IAA: Vorsichtige Annäherung an E‑Mobilität

20.09.2019

Wandel zu spüren, aber wenig zu sehen

Die Inter­na­tio­na­le Auto­mo­bil­aus­stel­lung (IAA) in Frank­furt hat ihre „bes­ten“ Zei­ten hin­ter sich. Vie­le Auto­bau­er wie Toyo­ta wol­len ihre Autos nicht mehr in Frank­furt aus­stel­len. Aus Japan ist nur noch Hon­da anwe­send. Auch Vol­vo, Renault und Kia haben kei­nen eige­nen Stand. Füll­ten vor weni­gen Jah­ren noch 1.100 Aus­stel­ler die Hal­len, sind es heu­er nur noch 800. Zwi­schen den Lücken, die die feh­len­den Aus­stel­ler hin­ter­las­sen, pral­len die alte und die neue Welt auf­ein­an­der. Zu sehen sind noch immer zahl­rei­che PS-Prot­ze mit Ver­bren­nungs­mo­tor oder zuneh­mend als Plug-In-Vari­an­te. Auch die zuneh­men­de Kri­tik an der Auto­ver­herr­li­chung kratzt am Lack der Mes­se.

Prä­sen­tiert wird aber auch die wach­sen­de Modell­pa­let­te von Autos mit alter­na­ti­ven Antrie­ben. Letz­te­re waren es, über die ich mich auf der Aus­stel­lung infor­miert habe. Auf­fäl­lig: Gezeigt wer­den über­wie­gend Plug-In-Hybri­de, deren Umwelt­bi­lanz frag­lich ist. Mit rei­nen Strom­ern, zumal mit sol­chen, die es bereits zu kau­fen gibt, gei­zen die Her­stel­ler nach wie vor. Für die bereits erhält­li­chen Model­le müs­sen die Kun­den meist von län­ge­ren Lie­fer­zei­ten aus­ge­hen.

VW

Der ID.3 ist – anders als es der Name ver­mu­ten las­sen könn­te – das ers­te Modell der neu­en E‑Palette. Dem Kon­zern lie­gen bereits 30.000 Vor­be­stel­lun­gen mit Vor­aus­zah­lun­gen in Höhe von je 1.000 Euro vor. Die güns­tigs­te Basis­ver­si­on soll unter 30.000 Euro kos­ten und eine Reich­wei­te von 330 Kilo­me­ter, min­des­tens jedoch von 230 Kilo­me­ter, schaf­fen. Die mitt­le­re Vari­an­te soll es auf 300 bis 420 und die größ­te auf 390 bis 550 Kilo­me­ter brin­gen. VW über­nimmt für die Bat­te­rie eine Garan­tie über acht Jah­re oder 160.000 Kilo­me­ter. An der Schnell­la­de­säu­le kann in rund einer hal­ben Stun­de gela­den wer­den.

Weil der Elek­tro­mo­tor weni­ger Platz bean­sprucht als der eines Ver­brenn­erfahr­zeu­ges, bie­tet der ID.3 mehr Innen­raum. Pro­du­ziert wer­den soll CO 2‑neutral ab Novem­ber in Zwi­ckau. Die Aus­lie­fe­rung soll Mit­te des kom­men­den Jah­res star­ten. Neben dem ID.3 sind mehr als 20 wei­te­re E‑Modelle geplant. Damit ist VW die Mar­ke, die die Elek­tri­fi­zie­rung ihrer Pro­dukt­pa­let­te mit­tels Bat­te­rie am ener­gischs­ten vor­an­treibt. Die Brenn­stoff­zel­le hält VW-Chef Diess erst in zehn Jah­ren für sinn­voll.

Auf der Mes­se konn­te ich im ID.3 Pro­be sit­zen, den E‑Bully „Buzz“, der ab 2023 erhält­lich sein soll, sehen und mit den Unter­neh­mens­ver­tre­tern über die Her­kunft der Roh­stof­fe für die Akkus dis­ku­tie­ren.

Opel

Bei Opel gab es so man­che Wider­sprü­che zu sehen. Einer­seits die Neu­auf­la­ge des Cor­sa mit einem um rund 100 Kilo­gramm redu­zier­ten Gewicht – aber Ver­bren­nungs­mo­tor. Ihm gegen­über steht der SUV „Grand­land X Hybrid“, der ers­te Plug-In-Hybrid von Opel. Er ist mit 200 PS (300 PS elek­trisch) aus­ge­stat­tet und wiegt 1,9 Ton­nen. Rein elek­trisch schafft er bes­ten­falls 52 Kilo­me­ter.

Erfreu­li­cher ist da der rein bat­te­rie­elek­tri­sche Corsa‑e, der Anfang 2020 auf den Markt kom­men soll und des­sen Reich­wei­te offi­zi­ell mit 330 Kilo­me­ter ange­ge­ben wird. Kos­ten soll er 30.000 €. Die Pro­duk­ti­on erfolgt in Sara­gos­sa.

