Im Gespräch mit dem Sonderbeauftragten für Qualität im Regionalverkehr

14.03.2017

Der Wei­chen­stel­ler für mehr Pünkt­lich­keit auf der Schie­ne

Die Züge der DB Regio in Baden-Würt­tem­berg fie­len in den letz­ten Mona­ten vor allem durch Ver­spä­tun­gen und Zug­aus­fäl­len auf. Das Land hat reagiert und mit Ger­hard Schnaitmann einen „Son­der­be­auf­trag­ten für Qua­li­tät im regio­na­len Schie­nen­ver­kehr“ ein­ge­setzt.

Der Mann kennt sich aus. Vie­le Jah­re war er bei der Nah­ver­kehrs­ge­sell­schaft Baden-Würt­tem­berg für die Fahr­plä­ne zustän­dig. Gera­de ein­mal vier Wochen war er im Ruhe­stand, als er vom Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­ter in die neue Tätig­keit gelockt wur­de. Bis Mit­te April, so lan­ge soll die Funk­ti­on des Son­der­be­auf­trag­ten ein­ge­rich­tet blei­ben, sol­len wesent­li­che Abläu­fe opti­miert oder zumin­dest die Wei­chen dafür gestellt sein.

For­ma­le Befug­nis­se besitzt Schnaitmann nicht. Aber er sitzt mit am Tisch, wenn sich ein­mal wöchent­lich die Jour Fix-Run­de mit der DB Regio im Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um trifft. Er hat zwei Auf­ga­ben: Ers­tens die Betriebs­be­ob­ach­tung. Das konn­te ich gleich bei unse­rem Tref­fen am Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof live mit­er­le­ben. Schal­ten die Aus­fahrts­si­gna­le pünkt­lich auf Grün, so dass abfahrts­be­rei­te Züge fahr­plan­mä­ßig los­fah­ren kön­nen? Beim Zug nach Rott­weil war dies mit einer Minu­te Ver­spä­tung und ohne erkenn­ba­ren Grund nur fast der Fall – aber noch kein Anlass zur Bean­stan­dung. Sonst hät­te Schnaitmann, wie er es sel­ber sagt, sei­ne fes­ten Ansprech­part­ner der DB „mit Rück­fra­gen genervt“. Sei­ne Erwar­tung ans Bahn­un­ter­neh­men: „Akti­ve Dis­po­nie­rung“. Die zwei­te Auf­ga­be ist das Durch­set­zen nach­hal­tig wir­ken­der Maß­nah­men wie die Bereit­stel­lung von Ersatz­gar­ni­tur und mobi­len Repa­ra­tur­trupps am Abstell­bahn­hof oder auch in der seit län­ge­ren unter Per­so­nal­man­gel lei­den­den Werk­statt in Ulm, in der 120 Fahr­zeu­ge mit teil­wei­se nur klei­nen Weh­weh­chen län­ger her­um­ste­hen als es sein dürf­te. Der Qua­li­täts­be­auf­trag­te bemän­gelt dort eine schlech­te Orga­ni­sa­ti­on und for­dert, dass Per­so­nal aus ande­ren Werk­stät­ten, in denen Per­so­nal­über­hän­ge bestehen, nach Ulm ent­sandt wird. Das Feh­len for­ma­ler Befug­nis­se macht Schnaitmann durch Enga­ge­ment, Berufs­er­fah­rung, Gesprä­che, Hart­nä­ckig­keit und „wort­ge­wal­ti­ge Spra­che“ (O‑Ton Schnaitmann) sowie den Zugang zu den Medi­en wett.

An der Bun­des­po­li­tik kri­ti­siert er, dass vom Geld im Bestands­netz kaum etwas ankommt. Als Bei­spie­le nennt er den nach wie vor und wohl noch län­ge­re Zeit bestehen­den ein­glei­si­gen Stre­cken­ab­schnitt an der Fran­ken­bahn bei Möck­mühl oder ein feh­len­des Block­si­gnal bei Bempflin­gen (Land­kreis Ess­lin­gen). Durch der­lei Unzu­läng­lich­kei­ten wer­den Ver­spä­tun­gen pro­du­ziert. Wich­tig wären außer­dem die Schlie­ßung von Elek­tri­fi­zie­rungs­lü­cken und die Abkehr von teu­ren Groß­pro­jek­ten.

Wir haben uns auch über die aktu­el­len Situa­tio­nen an kon­kre­ten Bahn­stre­cken aus­ge­tauscht:

Filstal­bahn

Die Stre­cke zwi­schen Stutt­gart und Ulm stellt momen­tan das größ­te Sor­gen­kind im Land dar. Als eine Ursa­che hat Schnaitmann den eng geknüpf­ten Fahr­plan aus­ge­macht, der mit dafür unge­eig­ne­ten Zügen gefah­ren wird. Die Dop­pel­stock­zü­ge bedin­gen ver­hält­nis­mä­ßig lan­ge Fahr­gast­wech­sel und ver­fü­gen über eine gerin­ge Beschleu­ni­gung. Als Gegen­maß­nah­me hat Schnaitmann den Ein­satz von Zug­be­glei­tern durch­ge­setzt, die nach und nach ihre Arbeit auf­neh­men und für kür­ze­re Stand­zei­ten an den Bahn­hö­fen sor­gen sol­len.

Fran­ken­bahn

Das Haupt­pro­blem auf der Stre­cke Stutt­gart – Heil­bronn – Würz­burg ist der Per­so­nal­man­gel. Der Kran­ken­stand ist hoch. Ein Grund dafür dürf­te die Arbeit mit dem stör­an­fäl­li­gen Wagen­ma­te­ri­al sein, das beson­ders hohe Anfor­de­run­gen stellt und häu­fig zu Ein­sät­zen im Frei­en zwingt. Ab 01. Juni wer­den Leih­lok­füh­rer zum Ein­satz kom­men und das vor­han­de­ne Per­so­nal ver­stär­ken.

Rems­bahn

Die Kapa­zi­tät der Züge auf der Stre­cke zwi­schen Stutt­gart und Aalen ist häu­fig unzu­rei­chend. Die Ein- und Aus­stei­ge­vor­gän­ge dau­ern daher zu lan­ge, zumal kein Begleit­per­so­nal an Bord ist. Ein Maß­nah­men­bün­del schließt zusätz­li­che Kapa­zi­tä­ten („Kapa­zi­tä­ten­of­fen­si­ve“) ein.

Boden­see­gür­tel­bahn

Wenn der IRE von Ulm nach Basel ver­spä­tet auf die ein­glei­si­ge Stre­cke zwi­schen Fried­richs­ha­fen und Radolf­zell trifft, ver­spä­ten sich dort auch die RB- Züge. Daher steht die Pünkt­lich­keit des IRE im Mit­tel­punkt.

Stutt­gart-Tübin­gen

Die­se Stre­cke war seit Inkraft­tre­ten des Über­gangs­ver­tra­ges beson­ders auf­fäl­lig. Die Situa­ti­on hat sich jedoch seit dem Fahr­plan­wech­sel im Dezem­ber ver­bes­sert. Aller­dings kommt es immer wie­der zu tech­ni­schen Pro­ble­men mit altem Wagen­ma­te­ri­al. Jüngs­tes Bei­spiel: Am ver­gan­ge­nen Frei­tag fie­len gleich zwei Loks in der mor­gend­li­chen Haupt­ver­kehrs­zeit aus.

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