Besuch bei Mahle – Mehr als Kolben

27.10.2018

Auf dem Weg aus der fossilen Abhängigkeit

Wie kann sich ein Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer, der von der Ver­bren­nungs­tech­no­lo­gie anhän­gig ist, auf zukunfts­fä­hi­ge Fahr­zeug­an­trie­be ein­stel­len? Die­ser Fra­ge gin­gen wir bei einem Besuch des „Kol­ben­her­stel­lers“ Mah­le in Stutt­gart-Bad Cann­statt nach.

Mah­le, gegrün­det im Jahr 1920, wur­de vor allem mit sei­nen Kol­ben („Kol­ben-Mah­le“) bekannt. Mit die­sem Pro­dukt macht das Unter­neh­men ange­sichts sei­ner gewach­se­nen Pro­dukt­viel­falt inzwi­schen aber nur noch rund zehn Pro­zent sei­nes Umsat­zes. Das Unter­neh­men mit sei­nen 78.000 Beschäf­tig­ten (3.000 davon in Stutt­gart) an welt­weit 170 Pro­duk­ti­ons­stand­or­ten gene­riert einen Jah­res­um­satz von 12,8 Mil­li­ar­den Euro. Eine Beson­der­heit: Mah­le befin­det sich im Eigen­tum der Mah­le-Stif­tung. Die Divi­den­den flie­ßen aus­schließ­lich gemein­nüt­zi­gen Zwe­cken zu. Der Kon­zern glie­dert sich in die vier Geschäfts­be­rei­che Motor­sys­te­me und ‑kom­po­nen­ten (hier­un­ter fal­len die berühm­ten Kol­ben), Fil­tra­ti­on und Motor­pe­ri­phe­rie (zur Stei­ge­rung der Effi­zi­enz und Lebens­dau­er der Moto­ren und Redu­zie­rung von Emis­sio­nen), Ther­mo­ma­nage­ment (es geht um die rich­ti­ge Tem­pe­rie­rung der Kom­po­nen­ten und des Rau­mes, also ums Hei­zen und Küh­len; bei Ver­bren­nern eben­so erfor­der­lich wie bei E‑Fahrzeugen) sowie Ersatzteile/Service. Das Unter­neh­men enga­giert sich zuneh­mend im Bereich der E‑Mobilität: Es ent­wi­ckelt und pro­du­ziert Antriebs­strän­ge sowie Steue­rungs- und Leis­tungs­elek­tro­nik. Beim Ther­mo­ma­nage­ment geht es kon­kret um ein kon­stan­tes Tem­pe­ra­tur­ni­veau und eine gleich­mä­ßi­ge Tem­pe­ra­tur­ver­tei­lung zwi­schen den Bat­te­rie­zel­len zur Erhö­hung der Leis­tung und eine lan­ge Lebens­dau­er der Akkus.

Gemein­sam mit Mit­glie­dern der bei­den Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaf­ten Mobi­li­tät und Wirt­schaft der Grü­nen Baden-Würt­tem­berg habe ich das Unter­neh­men besucht. Unser Besuchs­schwer­punkt galt der Fra­ge, wie es einem Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer gelin­gen kann, sich von der Abhän­gig­keit vom (fos­si­len) Ver­bren­nungs­mo­tor zu lösen und sich zukunfts­fä­hi­gen Antriebs­tech­no­lo­gien zuzu­wen­den. Dar­über spra­chen wir u. a. mit Arnd Franz, einem der Geschäfts­füh­rer, und Dr. Achim Wie­belt von der „Vor­aus­ent­wick­lung“ (hier geht es um die Ent­wick­lung von Pro­duk­ten, die erst in 5 bis 10 Jah­ren auf den Markt kom­men sol­len).

