Mit Antisemitismus-Beauftragtem im Gespräch

10.01.2020

Über Menschenhass, die Rolle sozialer Medien und die Bildung im Islam

Vor rund 20 Jah­ren saßen wir noch zusam­men im Gemein­de­rat der Stadt Fil­der­stadt. Micha­el Blu­me für die CDU und ich für die Grü­nen. Inzwi­schen ist er Reli­gi­ons- und Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ter des Lan­des Baden-Würt­tem­berg, wäh­rend ich seit 2013 im Bun­des­tag sit­ze.

Unter dem Mot­to „Hass im Netz“ habe ich Micha­el Blu­me zu einer Gesprächs­run­de mit anschlie­ßen­der Dis­kus­si­on nach Nür­tin­gen ein­ge­la­den. Rund 30 Inter­es­sier­te waren dazu ins Stadt­bü­ro der Nür­tin­ger Zei­tung gekom­men.

Vor eini­gen Jah­ren dach­te man noch, das The­ma Anti­se­mi­tis­mus wür­de sich mit den Alt­na­zis erle­di­gen. Inzwi­schen ist die Zahl anti­se­mi­ti­scher Vor­fäl­le stark gestie­gen: Gibt es mehr Vor­fäl­le oder sind wir sen­si­bler gewor­den und zei­gen eher an? Blu­me bestä­tigt, dass Anti­se­mi­tis­mus ein sehr altes und stän­dig vor­han­de­nes Phä­no­men ist, er aber lei­der in einer glo­ba­li­sier­ten und ver­netz­ten Welt zunimmt. So gibt es inzwi­schen selbst in Län­dern Juden­has­ser, in denen gar kei­ne der ins­ge­samt nur rund 16 Mil­lio­nen Juden leben.

Das Gan­ze geht Hand in Hand mit ver­schie­de­nen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. „Die Leu­te wol­len glau­ben, dass böse Mäch­te die Welt beherr­schen“, sagt Blu­me und erklärt die­se Denk­wei­se mit Erfah­run­gen aus der Kind­heit. Damit hängt zusam­men, ob jemand die Welt posi­tiv oder nega­tiv sieht. Unter­schie­den hat er zwi­schen dem anti­ken, isla­mi­schen und christ­li­chen Anti­se­mi­tis­mus. Durch die neu­en Medi­en hat der Anti­se­mi­tis­mus neu­en Auf­schwung erhal­ten. Micha­el Blu­me ist sich sicher, dass der Anti­se­mi­tis­mus sei­nen Höhe­punkt noch nicht erreicht hat, aber er wagt die Pro­gno­se, „dass er die­ses Mal unse­re Demo­kra­tie nicht zer­stört!“

Micha­el Blu­me hat sich erst vor kur­zem von Face­book und Twit­ter abge­mel­det. Haupt­grund für ihn war aller­dings nicht der Hass, der ihm dort von ver­schie­de­nen Sei­ten ent­ge­gen­schlägt, son­dern das Geschäfts­mo­dell der Betrei­ber. Der Nut­zer ist für die Betrei­ber ledig­lich ein Pro­dukt, der mani­pu­liert wird, um des­sen Daten zu Geld zu machen, kri­ti­siert Blu­me, der sich nun mehr dem Blog­gen im Inter­net und dem Radio wid­met. Außer­dem ist ihm sau­er auf­ge­sto­ßen, dass Face­book inzwi­schen mit dem rechts­las­ti­gen Por­tal Breit­bart-News koope­riert. „Was in die­sen aso­zia­len Medi­en pas­siert, spürt man in der gan­zen Gesell­schaft. Ich bin nicht grund­sätz­lich dage­gen, son­dern für bes­se­re digi­ta­le Medi­en“, stellt er klar.

