Kostenanstiege für S 21: Man weiß nichts Genaues

Die Stutt­gart 21-Bau­stel­le im Febru­ar 2018, foto­gra­fiert aus dem Bahn­hofsturm.

15.05.2018

Betriebskonzept mit vielen offenen Fragen

Mit einer neu­en Anfra­ge an die Bun­des­re­gie­rung haben wir ver­sucht, Grün­de für die Kos­ten­an­stie­ge bei Stutt­gart 21 und der Neu­bau­stre­cke Wend­lin­gen – Ulm, Details dazu sowie Aus­wir­kun­gen zu erfah­ren.

Ver­aus­gab­te Mit­tel

Unse­re Fra­ge nach den bis­lang ver­aus­gab­ten Mit­tel für Pla­nung und Bau von Stutt­gart 21 konn­te oder woll­te die Bun­des­re­gie­rung nicht beant­wor­ten.

Kos­ten­an­stie­ge in ein­zel­nen Abschnit­ten und spe­zi­ell am Flug­ha­fen

In wel­chen Plan­fest­stel­lungs­ab­schnit­ten wel­che Kos­ten­stei­ge­run­gen zum aktu­el­len Kos­ten­rah­men von 8,2 Mil­li­ar­den Euro geführt haben kann oder will die Bun­des­re­gie­rung nicht sagen. Das ist kein gutes Zei­chen für das Kos­ten­ma­nage­ment bei Stutt­gart 21. Die Bun­des­re­gie­rung führt ledig­lich die bekann­ten Tat­sa­chen auf, dass Bau­preis­stei­ge­run­gen und „deut­lich auf­wän­di­ge­re Ver­fah­ren beim Tun­nel­bau im Anhy­drit“, umfang­rei­chen Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren sowie die spä­te­re Inbe­trieb­nah­me ursäch­li­che Grün­de dar­stel­len. Den Natur­schutz nennt sie nicht, da sich seit 2007 beim Bun­des­na­tur­schutz­ge­setz kei­ne pro­jekt­re­le­van­ten Ände­run­gen erge­ben haben (sie­he Bun­des­tags­druck­sa­che 19/376).

Die Aus­sa­ge der Bun­des­re­gie­rung, wonach „Auf­grund noch aus­ste­hen­der Aus­schrei­bun­gen und lau­fen­der Ver­ga­be- und Nach­trags­ver­fah­ren der­zeit kei­ne nähe­ren Anga­ben zu den kon­kre­ten Plan­fest­stel­lungs­ab­schnit­ten und den Gewer­ken gemacht wer­den“ könn­ten irri­tiert. Denn die Ant­wort bedeu­tet, dass offen­bar noch immer für kei­nen ein­zi­gen Plan­fest­stel­lungs­ab­schnitt Kos­ten­si­cher­heit gilt, obwohl die Deut­sche Bahn seit län­ge­rem immer wie­der behaup­tet, für gro­ße Tei­le der Gewer­ke bestehe ein hohes Maß an Kos­ten­si­cher­heit.

Zwei der bau­tech­nisch anspruchs­volls­ten und kos­ten­mä­ßig ris­kan­tes­ten Plan­fest­stel­lungs­ab­schnit­te befin­den sich am Flug­ha­fen. Wir hat­ten gefragt, von wel­chen Pla­nungs- und Bau­kos­ten die Deut­sche Bahn aus­geht. Die Bun­des­re­gie­rung ant­wor­tet, es könn­ten kei­ne „kon­kre­ten“ (nach „kon­kre­ten“ Kos­ten war unse­rer­seits nicht gefragt wor­den!) Aus­sa­gen getrof­fen wer­den. Wie kann man die Kos­ten für Stutt­gart 21 bezif­fern, wenn man kei­ne Anga­ben zu den ein­zel­nen Pos­ten der Gesamt­rech­nung machen kann? Hat die Bahn wirk­lich kei­ne Ahnung, was ihre Bahn­hö­fe kos­ten wer­den? Wei­te­re Erhö­hun­gen des Gesamt­wert­um­fangs (bis­her 8,2 Mil­li­ar­den Euro) sind zu befürch­ten!

