Diskussion um Fernverkehr an den Flughafen-Bahnhöfen

Neben dem bestehen­den S‑Bahnhof (Foto) soll der “Bahn­hof 3. Gleis” ent­ste­hen. Der “Fern­bahn­hof” für die Züge aus/in Rich­tung München/Ulm sowie Tübingen/Reutlingen/Nürtingen ist an der Mes­se­piaz­za vor­ge­se­hen.

03.02.2018

Bahn muss politische Zusagen einlösen!“

Wie vie­le Fern­ver­kehrs­zü­ge wer­den eines Tages am Flug­ha­fen hal­ten? Die­se Fra­ge hat­te bereits vor der Volks­ab­stim­mung eine wich­ti­ge Rol­le gespielt. Nun geht es dar­um, rea­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen dar­über zu gewin­nen – und Ver­spre­chen ein­zu­hal­ten.

Dass höchst­wahr­schein­lich kei­ne ICE am Flug­ha­fen hal­ten wer­den soll­te bekannt sein – auch, wenn man­che bis heu­te dar­an glau­ben, dies sei immer so vor­ge­se­hen gewe­sen. Die für den Hoch­ge­schwin­dig­keits­ver­kehr vor­ge­se­he­nen Züge bin­nen weni­ger Minu­ten zwei­mal in/bei Stutt­gart, näm­lich am Haupt­bahn­hof und am Flug­ha­fen, stop­pen zu las­sen, macht im Regel­be­trieb kei­nen Sinn. Der Stutt­gar­ter Flug­ha­fen ist nicht der in Frank­furt, der ein sechs­fach so hohes Flug­gast­auf­kom­men vor­zu­wei­sen hat. Klar ist hin­ge­gen, dass alle Züge der Gäu­bahn (IC- und Regio­nal­zü­ge) am Flug­ha­fen, genau­er gesagt am „Bahn­hof 3. Gleis“, also par­al­lel zum S‑Bahnhof, hal­ten wer­den. Deut­lich schwie­ri­ger wird es mit dem neu­en „Fern­bahn­hof“, der unter der Mes­se­piaz­za geplant wird. Hier wer­den auf jeden Fall die Regio­nal­zü­ge aus/nach Tübin­gen, Reut­lin­gen und Nür­tin­gen sowie die aus/nach Ulm stop­pen. Unklar ist hin­ge­gen, wie vie­le IC-Fern­ver­kehrs­zü­ge auf ihrem Weg zwi­schen Frank­furt, Stutt­gart, Ulm und Mün­chen eines Tages am „Fern­bahn­hof“ hal­ten wer­den. Im Stress­test-Fahr­plan und im Finan­zie­rungs­ver­trag für Stutt­gart 21 wur­de pro Rich­tung alle zwei Stun­den ein IC unter­stellt. Die Deut­sche Bahn hat­te dies vor eini­gen Wochen in Fra­ge gestellt und damit hef­ti­ge Debat­ten aus­ge­löst. Ein Teil der Debat­ten war ziem­lich schräg, war doch plötz­lich von stünd­li­chen Fern­ver­kehrs­an­bin­dun­gen bis hin zu ICE die Rede, die am Flug­ha­fen hal­ten müss­ten. Ich habe eine Anfra­ge an die Bun­des­re­gie­rung gerich­tet. Die Ant­wort: Aus­sa­gen zur kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Zug­an­ge­bots kön­nen erst frü­hes­tens zwei Jah­re vor Inbe­trieb­nah­me getrof­fen wer­den und lägen in der unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung des Bahn­un­ter­neh­mens. Eine kla­re Aus­sa­ge wäre dem­nach aller­frü­hes­tens im Jahr 2023 mög­lich. Zwar weist die Bun­des­re­gie­rung dar­auf hin, dass die Deut­sche Bahn ihre Zusa­gen ein­hal­ten wer­de, führt die­se aber nicht näher aus.