Auf der Home­page von Mah­le wird der Anspruch an sich sel­ber wie folgt beschrie­ben: „Wir haben den Anspruch, Mobi­li­tät effi­zi­en­ter, umwelt­scho­nen­der und kom­for­ta­bler zu gestal­ten, indem wir den Ver­bren­nungs­mo­tor wei­ter opti­mie­ren, die Nut­zung alter­na­ti­ver Kraft­stof­fe vor­an­trei­ben und gleich­zei­tig das Fun­da­ment für die flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung der Elek­tro­mo­bi­li­tät legen.“

Uns wur­de berich­tet, dass acht Pro­zent der Beschäf­tig­ten in der For­schung und Ent­wick­lung tätig sind – ein ver­hält­nis­mä­ßig hoher Wert. Man sei „voll unter­wegs in Sachen Elek­tri­fi­zie­rung“. So wür­de die Bat­te­rie­steue­rung für E‑Bikes, die E‑Motoren für den Renault-Twizzy und E‑Roller gelie­fert. Auch im Nutz­fahr­zeug­be­reich sei Mah­le tätig. Ab 2021/2022 wer­de mit einem spür­ba­ren Markt­hoch­lauf bei der E‑Mobilität gerech­net. Für Bat­te­rie­sys­te­me (kei­ne Zell­pro­duk­ti­on) und Brenn­stoff­zel­len-Kom­po­nen­ten belie­fe­re man Her­stel­ler wie Tes­la. Sei Mah­le im Pkw-Bereich vor eini­gen Jah­ren noch zu rund 80 Pro­zent vom Ver­bren­nungs­mo­tor abhän­gig gewe­sen, lie­ge die­ser Wert heu­te noch bei 40 bis 50 Pro­zent. Der Bereich des Ther­mo­ma­nage­ments mache rund 40 Pro­zent des Umsat­zes aus und wer­de für Ver­bren­nungs- und Elek­tro­mo­to­ren glei­cher­ma­ßen benö­tigt.

Eine sehr leb­haf­te Dis­kus­si­on ent­wi­ckel­te sich an der Fra­ge des Die­sels und der Kraft­stoff­stra­te­gie. Man wer­de auch wei­ter­hin in den Die­sel inves­tie­ren, so die Aus­sa­ge von Mah­le. Noch immer sei­en vie­le Arbeits­plät­ze und sogar gan­ze Stand­or­te wie der in Rott­weil vom Die­sel abhän­gig. Auch für den Kli­ma­schutz sei der Die­sel­mo­tor noch unver­zicht­bar. Ent­schei­dun­gen oder Über­le­gun­gen von Auto­her­stel­lern wie Renault, bei dem die Zukunft des Die­sels jüngst in Fra­ge gestellt wur­de, könn­ten aller­dings noch so eini­ges durch­ein­an­der wir­beln. In klei­ne­ren Autos wür­de der Die­sel­an­trieb wegen sei­ner ver­hält­nis­mä­ßig hohen Kos­ten auf jeden Fall an Bedeu­tung ver­lie­ren, mache jedoch bei Trans­port- und Lang­stre­cken­fahr­zeu­gen wei­ter­hin Sinn. Bei den Ver­bren­nungs­mo­to­ren wür­den in den nächs­ten fünf bis acht Jah­ren noch Poten­tia­le für Effi­zi­enz­stei­ge­run­gen im Bereich von 12 bis 16 Pro­zent gese­hen, beim Ben­zi­ner ein klein wenig mehr als beim Die­sel­mo­tor.

Wenn man bei Mah­le vom Die­sel­mo­tor rede, dann müs­se das nicht bedeu­ten, dass man dem Die­sel­kraft­stoff das Wort rede. Viel­mehr könn­ten und soll­ten fos­si­le Kraft­stof­fe durch Alter­na­ti­ven ersetzt wer­den. Das sahen auch wir (die Mit­glie­der der LAG) im Grund­satz so, spra­chen uns aber dafür aus, E‑Fuels (aus Strom gewon­ne­ne Kraft­stof­fe) und Bio­kraft­stof­fe vor­ran­gig dort ein­zu­set­zen, wo eine Elek­tri­fi­zie­rung auch mit­tel­fris­tig nicht mög­lich sein wird, so in der Schiff­fahrt und im Flug­ver­kehr.

Mah­le sprach sich für kla­re Rah­men­be­din­gun­gen für die Zukunft des (fos­si­len) Ver­bren­nungs­mo­tors aus. Eine Mög­lich­keit sei ein stei­gen­der Anteil der Bei­mi­schung von alter­na­ti­ven Kraft­stof­fen. Bes­ser sei­en Emis­si­ons­vor­ga­ben, bei denen es auf eine Gesamt­be­trach­tung der Ener­gie- und Schad­stoff­bi­lanz (Well to Wheel) ankom­me.

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