Stuttgart 21: Auf den Fildern das bestmögliche herausgeholt

Zeitungsfoto 1.3 13.03.2015

 

Seit über zehn Jah­ren plant die Deut­sche Bahn die Gäu­bahn­an­bin­dung an den Flug­ha­fen, ohne bis­her ein Bau­recht erwirkt zu haben. Die Stre­cken­füh­rung ist äußerst umstrit­ten, da die bestehen­de Tras­se zum Flug­ha­fen aus­schließ­lich für den S‑Bahn-Ver­kehr kon­zi­piert ist und die Befürch­tung vor­herrscht, dass die Fern­zü­ge die S‑Bahnen aus dem Takt wer­fen.

 

Das Eisen­bahn­bun­des­amt woll­te die Geneh­mi­gung für die­se Stre­cken­füh­rung nicht ertei­len. Der frü­he­re Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Ram­sau­er hat schließ­lich die Geneh­mi­gung per Minis­ter­er­lass erteilt – zeit­lich befris­tet und mit Auf­la­gen. Beim Anhö­rungs­ver­fah­ren für die sog. „Antrag­stras­se“ der DB kam es dann Ende des letz­ten Jah­res zum Eklat: Eine Stu­die der Uni Dres­den, von der Stadt Lein­fel­den-Ech­ter­din­gen in Auf­trag gege­ben, stell­te den Plä­nen ein ver­nich­tend schlech­tes Zeug­nis aus. Als die DB ein­räu­men muss­te, den Gut­ach­tern fal­sche Fahr­p­lan­da­ten gege­ben zu haben, rich­te­te sich der Zorn von Pro­jekt­geg­nern wie ‑befür­wor­tern gegen den Bahn­kon­zern. Die DB muss­te ein wei­te­res Gut­ach­ten finan­zie­ren. Die­ses kam erneut zum Ergeb­nis, dass die Plä­ne aus Rück­sicht auf den ohne­hin fra­gi­len Betrieb der S‑Bahnen bes­ser nicht geneh­migt wer­den soll­ten. Haben wir Grü­nen die Plä­ne schon von Anfang an kri­ti­siert und bekämpft, stell­te sich nun auch bei den Pro­jekt­be­für­wor­tern die Bereit­schaft für deut­li­che Ände­run­gen ein. Die Pro­jekt­part­ner DB, Land, Lan­des­haupt­stadt, Flug­ha­fen­ge­sell­schaft und Regi­on Stutt­gart folg­ten schließ­lich den Vor­schlä­gen von Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Win­ne Her­mann. Die Ände­run­gen im Ein­zel­nen:

Rohrer Kurve

Bis­lang war eine ein­glei­si­ge, niveau­glei­che Kur­ve als Ver­bin­dung von Gäu­bahn- und S‑Bahn-Stre­cke vor­ge­se­hen. Die­se hät­te zur Fol­ge gehabt, dass Fern­zü­ge der Gäu­bahn, vom Flug­ha­fen kom­mend, für die Gleis­que­rung in Rich­tung Süden das Gleis aus der Gegen­rich­tung blo­ckiert hät­ten. Her­an­na­hen­de S‑Bahnen hät­ten war­ten und Ver­spä­tun­gen ansam­meln müs­sen. Nun soll die Roh­rer Kur­ve zwei­glei­sig und in Form eines Über­wer­fungs­bau­werks (also einer Brü­cke) aus­ge­führt wer­den.

Flughafen

Die Antrag­stras­se sah vor, dass eines der bei­den Glei­se am bestehen­den S‑Bahnhof „Flughafen/Messe“ für die Gäu­bahn­zü­ge umge­baut wird. Dann hät­te die S‑Bahn nur noch ein Gleis zur Ver­fü­gung gehabt, die Züge der Gäu­bahn das ande­re. Bei­de Glei­se wären im Zwei­rich­tungs­ver­kehr befah­ren wor­den. Es wäre ein Nadel­öhr ent­stan­den und die Bar­rie­re­frei­heit für die S‑Bahn hät­te nicht mehr gewähr­leis­tet wer­den kön­nen. Nun soll ein drit­tes Gleis ange­baut wer­den, das durch die Züge der Gäu­bahn genutzt wer­den soll. Das dann mitt­le­re (S‑Bahn-) Gleis kann im Bedarfs­fall aber von der Gäu­bahn mit­ge­nutzt wer­den, wird dafür aber nicht umge­baut. Die­se Fle­xi­bi­li­tät wird den Auf­bau von Ver­spä­tun­gen ver­mei­den hel­fen. Gegen­über der Antrag­stras­se und der Vari­an­te „Fil­der­bahn­hof Plus“ unter der Flug­ha­fen­stra­ße ste­hen am Flug­ha­fen in Sum­me künf­tig fünf statt nur vier Glei­se zur Ver­fü­gung (inklu­si­ve des Fern­bahn­hofs für die Züge aus/in Rich­tung Ulm/München sowie Tübingen/Reutlingen). Die Mehr­kos­ten für das 3. Gleis sind halb so hoch wie die für die Vari­an­te „Fil­der­bahn­hof Plus“, bie­tet dafür aber durch ein Gleis mehr ein Mehr an betrieb­li­cher Fle­xi­bi­li­tät.

