Mit Locomore, dem neuen privaten Bahnanbieter, im Gespräch

27.01.2017

„Einhörner reisen gerne incognito“

Fra­gen an Kat­rin Sei­ler, Geschäfts­füh­re­rin von Loco­mo­re

  1. Kat­rin Sei­ler, seit dem 14. Dezem­ber ver­kehrt täg­lich der neue Fern­zug von Loco­mo­re zwi­schen Stutt­gart und Ber­lin und zurück. Wie fällt Ihre Bilanz nach mehr als einem Monat aus? Konn­ten Ihre Erwar­tun­gen erfüllt wer­den? Wie groß ist die Nach­fra­ge?

 Es erscheint mir immer noch wie ein klei­nes Wun­der, dass der Loco­mo­re nun wirk­lich exis­tiert. Vie­le Jah­re, näm­lich seit 2011, haben wir ste­tig dar­an gear­bei­tet, die Visi­on einer bezahl­ba­ren Mobi­li­tät mit öko­lo­gi­scher Aus­rich­tung umzu­set­zen. Es war alles ande­re als ein­fach, Wagen und eine Finan­zie­rung für das Pro­jekt zu orga­ni­sie­ren. Jetzt, nach einem Monat Betrieb, kön­nen wir klar sagen, dass eine aus­rei­chen­de Nach­fra­ge für unser Pro­dukt da ist. Wir haben eine gro­ße Flut von E‑Mails erhal­ten mit Wün­schen wie zusätz­li­chen Hal­ten auf der aktu­el­len Stre­cke, Vor­schlä­ge für neue Ver­bin­dun­gen, Nacht­zü­ge, usw. Sehr vie­le Fahr­gäs­te spie­geln uns, dass sie sich über eine Alter­na­ti­ve zur Deut­schen Bahn freu­en und ger­ne mit uns rei­sen. Wir füh­len uns dar­in bestä­tigt, dass es nicht der güns­ti­ge Preis allein ist, der die Kun­den über­zeugt. Sowohl unser Bio-Cate­ring als auch die unter­schied­li­chen Rei­se­be­rei­che kom­men gut an. Und obwohl es eini­ge tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten gab, über­wiegt die posi­ti­ve Stim­mung in unse­rem Zug. Letz­te Woche haben wir unse­ren 25.000sten Fahr­gast an Bord begrüßt.

  1. Wel­che Schwie­rig­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen galt und gilt es zu meis­tern? Wur­den Ihnen sei­tens des markt­be­herr­schen­den Unter­neh­mens, der Deut­schen Bahn, Stei­ne in den Weg gelegt und wenn ja wel­che?

Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung ist es sicher als Start-up-Unter­neh­men einen sta­bi­len Ser­vice anzu­bie­ten. Vor allem was die Wagen angeht, hat­ten wir in den letz­ten Wochen mit man­chen Schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen. Wir muss­ten immer wie­der unge­plant Wagen aus dem Ver­kehr zie­hen, was dann eine Fol­ge von ver­schie­de­nen Ein­schrän­kun­gen für unse­re Fahr­gäs­te bedeu­te­te. Gebuch­te Sitz­plät­ze waren nicht mehr vor­han­den. Statt unse­rer moder­ni­sier­ten Loco­mo­re-Wagen muss­ten die Rei­sen­den in zusätz­lich ange­mie­te­ten Ersatz­wa­gen Platz neh­men. Das Her­aus­neh­men unse­rer Wagen führ­te zu einer geän­der­ten Wagen­rei­hung und an man­chen Tagen auch zu einem Aus­blei­ben des sonst frei zugäng­li­chen WLAN. Das ent­sprach nicht mehr der Qua­li­tät, die Loco­mo­re anbie­ten möch­te. Hier haben wir nun reagiert und wer­den bis zum 6. April nur noch an vier Tagen ver­keh­ren. Uns liegt es am Her­zen, die Pro­ble­me damit nach­hal­tig in den Griff zu bekom­men. Zum einen, weil unse­re Part­ner­werk­statt in den ver­kehrs­frei­en Zei­ten, d.h. von Mon­tag­nach­mit­tag bis Don­ners­tag­mit­tag, genug Zeit hat, die Män­gel zu behe­ben. Zum ande­ren, weil uns ab April alle neun eige­nen Loco­mo­re-Wagen zur Ver­fü­gung ste­hen.

