Brief ans EBA zur Gleisneigung bei Stuttgart 21

S 21 Februar 2015 Bild 2

30.06.2015 und 19.10.2015 – Brie­fe ans Eisen­bahn­bun­des­amt

Der Tief­bahn­hof in Stutt­gart soll mit einer star­ken Längs­nei­gung errich­tet wer­den, mit der Richt­wer­te um ein Mehr­fa­ches über­schrit­ten wer­den. Da moder­ne Züge einen gerin­gen Roll­wi­der­stand auf­wei­sen dro­hen hier Gefah­ren. In Köln rol­len immer wie­der Züge wäh­rend des Ein- und Aus­stiegs von Fahr­gäs­ten eini­ge Meter weit davon, bis sie gebremst wer­den. Ich will wis­sen: Wie soll die Sicher­heit in Stutt­gart gewähr­leis­tet wer­den, wenn es schon in Köln bei einem deut­lich gerin­ge­ren Gefäl­le immer wie­der zu Vor­fäl­len kommt. Dazu habe ich im Juni 2015 die zustän­di­ge Geneh­mi­gungs­be­hör­de, das Eisen­bahn­bun­des­amt (EBA), ange­schrie­ben. Nach­dem die Ant­wort völ­lig nichts­sa­gend war, habe ich im Okto­ber 2015 mei­ne Fra­gen wie­der­holt und zuge­spitzt.

Zwei­ter Brief, dies­mal vom 19.10.2015:

Über­höh­te Gleis­nei­gung am Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

vie­len Dank für Ihr Schrei­ben vom 24. Juli 2015. Lei­der blei­ben die von mir auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen zur Gleis­nei­gung in Ihrem Schrei­ben jedoch unbe­ant­wor­tet. Der Ver­weis auf die drei Bun­des­tags­druck­sa­chen ist mei­nes Erach­tens nicht ziel­füh­rend, da in die­sen Druck­sa­chen ande­re Fra­gen gestellt wur­den als ich per Brief vom 24. Juni an Sie rich­te­te. Daher bit­te ich erneut um die Beant­wor­tung der in mei­nem Brief for­mu­lier­ten Fra­gen.

Ins­be­son­de­re bit­te ich Sie um aus­führ­li­che Erläu­te­rung, wie der laut EBO für die Geneh­mi­gung einer über dem Grenz­wert von 2,5 Pro­mil­le lie­gen­den Gleis­nei­gung not­wen­di­ge „Nach­weis glei­cher Sicher­heit“ im Fall der Längs­nei­gung beim Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof kon­kret aus­sieht. Durch wel­che Maß­nah­men hat die Vor­ha­ben­trä­ge­rin die für den Nach­weis glei­cher Sicher­heit not­wen­di­gen Vor­keh­run­gen in nicht zu bean­stan­den­der und nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se erbracht und wodurch ist garan­tiert, dass im Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof beim Hal­ten von Zügen zum Fahr­gast­wech­sel auf­grund der über­höh­ten Gleis­nei­gung unbe­ab­sich­tig­te Weg­roll­vor­gän­ge – wie sie in Köln Hbf regel­mä­ßig auf­tre­ten – aus­ge­schlos­sen sind?

Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss zu Stutt­gart 21, auf den die Bun­des­re­gie­rung in der von Ihnen zitier­ten BT-Druck­sa­che 18/2996 ver­weist, lie­fert hier­zu mei­nes Erach­tens kei­ne zufrie­den­stel­len­den Ant­wor­ten und führt den Nach­weis glei­cher Sicher­heit nicht.

Ich bit­te Sie noch­mals um die Beant­wor­tung mei­ner Fra­gen und ins­be­son­de­re der Fra­ge, wie der Nach­weis glei­cher Sicher­heit KONKRET aus­sieht.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

 

Ers­ter Brief vom 30.06.2015:

Über­höh­te Gleis­nei­gung am Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

am 6. Mai 2015 fand im Ver­kehrs­aus­schuss eine öffent­li­che Anhö­rung zum Bahn­hofs­pro­jekt Stutt­gart 21 statt. Unter der Betei­li­gung von exter­nen Exper­ten wur­de unter ande­rem die Gleis­nei­gung am geplan­ten Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof dis­ku­tiert. Bezüg­lich der Geneh­mi­gung der Gleis­nei­gung sowie deren Aus­wir­kun­gen auf die Sicher­heit des Bahn­be­triebs blie­ben eine Rei­he von Fra­gen offen.

