Testfahrt mit autonom fahrendem Kleinbus

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22.12.2016autonom-fahrender-kleinbus-olli-innoz

Besuch bei InnoZ – Autonomes Fahren und die Verkehrswende

Auto­no­mes Fah­ren – wie weit ist die Ent­wick­lung? Wel­che Kon­zep­te gibt es für Ver­keh­re mit auto­no­men Fahr­zeu­gen? Wel­che Mög­lich­kei­ten ent­ste­hen, wel­che Pro­ble­me müs­sen gelöst wer­den? Wel­ches Poten­ti­al hat das auto­no­me Fah­ren für die Ver­kehrs­wen­de?

Zusam­men mit mei­nen Frak­ti­ons­kol­le­gen Vale­rie Wilms und Ste­phan Kühn habe ich InnoZ, das Inno­va­ti­ons­zen­trum für Mobi­li­tät und gesell­schaft­li­chen Wan­del, in Ber­lin besucht. Dort wur­den wir über auto­ma­ti­sier­tes Fah­ren infor­miert und uns wur­de das Real­la­bor auto­no­mes Fah­ren mit dem fah­rer­lo­sen Shut­tle-Bus (genannt “Olli”) vor­ge­stellt.

Der fah­rer­lo­se Shut­tle-Bus, ein Pro­to­typ der ame­ri­ka­ni­schen Fir­ma Local Motors und geför­dert durch das Land Ber­lin, ist seit Novem­ber 2016 im Lini­en­be­trieb auf dem EUREF-Cam­pus in Ber­lin-Schö­ne­berg unter­wegs. Der EUREF-Cam­pus ist ein Büro- und Wis­sen­schafts­stand­ort, auf dem über 100 Fir­men und For­schungs­ein­rich­tun­gen mit den The­men­schwer­punk­ten Ener­gie, Nach­hal­tig­keit, Umwelt­schutz und Mobi­li­tät ange­sie­delt sind. Das InnoZ hat auf dem 5,5 Hekt­ar gro­ßen ein­ge­zäun­ten Gelän­de ein Test­feld ein­ge­rich­tet, auf dem auto­no­mes Fah­ren in einer „halb­öf­fent­li­chen“ Umge­bung getes­tet und ent­wi­ckelt wer­den kann. Der Cam­pus bie­tet mit zahl­rei­chen ande­ren For­schungs­pro­jek­ten im Bereich der Mobi­li­tät und der Ener­gie sehr gute Vor­aus­set­zun­gen für die Erpro­bung auto­no­mer Fahr­zeu­ge – auch in Ver­bin­dung mit der Elek­tro­mo­bi­li­tät. Außer­dem kann auf dem Cam­pus mit 2500 Beschäf­tig­ten das Zusam­men­spiel zwi­schen dem Klein­bus und Fuß­gän­gern und an einem Kreu­zungs­punkt auch mit Auto­fah­rern beob­ach­tet und erprobt wer­den. Das For­schungs­pro­jekt wird von der Deut­schen Bahn als Haupt­part­ner unter­stützt.

Im Zuge des Pro­jekts wur­den durch das InnoZ vier Anwen­dungs­fäl­le für die Nut­zung auto­no­mer Shut­tles ent­wi­ckelt, die in den nächs­ten Jah­ren auch auf dem Test­feld umge­setzt wer­den sol­len:

  • Inne­re Erschlie­ßung Areal/Quartier: Nut­zung der auto­no­men Shut­tles, um Wege inner­halb eines Quar­tiers zurück­zu­le­gen. Hier ist der Anfang mit der Ein­rich­tung eines Lini­en­ver­kehrs mit Olli auf dem Cam­pus bereits gemacht.
  • Last-Mile-Anbin­dung: Zum Bei­spiel Zubrin­ger­ver­kehr von einem Quar­tier zum nächst­ge­le­ge­nen Bahn­hof. Das InnoZ strebt es an, im nächs­ten Jahr einen Shut­tle-Ser­vice zum S‑Bahnhof Schö­ne­berg ein­zu­rich­ten. Spä­ter soll ein sol­ches Ange­bot über öffent­li­che Stra­ßen zum Bahn­hof Süd­kreuz fol­gen.
  • Lösung Haupt­pro­blem des Car­sha­ring mit elek­tri­schen Fahr­zeu­gen: Inte­grier­tes Flot­ten­ma­nage­ment mit Berück­sich­ti­gung von Lade­vor­gän­gen etc., sodass eine fle­xi­ble Nut­zung mög­lich ist trotz limi­tie­ren­der Fak­to­ren wie der Akku­lauf­zeit. Die­ser Schritt ist für 2018 geplant.
  • Intel­li­gen­tes Flot­ten­ma­nage­ment im Smart Grid: Ein­bin­dung der Fahr­zeu­ge in das Ener­gie­sys­tem. Sie kön­nen zum Bei­spiel als Ener­gie­spei­cher genutzt wer­den. Hier soll die Umset­zung ab 2019 begin­nen.

Ein Ziel bei der Ent­wick­lung der Ver­keh­re mit auto­no­men Shut­tles ist es, von Lini­en­ver­keh­ren hin zu On-Demand-Ver­keh­ren zu kom­men. Das bedeu­tet, dass man bei­spiels­wei­se bei der Quar­tiers­er­schlie­ßung mit sol­chen Fahr­zeu­gen ein Robo­ta­xi bestel­len kann und sich von einem belie­bi­gen Punkt im Quar­tier zu einem ande­ren belie­bi­gen Punkt brin­gen las­sen kann.

