Das neue Verständnis von Pünktlichkeit

Abfahrtstafel ohne Zugverspätungen – so sieht es leider nicht immer aus.

05.02.2018

Kundenbezogene Pünktlichkeit

Oft reichen fünf Minuten Verspätung bei der Regionalbahn aus, um den Anschlussbus ans gewünschte Ziel zu verpassen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern führt oft dazu, dass sich die Reise um viele weitere Minuten verlängert. Nicht selten verkehren Busse an kleineren Bahnhöfen nur im Halb- oder Stundentakt. Diese Verspätung findet sich aber in keiner Statistik der Deutschen Bahn oder anderer Eisenbahnverkehrsunternehmen wieder. Erst Züge ab sechs Minuten Ankunftsverspätung gelten als „verspätet”. Der verpasste Anschluss fällt in keiner offiziellen Statistik ins Gewicht. Diese innerbetriebliche Pünktlichkeitsrechnung verkennt die tatsächlich entstandene Verspätung für den Kunden.

Im Bahnmusterland Schweiz hingegen wird anders gerechnet: Dort gilt der Kunde als verspätet, wenn er den Zielort drei Minuten oder später erreicht. In die Pünktlichkeitsrechnung wird also die gesamte Reisekette miteinbezogen.

Eine solche „kundenbezogene Pünktlichkeit” sucht man nicht nur bei der Deutschen Bahn vergebens. Dabei kommt ein aktueller Beitrag in einer Fachzeitschrift von Wissenschaftlern der Universität Stuttgart zum Schluss, dass auch hierzulande eine kundenbezogene Pünktlichkeitsrechnung mit den vorhandenen technischen Gegebenheiten durchaus möglich wäre.

Sie würde den Blick der Verkehrsunternehmen für die gesamte Reisekette des Kunden schärfen: Busabfahrtszeiten könnten flexibel angepasst werden, um den Anschluss auch im Verspätungsfall sicherzustellen. Zudem könnten die Haltezeiten der Züge an einzelnen großen Bahnhöfen verlängert werden, um das Ansammeln von Verspätungen zu vermeiden.

Die Schweiz hat es vorgemacht. Nun ist es an der Zeit, dass die längst überfällige Umstellung nicht weiter hinausgezögert wird und die kundenbezogene Pünktlichkeit zum neuen Standard in Deutschland wird.

Selbstverständlich sollte die „kundenbezogene Pünktlichkeit“ auch im Fernverkehr an Bedeutung gewinnen und Daten hierüber veröffentlicht werden. In meinem Bahntagebuch, in dem alle Fahrten mit dem Fernverkehr der Deutschen Bahn dokumentiert werden, gibt dafür einige Anhaltspunkte, wenn auch nicht repräsentativ: Im Jahr 2017 habe ich 85 Prozent aller geplanten Anschlüsse zwischen Fernverkehrszügen erreicht (von insgesamt 26 Fahrten) – obwohl nur 62 Prozent alle Züge pünktlich (maximal 4:59 Minuten verspätet) waren. In den Jahren zuvor hatte ich nur 77 (2015) bzw. 82 Prozent (2016) der vorgesehenen Anschlusszüge erreicht. Schön wäre es, wenn dies tatsächlich einen positiven Trend darstellen würde.

 

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