Menschen besser einbinden – Demokratie weiterentwickeln

Die „Basis­de­mo­kra­tie“ gehört seit der Grün­dung zur DNA der Grü­nen. Wel­che For­men der Betei­li­gung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sind zeit­ge­mäß, wer­den also der Kom­ple­xi­tät heu­ti­ger The­men und der Plu­ra­li­tät der Gesell­schaft gerecht?

Als Grü­ne haben wir in der Wei­ter­ent­wick­lung von Betei­li­gungs­for­ma­ten und der direk­ten Demo­kra­tie viel erreicht. Schau­en wir nach Baden-Würt­tem­berg: Mit der Volks­ab­stim­mung über die Mit­fi­nan­zie­rung des Lan­des für Stutt­gart 21 konn­te erst­mals das Volk in einer Sach­fra­ge ent­schei­den. Das Land sah infol­ge des Ergeb­nis­ses davon ab, den Finan­zie­rungs­ver­trag auf­zu­kün­di­gen. Die Ent­schei­dung half, einen gesell­schaft­li­chen Groß­kon­flikt, der aller­dings durch die Abstim­mung zunächst ein­mal wei­ter eska­liert wur­de, weit­ge­hend auf­zu­lö­sen. Ob die Ent­schei­dung aus heu­ti­ger Sicht rich­tig war kann unter­schied­lich bewer­tet wer­den. Grün-Rot senk­te zudem die Hür­den für kom­mu­na­le Bür­ger­ent­schei­de ab und erwei­ter­te die The­men, über die über­haupt abge­stimmt wer­den darf. Seit­her stieg die Anzahl der Bür­ger­ent­schei­de. In Hei­del­berg wur­de bei­spiels­wei­se jüngst über einen Wind­park abge­stimmt. Die­ser erhielt eine gro­ße Zustim­mung. Ver­ein­zelt war danach die Kri­tik zu hören, es hät­ten die­je­ni­gen für die brei­te Mehr­heit gesorgt, die spä­ter die Wind­rä­der von ihren Wohn­ge­bie­ten aus nicht sehen müss­ten.

Volks­ab­stim­mun­gen und Bür­ger­ent­schei­de kön­nen nur nach einem ein­fa­chen Fra­gen­prin­zip und mit der Opti­on auf „Ja“- und „Nein“-Antworten funk­tio­nie­ren. Die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger hat­ten in Hei­del­berg bei­spiels­wei­se nicht die Mög­lich­keit, den Wind­park in ein ande­res Are­al zu ver­schie­ben oder klei­ner oder grö­ßer zu machen. Der Kom­ple­xi­tät der meis­ten Her­aus­for­de­run­gen, die eine Ent­schei­dung ver­lan­gen, wird die­ses Instru­ment direk­ter Demo­kra­tie häu­fig nicht gerecht. Neh­men wir das strit­ti­ge The­ma „Tem­po­li­mit auf Auto­bah­nen“ als ein wei­te­res Bei­spiel. Die Fra­ge könn­te lau­ten: „Sind Sie für eine gene­rel­le Höchst­ge­schwin­dig­keit auf Auto­bah­nen von 130 Stun­den­ki­lo­me­ter?“ Was sol­len die­je­ni­gen ant­wor­ten, die Tem­po 120 oder Tem­po 140 wol­len und was kreu­zen die­je­ni­gen an, die ein Limit erst­mal nur ver­suchs­wei­se oder auf bestimm­ten Stre­cken oder zu bestimm­ten Tages­zei­ten wol­len? Die Fra­gen müs­sen so gestellt sein, dass es ein­deu­ti­ge und nicht inter­pre­ta­ti­ons­fä­hi­ge Ant­wor­ten gibt, wodurch dif­fe­ren­zier­te Ant­wort­op­tio­nen aus­schei­den.

Als Grü­ne for­dern wir seit vie­len Jah­ren Instru­men­te der direk­te­ren Betei­li­gung und Mit­be­stim­mung der Bürger/innen. Eine viel­fäl­ti­ge Demo­kra­tie braucht Ein­mi­schung, Reprä­sen­tanz, Lust zur Aus­ein­an­der­set­zung und Kom­pro­miss­fä­hig­keit.

