Dürftiger Zustand der meisten S‑Bahnhöfe in der Region Stuttgart

Rollstuhl in S-Bahn Stuttgart110.03.2016

In Sachen Bar­rie­re­frei­heit erhal­ten die S‑Bahnhöfe in der Regi­on Stutt­gart im Durch­schnitt 85 von 100 mög­li­chen Punk­ten. Die Sta­tio­nen ent­lang der S‑Bahn-Lini­en S 6 und S 60 schnei­den dabei etwas bes­ser ab, wäh­rend die ent­lang der S 5 etwas mehr Defi­zi­te auf­wei­sen. Für den tech­ni­schen Zustand der Sta­tio­nen (u. a. Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Auf­zü­ge und Roll­trep­pen) gibt es den Schul­no­ten-Durch­schnitt 3,0 (3,8 für die Sta­tio­nen ent­lang der Linie S 5). Für die Sau­ber­keit gibt es die Durch­schnitts­no­te 2,2. Die­se Wer­te bezie­hen sich auf das Jahr 2014.

(Pres­se­er­klä­rung)

DB AG hat wenig Interesse am Zustand der Stuttgarter S‑Bahn Stationen

Die Bahn­hö­fe sind für die Fahr­gäs­te die Zugangs­punk­te zur S‑Bahn. Vie­le Sta­tio­nen stel­len dar­über hin­aus wich­ti­ge Ver­knüp­fungs­punk­te mit ande­ren öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln dar. Nur durch voll­stän­di­ge Bar­rie­re­frei­heit sowie einen guten tech­ni­schen Zustand kön­nen die Sta­tio­nen die­sen Funk­tio­nen jedoch umfäng­lich gerecht wer­den. Hier­von sind zahl­rei­che Sta­tio­nen im Netz der Stutt­gar­ter S‑Bahn aber weit ent­fernt. So wei­sen eini­ge Sta­tio­nen nicht die nöti­ge Bar­rie­re­frei­heit auf und ver­weh­ren so mobi­li­täts­ein­ge­schränk­ten Rei­sen­den die Nut­zung. Ande­re S‑Bahn- Hal­te­stel­len sind auf­grund bau­li­cher Män­gel oder erheb­li­cher Ver­schmut­zun­gen wenig ein­la­dend. Aus die­sen Grün­den hat sich der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Mat­thi­as Gast­el, bahn­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen, mit einer Klei­nen Anfra­ge an die Bun­des­re­gie­rung gewandt.

Um den Zustand der Sta­tio­nen ein­schät­zen zu kön­nen, wur­den in die­ser Klei­nen Anfra­ge die soge­nann­ten Qua­li­täts­kenn­zah­len der ein­zel­nen Bahn­hö­fe und Hal­te­stel­len erfragt. Die­se wur­den im Rah­men der Leis­tungs- und Finan­zie­rungs­ver­ein­ba­rung (LuFV) zwi­schen der Deut­schen Bahn AG und dem Bund ver­ein­bart, um die Qua­li­tät der Infra­struk­tur sicher­zu­stel­len. Der Zustand der Ver­kehrs­sta­tio­nen wird hier­bei durch fol­gen­de zwei Qua­li­täts­kenn­zah­len berück­sich­tigt:

  • Die Qua­li­täts­kenn­zahl „Funk­tio­na­li­tät Bahn­stei­ge“ soll die Funk­tio­na­li­tät der Sta­tio­nen für die Fahr­gäs­te beur­tei­len. Hier­bei wird unter Berück­sich­ti­gung der Kri­te­ri­en stu­fen­freie Erreich­bar­keit der Bahn­stei­ge vom öffent­li­chen Ver­kehrs­raum, der Bahn­steig­hö­he sowie der Aus­stat­tung mit Wet­ter­schutz eine Punk­te­zahl für jeden ein­zel­nen akti­ven Bahn­steig berech­net. Die Punk­te­zah­len der ein­zel­nen Bahn­stei­ge wer­den anschlie­ßend zu einer Gesamt­punkt­zahl je Sta­ti­on auf­sum­miert. Zur Aus­wer­tung wur­de hier das Ver­hält­nis der bei der Bewer­tung erreich­ten Punkt­zahl zur maxi­mal mög­li­chen Punkt­zahl je Sta­ti­on berech­net.
  • Die Qua­li­täts­kenn­zahl „Bewer­tung Anla­gen-Qua­li­tät“ soll hin­ge­gen den tech­ni­schen Zustand sowie die Sau­ber­keit der Sta­tio­nen beur­tei­len. Zur Berech­nung wer­den die ein­zel­nen Ver­kehrs­sta­tio­nen mit je einer opti­schen Note und einer tech­ni­schen Note des Schul­no­ten­sys­tems bewer­tet. Für die opti­sche Note wird zum Bei­spiel die Ver­schmut­zung der Räum­lich­kei­ten mit Grob­müll oder Graf­fi­ti berück­sich­tigt. Für die tech­ni­sche Note erfolgt eine Bewer­tung des Zustan­des der ein­zel­nen tech­ni­schen Ein­rich­tun­gen wie zum Bei­spiel des Emp­fangs­ge­bäu­des, der Auf­zü­ge oder der Roll­trep­pen. Zur Ermitt­lung der Gesamt­no­te der Sta­ti­on wird schließ­lich die tech­ni­sche Note deut­lich höher gewich­tet als die opti­sche Note.

