Die absurde Diskussion um E‑Tretroller

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27.09.2019

Wie mit relativ kleinen Problemen von den großen Problemen abgelenkt wird

So klein die elek­tri­schen Tret­rol­ler auch sind, umso grö­ßer klin­gen die Wor­te ihrer Kri­ti­ker. Der Spie­gel sprach jüngst davon, die Scoo­ter sei­en ähn­lich läs­tig wie Mücken im Som­mer und jedes ein­zel­ne Fahr­zeug stel­le ein Pro­blem für die Ver­kehrs­si­cher­heit dar. Nun kann man die tat­säch­li­chen Pro­ble­me nicht aus­blen­den: Zu vie­le Nutzer*innen igno­rie­ren rot geschal­te­te Ampeln oder nut­zen den Geh­weg, den Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er ger­ne frei­ge­ge­ben hät­te. Damit ist er zum Glück des Fuß­ver­kehrs jedoch geschei­tert. Ver­stö­ße gegen Ver­kehrs­re­geln wur­den nun aber wahr­lich nicht erst mit den elek­tri­schen Tret­rol­lern erfun­den. Offen­bar haben wir uns längst an durch Autos zuge­park­te Geh­we­ge und Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen durch PS-Prot­ze auf unse­ren Stra­ßen gewöhnt. Letz­te­res stellt bei den Scoo­tern kein gro­ßes Pro­blem dar. Sie sind auf 20 Stun­den­ki­lo­me­ter gedros­selt.

Es ist Zeit die Debat­te end­lich vom Kopf auf den Fuß zu stel­len. Die klei­nen elek­tri­schen Rol­ler wer­den nicht nur von ver­nünf­ti­gen Men­schen gefah­ren und auch auf Stre­cken genutzt, die sich eben­so zu Fuß oder mit dem Fahr­rad zurück­le­gen lie­ßen. Dass dafür aber aus­ge­rech­net die 20 Kilo­gramm schwe­ren Rol­ler, anstel­le der, bei jeder zwei­ten Fahrt nur im Kurz­stre­cken­be­reich genutz­ten, zuneh­mend ton­nen­schwe­ren Autos in der Kri­tik ste­hen, zeigt ein­mal mehr: Hier wird eine absur­de Dis­kus­si­on geführt! Dabei ist es doch zunächst ein­mal erfreu­lich, dass so vie­le Men­schen offen für neue Mobi­li­täts­an­ge­bo­te jen­seits des lei­der auch bestehen­den Trends zu grö­ße­ren und schwe­re­ren Autos sind. Die E‑Tretroller bie­ten eine Chan­ce, die viel zu hohe Zahl von Kurz­stre­cken­fahr­ten mit dem Auto zu ver­rin­gern. Um es in moder­nen Wor­ten zu beschrei­ben: Sie ber­gen dis­rup­ti­ves Poten­ti­al.

Not­wen­dig­kei­ten und Chan­cen der E‑Scooter für die Ver­kehrs­wen­de

Für eine posi­ti­ve Ent­wick­lung sind meh­re­re Fak­to­ren ent­schei­dend:

Die Ver­kehrs­re­geln müs­sen durch­ge­setzt wer­den, um die Sicher­heit und die Akzep­tanz der Tret­rol­ler zu erhö­hen. Eine bes­se­re Infor­ma­ti­on der Nutzer*innen, Ver­kehrs­kon­trol­len und – ohne­hin und nicht auf die Tret­rol­ler beschränkt geplan­te – Buß­geld­erhö­hun­gen wer­den hier­für hilf­reich sein. Die Anbie­ter von Ver­lei­h­an­ge­bo­ten sind gefor­dert, mehr auf sta­bi­le Bau­wei­sen der Gefähr­te und damit deren Lang­le­big­keit zu ach­ten. Ziel soll­te sein, dass Ver­lei­h­an­ge­bo­te auch an den Stadt­rän­dern Fuß fas­sen. Dort fin­det näm­lich in aller Regel die Ver­kehrs­mit­tel­wahl statt. Vie­le Kom­mu­nen regeln mit den Ver­leihan­bie­tern eine Maxi­mal­an­zahl an Rol­lern für die Innen­städ­te. Wes­halb wird nicht auch eine Min­dest­an­zahl für die Rand­la­gen defi­niert? Für die­je­ni­gen, die weder zu Fuß gehen noch mit dem Fahr­rad fah­ren wol­len, kann die Ver­füg­bar­keit eines E‑Tretrollers eine wei­te­re Alter­na­ti­ve zum Auto dar­stel­len.

Aus öko­lo­gi­schen Grün­den spricht vie­les für die­se Alter­na­ti­ve: So lässt es sich mit einer defi­nier­ten Ener­gie­men­ge auf dem E‑Roller rund vier­zig­mal wei­ter fah­ren als mit einem Auto. Auch die Ver­mei­dung von Lärm, der erheb­lich gerin­ge­re Flä­chen­ver­brauch und die für ande­re Verkehrsteilnehmer*innen gerin­ge Wahr­schein­lich­keit fol­gen­schwe­rer Unfäl­le spre­chen für das zwei­räd­ri­ge Gefährt.

Fazit: Die Ver­ord­nung zur Zulas­sung der E‑Tretroller ist gera­de erst weni­ge Mona­te in Kraft. Wir soll­ten die bereits erkenn­ba­ren rea­len Pro­ble­me, wie die teil­wei­se unzu­rei­chen­de Ver­kehrs­dis­zi­plin ange­hen und ansons­ten die Ent­wick­lung genau im Auge behal­ten. Nach einem oder zwei Jah­ren soll­te Bilanz gezo­gen und dis­ku­tiert wer­den, wo mög­li­cher­wei­se im Inter­es­se der Ver­kehrs­si­cher­heit und der Ver­kehrs­wen­de nach­ge­bes­sert wer­den muss. Eines ist längst klar: Vie­ler­orts müs­sen Ver­kehrs­räu­me neu auf­ge­teilt wer­den. Die Ära auto­ge­rech­ter und damit gefähr­li­cher und lau­ter Städ­te ist vor­bei. Es ist Zeit, dem Fuß- und Rad­ver­kehr, den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und eben auch dem elek­tri­schen Tret­rol­ler mehr Platz anzu­bie­ten.