Der neue Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof soll eine Gleis­nei­gung von 15,143 Pro­mil­le erhal­ten. Dies liegt mehr als sechs­fach über dem in der Eisen­bahn-Bau- und Betriebs­ord­nung vor­ge­se­he­nen Grenz­wert von 2,5 Pro­mil­le (EBO § 7) und ent­spricht über die gesam­te Bahn­steig­län­ge einem Höhen­un­ter­schied von ca. 6,5m. Eine sol­che Gleis­nei­gung ist für einen Bahn­hof die­ser Grö­ße sowohl in Deutsch­land als inter­na­tio­nal bei­spiel­los (von 5400 Hal­te­punk­ten in Deutsch­land wei­chen ledig­lich 14 vom EBO-Grenz­wert ab; die aller­meis­ten davon sind SPNV-Sta­tio­nen und nicht mit dem Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof ver­gleich­bar).

Das Eisen­bahn-Bun­des­amt geneh­mig­te die sechs­fach über­höh­te Gleis­nei­gung für den Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof durch den PFA-Beschluss vom 28. Janu­ar 2005. Laut EBO kann eine über dem Grenz­wert von 2,5 Pro­mil­le lie­gen­de Gleis­nei­gung nur dann akzep­tiert wer­den, „wenn min­des­tens die glei­che Sicher­heit wie bei Beach­tung die­ser Regeln nach­ge­wie­sen ist” (EBO § 2 (2)). Der ehe­ma­li­ge Vize­prä­si­dent des Eisen­bahn-Bun­des­am­tes Ralf Schweins­berg erklär­te jedoch, dass bezüg­lich der Gleis­nei­gung kein geson­der­ter Sicher­heits­nach­weis erbracht wur­de.

Dazu bit­te ich Sie um Beant­wor­tung fol­gen­der Fra­gen:

1) Wie ist es vor die­sem Hin­ter­grund mög­lich, dass das Eisen­bahn-Bun­des­amt die über­höh­te Gleis­nei­gung geneh­mig­te?

2) Wie sieht der erfor­der­li­che „Nach­weis glei­cher Sicher­heit” kon­kret aus?

3) Durch wel­che Maß­nah­men ist garan­tiert, dass im Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof beim Hal­ten von Zügen zum Fahr­gast­wech­sel unbe­ab­sich­tig­te Weg­roll­vor­gän­ge auf­grund der über­höh­ten Gleis­nei­gung aus­ge­schlos­sen sind?

4) Wei­ter­hin bit­te ich um detail­lier­te Dar­le­gung, wie die Vor­ha­ben­trä­ge­rin ange­sichts der Gefahr des Weg­rol­lens von Zügen wäh­rend des Fahr­gast­wech­sels und im Hin­blick auf die Vor­komm­nis­se z.B. in Köln HBF die hier­für not­wen­di­gen Vor­keh­run­gen zur Gewähr­leis­tung der glei­chen Sicher­heit in nicht zu bean­stan­den­der Wei­se und nach­voll­zieh­bar in ihren Antrags­un­ter­la­gen dar­ge­stellt hat (vgl. hier­zu Plan­fest­stel­lungs­be­schluss PFA 1.1, S.373).