In sei­nem Buch „Der Islam in der Kri­se“, das ich zur Vor­be­rei­tung auf die Ver­an­stal­tung gele­sen habe, spricht Blu­me vom „stil­len Rück­zug“ von immer mehr Mus­li­min­nen und Mus­li­men. Es hat mich inter­es­siert, was genau er damit meint. Blu­me, der selbst mit einer mus­li­misch-sun­ni­ti­schen Tür­kin und gemein­sa­men Bekann­ten von uns ver­hei­ra­tet ist, erklärt das so: Auch Mus­li­me sind zuneh­mend säku­la­ri­siert und zie­hen sich lei­se aus der Reli­gi­on zurück. For­mal aus­tre­ten kön­nen Mus­li­me im Gegen­satz zu den Chris­ten nicht. Es gibt eine stei­gen­de Anzahl von Men­schen mit mus­li­mi­schen Vor­fah­ren, die selbst nicht reli­gi­ös sind, aber sta­tis­tisch den­noch dem Islam zuge­ord­net wer­den. Dazu kommt, dass die isla­mi­sche Mit­te zusam­men­ge­bro­chen ist und es auch auf You­tube oder Face­book kaum libe­ra­le Ange­bo­te gibt. Mir ist in Blu­mes Buch auf­ge­fal­len, dass er kri­ti­siert wie vie­le unde­mo­kra­ti­sche Staa­ten von Sau­di-Ara­bi­en unter­stützt wer­den. Wegen sei­ner Ölvor­rä­te hofiert der Wes­ten den­noch die­ses Land, das nach innen und außen bru­tal agiert. Vor allem der Satz: „Wer nach lau­ten Kla­gen über Krie­ge und isla­mi­sche Extre­mis­ten selbst Erd­öl tankt und ver­heizt, finan­ziert die Unter­drü­cker und Ter­ro­ris­ten direkt mit“, hat mich sehr beein­druckt. Kon­se­quenz: „Euro­pa, die USA und wei­te­re Staa­ten wie Indi­en und Japan wären nicht nur umwelt‑, son­dern auch frie­dens- und reli­gi­ons­po­li­tisch gut bera­ten, ihre Abhän­gig­keit von Öl und Gas so schnell wie mög­lich zu redu­zie­ren.“

Ich habe Micha­el Blu­me gefragt, ob der Islam der­zeit ähn­lich Pro­zes­se durch­läuft, wie das Chris­ten­tum nach dem Mit­tel­al­ter. Das war ja auch an vie­len Krie­gen, Ablass­han­del, Hexen­wahn und Unter­drü­ckung betei­ligt. Auch in der christ­li­chen Geschich­te macht er als Aus­lö­ser für Tur­bu­len­zen ein neu­es Medi­um aus, näm­lich den Buch­druck. Als Euro­pa vor rund 500 Jah­ren in Auf­ruhr geriet, wur­de in der isla­mi­schen Welt der Buch­druck und damit der Zugang zu Bil­dung und Wis­sen ver­bo­ten. Die damit erziel­te Sta­bi­li­tät bedeu­te­te aber auch Sta­gna­ti­on.

Der damit ver­bun­de­ne Nie­der­gang der damals bedeu­ten­den isla­mi­schen Kul­tur wur­de aller­dings den Juden ange­las­tet, erzählt Blu­me. Bil­dung ist wie­der­um ein zen­tra­les Ele­ment des jüdi­schen Glau­bens. Dazu gehört es auch Lesen und Schrei­ben zu kön­nen. Die­se Fähig­kei­ten machen in der jüdi­schen Tra­di­ti­on das Kind zum Erwach­se­nen und bedin­gen demo­kra­ti­sche Bil­dung. Eine tie­fe­re und umfas­sen­de­re Bil­dung hält Blu­me daher für uner­läss­lich für alle, denn „Kein Mensch wird als Anti­se­mit oder Ras­sist gebo­ren“. Der Anti­se­mi­tis­mus wen­det sich auch gegen Bil­dung und Rechts­staat­lich­keit. „Die­ser Hass wird nie satt“, bedau­ert Blu­me. Außer­dem ist es ein­fach einen Schul­di­gen zu haben, denn „das ver­hin­dert Objek­ti­vi­tät“.

Da das Inter­net anonym und miss­ver­ständ­lich ist, haben wir mit­ein­an­der ver­gli­chen, wie wir Men­schen errei­chen wol­len: bei­de sind wir bei klas­si­schen Ver­an­stal­tun­gen prä­sent und suchen das per­sön­li­che Gespräch. Wäh­rend ich auf Märk­ten und bei Haus­be­su­chen Gesprächs­an­ge­bo­te unter­brei­te und Rede und Ant­wort ste­he, macht Micha­el Blu­me Pod­casts, führt Leh­rer­fort­bil­dun­gen durch und ver­sucht eine gemein­sa­me Öffent­lich­keit her­zu­stel­len. „Ana­log wird das neue „Bio“, ist sich Blu­me sicher und grinst.

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