Überangebot an Regionalflughäfen

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14.10.2020

Offener Brief an Bundesverkehrsminister Scheuer

- Förderung von Regionalflughäfen

Sehr geehr­ter Herr Bun­des­mi­nis­ter,

die EU ver­bie­tet ab 2024 staat­li­che Zuschüs­se für Flug­hä­fen. Schon vor der Coro­na-Kri­se war abseh­bar, dass Regio­nal­flug­hä­fen, die sich über­wie­gend im Besitz der Län­der und Kom­mu­nen befin­den, bis dahin nicht wirt­schaft­lich arbei­ten und dann dicht machen müs­sen. Des­halb wur­de im ver­gan­ge­nen Jahr beschlos­sen, dass den Regio­nal­flug­hä­fen jähr­lich 50 Mil­lio­nen Euro aus dem Bun­des­haus­halt zuflie­ßen sol­len. Sie hat­ten Schwie­rig­kei­ten damit einen Weg zu fin­den, der nicht mit den EU-Bei­hil­fe­leit­li­ni­en kol­li­diert. Der ers­te Ver­such, den Flug­hä­fen über sub­ven­tio­nier­te Diens­te der Deut­schen Flug­si­che­rung Hil­fen zukom­men zu las­sen, erwies sich als Irr­weg. Auf­grund der zahl­rei­chen Pro­ble­me beab­sich­ti­gen Sie des­halb eine alter­na­ti­ve Unter­stüt­zungs­mög­lich­keit vor­zu­le­gen.

Die Aus­sich­ten der meis­ten klei­ne­ren Ver­kehrs­flug­hä­fen waren schon vor der Coro­na-Kri­se schlecht. Anstatt den Län­dern und Kom­mu­nen jetzt die Ent­schei­dung für einen Aus­stieg zu erleich­tern, sen­den die von Ihnen befür­wor­te­ten 50 Mil­lio­nen Euro, die Sie auch über das Jahr 2024 hin­aus zah­len wol­len, ein völ­lig fal­sches Signal. Län­der und Kom­mu­nen soll­ten davor bewahrt wer­den, noch mehr Geld in die­sen Fäs­sern ohne Boden zu ver­sen­ken und mit allen Mit­teln an unsin­ni­gen Flug­hä­fen fest­zu­hal­ten. Sie alle haben jetzt dring­li­che­re Auf­ga­ben, als – auch zu nor­ma­len Zei­ten – halb­lee­re, not­lei­den­de Urlaubs­flie­ger­stütz­punk­te zu ali­men­tie­ren.

Zahl­rei­che Stu­di­en bele­gen, dass vie­le der klei­ne­ren Ver­kehrs­flug­hä­fen alles ande­re als ein Segen sind. Die Mehr­zahl arbei­tet dau­er­haft stark defi­zi­tär. Flug­ha­fen­in­fra­struk­tur ist im Hin­blick auf Sicher­heit und tech­ni­sche sowie per­so­nel­le Aus­stat­tung beson­ders kos­ten­in­ten­siv. Die klei­ne­ren Flug­hä­fen kön­nen die­se Kos­ten nicht selbst stem­men. Denn durch das Über­an­ge­bot an Flug­ha­fen­in­fra­struk­tur wird die Markt­macht der Flug­ge­sell­schaf­ten so groß, dass kei­ne kos­ten­de­cken­den Flug­ha­fen­ge­büh­ren erho­ben wer­den kön­nen. Zugleich blei­ben durch die Viel­zahl der Ver­kehrs­flug­hä­fen die Ein­zugs­ge­bie­te so klein, dass eine kri­ti­sche Mas­se von Pas­sa­gie­ren, die für eine Kos­ten­de­ckung not­wen­dig wäre, nicht zusam­men­ge­führt wer­den kann.