Der Köl­ner Haupt­bahn­hof ver­fügt an ein­zel­nen Glei­sen über eine Gleis­nei­gung von bis zu 6,8 Pro­mil­le. Damit ist er in Deutsch­land bis­lang der ein­zi­ge Bahn­hof die­ser Grö­ßen­ord­nung mit einer über dem EBO-Grenz­wert lie­gen­den Gleis­nei­gung und lässt Rück­schlüs­se auf die Plä­ne in Stutt­gart zu. Am Köl­ner Haupt­bahn­hof wur­den zwi­schen 2010 und 2014 17 unbe­ab­sich­tig­te Weg­roll­vor­gän­ge von Zügen regis­triert, bei denen es auch zu Per­so­nen­schä­den kam. Hin­zu kommt eine hohe Dun­kel­zif­fer von nicht offi­zi­ell regis­trier­ten Weg­roll­vor­gän­gen. Ange­sichts die­ser Sach­la­ge bit­te ich Sie um die Beant­wor­tung fol­gen­der Fra­gen:

5) Wur­den die Ursa­chen für die Weg­roll­vor­gän­ge im Detail unter­sucht und wenn ja durch wen und mit wel­chen Ergeb­nis­sen?

6) Hat das Eisen­bahn-Bun­des­amt kei­ne Beden­ken, dass die Gleis­nei­gung am Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof zu Weg­roll­vor­gän­gen füh­ren wird und damit ein Sicher­heits­ri­si­ko für Bahn­rei­sen­de und Bahn­per­so­nal dar­stellt?

7) Ist ange­sichts der Erfah­run­gen in Köln HBF beim Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof mit der mehr als dop­pelt so star­ken Gleis­nei­gung wie in Köln nicht von einer noch höhe­ren Anzahl unbe­ab­sich­tig­ter Weg­roll­vor­gän­ge aus­zu­ge­hen und ist auf­grund der stär­ke­ren Beschleu­ni­gung am geneig­te­ren Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof nicht mit grö­ße­ren Schä­den zu rech­nen?

8) Wel­che kon­kre­ten Maß­nah­men hat die DB AG zur Ver­bes­se­rung der Betriebs­si­cher­heit im Köl­ner HBF im Nach­gang der beschrie­be­nen Vor­fäl­le kon­kret ergrif­fen?

Im Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren zu PFA 1.1 vom 28. Janu­ar 2005 erläu­ter­te das Eisen­bahn-Bun­des­amt, dass im Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof nicht mit unbe­ab­sich­tig­ten Weg­roll­vor­gän­ge zu rech­nen sei, weil dort kein Abstel­len von Eisen­bahn­fahr­zeu­gen, son­dern „nur ein Hal­ten zum Aus- und Ein­stei­gen der Rei­sen­den” vor­ge­se­hen ist. Hier­zu habe ich fol­gen­de Fra­gen:

9) Han­del­te es sich bei den Vor­fäl­len in Köln HBF aus­schließ­lich um abge­stell­te Eisen­bahn­fahr­zeu­ge oder auch um Weg­roll­vor­gän­ge wäh­rend Fahr­gast­wech­seln bzw. Betriebs­hal­ten?

10) Falls es sich in Köln auch um Weg­roll­vor­gän­ge wäh­rend des Hal­tens zum Aus- und Ein­stei­gen von Rei­sen­den han­del­te, wider­spricht dies nicht der Aus­sa­ge im Pflan­fest­stel­lungs­be­schluss auf Sei­te 373, wonach die Pro­ble­ma­tik des Weg­rol­lens von Zügen daher im Stutt­gar­ter HBF nicht von Bedeu­tung sei, da dort nur Hal­te zum Fahr­gast­wech­sel auf­tre­ten, wobei bei die­sen Hal­ten die Züge immer gebremst wer­den?

11) Ist die aktu­el­le EBO-Rege­lung zur Längs­nei­gung in Bahn­hof­glei­sen, wonach die Längs­nei­gung 2,5 Pro­mil­le nicht über­schrei­ten soll zur euro­päi­schen TSI-Norm Infra­struk­tur kom­pa­ti­bel, die vor­schreibt, dass an neu­ge­bau­ten Fahr­gast­bahn­stei­gen die Längs­nei­gung 2,5 Pro­mil­le nicht über­schrei­ten darf, wenn dort regel­mä­ßig Fahr­zeu­ge an- oder abge­kup­pelt wer­den sol­len?

