Fliegen? Wohin und wofür?

11.08.2019

Die Grünen und das Fliegen

Grü­ne und flie­gen? Das bewegt in jüngs­ter Zeit ver­stärkt die Gemü­ter. Einer­seits ver­ständ­lich, for­dern wir doch, Kurz­stre­cken­flü­ge durch Bahn­fah­ren bzw. bes­se­re Bahn­an­ge­bo­te (Nacht­zü­ge, Deutsch­land-Takt, Sprin­ter­zü­ge) über­flüs­sig zu machen und Flug­ben­zin genau­so zu besteu­ern wie Die­sel und Ben­zin fürs Auto. Zugleich wer­den uns aber For­de­run­gen ange­dich­tet, die wir nicht erho­ben haben („Ver­bot von Inlands­flü­gen“) oder es wer­den Erwar­tun­gen an uns gerich­tet, sie sich von poli­ti­schen Mandatsträger*innen auf­grund ihrer viel­fäl­ti­gen Ver­pflich­tun­gen nicht immer erfül­len las­sen.

Ich per­sön­lich gehe mit dem The­ma „Flie­gen“ schon immer sehr restrik­tiv um. Pri­vat und vor mei­nem Ein­tritt in den Bun­des­tag bin ich noch mit kei­nem Flug­zeug geflo­gen. In den bald sechs Jah­ren, die ich nun dem Bun­des­tag ange­hö­re, bin ich vier­mal geflo­gen:

  1. Wäh­rend des Streiks bei der Deut­schen Bahn, um von Ber­lin nach Stutt­gart bzw. in mei­nen Wahl­kreis zu kom­men.
  2. Um von einer kurz­fris­tig ein­be­ru­fe­nen Son­der­sit­zung des Dt. Bun­des­ta­ges in mei­nen Wahl­kreis zur Nomi­nie­rungs­ver­an­stal­tung der/des Bundestagskandidatin/des Bun­des­tags­kan­di­da­ten mei­nes Wahl­krei­ses zu kom­men.
  3. Von Ber­lin nach Kopen­ha­gen, nach­dem der Nacht­zug auf die­ser Stre­cke ein­ge­stellt wor­den war (Rück­fahrt mit der Bahn).
  4. Von Edin­burgh nach Stutt­gart (Hin­fahrt mit der Bahn)

Wäh­rend ich rund 40 bis 45 mal im Jahr mit der Bahn zwi­schen Ber­lin und mei­nem Wahl­kreis bei Stutt­gart pend­le, habe ich in den bald sechs Jah­ren, in denen ich dem Bun­des­tag ange­hö­re, zwei­mal den Flie­ger genutzt. Ich nut­ze damit auf die­ser Stre­cke, die kei­ne Kurz­stre­cke dar­stellt, zu 99,X Pro­zent die Bahn. Infor­ma­ti­ons­fahr­ten nach Wien, in ver­schie­de­ne Städ­te der Schweiz und in die Nie­der­lan­de sowie meh­re­re Male nach Brüs­sel habe ich per Bahn bewäl­tigt. Alle mei­ne Bahn­fahr­ten im Fern­ver­kehr doku­men­tie­re ich auf mei­nem Online-Bahn­ta­ge­buch, das ich seit Ende 2013 füh­re.

Es muss aller­dings dar­auf auf­merk­sam gemacht wer­den, dass es poli­ti­sche Fach­ge­bie­te wie die Außen‑, Ver­tei­di­gungs- und Ent­wick­lungs­po­li­tik gibt, für die wesent­lich häu­fi­ger geflo­gen wer­den muss. Auf­ga­be die­ser Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ist es, diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen zu pfle­gen, Kon­tak­te zu Parlamentarier*innen aus ande­ren Län­dern zu unter­hal­ten, sich vor Ort über die Sicher­heits- und die Men­schen­rechts­la­ge zu erkun­di­gen, Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu tref­fen und damit in ihrer Arbeit zu unter­stüt­zen oder unse­re Sol­da­ten im Aus­lands­ein­satz zu besu­chen. Die­se Kon­tak­te sol­len auch durch Volksvertreter*innen und kei­nes­wegs allei­ne durch Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung gepflegt wer­den. Hier las­sen sich Flü­ge nicht ver­mei­den. Da die Abge­ord­ne­ten klei­ne­rer Frak­tio­nen brei­te­re The­men­ge­bie­te zu bear­bei­ten haben als die Kolleg*innen grö­ße­rer Frak­tio­nen, bei denen sich die Fach­ge­bie­te auf meh­re­re Abge­ord­ne­te ver­tei­len, kann es pro Kopf zu mehr Flü­gen kom­men. Ins­ge­samt soll­ten, so mei­ne Mei­nung, Abge­ord­ne­te weni­ger flie­gen. Erheb­li­che Unter­schie­de zwi­schen den Abge­ord­ne­ten wird es – abhän­gig vom fach­li­chen Schwer­punkt sowie der Ent­fer­nung zwi­schen Wahl­kreis und Par­la­ments­sitz – aber immer geben. Flü­ge, die sich nicht ver­mei­den las­sen, soll­ten aus­ge­gli­chen wer­den. Uni­on und FDP hat­ten in der vor­letz­ten Wahl­pe­ri­ode eine CO2-Kom­pen­sa­ti­on für Dienst­flü­ge abge­schafft. Die dama­li­ge Ent­schei­dung soll­te kor­ri­giert wer­den.