Der Unter­neh­mens­ver­tre­ter am Stand, mit dem ich ein län­ge­res Gespräch führ­te, bezeich­ne­te die Über­nah­me von Opel durch PSA als „Glücks­fall“, weil hier eine gro­ße Offen­heit für E‑Mobilität vor­han­den sei und sich das Unter­neh­men wie­der glo­ba­ler auf­stel­len dür­fe als dies unter GM mög­lich war. Zukünf­tig gebe es nur noch zwei Fahr­zeug­platt­for­men (klein und groß), die bei­de elek­tri­fi­zier­bar sei­en. Ziel sei, dass jedes Modell sowohl als Ver­bren­ner als auch als E‑Variante erhält­lich sei. Man habe auch noch den Die­sel im Blick, selbst für Klein­fahr­zeu­ge.

Wie sieht es bei Opel mit dem Errei­chen des CO2-Flot­ten­ziels aus? Die 93 Gramm., die PSA ab 2020 ein­hal­ten müs­se, wer­de leicht unter­schrit­ten wer­den, bekom­me ich als Ant­wort. Und was hält Opel von der Brenn­stoff­zel­le? Ant­wort: Sehr teu­er, ohne Sub­ven­ti­on nicht unter 100.000 € anzu­bie­ten und mache nur für leich­te Nutz­fahr­zeu­ge Sinn.

Hyundai

Das Unter­neh­men war­te­te mit 13 aus­ge­stell­ten Fahr­zeu­gen auf. Dar­un­ter waren Klein­wa­gen eben­so wie ein Koloss namens i30 N Pro­ject C, das fast 180 Gramm CO2 aus­stößt. Zu sehen waren auch der Kona Hybrid, der bat­te­rie­elek­tri­sche Ioniq und ein Brenn­stoff­zel­len­fahr­zeug, von dem 6.000 Stück pro Jahr pro­du­ziert und für 69.000 € (wohl vom Unter­neh­men sub­ven­tio­niert) ver­kauft wer­den sol­len. Inter­es­sant war der Ver­gleich zwi­schen zwei im Grun­de nahe­zu glei­chen Fahr­zeu­gen, von den das eine etwas höher aus­fällt – und gleich mal sie­ben Pro­zent mehr Ener­gie ver­braucht.

Daimler

Daim­ler plant sei­ne bat­te­rie­elek­tri­sche EQ-Serie. Dar­über ist noch sehr wenig bekannt. So hat der Kon­zern Fra­gen nach dem Start der Seri­en­pro­duk­ti­on auf Pres­se­an­fra­gen im Vor­feld der IAA offen gelas­sen. Kein Wun­der, dass der Daim­ler-Chef erklä­ren muss­te, er sei sich nicht sicher, ob die EU-Vor­ga­ben für die CO“-Emissionen im Jahr 2021 ein­ge­hal­ten wer­den. An rein bat­te­rie­elek­tri­schen Autos sind drei Smart-Model­le sowie zwei wei­te­re bereits erhält­lich. Dazu gesellt sich ein Brenn­stoff­zel­len­fahr­zeug, das es aber nur zu mie­ten gibt.

Am Stand erfah­re ich von Unter­neh­mens­ver­tre­tern, dass Daim­ler ab 2022 CO2-frei pro­du­zie­ren wol­le. Das ist gut. Min­des­tens genau­so wich­tig ist aber, was pro­du­ziert wird – sie­he oben.

Ich habe auch einige Zulieferbetriebe besucht.

EDAG

Das Unter­neh­men aus Wies­ba­den erwirt­schaf­tet mit knapp 9.000 Beschäf­tig­ten einen Jah­res­um­satz von 800 Mil­lio­nen Euro. Es bezeich­net sich sel­ber als „welt­weit größ­ter unab­hän­gi­ger Ent­wick­lungs­part­ner der Auto­mo­bil­in­dus­trie“. Im Ange­bot ist bspw. ein Sys­tem zur Absi­che­rung von Fahr­as­sis­tenz­sys­te­men. Das, was das Unter­neh­men umtreibt, bewegt sich teil­wei­se noch im Bereich der Visio­nen. Dazu zäh­len Ideen für gemein­schaft­lich nutz­ba­re und auto­nom fah­ren­de Fahr­zeu­ge, die den Pkw im Pri­vat­be­sitz über­flüs­sig machen und den Fahr­zeug­be­stand um 80 Pro­zent redu­zie­ren soll.

