Auswege aus dem täglichen Pendlerstau

10.06.2017 (Ver­öf­fent­licht als Gast­bei­trag im Ber­li­ner Tages­spie­gel)

Pend­ler­re­pu­blik: Wei­te Wege in den Stau

Die Pend­ler­zah­len stei­gen, die Arbeits­we­ge wach­sen – mit schwer­wie­gen­den Fol­gen für Umwelt und Mobi­li­tät. Dafür ist die der­zei­ti­ge Ver­kehrs­po­li­tik zu ver­ant­wor­ten. Nun sind grund­sätz­lich neue Lösungs­an­sät­ze gefragt.

Mat­thi­as Gast­el ist Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges (Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen) und Mit­glied im Aus­schuss für Ver­kehr und digi­ta­le Infra­struk­tur.

All­mor­gend­lich, wenn sich die Berufs­tä­ti­gen auf den Weg zur Arbeit machen, bricht der Ver­kehr auf vie­len Stra­ßen zusam­men. Noch nie gab es in Deutsch­land so vie­le Pend­ler wie heu­te: Ver­lie­ßen im Jahr 2000 noch 53 Pro­zent aller Beschäf­tig­ten ihren Wohn­ort, um zum Arbeits­platz zu gelan­gen, so sind es heu­te bereits 60 Pro­zent. Eine ver­fehl­te Bau- und Ver­kehrs­po­li­tik hat die­se Ent­wick­lung geför­dert und sorgt für immer wei­te­re Arbeits­we­ge.

So wer­den Wohn- und Gewer­be­struk­tu­ren stär­ker denn je getrennt und neue Bau­flä­chen ger­ne abseits von Bahn­stre­cken aus­ge­wie­sen. Die Pend­ler­pau­scha­le gleicht Fahrt­kos­ten aus, so dass vie­le für ein klei­nes Gehalts­plus auf dem Lohn­zet­tel bereit sind, deut­lich län­ge­re Stre­cken in Kauf zu neh­men – vor allem dann, wenn ein steu­er­lich begüns­tig­ter Dienst­wa­gen mit Tank­flat­rate zur Ver­fü­gung steht. Die Fol­ge ist, dass in Groß­städ­ten wie Frank­furt, Stutt­gart oder Düs­sel­dorf inzwi­schen zwei Drit­tel aller Beschäf­tig­ten außer­halb der Stadt­gren­zen woh­nen und die Anzahl der Fern­pend­ler mit einem ein­fa­chen Arbeits­weg von über 150 Kilo­me­tern auf 1,3 Mil­lio­nen Per­so­nen gestie­gen ist.

Immer mehr neue oder brei­te­re Stra­ßen sol­len dafür sor­gen, dass sich län­ge­re Stre­cken in der glei­chen Zeit zurück­le­gen las­sen. Die­se Rech­nung geht aller­dings nicht auf – denn die erwei­ter­ten Stra­ßen­ka­pa­zi­tä­ten wer­den regel­mä­ßig vom Ver­kehrs­wachs­tum auf­ge­fres­sen. Das Auto ist zuneh­mend die Mobi­li­täts­form, die mit dem Stau den Still­stand und damit das Gegen­teil ihrer Bestim­mung erzwingt. Trotz­dem dau­ert es erfah­rungs­ge­mäß nicht lan­ge, bis der Ruf nach erneu­ten Stra­ßen­aus­bau­ten ertönt.

Die Fol­gen die­ser Logik, der wei­te Tei­le der Poli­tik all­zu ger­ne fol­gen, sind fatal: Die Luft­be­las­tung in den Städ­ten ver­harrt trotz tech­ni­scher Fort­schrit­te auf gesund­heits­ge­fähr­den­der Höhe. Der Flä­chen­ver­brauch für den Ver­kehr steigt gleich zwei­mal: Ers­tens für immer mehr Fahr­zeu­ge, die 23 Stun­den am Tag ste­hen und dafür häu­fig an zwei Orten – zuhau­se und am Arbeits­platz – reser­vier­te Park­plät­ze bean­spru­chen. Und zwei­tens für neue Stra­ßen, die dem Stau hin­ter­her­ge­baut wer­den, ohne die Pro­ble­me lang­fris­tig zu lösen.

All dies macht deut­lich: Ein grund­sätz­li­ches Umsteu­ern in der Ver­kehrs­po­li­tik ist nötig. Fehl­an­rei­ze, die län­ge­re Fahrt­we­ge attrak­tiv machen und Flä­chen­ver­brauch, Res­sour­cen­ver­schwen­dung und Luft­be­las­tun­gen för­dern, gehö­ren abge­stellt. Dazu muss – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – mehr­glei­sig gefah­ren wer­den.