Der Ein­satz von auto­no­men Fahr­zeu­gen ist dabei nicht nur in der Stadt denk­bar: Es bie­tet sich auch an, über einen Ein­satz in länd­li­chen Gebie­ten nach­zu­den­ken. In Zei­ten des demo­gra­fi­schen Wan­dels und häu­fi­gen Nach­fra­ge­rück­gangs auf dem Land könn­ten auto­no­me Mobi­li­täts­diens­te eine Chan­ce für den länd­li­chen Mobi­li­täts­markt dar­stel­len.

Die Fra­ge, ob auto­no­me Klein­bus­se eine Chan­ce oder doch ein Risi­ko für den öffent­li­chen Per­so­nen­ver­kehr dar­stel­len lässt sich zum jet­zi­gen Zeit­punkt noch nicht beant­wor­ten. Dafür gibt es noch zu vie­le Unge­wiss­hei­ten. Bei­spiels­wei­se muss erforscht wer­den, wel­che Ent­wick­lun­gen auf den Beset­zungs­grad und die Nut­zungs­häu­fig­keit eines Fahr­zeu­ges Robo­ta­xis haben wür­den – wenn zum Bei­spiel ver­mehrt Leer­fahr­ten ent­ste­hen wür­den oder das Robo­ta­xi für sehr kur­ze Stre­cken genutzt wür­de, dann wür­de das Ziel, den Ver­kehr auf der Stra­ße zu redu­zie­ren kon­ter­ka­riert wer­den. Um sol­che und wei­te­re Fra­gen zu klä­ren, ist eine For­schungs­ar­beit auf die­sem Gebiet wich­tig und auch die Poli­tik muss die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gung set­zen. Ein sehr wich­ti­ger Aspekt dabei ist mit Blick auf eine posi­ti­ve Ent­wick­lung im Ver­kehrs­sek­tor, das Auto oder das Fahr­zeug als Teil des Sys­tems und nicht als eigen­stän­di­ges Auto zu betrach­ten. Das Fahr­zeug soll­te sowohl in das gesam­te Ver­kehrs­sys­tem als auch in das Ener­gie­sys­tem inte­griert sein. Ver­kehr und Ener­gie müs­sen zusam­men gedacht wer­den.

In einer Dis­kus­si­on mit Prof. Dr. Andre­as Knie, dem Geschäfts­füh­rer des InnoZ, ging es um die För­der­mit­tel für die Ent­wick­lung des auto­no­men Fah­rens, die aus unse­rer Sicht auch im Bereich des öffent­li­chen Ver­kehrs ein­ge­setzt wer­den sol­len und nicht wie bis­her aus­schließ­lich für den Indi­vi­du­al­ver­kehr. Außer­dem kam die recht­li­che Situa­ti­on zur Spra­che, die die For­schungs­mög­lich­kei­ten beim auto­no­men Fah­ren ein­schränkt. Denn bis jetzt ist auto­no­mes Fah­ren im öffent­li­chen Raum in Deutsch­land nicht mög­lich. Dazu sind Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen nötig. Pro­fes­sor Knie beton­te die Not­wen­dig­keit sol­cher Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen für die For­schung an auto­no­men Fahr­zeu­gen, und die­se soll­ten nicht nur auf Auto­bahn­stre­cken, son­dern auch in Stadt­ge­bie­ten aus­ge­spro­chen wer­den.

Wir haben uns auch über die Fol­gen und Aus­wir­kun­gen einer Ver­kehrs­wen­de für Indus­trie und Arbeits­plät­ze unter­hal­ten. Dabei spielt natür­lich die Auto­mo­bil­bran­che mit den eta­blier­ten Her­stel­lern und neu­en Fir­men, die sich im Bereich des auto­no­men Fah­rens auf­stel­len, eine bedeu­ten­de Rol­le. Über ihre gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on und zukünf­ti­ge Per­spek­ti­ven haben wir eben­falls gespro­chen. Local Motors plant, in Ber­lin eine Pro­duk­ti­on für selbst­fah­ren­de Klein­bus­se auf­zu­bau­en.

Der krö­nen­de Abschluss des Ter­mins war eine Rund­fahrt mit dem fah­rer­lo­sen Shut­tle-Bus “Ollie”. Das Fahr­zeug bie­tet Platz für acht Per­so­nen. Es folgt einer fest­ge­leg­ten Rou­te und erfasst dabei mit Sen­so­ren den Bereich vor sich, um mög­li­che Hin­der­nis­se zu ent­de­cken und dann anhal­ten zu kön­nen. Die Fahr­ge­schwin­dig­keit liegt momen­tan noch bei 6–9 km/h. Im Betrieb des Test­fahr­zeu­ges beglei­tet ein geschul­ter Ste­ward die Fahrt. Des­sen Auf­ga­ben sind es, die Sicher­heit zu gewähr­leis­ten, indem er bei Bedarf das Fahr­zeug stop­pen kann, den Fahr­gäs­ten Erklä­run­gen zum Fahr­zeug zu lie­fern und Nut­zer­for­schung zu betrei­ben. Unser Beglei­ter erklär­te uns bei­spiels­wei­se nach einem plötz­li­chen Stopp des Fahr­zeu­ges, dass die Kat­zen­au­gen an den Brems­schwel­len auf der Fahr­bahn die Sen­so­ren das Fahr­zeugs irri­tie­ren und so zu einem Anhal­ten füh­ren. Nach ein paar Minu­ten Fahrt kamen wir wohl­be­hal­ten am Aus­gangs­punkt an.