12) Wird im Stutt­gar­ter HBF das An- und Abkup­peln von Fahr­zeu­gen sowie das Wen­den von Zügen gestat­tet sein und wie beur­tei­len Sie dies ange­sichts des wie­der erstark­ten Trends zur Flü­gel­zug­bil­dung sowohl im Nah- wie beson­ders auch im Fern­ver­kehr?

13) Ent­spricht der neue Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof nach aktu­el­ler Pla­nung ange­sichts sei­ner Längs­nei­gung die­ser For­de­rung der TSI Infra­struk­tur?

14) Wie beur­tei­len Sie die Aus­sa­ge von Herrn Wolf­ram Neu­hö­fer (BMVI), wonach im neu­en Stutt­gar­ter HBF sogar eine Wen­de­brems­pro­be und damit das Wen­den von Zügen mög­lich sei, wenn die Züge durch eine unab­hän­gi­ge Fest­hal­te­brem­se wie z.B. eine Feder­spei­cher­brem­se gehal­ten wer­den (die­se Mög­lich­keit zur Zug­wen­de wäre beson­ders im Hin­blick auf Stö­rungs­fäl­le von gro­ßer Bedeu­tung)?

15) Bei wel­chen der­zeit ver­brei­tet ein­ge­setz­ten Fahr­zeu­gen sehen Sie die Brems­kraft der Fest­hal­te­brem­se als aus­rei­chend an, um eine Wen­de­brems­pro­be im neu­en Stutt­gar­ter HBF zu ermög­li­chen?

16) Betrach­tet das EBA den geplan­ten Tief­bahn­hof als „Bahn­hof” oder als Hal­te­punkt gemäß EBO?

Bei der Anhö­rung im Ver­kehrs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges leg­te Prof. Ull­rich Mar­tin fer­ner dar, dass die gegen­wär­ti­gen Bestim­mun­gen der Eisen­bahn­be­triebs­ord­nung zur Gleis­nei­gung nicht mehr dem Stand der Tech­nik ent­spre­chen und zeit­nah über­ar­bei­tet wer­den soll­ten.

17) Wie ste­hen Sie zu die­ser Aus­sa­ge von Pro­fes­sor Mar­tin (vgl. Wort­pro­to­koll der Anhö­rung Sei­te 15)?

18) Sehen Sie eine Not­wen­dig­keit, die aktu­el­le EBO-Vor­schrift zur Längs­nei­gung ange­sichts des bei­spiels­wei­se durch heu­ti­ge Rol­len­achs­la­ger gerin­ge­ren Los­brech­wi­der­stands zu ver­schär­fen?

Schließ­lich wur­de bei der Anhö­rung auf das The­ma Dop­pel­be­le­gun­gen am Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof ein­ge­gan­gen.

19) Kön­nen aus Ihrer Sicht am Stutt­gar­ter Tief­bahn­hof ange­sichts der über­höh­ten Gleis­nei­gung und der damit ver­bun­de­nen Gefahr von unge­plan­ten Weg­roll­vor­gän­gen Dop­pel­be­le­gun­gen von Glei­sen erlaubt wer­den?

20) Ist der kon­ven­tio­nell ver­an­schlag­te Zuschlag für unge­nau­es Hal­ten bei der Bestim­mung der nutz­ba­ren Gleis­län­ge nach Ihrer Mei­nung ange­sichts der hohen Längs­nei­gung im Stutt­gar­ter HBF aus­rei­chend?

Im Vor­aus vie­len Dank für Ihre Rück­mel­dung und Ihre Erläu­te­run­gen.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

 

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Ein Kommentar zu “Brief ans EBA zur Gleisneigung bei Stuttgart 21

  1. Markus Hitter Reply

    Sehr gut, Herr Gast­el! Man braucht nicht viel Vor­stel­lungs­kraft, um zu sehen, dass da was faul im Busch ist. Offen­sicht­lich wird die Gefahr der weg­rol­len­den Züge ein­fach weg-igno­riert.

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