Brief an den DB-Chef

22.12.2018

Umgang mit den Wahrheiten rund um Stuttgart 21

Sehr geehr­ter Herr Dr. Lutz,

die vor­ge­se­he­ne Unter­bre­chung der S‑Bahn-Anbin­dung an den Flug­ha­fen Stutt­gart und nach Fil­der­stadt für die Dau­er von einem Jahr und der Umgang Ihres Unter­neh­mens mit die­sem The­ma ver­är­gern mich stark. Ich fra­ge mich wie es sein kann, dass eine Zei­tung dar­über berich­tet und der Stutt­gart 21-Pro­jekt­spre­cher dazu jede Stel­lung­nah­me ver­wei­gert. Das ist die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung, die wir im Zusam­men­hang mit Stutt­gart 21 seit vie­len Jah­ren ken­nen und die zu einem gro­ßen Ver­trau­ens­ver­lust in die Deut­sche Bahn, aber auch in die Poli­tik, geführt hat.

Ich wün­sche mir, nein ich erwar­te, dass Poli­tik und Öffent­lich­keit stets umge­hend über neue Erkennt­nis­se infor­miert wer­den. Die Zei­ten, in denen unan­ge­neh­me Ent­wick­lun­gen erst mit erheb­li­cher Ver­spä­tung  und meis­tens dann, wenn sie sich nicht mehr leug­nen las­sen, ein­ge­räumt wer­den, müs­sen end­lich vor­bei sein! Andern­falls wird noch mehr Por­zel­lan zer­schla­gen.

1. Im Zusam­men­hang mit den geplan­ten Bau­maß­nah­men für die Füh­rung der Züge aus Zürich (Gäu­bahn) an den Stutt­gar­ter Flug­ha­fen habe ich fol­gen­de Fra­gen:

a. Wann wird mit dem Bau der Roh­rer Kur­ve begon­nen und wel­che Beein­träch­ti­gun­gen wer­den davon auf den Betrieb der S‑Bahn aus­ge­hen?

b. Wann wird mit der Anpas­sung der Gleis­la­ge auf der S‑Bahn-Stre­cke begon­nen und wel­che Beein­träch­ti­gun­gen wer­den davon auf den Betrieb der S‑Bahn aus­ge­hen?

c. Wann wird mit den Arbei­ten für den Flug­ha­fen­halt am 3. Gleis begon­nen und wel­che Beein­träch­ti­gun­gen wer­den davon auf den Betrieb der S‑Bahn aus­ge­hen? Wie posi­tio­niert sich die DB zum mög­li­chen Bau eines Inte­rims-Bahn­steigs?

d. Ist sicher­ge­stellt, dass die genann­ten Bau­maß­nah­men alle zeit­gleich erfol­gen oder kön­nen die Beein­träch­ti­gun­gen der S‑Bahn zum Flughafen/nach Fil­der­stadt in der Sum­me län­ger als ein Jahr andau­ern?

Es ist auch an der Zeit, end­lich mal mit ande­ren inner­halb der DB bekann­ten Fak­ten an die Öffent­lich­keit zu gehen:

2. Stutt­gart 21 wird sich nicht mit den 8,2 Mil­li­ar­den Euro fer­tig­stel­len las­sen, von denen noch immer die Rede ist. Die Gesamt­kos­ten für Stutt­gart 21 lie­gen bei über 10 Mil­li­ar­den Euro. Dem Bahn­vor­stand ist dies bekannt. Ich erwar­te, dass die DB als Bau­trä­ge­rin die Öffent­lich­keit über die aus heu­ti­ger Sicht zu erwar­ten­den Kos­ten infor­miert.