Die Bar­rie­re­frei­heit und der Wet­ter­schutz schei­nen dabei beson­ders ein Pro­blem ein­zel­ner Lini­en zu sein. So fin­den sich die Schluss­lich­ter bei der Qua­li­täts­kenn­zahl „Funk­tio­na­li­tät Bahn­stei­ge“ im Netz der S‑Bahn Stutt­gart gera­de auf der Linie S 5 zwi­schen Lud­wigs­burg und Bie­tig­heim-Bis­sin­gen. Wäh­rend die End­sta­ti­on mit ledig­lich einem Drit­tel der mög­li­chen Punk­te den schlech­tes­ten Wert aller S‑Bahn Sta­tio­nen erzielt, wei­sen auch Asperg mit 60% und Tamm mit 45% der erziel­ba­ren Punk­te erheb­li­che Män­gel in die­ser Kate­go­rie auf. Auch auf der Linie S 1 ist die Funk­tio­na­li­tät der Sta­tio­nen zwi­schen Met­tin­gen und Plochin­gen man­gel­haft – hier wird mit Aus­nah­me der Sta­ti­on Alt­bach nir­gends mehr als zwei Drit­tel der mög­li­chen Punk­te erreicht. Auch in Gerad­stet­ten, Wei­ler und Schorn­dorf bleibt die Funk­tio­na­li­tät deut­lich zurück. Gegen­über dem ers­ten Bewer­tungs­jahr 2008 gab es mit der ein­zi­gen Aus­nah­me Ess­lin­gen an kei­ner die­ser Pro­blem­sta­tio­nen eine nen­nens­wer­te Ver­bes­se­rung.

Auch beim tech­ni­schen Zustand der S‑Bahn-Sta­tio­nen offen­ba­ren sich deut­lich man­gel­be­haf­te­te Sta­tio­nen. So erreicht die Sta­ti­on Feu­er­bach gera­de ein­mal die Note 4,6 im Schul­no­ten­sys­tem. Der wich­ti­ge Umstei­ge­kno­ten von der S‑Bahn zur U‑Bahn, wel­cher bereits mehr­fach in der Pres­se wegen defek­ter Auf­zü­ge und Roll­trep­pen kri­ti­siert wur­de, erhält damit die schlech­tes­te Wer­tung im S‑Bahn-Netz. Auch 14 wei­te­re Sta­tio­nen im Netz kom­men nicht über die Note „aus­rei­chend“ hin­aus. Dar­un­ter auch eini­ge bereits bei der Funk­tio­na­li­täts­kenn­zahl auf­fäl­li­ge Sta­tio­nen wie Asperg, Met­tin­gen, Zell und Wei­ler.

Auch beim opti­schen Zustand der Sta­tio­nen lässt sich eine Kon­zen­tra­ti­on von Pro­blem­sta­tio­nen auf der Linie S 1 zwi­schen Ober­türk­heim und Wernau erken­nen. Mit Aus­nah­me der Bahn­hö­fe Plochin­gen und Ess­lin­gen errei­chen hier sämt­li­che Sta­tio­nen eine Note schlech­ter als 2,5 und lie­gen damit deut­lich unter dem netz­wei­ten Durch­schnitt. Beson­ders unat­trak­tiv sind im Netz der S‑Bahn dem­nach die Sta­tio­nen Öster­feld und Ech­ter­din­gen, wel­che schlech­ter als mit der Note befrie­di­gend bewer­tet wur­den.

