Fernverkehr: Fairer Wettbewerb oder Wilder Westen?

Noch fährt DB Fern­ver­kehr 92 Pro­zent des Ange­bo­tes im Fern­ver­kehr. Der markt­be­herr­schen­de Anteil des Staats­un­ter­neh­mens brö­ckelt schon seit eini­gen Jah­ren leicht. In weni­gen Jah­ren könn­te sich ein stär­ke­rer Wett­be­werb ent­wi­ckeln – und für die Fahr­gäs­te häu­fi­ger eine Alter­na­ti­ve zur Deut­schen Bahn auf­tun.

Flix­train ist schon seit eini­gen Jah­ren auf dem Fern­ver­kehrs­markt unter­wegs. Aller­dings ist das Unter­neh­men mit einem alten, wenig kom­for­ta­blen und noch dazu lang­sa­me­ren Fuhr­park aus 15 Zügen im Ein­satz. Doch es hat 65 neue Tal­go-Züge auf ICE-Niveau im Wert von 2,4 Mil­li­ar­den Euro bestellt. Der Start ist für 2028 oder 2029 vor­ge­se­hen. Man wer­de damit zum größ­ten pri­va­ten Fern­ver­kehrs­an­bie­ter in Euro­pa, so Flix-Chef Schwämm­lein im Spie­gel-Inter­view[1]. Damit wol­le man „alle gro­ßen Bal­lungs­räu­me ver­bin­den, jede Groß­stadt.“ Von Mün­chen aus gehe es dann unter ande­rem Rich­tung Frank­furt, Ham­burg und Ber­lin. Man wol­le „ein voll­stän­di­ges Netz“ im Stun­den­takt betrei­ben und nicht nur ein­zel­ne Renn­stre­cken. Von der DB abgren­zen wol­le man sich beim Preis. Man wol­le zudem „Fami­li­en­ab­tei­le, moder­ne Dis­plays und Wi-Fi-Lösun­gen bie­ten, Snack­au­to­ma­ten und einen bar­rie­re­frei­en Ein­stieg.“ Auf klas­si­sche Bord-Bis­tros will Flix ver­zich­ten. In 10 bis 20 Jah­ren wol­le man in wei­te­ren Län­dern außer in Deutsch­land fah­ren.

Hin­zu kommt Italo, das ita­lie­ni­sche Staats­un­ter­neh­men, das sich eben­falls mit neu­en Wagen auf den Markt­ein­tritt vor­be­rei­tet. Bestellt wur­den bei Sie­mens 26 Züge für 3,6 Mil­li­ar­den Euro. Zudem wur­de eine Opti­on auf 14 wei­te­re Züge gesi­chert. Ab Mit­te 2028 wird das Unter­neh­men laut CEO La Roc­ca auf zwei Haupt­kor­ri­do­ren ver­keh­ren. Der eine läuft von Mün­chen über Köln nach Dort­mund, der ande­re von Mün­chen über Ber­lin nach Ham­burg.[2] Die bis zu 320 Stun­den­klo­me­ter schnel­len Züge wür­den über Bis­tro­wa­gen ver­fü­gen und „ultra­schnel­les“ WLAN bie­ten. Italo hat in Ita­li­en sein Ange­bot über Jah­re hin­weg Schritt für Schritt aus­ge­baut. Berich­tet wird von deut­lich gesun­ke­nen Ticket­prei­se durch den Wett­be­werb mit der dor­ti­gen Staats­bahn und der Ver­drän­gung des inner­ita­lie­ni­schen Flug­ver­kehrs.

Für Bahn­kun­den bedeu­tet Wett­be­werb eine Ver­gleichs­mög­lich­keit von Ange­bo­ten und Prei­sen, erwart­bar eine bes­se­re Qua­li­tät und nied­ri­ge­re Fahr­schein­prei­se. Schließ­lich will jedes Ver­kehrs­un­ter­neh­men mög­lichst vie­le Fahr­gäs­te für sich gewin­nen und eine hohe Aus­las­tung der Züge errei­chen.

Aller­dings dürf­ten sich die Vor­zü­ge des Wett­be­werbs auf die hoch­ren­ta­blen Stre­cken zwi­schen den Metro­po­len beschrän­ken. Hier hat die Bun­des­netz­agen­tur ein Ver­ga­be­ver­fah­ren für knap­pe Tras­sen auf den Weg gebracht: Die Deut­sche Bahn wird Antei­le auf dem Fern­ver­kehrs­markt an die Wett­be­wer­ber abtre­ten müs­sen. Abseits der nach­fra­ge­star­ken Stre­cken könn­te das Gegen­teil gesche­hen. Denn heu­te fährt DB Fern­ver­kehr mit einem Misch­kal­ku­la­ti­ons-Kon­zept: Neben den ren­ta­blen Stre­cken wer­den auch sol­che mit­be­dient, die für sich genom­men nicht wirt­schaft­lich sind, aber für vie­le Regio­nen von hoher Bedeu­tung sind. Wett­be­werb zwingt zu stär­ke­rem Kos­ten­be­wusst­sein und gefähr­det so man­che Ver­bin­dun­gen.