Auf viel­fäl­ti­ge Wei­se wer­den die­se Flug­hä­fen mit Steu­er­geld unter­stützt und künst­lich am Leben erhal­ten. Durch die Coro­na-Kri­se ver­schärft sich die Situa­ti­on, vie­ler­orts wer­den Flug­hä­fen in Ret­tungs­pro­gram­me ein­be­zo­gen. Der Bund der Steu­er­zah­ler hat für das Jahr 2018  – also für die Zeit vor der Coro­na-Kri­se – eine Last von ins­ge­samt 100,3 Mil­lio­nen Euro für die 21 klei­ne­ren Ver­kehrs­flug­hä­fen errech­net. Jeder Flug­ha­fen kos­tet die Steu­er­zah­le­rin­nen und Steu­er­zah­ler damit durch­schnitt­lich annä­hernd 5 Mil­lio­nen Euro.

Der volks­wirt­schaft­li­che Nut­zen der Regio­nal­flug­hä­fen ist jedoch über­schau­bar. In jedem Fall wird der Stand­ort­vor­teil für die loka­le Wirt­schaft über­schätzt. Das Stre­cken­an­ge­bot die­ser Flug­hä­fen ist klein und kon­zen­triert sich meist auf klas­si­sche Feri­en­zie­le. Für den Groß­teil der Flug­ver­bin­dun­gen müs­sen die Kun­den auch heu­te auf ande­re Air­ports (oder Geschäfts­flug­zeu­ge) aus­wei­chen. Ihnen wäre mit einer bes­se­ren Ver­kehrs­an­bin­dung am Boden mehr gehol­fen. Regio­nal­flug­hä­fen schaf­fen zwar Arbeits­plät­ze und damit Ein­kom­men in der Regi­on. Steu­er­lich sub­ven­tio­nier­te Arbeits­plät­ze haben aber in ande­ren Bran­chen den glei­chen Effekt und wären für kli­ma­freund­li­che Pro­jek­te zudem ungleich sinn­vol­ler und zukunfts­ori­en­tier­ter ein­ge­setzt.

Die im Novem­ber 2019 von der Bun­des­re­gie­rung beschlos­se­ne Ver­wen­dung der 50 Mil­lio­nen Euro zur Unter­stüt­zung der Regio­nal­flug­hä­fen ist mehr­fach sinn­wid­rig. Die Flug­hä­fen kon­kur­rier­ten schon vor Coro­na um Ver­keh­re, sie kan­ni­ba­li­sie­ren sich gegen­sei­tig und för­dern so das Bil­lig­flug­seg­ment. Um die­sen Miss­stand und die dar­aus resul­tie­ren­de Wett­be­werbs­ver­zer­rung abzu­stel­len, hat die EU Leit­li­ni­en ein­ge­führt, die ein Ende der Sub­ven­tio­nen her­bei­füh­ren sol­len. Die Unter­stüt­zungs­maß­nah­me der Bun­des­re­gie­rung wirkt der von der EU erhoff­ten Kon­so­li­die­rung des Ange­bots ent­ge­gen.

Zudem wer­den die 50 Mil­lio­nen Euro durch die Erhö­hung der Luft­ver­kehr­steu­er gegen­fi­nan­ziert. Die Luft­ver­kehr­steu­er wur­de aber als Kli­ma­maß­nah­me im Rah­men des Kli­ma­pa­kets ange­ho­ben, was unter ande­rem erklär­ter­ma­ßen zu einer Ver­la­ge­rung von Kurz­stre­cken­flü­ge auf die Schie­ne bei­tra­gen soll­te. Die 50 Mil­lio­nen Euro aber wir­ken wie eine ver­kehrs­för­dern­de Maß­nah­me für Bil­lig­flie­ger und bewir­ken das exak­te, kli­ma­schä­di­gen­de Gegen­teil.

Spä­tes­tens seit der Bund mit so viel Geld in den Betrieb der Regio­nal­flug­hä­fen ein­greift, muss er auch Ver­ant­wor­tung für den Flug­ha­fen­wild­wuchs über­neh­men. Ein ver­kehrs­trä­ger-über­grei­fen­des Kon­zept, das den Luft­ver­kehr ein­be­zieht, ist schon längst über­fäl­lig. Ein sol­ches Kon­zept wür­de das vol­le Aus­maß an Flug­ha­fen-Über­ka­pa­zi­tät offen­ba­ren. Dar­aus muss die Auf­ga­be resul­tie­ren, das wei­te­re Vor­ge­hen von Län­dern und Kom­mu­nen zu mode­rie­ren, die wegen der kom­pli­zier­ten Struk­tu­ren und Ver­flech­tun­gen vor Ort oft­mals die Kraft nicht fin­den, Kon­se­quen­zen aus Fehl­in­ves­ti­tio­nen zu zie­hen.