Der Mischverkehr

Das drit­te Pro­blem der ursprüng­li­chen Pla­nun­gen, die gemein­sa­me Nut­zung der Tras­se durch S‑Bahnen und Fern­zü­ge, kann mit der nun gefun­de­nen Lösung lei­der nicht ver­mie­den wer­den. Daher blei­be ich dabei: Ver­kehr­lich die bes­te Lösung ist und bleibt die „Gäu­bahn­va­ri­an­te“ mit einem Ver­zicht einer direk­ten Anbin­dung des Flug­ha­fens und einem Halt der Züge in Stutt­gart-Vai­hin­gen mit opti­mier­ten Umstei­ge­be­zie­hun­gen in die S‑Bahnen zum Flug­ha­fen. Der Finan­zie­rungs­ver­trag, von der frü­he­ren Lan­des­re­gie­rung geschlos­sen, macht die­se Vari­an­te aber schier unmög­lich.

Fern- und Regionalbahnhof Vaihingen

Eigent­lich war vor­ge­se­hen, am Bahn­hof in Vai­hin­gen einen pro­vi­so­ri­schen zusätz­li­chen Bahn­steig zu schaf­fen. Denn für eine kur­ze Über­gangs­zeit soll­te Vai­hin­gen der End­hal­te­punkt für die Gäu­bahn­zü­ge aus Zürich sein. Näm­lich für die Zeit, in der die Ein­fahrt in den Kopf­bahn­hof nicht mehr und die Tras­sen­füh­rung über den Flug­ha­fen noch nicht mög­lich sein wer­den. Aus Holz­bret­tern hät­te die Spar­ver­si­on eines nicht bar­rie­re­frei zugäng­li­chen Bahn­stei­ges gezim­mert wer­den sol­len. Doch nun soll es anders kom­men – so, wie es die S 21-Pro­jekt­kri­ti­ker immer gefor­dert hat­ten: Vai­hin­gen erhält zwei voll funk­ti­ons­tüch­ti­ge, dau­er­haf­te wei­te­re Bahn­stei­ge. Die­se sol­len so schnell wie mög­lich geplant und rea­li­siert wer­den. Und die Gäu­bahn­zü­ge sol­len in Vai­hin­gen nicht erst stop­pen, wenn es betrieb­lich nicht mehr anders geht, son­dern sobald die neu­en Bahn­stei­ge ver­füg­bar sind. Damit ent­steht für eine Raum­schaft mit rund 100.000 Men­schen einen Regio­nal­halt. Die zusätz­li­chen Bahn­stei­ge bie­ten Ent­wick­lungs­po­ten­ti­al auch für eine wei­te­re Nut­zung der „Pan­ora­ma­stre­cke“ über den alten West­bahn­hof. Die­se Plä­ne gefal­len übri­gens auch Pro­fes­sor Heimerl, dem „Erfin­der“ von Stutt­gart 21. Er sieht gar die Renais­sance der Gäu­bahn­stre­cke von Vai­hin­gen zum Nord­bahn­hof und viel­leicht auch nach Lud­wigs­burg vor­aus.

Finanzierung

Der Kos­ten­de­ckel des Lan­des gilt. Mehr als die durch die Volks­ab­stim­mung abge­seg­ne­ten 931 Mil­lio­nen Euro wer­den nicht aus dem Lan­des­etat ins Pro­jekt S 21 flie­ßen. Die Bahn muss einen funk­ti­ons- und leis­tungs­fä­hi­gen Bahn­hof am Flug­ha­fen rea­li­sie­ren – und mög­li­che Mehr­kos­ten dafür allei­ne tra­gen. Das Land betei­ligt sich ledig­lich an Kos­ten für neue, ver­trag­lich nicht ver­ein­bar­te Leis­tun­gen. Dazu zäh­len der Bau von zwei dau­er­haf­ten Bahn­stei­gen in S‑Vaihingen sowie ein Umbau des Berg­hau­tun­nels bei Rohr. Außer­dem wird das Land den im Jahr 2014 ver­ein­bar­ten ÖPNV-Pakt umset­zen und dafür zusätz­li­che Zug­leis­tun­gen finan­zie­ren. Der Zug­ver­kehr wird aber – anders als bei der Vor­gän­ger­re­gie­rung – wett­be­werb­lich ver­ge­ben. Die Deut­sche Bahn wird davon in Form zusätz­li­cher Tras­sen­ent­gel­te pro­fi­tie­ren. Für das Land im Vor­der­grund ste­hen aber die zusätz­li­chen Schie­nen­an­ge­bo­te für die Fahr­gäs­te. Damit wird das Ziel ver­folgt, Belas­tun­gen durch den Stra­ßen­ver­kehr zu ver­rin­gern.

Fazit

Die nun gefun­de­nen Lösun­gen sind die bes­ten, die ange­sichts der Kne­be­lung durch den Finan­zie­rungs­ver­trag der alten Lan­des­re­gie­rung sowie die brei­ten par­la­men­ta­ri­schen Mehr­hei­ten in Land, Stadt und Regi­on gegen einen Ver­zicht auf eine Anbin­dung der Gäu­bahn an den Flug­ha­fen mög­lich waren. Für die­se Bewe­gung in der Sache ist Ver­kehrs­mi­nis­ter Win­ne Her­mann, aber auch OB Fritz Kuhn und Regio­nal­prä­si­dent Bopp zu dan­ken. Die­se Ver­ein­ba­rung gilt es nun im Len­kungs­kreis for­mal zu beschlie­ßen. Dann müs­sen die Plä­ne kon­kre­ti­siert wer­den. Dazu gehört dann auch, die Aus­wir­kun­gen des ungüns­ti­gen Misch­ver­kehrs zwi­schen Ober­ai­chen und Flug­ha­fen durch die Schaf­fung von Über­hol- bzw. Aus­weich­mög­lich­kei­ten zu mini­mie­ren.

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