Betrach­tet man die Gesamt­no­te der Qua­li­täts­kenn­zahl „Bewer­tung Anla­gen-Qua­li­tät“ so ist beson­ders der Ver­gleich der ers­ten Bewer­tung der Sta­tio­nen im Jahr 2009 mit der letz­ten ver­füg­ba­ren Bewer­tung im Jahr 2014 inter­es­sant. Zunächst sind eini­ge äußerst erfreu­li­che Ver­bes­se­run­gen zu erken­nen, wie zum Bei­spiel in Kirch­berg (Murr), Erd­mann­hau­sen und Burg­stall um jeweils über drei Noten­punk­te. Bis auf weni­ge Aus­nah­men sind die­se deut­li­chen Ver­bes­se­run­gen jedoch an „jun­gen“ S‑Bahn-Hal­ten wie zum Bei­spiel ent­lang der S 4 zu fin­den. Im Bestands­netz hin­ge­gen stößt man auch auf deut­li­che Nega­tiv­trends. So hat sich zum Bei­spiel die stark fre­quen­tier­te Sta­ti­on an der Uni­ver­si­tät im Bezugs­zeit­raum um einen gan­zen Noten­punkt ver­schlech­tert, was ange­sichts der dort gehäuf­ten Auf­zugs- und Roll­trep­pen­stö­run­gen kaum ver­wun­der­lich erscheint. Auch an 19 wei­te­ren Sta­tio­nen im Netz der S‑Bahn lässt sich ein Abwärts­trend erken­nen, dar­un­ter befin­den sich zum Bei­spiel die Hal­te am Flug­ha­fen und in Feu­er­bach.

Die­sen Zustand an den Stutt­gart S‑Bahn Sta­tio­nen hält der Abge­ord­ne­te Mat­thi­as Gast­el für wenig zufrie­den­stel­lend: „Lei­der las­sen auch die S‑Bahnstationen Zwei­fel an der Funk­ti­on der Leis­tungs- und Finan­zie­rungs­ver­ein­ba­rung zwi­schen Bund und der Deut­schen Bahn AG auf­kom­men. Dies offen­bart sich beson­ders, wenn man die Ent­wick­lung der Qua­li­täts­kenn­zah­len betrach­tet. Wäh­rend deut­li­che Ver­bes­se­run­gen meist auf weni­ge Sta­tio­nen sowie oft gera­de auf Netz­er­wei­te­run­gen begrenzt sind, las­sen sich im Bestands­netz der S‑Bahn teil­wei­se sogar Ver­schlech­te­run­gen aus­ma­chen. Als beson­ders nega­tiv anzu­se­hen ist die Kon­zen­tra­ti­on der Män­gel auf ein­zel­ne Berei­che – so zum Bei­spiel auf der Linie S 1 um Ess­lin­gen oder auf der S 5 zwi­schen Lud­wigs­burg und Bie­tig­heim-Bis­sin­gen. Für die dor­ti­gen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger lei­det die Attrak­ti­vi­tät der S‑Bahn erheb­lich unter dem Zustand der Sta­tio­nen. Dabei zei­gen ein­zel­ne Licht­bli­cke wie auf der S 4, was mög­lich ist!

Die Sta­tio­nen müs­sen wie­der zu attrak­ti­ven Visi­ten­kar­ten des S‑Bahn-Sys­tems wer­den. Dazu müs­sen sie sich in einem tech­nisch und optisch ein­wand­frei­en Zustand befin­den und allen Rei­sen­den den selbst­stän­di­gen, bar­rie­re­frei­en Zugang zum Zug ermög­li­chen. Nur mit qua­li­ta­ti­ven hoch­wer­ti­gen Sta­tio­nen las­sen sich zusätz­li­che Fahr­gäs­te für die S‑Bahn gewin­nen.“

Metho­di­sche Anmer­kung: Bei den Noten für den Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof ist zu berück­sich­ti­gen, dass bei der Bewer­tung nicht zwi­schen dem Fern­bahn­hof und der S‑Bahn-Sta­ti­on unter­schie­den wird, wes­halb der Wert in Bezug auf die S‑Bahn-Sta­ti­on wenig aus­sa­ge­kräf­tig ist. Auch bei ande­ren Sta­tio­nen erfolgt kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Bahn­stei­gen für die S‑Bahn sowie Bahn­stei­gen für den Regio­nal- und Fern­ver­kehr. Die Qua­li­täts­kenn­zah­len bezie­hen sich stets auf die Sta­ti­on als Gan­zes.

Hier geht es zur Klei­nen Anfra­ge und der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/060/1806098.pdf

Hin­weis: Ent­spre­chen­de Abfra­gen wur­den auch für ande­re Bun­des­län­der durch­ge­führt.

 

 

 

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