Mei­ne Bewer­tung: Die Bahn will das Kunst­stück schaf­fen, aus vie­len Unbe­kann­ten kon­kre­te Gesamt­kos­ten zu ermit­teln. Wür­de ihr dies gelin­gen, wäre sie Anwär­te­rin für den Nobel­preis in Mathe­ma­tik. Bis­her ist ihr das Kunst­stück lei­der nicht gelun­gen. Viel­mehr sind die Kos­ten regel­mä­ßig explo­diert. Da die Bahn immer noch nicht weiß, wel­che Kos­ten für ein­zel­ne Gewer­ke und Pla­nungs­ab­schnit­te zu erwar­ten sind, müs­sen wei­te­re Kos­ten­an­stie­ge befürch­tet wer­den! Stutt­gart 21 ist ein Fass ohne Boden und hät­te spä­tes­tens im Jahr 2013 gestoppt wer­den müs­sen.

Aus­wir­kun­gen der Mehr­kos­ten auf ande­re Bahn­pro­jek­te

Die Bun­des­re­gie­rung ant­wor­tet, nach Aus­sa­gen der Deut­schen Bahn gäbe es durch die Kos­ten­stei­ge­run­gen für Stutt­gart 21 kei­ne „direk­ten kos­ten­sei­ti­gen“ Aus­wir­kun­gen auf ande­re Neu- und Aus­bau­pro­jek­te. Wir hat­ten aber nicht nach „direk­ten“ Aus­wir­kun­gen gefragt. Gibt es indi­rek­te Aus­wir­kun­gen? Auf eine ande­re, ähn­li­che Fra­ge in Bezug auf die stei­gen­den Kos­ten für die Neu­bau­stre­cke Wend­lin­gen – Ulm ant­wor­tet die Bun­des­re­gie­rung, ande­re Pro­jek­te sei­en „der­zeit nicht betrof­fen“. Wer­den ande­re Pro­jek­te zu einem spä­te­ren Zeit­punkt betrof­fen sein? Bei­de Fra­gen habe ich in einer neu­er­li­chen Anfra­ge an die Bun­des­re­gie­rung gerich­tet.

Wirt­schaft­lich­keit von Stutt­gart 21

Die Bun­des­re­gie­rung wie­der­holt ihre bzw. die von der DB seit eini­gen Mona­ten mehr­fach geäu­ßer­te Logik zur Berech­nung der Wirt­schaft­lich­keit. Hier­bei wer­den nicht wie üblich „nur“ Kos­ten und Nut­zen gegen­über­ge­stellt. Dies hät­te zur Fol­ge, dass die Wirt­schaft­lich­keit bei stei­gen­den Kos­ten und gleich­blei­ben­dem Nut­zen sinkt. Viel­mehr rech­nen DB und Bun­des­re­gie­rung die Aus­stiegs­kos­ten (Abbruch- und Wie­der­her­stel­lungs­kos­ten für die Ertüch­ti­gung des Kopf­bahn­hofs) dage­gen. Dadurch steigt die Wirt­schaft­lich­keit des Pro­jek­tes auto­ma­tisch mit dem Bau­fort­schritt – das Pro­jekt wird selbst dann immer wirt­schaft­li­cher, wenn die Bau­kos­ten stei­gen. Ein absur­des und unüb­li­ches Rechen­spiel!

Ob die Bun­des­re­gie­rung das Pro­jekt Stutt­gart 21 für wirt­schaft­lich hält wird nicht deut­lich. Zwar hält sie die Wirt­schaft­lich­keits­be­trach­tung der Deut­schen Bahn für „nach­voll­zieh­bar. Ob sie die­se für rich­tig hält und genau­so rech­nen wür­de bleibt offen.

