Senioren-Rikscha, Ziegen und Obstbäume

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31.05.2018

Drei Tage durch Kirchheim, Weilheim und Zell

Wie­der mal war ich drei Tage zu Fuß unter­wegs. Dies­mal ging es von Kirch­heim unter Teck, also mei­nem Wahl­kreis, über Weil­heim an der Teck bis nach Zell unter Aichel­berg im Nach­bar- und mei­nem Betreu­ungs­kreis Göp­pin­gen. Ent­lang des Weges hat­te ich inter­es­san­te Sta­tio­nen und Gesprä­che mit Bür­ge­rin­nen und Bür­gern.

Rik­scha Kirch­heim

In Kirch­heim unter Teck habe ich das aus Spen­den­gel­dern finan­zier­te Rik­scha-Pro­jekt besucht. Ehren­amt­li­che fah­ren mit den bei­den Las­ten­rä­dern älte­re, mobi­li­täts­ein­ge­schränk­te Men­schen aus ver­schie­de­nen Senio­ren­ein­rich­tun­gen durch die Stadt oder ent­lang der Lau­ter spa­zie­ren. Dazu der Lei­ter eines des St. Hed­wig-Senio­ren­zen­trums: “Das kommt bei unse­ren Leu­ten toll an!”. Ich bin zwar noch kein Seni­or, schlie­ße mich dem Urteil aber ger­ne an – zumal ich einen klei­nen Teil der Stre­cke zum nächs­ten Ter­min gefah­ren wur­de!

Deme­ter-Zie­gen­hof Hep­per­le in Kirch­heim

Rund 100 Milch­zie­gen mit Nach­wuchs hal­ten sich Hart­mut und Caro­li­ne Hep­per­le am Stadt­rand von Kirch­heim. Die bei­den, die ursprüng­lich gar nicht aus der Land­wirt­schaft kamen, haben sich seit dem Jahr 2000 nach und nach ihren Traum auf­ge­baut. Die Zie­gen sor­gen für Pro­duk­te wie Zie­gen­milch, Zie­gen­kä­se, Zie­gen­jo­ghurt, Zie­gen­wurst und Jung­zie­gen­fleisch. Der Ver­trieb läuft über das Selbst­be­die­nungs-Hof­läd­le, den Wochen­markt in Kirch­heim und den Bau­ern­markt in Hoch­dorf. Ent­spre­chend der Deme­ter-Vor­ga­ben dür­fen die Zie­gen ihre Hör­ner behal­ten und die Jung­tie­re blei­ben bei ihren Müt­tern. Wei­de­gang (als größ­tes Pro­blem bei der Wei­de­hal­tung wer­den frei­lau­fen­de Hun­de genannt!) bzw. der geziel­te Ein­satz der Tie­re für Land­schafts­pfle­ge­maß­nah­men run­den die tier­ge­rech­te Hal­tung ab. Die Fami­lie hält sich außer­dem eini­ge Arbeits­pfer­de, die bei Wald­ar­bei­ten zum Ein­satz kom­men.

Müh­le Sting

Im Jahr 1426 wur­de die Müh­le an der Lindach in Kirch­heim-Jesin­gen erst­mals urkund­lich erwähnt. Die Fami­lie Sting betreibt die Müh­le in 6. Gene­ra­ti­on. Bei­de Brü­der, die heu­te die Müh­le betrei­ben, sind gelern­te Mül­ler­meis­ter. Das Getrei­de stammt aus der Regi­on, über die Hälf­te des Getrei­des kommt aus Bio-Anbau. Ein Teil des pro­du­zier­ten Mehls (Wei­zen, Rog­gen, Din­kel) und des Vogel-/Ge­flü­gel- sowie Kanin­chen­fut­ters wird im hof­ei­ge­nen Laden ver­kauft. Ich bekom­me die Funk­ti­ons­wei­se der Müh­le erklärt und den Hof­la­den, im dem ein brei­tes, auch zuge­kauf­tes Sor­ti­ment ange­bo­ten wird, vor­ge­stellt.

Das Was­ser aus dem ein Kilo­me­ter lan­gen Kanal hat frü­her das Mühl­rad ange­trie­ben. Heu­te erzeu­gen zwei Tur­bi­nen aus der Kraft des Was­sers und der Fall­hö­he von sie­ben Metern Strom – lei­der aber ist die Was­ser­men­ge ins­be­son­de­re in den Som­mer­mo­na­ten zurück­ge­gan­gen.