Schaeffler

Home­page: „Die Scha­eff­ler Grup­pe leis­tet mit Prä­zi­si­ons­kom­po­nen­ten und Sys­te­men in Motor, Getrie­be und Fahr­werk sowie Wälz- und Gleit­la­ger­lö­sun­gen für eine Viel­zahl von Indus­trie­an­wen­dun­gen einen ent­schei­den­den Bei­trag für die „Mobi­li­tät für mor­gen“. Zu den wesent­li­chen Pro­duk­ten zäh­len, so die Eigen­dar­stel­lung, Fahr­werk­kom­po­nen­ten und ‑Sys­te­me, Tech­no­lo­gien für Kupp­lun­gen und Getrie­be sowie Moto­ren­ele­men­te und dar­über hin­aus Antrie­be für Hybrid- und Elek­tro­fahr­zeu­ge. Scha­eff­ler-Prä­zi­si­ons­pro­duk­te tra­gen dazu bei, weni­ger Kraft­stoff zu ver­brau­chen und Schad­stof­fe zu emit­tie­ren. Gleich­zei­tig ver­län­gern sie die Lebens­dau­er von Moto­ren und Getrie­ben und erhö­hen Fahr­kom­fort und ‑dyna­mik. Einen Groß­teil der Kom­po­nen­ten konn­te ich am Stand erläu­tert bekom­men. Ab 2021 will das Unter­neh­men E‑Motoren voll­stän­dig sel­ber bau­en.

Mann und Hummel

Das Unter­neh­men habe ich erst vor weni­gen Mona­ten an sei­nem Stamm­sitz in Lud­wigs­burg besucht. Im Fokus stan­den Fil­ter­an­la­gen für den Stra­ßen­rand, die Schad­stof­fe aus der Luft zie­hen. Die Wir­kungs­wei­se und die Anwen­dungs­fel­der ver­schie­de­ner Fil­ter­tech­ni­ken wur­den mir am Stand näher erläu­tert.

Continental

Das Unter­neh­men sieht drei Trends: „Null Unfäl­le, null Emis­sio­nen und null Stress dank intel­li­gen­ter Ver­net­zung und Kom­fort.“ (Home­page). Das Unter­neh­men hat dafür ein weit brei­te­res Ange­bot als Rei­fen, für die es bekannt ist.

Zu sehen gab es u. a. selbst ent­wi­ckel­te E‑Motoren, die noch im lau­fen­den Jahr in die Seri­en­pro­duk­ti­on gehen sol­len. Die Pro­duk­ti­on wird in Chi­na erfol­gen. Begrün­dung des Unter­neh­mens­ver­tre­ters auf mei­ne Nach­fra­ge: Die­se Ent­schei­dung habe nichts mit den Lohn­stück­kos­ten in Chi­na zu tun, son­dern allei­ne damit, dass Chi­na einen ver­läss­li­chen Markt für E‑Mobilität dar­stel­le.

Exkurs: Beschäftigung

Von Por­sche ist bekannt, dass an den Stand­or­ten im Raum Stutt­gart 1.500 neue Stel­len für die Pro­duk­ti­on von E‑Autos geschaf­fen wur­den. Das Neben­ein­an­der ver­schie­de­ner Antriebs­for­men wirkt sich posi­tiv aus. Für E‑Autos wird jedoch weni­ger Arbeit anfal­len, da weni­ger Tei­le ver­baut wer­den müs­sen. Außer­dem über­neh­men in moder­nen Fabri­ka­ti­ons­hal­len auto­ma­ti­sier­te Maschi­nen Auf­ga­ben, die bis­her von Men­schen ver­rich­tet wur­den. Den­noch sind aus der IG Metall auch posi­ti­ve Stim­men zu hören. „Die Zuver­sicht in den Wech­sel zur Elek­tro­mo­bi­li­tät hat zuge­nom­men“, wird bei­spiels­wei­se die Gewerk­schaft im Bezirk Ber­lin-Bran­den­burg-Sach­sen zitiert. Skep­sis wer­de der Digi­ta­li­sie­rung ent­ge­gen gebracht. Ich ver­wei­se auf Con­ti­nen­tal (sie­he oben): Die Pro­duk­ti­on von E‑Motoren wird in Chi­na statt­fin­den, da dort ein ver­läss­li­cher Markt für E‑Fahrzeuge besteht. Fazit: Die E‑Autos wer­den kom­men und die Ver­bren­ner ablö­sen. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, wo die Pro­duk­ti­on von Tei­len und die End­mon­ta­ge statt­fin­den. Dar­an macht sich dann die Arbeits­platz­fra­ge fest. Mit dem Fest­hal­ten am Alten wird man alles ver­lie­ren. Es ist daher drin­gend gebo­ten, sich aufs „Neue“ ein­zu­las­sen und schnellst­mög­lich den Rah­men zu schaf­fen, in dem sich der Markt ver­läss­lich ent­wi­ckeln kann.

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