Vor­zei­ti­ge Inbe­trieb­nah­me der Neu­bau­stre­cke Wend­lin­gen – Ulm

Laut Aus­sa­gen der Bun­des­re­gie­rung ste­hen „ver­tie­fen­de und detail­lier­te Fahr­plan­un­ter­su­chun­gen“ an. Lt. Bun­des­re­gie­rung sind die Mög­lich­kei­ten, die ein­glei­sig geplan­te Güter­zug­kur­ve bei Wend­lin­gen leis­tungs­fä­hi­ger aus­zu­ge­stal­ten, sehr begrenzt: Sie zwei­glei­sig aus­zu­füh­ren sei „nur mit sehr hohem Auf­wand mög­lich“ und ein neu­es Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren sei dafür erfor­der­lich, eine Über­lei­tung noch vor dem Alb­vor­land­tun­nel sei wegen der Höhen­un­ter­schie­de „unmög­lich“ und auch ein auf­ge­wei­te­ter Kur­ven­ra­di­us sei „nicht mög­lich“.

Mein Kom­men­tar: Die Tat­sa­che, dass die Zeit­plä­ne für die Fer­tig­stel­lung von Stutt­gart 21 einer­seits und der Neu­bau­stre­cke Wend­lin­gen – Ulm immer wei­ter aus­ein­an­der lau­fen, ist nun auch bei der DB und der Bun­des­re­gie­rung ange­kom­men. Das ist gut. Nun muss es dar­um gehen, mög­lichst früh mög­lichst vie­le Fahr­gäs­te von den Mög­lich­kei­ten der schnel­le­ren Ver­bin­dung zwi­schen Stutt­gart und Ulm pro­fi­tie­ren zu las­sen. Ein­fach wird die­ses Unter­fan­gen nicht. Aber das, was an Rei­se­zeit­ge­win­nen im Inter­es­se der Fahr­gäs­te mög­lich ist, muss umge­setzt wer­den. Selbst­ver­ständ­lich dür­fen bestehen­de Ver­bin­dun­gen wie die zwi­schen Stutt­gart und Tübin­gen dadurch nicht beein­träch­tigt wer­den.

Fern­ver­kehr am Flug­ha­fen und dem Haupt­bahn­hof

Wir haben gefragt, wel­che kon­kre­ten Zusa­gen die Deut­sche Bahn für die geplan­ten Fern­ver­kehrs­an­bin­dun­gen des Flug­ha­fens gemacht hat. Die Bun­des­re­gie­rung beschreibt die­se aber nicht, son­dern bestä­tigt ledig­lich, die DB wür­de zu ihren Zusa­gen ste­hen. Es gab in der Ver­gan­gen­heit sehr unter­schied­li­che Erin­ne­run­gen an angeb­lich gege­be­ne Zusa­gen. Der Vor­sit­zen­de des Bahn­pro­jekt­ver­eins Stutt­gart-Ulm bei­spiels­wei­se ging gar von ICE-Hal­ten am Flug­ha­fen aus. Es bleibt also nebu­lös, wel­che Fern­ver­kehrs­an­ge­bo­te am Flug­ha­fen zu erwar­ten sind.

Auf die Fra­ge, ob sicher sei, dass alle Fern­zü­ge, die am Flug­ha­fen hal­ten und aus Stutt­gart kom­men oder nach Stutt­gart fah­ren auch am neu­en Haupt­bahn­hof stop­pen wer­den, ging die Bun­des­re­gie­rung über­haupt nicht direkt ein. Sie ver­wies ledig­lich auf die Ant­wort auf eine frü­he­re Anfra­ge: „Die Stre­cken­ver­läu­fe sind so gestal­tet, dass Züge von den Flug­ha­fen­bahn­hö­fen stets in Rich­tung Haupt­bahn­hof (neu) wei­ter­fah­ren. Die Bun­des­re­gie­rung geht davon aus, dass die Eisen­bahn­ver­kehrs­un­ter­neh­men auf­grund des Ver­kehrs­auf­kom­mens für die­se Züge auch im Haupt­bahn­hof einen Ver­kehrs­halt vor­se­hen wer­den.“ Es über­rascht, dass die Bun­des­re­gie­rung sonst meist auf Aus­sa­gen der Deut­schen Bahn ver­weist. Aus­ge­rech­net dann, wenn es um die eigen­stän­di­ge Fahr­plan­ge­stal­tung durch die DB geht (der Fern­ver­kehr wird eigen­wirt­schaft­lich durch Eisen­bahn­ver­kehrs­un­ter­neh­men geplant und erbracht, er ist damit weit­ge­hend der poli­ti­schen Ein­fluss­nah­me ent­zo­gen), lässt die Bun­des­re­gie­rung die DB aus dem Spiel.