Wir brau­chen eine Offen­si­ve für den öffent­li­chen Ver­kehr. Doch die Mit­tel, die der Bund für den Aus­bau des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs zur Ver­fü­gung stellt, wur­den seit 20 Jah­ren nicht erhöht. Dies kommt real einer Kür­zung gleich. Im Bun­des­tag wol­len wir Grü­ne daher eine Ver­drei­fa­chung der Nah­ver­kehrs­in­ves­ti­tio­nen. Auch beim Regio­nal- und Fern­ver­kehr muss die Bun­des­re­gie­rung end­lich ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den und den Aus­bau der nöti­gen Infra­struk­tur an den – nicht zufäl­lig so genann­ten – Bun­des­schie­nen­we­gen vor­an­trei­ben.

Zudem wol­len wir die Nut­zung ver­schie­de­ner Ver­kehrs­mit­tel jen­seits des eige­nen Pkw mit einem grü­nen Mobil­pass ver­ein­fa­chen. Die Pend­ler sol­len nicht mehr über ver­schie­de­ne Tarif­sys­te­me und Zonen­gren­zen nach­den­ken müs­sen. So wird mit dem Mobil­pass die Nut­zung und Kom­bi­na­ti­on von Bahn, Bus, Fäh­re oder Car­sha­ring kin­der­leicht – von Sylt bis zur Zug­spit­ze.

Die Poten­tia­le des im Trend lie­gen­den Rad­ver­kehrs wol­len wir heben. Mehr als die Hälf­te der Arbeits­we­ge in Deutsch­land sind kür­zer als zehn Kilo­me­ter und damit ide­al für das Rad oder E‑Bike. Trotz­dem fah­ren in Deutsch­land zwei Drit­tel der Beschäf­tig­ten mit dem Auto zur Arbeit und nicht ein­mal jeder Zehn­te schwingt sich aufs Rad. Wie ein Blick in die Nie­der­lan­de zeigt, machen Rad­schnell­we­ge das Fahr­rad ins­be­son­de­re für Berufs­pend­ler in Bal­lungs­räu­men attrak­tiv. Um eine moder­ne Mobi­li­tät zu ermög­li­chen und Staus zu ver­hin­dern, wol­len wir Grü­ne den Bau von Rad­schnell­we­gen kon­se­quent vor­an­trei­ben.

Arbeit­ge­ber kön­nen das Rad­fah­ren ihrer Beschäf­tig­ten durch die Ermög­li­chung von Fahr­rad­lea­sing – gesetz­lich ist das Diens­t­rad dem Dienst­wa­gen gleich­ge­stellt – för­dern. Für den Arbeit­ge­ber ist das eine loh­nen­de Inves­ti­ti­on: Arbeit­neh­mer, die regel­mä­ßig mit dem Fahr­rad fah­ren, sind nach­weis­lich sel­te­ner krank.

Um den Berufs­ver­kehr effi­zi­en­ter zu gestal­ten und Staus zu ver­mei­den, lohnt es sich nicht zuletzt, die Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung für städ­ti­sche wie länd­li­che Regio­nen zu nut­zen und dem Ridesha­ring – der moder­nen Form der Fahr­ge­mein­schaft – zum Auf­trieb zu ver­hel­fen. Mit der der­zei­ti­gen Ver­kehrs­po­li­tik pas­siert noch immer das Gegen­teil: Gera­de in den Haupt­ver­kehrs­zei­ten sinkt der Beset­zungs­grad im Auto, obwohl in den letz­ten Jah­ren neue Apps das gemein­sa­me Auto­fah­ren stark ver­ein­facht haben. Der Bun­des­ge­setz­ge­ber soll­te daher Fahr­ge­mein­schaf­ten för­dern, indem er klar­stellt, dass Fahrt­kos­ten­be­tei­li­gun­gen bei nicht gewerb­li­chen Fahr­ge­mein­schaf­ten kei­ne steu­er­recht­li­chen Fol­gen haben.

Kür­ze­re Arbeits­we­ge und bes­se­re Alter­na­ti­ven zum pri­va­ten Auto bie­ten eine Win-Win-Situa­ti­on für alle: Wenn Staus weni­ger wer­den, wird die Luft bes­ser, der Lärm geht zurück und die Lebens­qua­li­tät steigt – ins­be­son­de­re in Städ­ten. Gleich­zei­tig kom­men auch die­je­ni­gen, die täg­lich auf das Auto oder den Trans­por­ter ange­wie­sen sind, bes­ser vor­an. Es lohnt sich im Inter­es­se der Men­schen und der Umwelt, eine sol­che Ver­kehrs­wen­de anzu­pa­cken!

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