft: Mir schwingt in der Debat­te immer zu viel mit, die sozia­le Arbeit kön­nen alle leis­ten und erfor­de­re nicht, was man nicht inner­halb eini­ger Tage erler­nen kön­ne. Ich emp­fin­de das bis­wei­len als eine Abwer­tung sozia­ler Beru­fe. Bei einer Ver­si­che­rung oder in einer Werk­statt käme nie jemand auf die Idee zu sagen, das kön­ne jede und jeder mal eine Wei­le mit ein biss­chen Anlei­tung machen. Aber aus­ge­rech­net im Sozi­al­be­reich, in dem es um hilfs­be­dürf­ti­ge Men­schen geht, wird dies offen­bar so gese­hen. Die meis­ten Tätig­kei­ten in Alten- und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen, in Erzie­hungs- und Behin­der­ten­ein­rich­tun­gen set­zen pro­fes­sio­nel­le Arbeit und hier­für eine ent­spre­chen­de Qua­li­fi­zie­rung vor­aus.

Ich war kürz­lich mal wie­der in einer Fach­schu­le für Alten- und Kran­ken­pfle­ge. Die prak­tisch gan­ze Klas­se hat sich dar­über beklagt, im prak­ti­schen Teil ihrer Aus­bil­dung nicht oder nur unzu­rei­chend ange­lei­tet und unter­stützt zu wer­den. Wenn dies schon für Aus­zu­bil­den­de offen­bar eine Über­for­de­rung des Sys­tems dar­stellt, wie soll dies dann gelin­gen, wenn zig­tau­sen­de, unter denen sich teils unwil­li­ge Men­schen befin­den, jeweils nur für weni­ge Mona­te oder ein Jahr kom­men? Das Fach­per­so­nal käme mit der Anlei­tung der Hilfs­kräf­te nicht hin­ter­her und wür­de selbst für die Arbeit an den kran­ken, hilfs­be­dürf­ti­gen Men­schen feh­len. Selbst­ver­ständ­lich gäbe es ande­re Ein­satz­fel­der wie die Feu­er­wehr, das THW und Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen. Der Groß­teil der Stel­len müss­te aber im Sozi­al­be­reich ange­bo­ten wer­den.

So wün­schens­wert ich es fin­de, dass deut­lich mehr (jun­ge) Men­schen ihre Erfah­run­gen im Hel­fen, im Für­sor­gen und im Pfle­gen sam­meln: Das kann nur frei­wil­lig und mit hoher Eigen­mo­ti­va­ti­on einen Sinn machen und den bedürf­ti­gen Men­schen zuge­mu­tet wer­den und hel­fen.