Der wei­te­re Weg führ­te mich ent­lang der still­ge­leg­te Bahn­stre­cke von Kirch­heim (Teck) Süd nach Weil­heim (Teck) ab. Die 7,7 Kilo­me­ter lan­ge Neben­bahn­stre­cke wur­de 1982 für den Per­so­nen- und 1995 auch für den Güter­ver­kehr ein­ge­stellt. Der­zeit lau­fen Unter­su­chun­gen für die Wie­der­in­be­trieb­nah­me.

Baum­schu­le Enten­mann Weil­heim an der Teck

Seit 1952 gibt es die Baum­schu­le, die sich auf alte und loka­le Obst- (Schwer­punkt Apfel, Bir­nen und Kir­schen) und Hecken­ge­höl­ze spe­zia­li­siert hat. Kun­den sind Kom­mu­nen und Pri­va­te, für die ein Gar­ten­cen­ter auf­ge­baut wur­de. Seit eini­gen Jah­ren wer­den auch die Pla­nung, das Anle­gen und die Pfle­ge von Gär­ten ange­bo­ten. Der Seni­or­chef hat uns über das weit­läu­fi­ge Gelän­de geführt und berich­tet, dass es frü­her am Ort mal 40 (!) Baum­schu­len gege­ben hat. Die Bäum­chen wur­den damals noch mit der (lei­der still­ge­leg­ten) Bahn zu den Kun­den in Deutsch­land und den euro­päi­schen Nach­bar­län­dern trans­por­tiert.

Die Ver­ede­lung erfor­dert ein hohes Maß an Pflan­zen­kennt­nis und hand­werk­li­chem Geschick. Damit gehört Enten­mann nach eige­nen Anga­ben zu einem der weni­gen Spe­zi­al­be­trie­be, die die­se Art der Gehölz­ver­meh­rung noch betreibt.

Inklu­si­ve der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen arbei­ten zehn Per­so­nen in der Baum­schu­le, dar­un­ter ganz­jäh­rig eini­ge Hilfs­ar­bei­ter aus Rumä­ni­en. Aus­ge­bil­det wer­den Gärt­ner der Fach­rich­tung Baum­schu­len. Geeig­ne­tes Per­so­nal zu fin­den, so wird mir erklärt, sei auch in die­ser Bran­che schwie­rig gewor­den.

Vor­bei am Aichel­berg, der Groß­bau­stel­le für die Neu­bau­stre­cke Wend­lin­gen – Ulm und dem Most­bir­nen-Lehr­pfad ging es nach Zell unter Aichel­berg.

Holz­werk­statt ALB

Der Arbeits- und Lebens­ge­mein­schaft Bad Boll e. V. bie­tet Wohn­raum und Arbeit für Men­schen mit Behin­de­rung.

Neben einer Bügel­stu­be und dem Café Lin­de (bei­des in Bad Boll) wird eine Holz­werk­statt in Zell unter Aichel­berg gebo­ten, die ich besucht habe. Neu auf­ge­nom­me­ne Men­schen mit Behin­de­rung bekom­men zunächst zwei Jah­re lang Fähig- und Fer­tig­kei­ten in Theo­rie und Pra­xis der ver­schie­de­nen Arbeits­fel­der ver­mit­telt, bevor sie sich für einen fes­ten Arbeits­platz ent­schei­den. Die Werk­statt ist kei­ne Werk­statt für Behin­der­te, son­dern bie­tet for­mal Arbeit auf dem ers­ten Arbeits­markt und bezahlt den Min­dest­lohn (dafür wer­den aber kei­ne Vollzeit‑, son­dern Halb­tags­stel­len gebo­ten). Ange­lei­tet und betreut wer­den neun Men­schen mit Behin­de­rung von zwei Schrei­nern und einer Schrei­ne­rin. Pro­du­ziert wer­den Kin­der­spiel­zeug wie Bau­klöt­ze und Holz­au­tos, Deko-Arti­kel und (bereits jetzt!) Figu­ren für die Weih­nachts­zeit.

Nach rund 40 Kilo­me­tern sowie vie­len Gesprä­chen und Ein­drü­cken, aber auch Ideen für wei­te­re Drei-Tages-Wan­de­run­gen, bin ich wie­der nach­hau­se zurück­ge­kehrt.