Kürzlich war ich zu Besuch beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart zu Gast und sprach mit Geschäftsführerin und Geschäftsführer über die aktuellen Herausforderungen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Der Schwerpunkt lag auf der Sicherung von Anschlüssen von der Bahn auf den Bus und der Qualität von Echtzeitinformationen für Fahrgäste.
Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) bündelt als regionaler Verkehrsverbund Planung, Tarif und Vertrieb des öffentlichen Personennahverkehrs in der Landeshauptstadt Stuttgart sowie in den fünf Nachbarlandkreisen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und Rems-Murr-Kreis mit insgesamt etwas mehr als 3.700 Quadratkilometern Fläche und 2,8 Millionen Einwohnern. Er nimmt monatliche Regionalbusauswertungen für die Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger in Bezug auf Echtzeitqualität und Pünktlichkeitsquoten vor.
Aufgrund der stetig steigenden Vielzahl an Baumaßnahmen sowohl im Eisenbahnnetz als auch im Straßennetz steht der VVS vor immer größeren Herausforderungen. Um die Auswirkungen der verschiedenen Baustellen für Fahrgäste möglichst gering zu halten, stimmt sich der VVS in einem Arbeitskreis ständig mit den verschiedenen kommunalen Aufgabenträgern und Verkehrsunternehmen ab. Die Zahl der Baustellen und betrieblichen Einschränkungen für Bus- und Bahnverkehre wächst stetig an, wodurch auch die Zahl der verschiedenen Linien und Fahrplanversionen mit ansteigt: Im Bereich der S‑Bahn und des Regionalverkehrs ist Zahl der Linienverläufe innerhalb von 3 Jahren um über 50 Prozent gestiegen. Diese Zunahme sorgt nicht nur bei der Planung von Fahrten oder Betriebsabläufen für Herausforderungen, sondern erfordert auch zunehmenden zeitlichen und personellen Mehraufwand beim Datenmanagement und der Aktualisierung der Echtzeit-Informationssysteme.
Anschlusssicherung
Ebenso sprachen wir auch über die Verbesserung von Anschlussaufnahmen. Die Übergangszeit zwischen zwei verschiedenen öffentlichen Nahverkehrsmitteln beträgt sieben Minuten (fünf Minuten Umsteigezeit plus zwei Minuten Verspätungspuffer). Je nach lokaler Situation kann der Zeitkorridor auf fünf Minuten reduziert oder auf bis zu 10 Minuten ausgeweitet werden. In meinem Wahlkreis erlebe ich es gerade an der Schnittstelle zwischen S‑Bahn, Regionalzügen und Regional- und Nahverkehrsbussen in letzter Zeit aber leider vermehrt, wie Anschlüsse aufgrund von wenigen Augenblicken verpasst werden. Kommt ein Zug mit einigen Minuten Verspätungen an, kommt es vor, dass der Anschlussbus gerade abgefahren ist. Er hätte oft nur eine halbe Minute warten müssen. Das Fahrpersonal in den Bussen bekommt aber keine Informationen über Verspätungen und keinen Auftrag, zu warten – oder pünktlich abzufahren.
Ein Problem hierbei liegt neben knappen Umlauf- und Pufferzeiten der Linien vor allem an der teilweise mangelhaften oder nicht funktionstüchtigen Informations-Ausstattung der einzelnen Fahrzeuge lokaler Verkehrsunternehmen, sodass der Datenfluss wichtiger Informationen unterbrochen wird. Auch die steigende Zahl der Baustellen und der betrieblichen Einschränkungen stellen hier eine Herausforderung dar, da die damit verbundene Fahrzeitverlängerungen teilweise auch zur Verringerung der Zeitpuffer führen können und dadurch Zeit für das Warten auf Anschlussreisende fehlt,.
Seit 20 und mehr Jahren beschäftigt mich dieses Thema. Denn Reiseketten müssen verlässlich funktionieren und Anschlüsse dürfen nicht wegen weniger Sekunden verloren gehen. Leider stelle ich nicht fest, dass Anschlüsse verlässlicher gesichert werden. Angesichts (theoretisch) verfügbarer Technik ist dies ein Armutszeugnis. Versprechen, dass es besser werden soll, habe ich schon viele gehört. So auch diesmal wieder: Der Verkehrsverbund will in den kommenden Monaten gemeinsam mit lokalen Verkehrsunternehmen nachbessern, um die Anschlussaufnahmen zu verbessern. Dazu heißt es: Mithilfe der gespeicherten Echtzeitdaten ist eine Anschlussanalyse möglich. Geplant ist eine automatische Analyse. Künftig können so mehr Anschlussdaten als bisher analysiert werden, und eine dringend erforderliche quantitative Ausweitung der Qualitätskontrolle wird möglich.
Echtzeitinformation
Bei Vergabe von Busleistungen wird eine 90%-ige Echtzeitverfügbarkeit je Linie gefordert. Tatsächlich liegt diese derzeit bei nur 70 Prozent über alle Linien hinweg. Die verfügbaren Systeme zeigen zudem nicht immer die tatsächlichen Verspätungen. Die Echtzeitdaten laufen in einer VVS-Datendrehscheibe zusammen. Zudem kann es vorkommen, dass Reisende in unterschiedlichen Auskunftsportalen unterschiedliche Angaben sehen. Der VVS beabsichtigt, verstärkt mit den Busunternehmen in einen Austausch zu gehen.
Weitere Themen
Weitere Gesprächsthemen waren die Möglichkeiten für die Busbeschleunigung mittels Busspuren und Bevorrechtigung an Ampeln sowie die baldige Beendigung der Barzahlungsoption in den Bussen.
Wie weiter?
Mich stellen die Situation wie auch die Aussichten keineswegs zufrieden. Die Fahrgäste müssen sich auf in hohem Maße zuverlässige Reiseketten mit Anschlusssicherung verlassen können. Daher habe ich mich, auch nicht zum ersten Mal, an den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gewandt. Ich habe diesen auf die „Heterogenität der Systemlandschaft“, in der die verschiedenen Systeme nicht verlässlich miteinander kommunizieren und für die Koordination der beteiligten Verkehrsunternehmen bzw. deren Systeme direkte Einblicke fehlen, hingewiesen. Auch habe ich festgestellt, dass mir nach wie vor völlig ungeklärt zu sein scheint, wie das Fahrpersonal klare Befehle für „Warten auf Fahrgäste“ oder „pünktlich abfahren“ erhält. Nach meiner Beobachtung gibt es nach wie vor gar keine entsprechenden Informationen bzw. Befehle. Ich meine, es braucht ein hohes Maß an Standardisierung und klare Aufträge für die Busfahrer/innen, ob sie warten oder pünktlich abfahren sollen.