Die Abge­ord­ne­ten der Grü­nen­frak­tio­nen aus dem Bund und den Län­dern for­dern Sie des­halb dazu auf, die Bemü­hun­gen um eine wei­te­re Sub­ven­tio­nie­rung von Regio­nal­flug­hä­fen unver­züg­lich ein­zu­stel­len, den bereits beschlos­se­nen Betrag von jähr­lich 50 Mil­lio­nen Euro umzu­wid­men für Ver­kehrs­wen­de­pro­jek­te in den Län­dern und Kom­mu­nen, ein bun­des­wei­tes Ver­kehrs­kon­zept unter Ein­be­zie­hung des Luft­ver­kehrs vor­zu­le­gen und eine Umge­stal­tung der Luft­ver­kehrs­in­fra­struk­tur in Deutsch­land mode­rie­rend zu beglei­ten.

Dem Vor­stoß der Flug­ha­fen-Inter­es­sen­ver­tre­ter, die Dead­line der EU-Bei­hil­fe­leit­li­ni­en nach hin­ten zu ver­schie­ben, darf auf kei­nen Fall nach­ge­ge­ben wer­den. Das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um wird auf­ge­for­dert in der EU, ins­be­son­de­re wäh­rend der deut­schen Rats­prä­si­dent­schaft, ent­spre­chend zu agie­ren.

Wir hof­fen auf eine bal­di­ge Ant­wort und einen Aus­tausch zu die­sen Fra­gen.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Danie­la Wag­ner                               Mar­kus Tres­sel                                      Mat­thi­as Gastel

 

Her­mi­no Kat­zen­stein MdL, Baden-Würt­tem­berg, Vor­sit­zen­der AK Ver­kehr, Tho­mas Mar­wein MdL, Lärm­schutz­be­auf­trag­ter des Lan­des, Katha­ri­na Schul­ze MdL, Bay­ern, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de, Tho­mas Geh­ring MdL, Vize­prä­si­dent des Baye­ri­schen Land­tags, Tim Par­gent, Stell­ver­tre­ten­der Par­la­men­ta­ri­scher Geschäfts­füh­rer, Finanz­po­li­ti­scher Spre­cher, Mar­kus Büch­ler MdL, Spre­cher für Mobi­li­tät, Johan­nes Becher MdL, Spre­cher für kom­mu­na­le Fra­gen, Cemal Bozog­lu MdL, Spre­cher für Stra­te­gien gegen Recht­ex­tre­mis­mus, Ste­pha­nie Schuh­knecht MdL, Spre­che­rin für Start-Ups und Grün­der­sze­ne, Ursu­la Sowa MdL, Bau­po­li­ti­sche Spre­che­rin, Anne Fran­ke MdL, Frie­dens- und for­schungs­po­li­ti­sche Spre­che­rin, Sabi­ne Weig­and MdL, Spre­che­rin für Denk­mal­schutz, Tho­mas von Gizy­cki MdL, Bran­den­burg, Spre­cher für Finan­zen, Haus­halt und Flughafen/BER, Miri­am Putz MdHB, Ham­burg, Spre­che­rin für Wirt­schaft, Tou­ris­mus, Flug­ha­fen und Hafen, Land­tags­frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Nie­der­sach­sen mit Julia Wil­lie Ham­burg MdL, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de und Det­lev Schulz-Hen­del MdL, Ver­kehrs­po­li­ti­scher Spre­cher, Jut­ta Blatz­heim-Roeg­ler MdL, Rhein­land-Pfalz, Stell­ver­tre­ten­de Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de, Spre­che­rin für Mobi­li­tät und Ver­kehr, Wirt­schaft und Tou­ris­mus, Land­tags­frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sach­sen-Anhalt mit Cor­ne­lia Lüd­de­mann MdL Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de, Spre­che­rin für Mobi­li­tät, Lau­ra Wahl MdL, Thü­rin­gen, Spre­che­rin für Mobi­li­tät