Von Sei­ten der DB hat­ten wir in den letz­ten Wochen immer wie­der Schwie­rig­kei­ten bezüg­lich kor­rek­ter Anzei­gen und Ansa­gen an den Bahn­hö­fen. Teil­wei­sen wur­den wir falsch oder auch gar nicht auf­ge­führt. Ein gro­ßes Pro­blem sehen wir auch dar­in, dass die DB sich bis­her wei­gert, unse­re Tickets in ihren Rei­se­zen­tren zu ver­kau­fen. Wir hal­ten dies nicht für beson­ders kun­den­freund­lich und ver­lie­ren als Unter­neh­men dadurch natür­lich auch eine wich­ti­ge Reich­wei­te.

  1. Bei einer Zug­fahrt inter­es­siert vor allem die Pünkt­lich­keit. Wie sieht dazu Ihre bis­he­ri­ge Bilanz aus?

Unse­re Züge waren in den letz­ten Wochen meist pünkt­lich. Schwie­rig­kei­ten hat­ten wir vor allem dann, wenn wir in Ber­lin-Lich­ten­berg außer­plan­mä­ßig defek­te Wagen aus­ran­gie­ren muss­ten. Auch hier erhof­fen wir uns eine Bes­se­rung durch eine sta­bi­le­re Wagen­ver­füg­bar­keit. Ansons­ten bleibt zum The­ma Pünkt­lich­keit auch zu sagen, dass wir auf dem glei­chen Netz wie die DB fah­ren und somit natür­lich auch mit den glei­chen The­men, wie schwie­ri­ge Wit­te­rungs­be­din­gun­gen, aber auch mit einem über­las­te­ten Schie­nen­netz kon­fron­tiert sind.

  1. Sie bie­ten Tickets für Fahr­ten meist güns­ti­ger an als die DB. Wie schaf­fen Sie das?

Wir schaf­fen das vor allem durch gut aus­ge­las­te­te Züge. Gesteu­ert wird das durch den Preis. An Tagen mit einer schwa­chen Nach­fra­ge ist der durch­schnitt­li­che Ticket­preis gerin­ger als an Tagen mit einer star­ken Nach­fra­ge. Ins­ge­samt pro­fi­tie­ren davon alle, weil sich bei einer hohen Aus­las­tung die Fix­kos­ten auf mehr Köp­fe ver­tei­len las­sen.

  1. Abge­se­hen vom Preis, wel­che Vor­tei­le bie­tet Loco­mo­re dem Kun­den gegen­über der DB?

Was der eine oder ande­re Kun­de als Vor­teil wahr­nimmt ist sehr unter­schied­lich. Der Loco­mo­re ver­sucht in allen Berei­chen kon­se­quent öko­lo­gisch zu sein. Wir bie­ten öko-fai­res Essen und Geträn­ke an und fah­ren mit ech­tem Öko­strom von Natur­strom. Außer­dem rich­ten wir unser Pro­dukt an den unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen aus. Das spie­gelt sich in den ver­schie­de­nen Rei­se­be­rei­chen Basic, Fami­lie, Ruhe, Busi­ness und The­men­ab­tei­le wie­der. Wir möch­ten dazu bei­tra­gen, dass die Men­schen sich im Loco­mo­re Zug wohl­füh­len: durch eine per­sön­li­chen Anspra­che des Bord­per­so­nals, eine indi­vi­du­el­le Innen­raum­ge­stal­tung und eben auch durch die Mög­lich­keit, das Rei­sen in unse­rem Zug als Platt­form zu sehen, um Gleich­ge­sinn­te zu tref­fen. Das sagen letzt­lich auch die Zuschrif­ten, die wir erhal­ten. Vie­le Rei­sen­de schät­zen die beson­de­re Atmo­sphä­re und die gute Stim­mung im Zug.