Soll man also den Wett­be­werb ableh­nen? Wir mei­nen nein: Die Leis­tun­gen von DB Fern­ver­kehr las­sen sehr zu wün­schen übrig. Wenn ich mal mei­ne Erleb­nis­se aus­wer­te, die ich in mei­nem Online-Bahn­ta­ge­buch ver­öf­fent­li­che, so stel­le ich fest: Die Kom­mu­ni­ka­ti­on gegen­über den Rei­sen­den ist unver­än­dert zu häu­fig man­gel­haft. Bei der Hälf­te der Fahr­ten ist die Gas­tro­no­mie nicht oder nur ein­ge­schränkt ver­füg­bar. Für die­se Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die oft nicht funk­tio­nie­ren, ist allei­ne die DB ver­ant­wort­lich (anders als für die oft maro­de Infra­struk­tur). Der Wett­be­werb kann also man­che Träg­heit im Manage­ment durch ech­tes Enga­ge­ment für die Rei­sen­den abzu­lö­sen hel­fen. Im Übri­gen lässt sich Wett­be­werb auch gar nicht ver­hin­dern: Alle Eisen­bahn­un­ter­neh­men haben das Recht auf Netz­zu­gang. DB Infra­GO darf beim Netz­zu­gang kein Unter­neh­men dis­kri­mi­nie­ren. Aber was tun, um Wett­be­werb auf einem Netz mit beschränk­ten und oft­mals aus­ge­las­te­ten Kapa­zi­tä­ten fair zu gestal­ten? Wie kann Fern­ver­kehr in der Flä­che gesi­chert und sogar aus­ge­baut wer­den? Ist sicher­ge­stellt, dass nicht Regio­nal- und Güter­ver­kehr ver­drängt wer­den?

All das fin­det bei der Bun­des­netz­agen­tur zu wenig Berück­sich­ti­gung. Die Koali­ti­on aus CDU/CSU und SPD hält sich gar kom­plett zurück, statt für einen fai­ren Wett­be­werb zu sor­gen. Dass hal­te ich für einen Rie­sen­feh­ler! Auch für die Erhö­hung der Kapa­zi­tät im Schie­nen­netz kommt von die­ser Koali­ti­on so gut wie nichts.

Mein State­ment zur Ent­schei­dung der Bun­des­netz­agen­tur:

„Ich hat­te der Bun­des­netz­agen­tur eine aus­führ­li­che Stel­lung­nah­me mit Vor­schlä­gen zukom­men las­sen. Auch ande­re Abge­ord­ne­te waren aktiv. Lei­der kann ich nicht erken­nen, dass die Behör­de irgend­wel­che Anre­gun­gen aus der Mit­te des Deut­schen Bun­des­tags auf­ge­grif­fen hat. Es erfolg­ten kei­ne Anpas­sun­gen, um etwa wirt­schaft­lich weni­ger ren­ta­ble Fern­ver­keh­re zu schüt­zen. Das ist nicht erklär­bar. Wir wer­den das im Ver­kehrs­aus­schuss erneut the­ma­ti­sie­ren.
Im gesam­ten Ver­fah­ren ist auch klar gewor­den: Die Bun­des­re­gie­rung muss für eine fai­re Rege­lung im Fern­ver­kehr die Geset­ze anpas­sen. Die Aus­wei­tung des Fern­ver­kehrs abseits der Sprin­ter­stre­cken ist nur mit Unter­stüt­zung des Bun­des mög­lich. Im Grund­ge­setz ist die­se Mög­lich­keit expli­zit vor­ge­se­hen. Doch das ent­spre­chen­de Bun­des­ge­setz ist bis heu­te nicht erlas­sen wor­den. Wett­be­werb muss fair sein und den Fahr­gäs­ten Vor­tei­le brin­gen. Dafür wer­de ich wei­ter­hin kämp­fen.“

Zu unse­rer Idee für mehr Fern­ver­kehr in der Flä­che: Die Tras­sen­prei­se soll­ten dort, wo es kei­ne oder weni­ge Ange­bo­te zwi­schen grö­ße­ren Städ­ten gibt, gesenkt wer­den. Wir kön­nen uns auch Aus­schrei­bun­gen wie im Regio­nal­ver­kehr vor­stel­len. Wir wol­len, dass der Deutsch­land­takt mit sei­nen deut­li­chen Ver­bes­se­run­gen bei den Ange­bo­ten umge­setzt wird. Dazu haben wir einen Antrag in den Bun­des­tag ein­ge­bracht. Sie­he https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1194236

[1] Der Spie­gel vom 29.07.2026, zudem Inter­view A. Schwämm­lein in Frank­fur­ter Rund­schau vom 13.07.2026

[2] Han­dels­blatt vom 20. Juli 2026