Auf eine ande­re frü­he­re Anfra­ge hat­te die Bun­des­re­gie­rung dar­auf ver­wie­sen, dass „Aus­sa­gen zur kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Zug­an­ge­bots nach Aus­sa­ge der DB AG erfah­rungsgemäß frü­hes­tens zwei Jah­re vor der Inbetriebnah­me getrof­fen wer­den“ könn­ten.

Ich hat­te die Deut­sche Bahn bereits im Febru­ar 2018 direkt gefragt, ob alle Fern­zü­ge, die am Flug­ha­fen hal­ten und durch Stutt­gart fah­ren, am Haupt­bahn­hof auch hal­ten wer­den. Die Ant­wort der DB hat­te gelau­tet: „Wie bereits (…) bespro­chen, kön­nen detail­lier­te Aus­sa­gen zur kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Zug­an­ge­bots erfah­rungs­ge­mäß aller­dings frü­hes­tens zwei Jah­re vor der Inbe­trieb­nah­me getrof­fen wer­den, final belast­ba­re Aus­sa­gen sind sogar erst nach Abschluss der Tras­sen­kon­struk­ti­on für den Jah­res­fahr­plan von DB Netz rund 3 Mona­te vor Fahr­plan­wech­sel mög­lich.“

Weil mich die Tat­sa­che, dass sich die Deut­sche Bahn nicht fest­le­gen möch­te, stark irri­tiert hat­te, hat­te ich die Fra­ge in die­ser Klei­nen Anfra­ge erneut gestellt – und von der Bun­des­re­gie­rung nur die zitier­te aus­wei­chen­de Ant­wort erhal­ten. Es gibt kei­ne kla­re Aus­sa­ge dar­über, ob alle Züge, die durch Stutt­gart fah­ren sol­len, auch am künf­ti­gen neu­en Haupt­bahn­hof hal­ten wer­den. Auch mei­ne Fra­ge an den Kon­zern­vor­stand im Bun­des­tags-Ver­kehrs­aus­schuss im April 2018, ob womög­lich eini­ge Fern­zü­ge den neu­en Tief­bahn­hof ohne Halt nur durch­fah­ren wer­den, blieb unbe­ant­wor­tet.

Mei­ne Bewer­tung: Dass die Deut­sche Bahn Pro­ble­me damit hat, sich sie­ben oder mehr Jah­re vor Inbe­trieb­nah­me der Bahn­hö­fe am Flug­ha­fen auf ein genau­es Fahr­plan­kon­zept fest­zu­le­gen, ist nach­voll­zieh­bar. Was genau die erwähn­ten, aber nicht näher aus­ge­führ­ten „Zusa­gen“ sein sol­len, bedarf jedoch der Kon­kre­ti­sie­rung. Auf null Ver­ständ­nis sto­ßen bei mir Bahn und Bun­des­re­gie­rung mit ihrem Her­um­ge­eie­re bezüg­lich der zukünf­ti­gen Hal­te im Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof. Dass Züge dort ohne einen Halt durch­fah­ren hal­te ich für unvor­stell­bar. Die Deut­sche Bahn soll­te ihre aus­wei­chen­den Aus­sa­gen auf zig Nach­fra­gen unse­rer­seits schnellst­mög­lich durch eine kla­re Ansa­ge erset­zen. Es muss selbst­ver­ständ­lich sein, dass alle nach Stutt­gart hin­ein­fah­ren­den Züge am neu­en Haupt­bahn­hof hal­ten. Es sich offen zu hal­ten, ob der mil­li­ar­den­teu­re Tief­bahn­hof für ein­zel­ne Züge even­tu­ell nur zur Durch­fahrt genutzt wer­den soll, ist völ­lig inak­zep­ta­bel. Ein Halt am Flug­ha­fen kann den Halt am Haupt­bahn­hof nicht erset­zen. Ich erwar­te, dass die Deut­sche Bahn umge­hend für Klar­heit sorgt.

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