Volks­ab­stim­mun­gen eig­nen sich dafür nur sehr ein­ge­schränkt. Auf Ableh­nung stößt die AfD-For­de­rung nach „Volks­ab­stim­mun­gen nach Vor­bild der Schweiz“. Es feh­len dort Garan­tien zum Grund­rechts- und Min­der­hei­ten­schutz. Auch der Fach­ver­band für demo­kra­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on, Mehr Demo­kra­tie e.V., äußert sich hier­zu klar: Der AfD zu fol­gen, hät­te fata­le Aus­wir­kun­gen für unse­re Demo­kra­tie, wür­de Men­schen- und

Min­der­hei­ten­rech­te in Fra­ge stel­len und das Par­la­ment unter­lau­fen. „Mehr Demo­kra­tie“ aber setzt auf einen Aus­bau der direk­ten Demo­kra­tie, um die Bür­ger­rech­te und den Par­la­men­ta­ris­mus zu stär­ken. Es geht „Mehr Demo­kra­tie“ nicht um ein Gegen­ein­an­der von direk­ter und par­la­men­ta­ri­scher Demo­kra­tie, son­dern dar­um, sich gegen­sei­tig zu befruch­ten.“ Der Fach­ver­band kri­ti­siert, dass bei der AfD jeg­li­cher Hin­weis auf eine Antrags­stu­fe fehlt und damit eine Über­prü­fung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Zuläs­sig­keit von Volks­be­geh­ren nicht vor­ge­se­hen ist. Das Selbst­be­stim­mungs­recht dür­fe nicht dar­auf hin­aus­lau­fen, die Wür­de „des ande­ren“ zu beschä­di­gen. Sie­he https://www.mehr-demokratie.de/fileadmin/pdf/2024/2023–10_MD_AfD_Unterschiede_4.pdf

Zwi­schen­fa­zit: Volks­ab­stim­mun­gen erlau­ben nur Schwarz-Weiß-Fra­ge­stel­lun­gen, wer­den der Kom­ple­xi­tät vie­ler Her­aus­for­de­run­gen und der Viel­falt denk­ba­rer Lösungs­we­ge häu­fig nicht gerecht. Sie füh­ren zu einer star­ken Pola­ri­sie­rung in der Gesell­schaft, da sie die gemein­sa­me Suche nach Lösun­gen erschwe­ren.

Des­halb set­zen wir uns für Bür­ger­rä­te ein. Mit die­sen wird die Mög­lich­keit geschaf­fen, bei aus­ge­wähl­ten The­men die All­tags­exper­ti­se von zufäl­lig aus­ge­wähl­ten Bürger/innen in die Gesetz­ge­bung ein­flie­ßen zu las­sen. Bür­ger­rä­te kön­nen nach unse­rem Plan auf Initia­ti­ve der Regie­rung, des Par­la­ments oder als Bür­ger­be­geh­ren, also aus der Bevöl­ke­rung her­aus, zu einer kon­kre­ten Fra­ge­stel­lung ein­ge­setzt wer­den.

Wir hal­ten die­se Form der Betei­li­gung in Zei­ten star­ker Pola­ri­sie­rung und Plu­ra­li­sie­rung für ein gutes Instru­ment, um unter­schied­li­che gesell­schaft­li­che Per­spek­ti­ven wie­der mit­ein­an­der ins direk­te Gespräch zu brin­gen. Hier kön­nen Men­schen sich frei, gleich und fair eine Mei­nung bil­den, unbe­ein­flusst von Lob­by­in­ter­es­sen. Nicht als Kon­kur­renz zum Par­la­ment, son­dern als Ergän­zung und Stär­kung. In Baden-Würt­tem­berg ließ sich die Lan­des­re­gie­rung bei­spiels­wei­se beim Nicht­rau­cher­schutz durch die­ses Instru­ment bera­ten.

Um die gesell­schaft­li­chen Grä­ben zu ver­rin­gern und die Demo­kra­tie zu ver­bes­sern brau­chen wir demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren, in denen die Bürger/innen sich bera­ten und ein­brin­gen kön­nen. Men­schen, die sonst nie wirk­lich mit­ein­an­der spre­chen, müs­sen sich hier auf die Argu­men­te der ande­ren ein­las­sen. Es geht um den Aus­tausch von Argu­men­ten, um Zuhö­ren, sich Ein­las­sen. Hass, Het­ze, Lügen und Stamm­tisch-Paro­len tre­ten erfah­rungs­ge­mäß in den Hin­ter­grund und ver­schwin­den häu­fig ganz, wenn es um kon­struk­ti­ven Dia­log geht.

Auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne (Baden-Würt­tem­berg) sowie in man­chen Kom­mu­nen wur­den bereits posi­ti­ve Erfah­run­gen mit Bür­ger­rä­ten gesam­melt. Dabei kamen bis­wei­len Emp­feh­lun­gen zustan­de, die in die­ser Form zuvor in der Poli­tik noch gar nicht dis­ku­tiert wur­den.

Wei­ter­füh­ren­de Links:

https://www.matthias-gastel.de/mit-demokratie-in-baden-wuerttemberg-zufriedener-als-anderswo/

https://www.matthias-gastel.de/oft-gestellte-fragen‑2/