  1. Ein The­ma, mit dem sich Loco­mo­re von der Deut­schen Bahn unter­schei­det sind die The­men­ab­tei­le, in denen sich Gleich­ge­sinn­te zu einem The­ma unter­hal­ten kön­nen. Wie wird die­se Idee von den Kun­den ange­nom­men? Wel­che Nach­fra­ge ist dort zu ver­zeich­nen und wie sind die Reak­tio­nen der Men­schen auf die­ses Ange­bot?

Die Nach­fra­ge in den The­men­ab­tei­len darf ger­ne noch anwach­sen. Man­che berich­ten von einem beson­de­ren Rei­se­er­leb­nis durch die Rei­se in einem The­men­ab­teil. So schrieb uns eine Wahl­ber­li­ne­rin, dass ihre Mut­ter so gut gelaunt aus dem Zug von Stutt­gart nach Ber­lin stieg, dass es ihr ein Bedürf­nis war uns für die­sen – wie sie for­mu­lier­te – beson­de­ren und sym­pa­thi­schen Zug zu dan­ken. Die bis­he­ri­gen The­men­ab­tei­le waren Vor­schlä­ge von uns. Im Moment läuft „Gesell­schafts­spie­le“ gut und auch „Kaf­fee­klatsch“. Aber letzt­lich hat die Atmo­sphä­re natür­lich auch viel mit denen zu tun, die mit Loco­mo­re rei­sen. So wer­den wir die The­men­ab­tei­le gemein­sam mit unse­ren Fahr­gäs­ten wei­ter­ent­wi­ckeln.

  1. Wel­che Plä­ne gibt es für die Erwei­te­rung Ihres Ange­bots? Wel­che Stre­cken sol­len hin­zu­kom­men? Sol­len zusätz­li­che Fahr­ten auf der Stre­cke Stutt­gart-Ber­lin ange­bo­ten wer­den?

Wei­te­re Tras­sen sind von Stutt­gart nach Mün­chen, von Ber­lin nach Binz und von Ber­lin nach Köln reser­viert. Auch für einen Gegen­zug, der mor­gens in Ber­lin star­tet, mit­tags in Stutt­gart wen­det und abends wie­der in Ber­lin ankommt, sind die Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen.

  1. Laut den All­ge­mei­nen Beför­de­rungs­be­din­gun­gen dür­fen Ein­hör­ner bei Loco­mo­re kos­ten­los mit­fah­ren. Wie vie­le Ein­hör­ner haben die­ses Ange­bot schon genutzt? Gibt es von Sei­ten des Eisen­bahn­bun­des­am­tes kei­ne Sicher­heits­be­den­ken? Und umfasst das Spei­se­an­ge­bot im Zug auch Regen­bo­gen­blu­men?

Grund­sätz­lich haben wir uns als Loco­mo­re Trans­pa­renz auf die Fah­nen geschrie­ben, aber was den Trans­port von Ein­hör­nern betrifft, dür­fen wir lei­der kei­ne offi­zi­el­len Anga­ben machen, da die­se ger­ne inco­gni­to rei­sen. So viel sei ver­ra­ten: Ein­hör­ner schwö­ren auf unse­re her­vor­ra­gen­de Scho­ko­mousse. Die­se bie­ten wir auch Fahr­gäs­ten ohne Hör­ner an.

Kat­rin Sei­ler, Jahr­gang 1975, ist Geschäfts­füh­re­rin bei Loco­mo­re, zustän­dig für Per­so­nal, Finan­zen und Bord­ser­vice. Die Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin arbei­te­te zuletzt als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Bun­des­tag und war davor als Ver­kehrs­be­ra­te­rin und auch schon für HKX und Loco­mo­re tätig. Sie wünscht sich eine Bahn, die die Fahr­gäs­te mit ihren Bedürf­nis­sen ernst nimmt.

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