Wo wir alle Flü­ge ver­mei­den kön­nen und soll­ten ist im Pri­vat- und Kurz­stre­cken­be­reich. Auch im dienst­li­chen Kon­text soll­te die unbe­ding­te Not­wen­dig­keit von Flü­gen immer wie­der kri­tisch hin­ter­fragt wer­den. Es darf auch hin­ter­fragt wer­den, ob Kurz­stre­cken­flü­ge der Abge­ord­ne­ten vom Staat finan­ziert wer­den müs­sen. Immer­hin besit­zen wir alle eine Netz­kar­te der Deut­schen Bahn. Wie auch immer: Die gro­ße Auf­ga­be gera­de der Grü­nen ist es, die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass die Alter­na­ti­ven zum Flug (ins­be­son­de­re die Ange­bo­te der Bahn) bes­ser aus­ge­baut wer­den und finan­zi­el­le Anrei­ze, den Flie­ger statt die Bahn zu nut­zen, abge­schafft wer­den.

Wegen der in jüngs­ter Zeit ver­mehrt erfolg­ten Anfra­gen von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern habe ich die­se Dar­stel­lung ver­fasst. In mei­nen Ant­wor­ten ver­heh­le ich bis­wei­len nicht, dass mich die­se Fra­ge nach dem per­sön­li­chen Ver­hal­ten – je nach­dem, wie sie for­mu­liert wird – immer wie­der wun­dert. Denn letzt­lich ist und bleibt jede und jeder für sein/ihr Ver­hal­ten sel­ber ver­ant­wort­lich und soll­te nicht auf Vor­bil­der ange­wie­sen sein. Flie­gen wird nicht dadurch bes­ser, dass es ande­re eben­falls tun. Die Anläs­se soll­ten jedoch in jedem Ein­zel­fall betrach­tet wer­den und pau­scha­le Bewer­tun­gen soll­ten unter­blei­ben.

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Kommentare zu “Fliegen? Wohin und wofür?

  1. Stefan Fischer Reply

    Hal­lo clau­dia, hal­lo mat­thi­as, vie­len dank für dei­ne inn­fos zum the­ma “flie­gen”.

    Rich­tig.
    Sehr gut.

    Herz­li­che grü­ne grüs­se
    aus­’m neuf­fe­ner tal
    Ste­fan.

    • Matthias Gastel
      Matthias Gastel Reply

      Dan­ke fürs Feed­back.

  2. Martin Meyer-Rhotert Reply

    Hal­lo Herr Gast­el,
    nach dem Öko­nom Joa­chim Wei­mann ist der Ver­zicht auf Flug­rei­sen in Euro­pa sinn­frei.
    Als Begrün­dung nennt er den EU-Emis­si­ons­han­del.
    Weni­ger Kero­sin­ver­brauch senkt den CO2-Preis und führt damit z.B zu mehr Koh­le­ver­stro­mung.
    Die CO2 Bilanz ändert sich also nicht, egal ob man fliegt oder nicht.

    Ist das so ?

    • Matthias Gastel
      Matthias Gastel Reply

      Sehr geehr­ter Herr Mey­er-Rho­tert,
      dan­ke für Ihren Kom­men­tar, die Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te für den Luft­ver­kehr stam­men nicht aus dem glei­chen Zer­ti­fi­ka­te-Pool wie die­je­ni­gen der and­ren Sek­to­ren. Das Zer­ti­fi­ka­te­kon­tin­gent für den Luft­ver­kehr ist aller­dings im Augen­blick noch zu hoch. Doch die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat sich vor­ge­nom­men, den Emis­si­ons­han­del für den Luft­ver­kehr zu schär­fen. Wie bei den ande­ren Sek­to­ren will die Kom­mis­si­on berück­sich­ti­gen, dass die Zer­ti­fi­ka­te mit sin­ken­dem CO2-Aus­stoß redu­ziert wer­den. Sonst wür­den sie wegen der fal­len­den Prei­se wir­kungs­los.
      Mit freund­li­chen Grü­ßen

      • Martin Meyer-Rhotert Reply

        Hal­lo Herr Gast­el,
        ja, aber der Luft­ver­kehr kann sich doch auch aus dem Zer­ti­fi­ka­te-Pool der Strom­pro­du­zen­ten bedie­nen.
        So steht’s jeden­falls bei
        https://www.atmosfair.de/de/fliegen_und_klima/flugverkehr_und_klima/eu-emissionshandel/

        Hat der Emis­si­ons­han­del zur Fol­ge, dass per­sön­li­cher Ver­zicht nichts mehr bringt, da die Poli­tik das Bud­get fest­legt ?

        • Matthias Gastel
          Matthias Gastel Reply

          Umwelt- und Kli­ma­schutz wird immer auf zwei Säu­len set­zen müs­sen, wenn er wirk­sam sein soll: Auf ord­nungs­po­li­ti­sche Maß­nah­men (Ver- und Gebo­te, Förderinstrumente/Anreize, Bepreisung/Emissionshandel) einer­seits und die per­sön­li­che Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung auf der ande­ren Sei­te. Letz­te­res setzt gute Infor­ma­tio­nen und hand­lungs­be­rei­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger vor­aus.

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