Mei­ne Kom­men­tie­rung:

Aus der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung wird ein Teil des Dilem­mas von Stutt­gart 21 deut­lich: Es han­delt sich um ein Infra­struk­tur­pro­jekt, das über vie­le Jah­re hin­weg als weit mehr, näm­lich als ein Ver­kehrs­kon­zept, ange­prie­sen wur­de. Die Bun­des­re­gie­rung weist zu Recht dar­auf hin, dass Bahn­fern­ver­kehr in Deutsch­land eigen­wirt­schaft­lich und damit in allei­ni­ger unter­neh­me­ri­scher Ver­ant­wor­tung von Ver­kehrs­un­ter­neh­men wie der DB Fern­ver­kehr AG erbracht wird. Eben­falls kor­rekt ist die Aus­sa­ge, dass die DB Fern­ver­kehr AG tat­säch­lich kein Pro­jekt­part­ner für Stutt­gart 21 ist.

Da noch dazu kon­kre­te Aus­sa­gen über Zug­an­ge­bo­te frü­hes­tens zwei Jah­re vor einem Fahr­plan­wech­sel gemacht wer­den kön­nen, ist heu­te noch kei­ne ver­bind­li­che Infor­ma­ti­on dar­über mög­lich, wie vie­le Fern­ver­kehrs­zü­ge in sechs oder mehr Jah­ren am Stutt­gar­ter Flug­ha­fen hal­ten wer­den.

Im Ergeb­nis ist es eine Fra­ge der Ehr­lich­keit ein­zu­räu­men, dass mit der der­zei­ti­gen Bahn­hofs­kon­zep­ti­on am Flug­ha­fen (Fil­der­bahn­hof und Erwei­te­rung Bahn­hof „Stutt­gart Flughafen/Messe“ um drit­tes Gleis) im der­zeit lau­fen­den Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren eine sehr teu­re Infra­struk­tur geschaf­fen wer­den soll, von der der­zeit noch nicht ver­läss­lich gesagt wer­den kann, ob sie den ins­be­son­de­re bei der Volks­ab­stim­mung 2011 geschür­ten Erwar­tun­gen ent­spre­chend genutzt wer­den wird oder nicht.

Die Grü­nen unter­stüt­zen die For­de­rung des Bun­des­ra­tes für ein soge­nann­tes „Fern­ver­kehrs­si­cher­stel­lungs­ge­setz“. Damit wür­de der Fern­ver­kehr ähn­lich wie der Regio­nal­ver­kehr neu orga­ni­siert wer­den: Der Bund legt Kri­te­ri­en fest, nach der bestimm­te Orte im Schie­nen­fern­ver­kehr bedient wer­den sol­len. Eisen­bahn­ver­kehrs­un­ter­neh­men kön­nen sich auf Aus­schrei­bungs­lo­se bewer­ben und der wirt­schaft­lichs­te Bie­ter erhält den Zuschlag. Mit die­sem Instru­ment der Ver­ga­be ist ers­tens sicher­ge­stellt, dass rea­ler Wett­be­werb im deut­schen Bahn­fern­ver­kehrs­markt ent­ste­hen kann und zwei­tens, dass kei­ne Regi­on in Deutsch­land vom Fern­ver­kehr abge­hängt wird – eine ent­schei­den­de regio­nal­po­li­ti­sche For­de­rung. So wer­den lang­fris­tig Bahn­in­fra­struk­tur und Fern­ver­kehrs­an­ge­bot zusam­men gedacht – ein schwe­res Ver­säum­nis bei Stutt­gart 21.

Im kon­kre­ten Fall soll­te gel­ten, dass die DB Fern­ver­kehr AG die Anzahl an Fern­ver­kehrs­zü­gen auf der Stre­cke zwi­schen Stutt­gart und Ulm, die am Flug­ha­fen hal­ten sol­len, nicht mehr in Fra­ge stellt. Hier soll­te sich der DB-Kon­zern als Pro­jekt­part­ner von Stutt­gart 21 in der Pflicht sehen, das zu lie­fern, was er über Jah­re hin­weg zu lie­fern vor­ge­ge­ben hat. Die grün-geführ­ten Lan­des­re­gie­run­gen lei­ten aus dem Ergeb­nis der Volks­ab­stim­mung ihre kon­struk­ti­ve Rol­le bei S 21 ab, in glei­chem Maße muss die Deut­sche Bahn AG ihre poli­ti­schen Zusa­gen für einen ver­bes­ser­ten Fern­ver­kehr am Flug­ha­fen aus der Zeit vor der Volks­ab­stim­mung ein­lö­sen.

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