3. Ein hal­bes Jahr vor der Inbe­trieb­nah­me des neu­en Stutt­gar­ter Tief­bahn­hofs wird die Tras­se der Gäu­bahn im Rah­men der Bau­maß­nah­men für Stutt­gart 21 an einer Stel­le abge­tra­gen und damit dau­er­haft unter­bro­chen. Die Züge wer­den ab die­sem Zeit­punkt in Stutt­gart-Vai­hin­gen begin­nen und enden. Da die Füh­rung der Gäu­bahn – Stand heu­te – aber erst zwei Jah­re spä­ter in Betrieb gehen soll bedeu­tet dies: Die Züge aus und nach Zürich wer­den min­des­tens 2,5 Jah­re lang nicht an den Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof fah­ren kön­nen, son­dern in Vai­hin­gen begin­nen und enden. Für den Bahn­ver­kehr zwi­schen Baden-Würt­tem­berg und der Schweiz wird dies fata­le Aus­wir­kun­gen haben. Ich erwar­te, dass die DB die Öffent­lich­keit dar­über infor­miert, dass die­se Unter­bre­chung mit einem ver­hält­nis­mä­ßig ein­fa­chen bau­li­chen Auf­wand und Kos­ten im ein­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich ver­mie­den wer­den kann. Die DB muss erklä­ren, wes­halb sie die­se Chan­ce zur Ver­mei­dung eines Rück­baus der Tras­se nicht ergrei­fen möch­te. Andern­falls erwar­te ich, dass die Öffent­lich­keit dar­über infor­miert wird, wie lan­ge die Züge der Gäu­bahn vor­aus­sicht­lich nicht bis zum Haupt­bahn­hof fah­ren kön­nen und auch dar­über, ob in die­ser Zeit ange­sichts des zu befürch­ten­den Aus­blei­bens vie­ler Fahr­gäs­te über­haupt Fern­zü­ge fah­ren wer­den.

4. Wegen der Unter­bre­chung der Gäu­bahn­stre­cke auf Stutt­gar­ter Stadt­ge­biet ent­fällt auch die Aus­weich­stre­cke für die S‑Bahn. Es wird für die S‑Bahn so lan­ge kei­ne Aus­weich­stre­cke geben, wie die Ver­bin­dung zwi­schen Haupt­bahn­hof über den im Bau befind­li­chen Fil­der­tun­nel an den Flug­ha­fen und die Ver­knüp­fung mit der bestehen­den S‑Bahn-Tras­se am Flug­ha­fen nicht fer­tig­ge­stellt ist. Ich erwar­te, dass die DB erklärt, auf wel­che Stre­cke S‑Bahnen der Lini­en S 1, S 2 und S 3 umge­lei­tet wer­den sol­len, wenn die S‑Bahn-Röh­re zwi­schen Haupt­bahn­hof (S‑Bahnhof) und der Sta­ti­on Schwab­stra­ße bei­spiels­wei­se wegen Wei­chen- oder Signal­stö­run­gen gesperrt ist. Ver­mut­lich wird die DB für die Dau­er von min­des­tens 2,5 Jah­ren kei­ne Aus­weich­stre­cke benen­nen kön­nen. Aus Fahr­gast­sicht ist eine S‑Bahn, für die es im Fall einer Betriebs­stö­rung auf lan­ge Zeit kei­ne Alter­na­tivstre­cke gibt, ein höchst unzu­ver­läs­si­ges Ver­kehrs­mit­tel. Inso­fern ist es auch für das Not­fall­kon­zept der S‑Bahn zwin­gend erfor­der­lich, dass die Gäu­bahn­stre­cke in Stutt­gart und damit die Anbin­dung an den Haupt­bahn­hof (oben) erhal­ten bleibt.

Es wird Zeit, dass unan­ge­neh­me Nach­rich­ten nicht erst dann, wenn sie sich nicht mehr ver­drän­gen las­sen, offen kom­mu­ni­ziert wer­den. Daher mei­ne drin­gen­de Bit­te an Sie und die Deut­sche Bahn: Infor­mie­ren Sie die Öffent­lich­keit aktiv und früh­zei­tig, also jetzt, über alle Umstän­de, die uns mit Stutt­gart 21 erwar­ten! Der Umgang mit dem Mil­li­ar­den­pro­jekt Stutt­gart 21 muss grund­le­gend geän­dert wer­den. Die Ära des Ver­tu­schens, Ver­schlei­erns und Ver­harm­lo­sens muss end­lich ein Ende fin­den und von einem früh­zei­ti­gen und ehr­li­chen Aus­spre­chen aller Pro­ble­me abge­löst wer­den. Pro­ble­me las­sen sich, wenn über­haupt, nur lösen, wenn sie aus­ge­spro­chen wer­den. An Pro­ble­men man­gelt es bei Stutt­gart 21 nicht, wohl aber an Mut sei­tens der DB, die Pro­ble­me offen anzu­spre­chen.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Mat­thi­as Gast­el

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