Verschwörungsglaube und Coronakrise

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24.05.2020

Gespräch mit dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume 

Micha­el Blu­me, pro­mo­vier­ter Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler und beim Land als Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ter tätig, beschäf­tigt sich seit län­ge­rem mit Ver­schwö­rungs­my­then. Blu­me ver­ant­wor­tet dar­über hin­aus seit kur­zem einen Pod­cast, in dem er sich mit Ver­schwö­rungs­glau­ben aus­ein­an­der setzt.

Mit ihm unter­hielt ich mich in einer öffent­li­chen Video­kon­fe­renz.

Der Ein­la­dungs­text umriss bereits das The­ma und den Anlass:

„Die Beschrän­kun­gen in der Coro­na­kri­se erfah­ren ange­sichts rück­läu­fi­ger Infek­ti­ons­zah­len längst Locke­run­gen. Einem Teil der Bevöl­ke­rung gehen die Schrit­te zur Nor­ma­li­sie­rung nicht schnell genug oder sie befürch­ten einen Impf­zwang. Dar­un­ter mischen sich mehr und mehr Anhän­ger des Ver­schwö­rungs­glau­bens. Sie sehen alles durch die Phar­ma­in­dus­trie und Bill Gates gesteu­ert oder sehen die Juden am Wer­ke. Poli­ti­ker sei­en Mario­net­ten der Welt­mäch­te oder der Geheim­diens­te und die Medi­en wür­den die Wahr­heit ver­schwei­gen. Ver­schwö­rungs­gläu­bi­ge ver­brei­ten ihre The­sen im Inter­net, radi­ka­li­sie­ren sich dort und erhal­ten der­zeit gro­ßen Zulauf. Wie kommt es zu sol­chen Phä­no­me­nen? Wie gefähr­lich ist der Ver­schwö­rungs­glau­be und was lässt sich tun, um die Demo­kra­tie mit­samt ihrer Insti­tu­tio­nen vor Angrif­fen zu schüt­zen?“

Viel­leicht ist der Lese­rin oder dem Leser die­ser Zei­len bereits auf­ge­fal­len, dass der in Deutsch­land übli­che Begriff der „Ver­schwö­rungs­theo­rie“ ver­mie­den wur­de. Das hat einen Grund, den Micha­el Blu­me näher aus­führ­te: Der Begriff der „Theo­rie“ sug­ge­riert Wis­sen­schaft­lich­keit. Eine Theo­rie stellt in der Wis­sen­schaft ein durch Nach­den­ken und Expe­ri­men­tie­ren gewon­ne­nes Wis­sen dar, das immer wie­der hin­ter­fragt wird. Hier geht es aber um Aber­glau­be und um Mythen.

Ver­schwö­run­gen geben ver­meint­li­che Ant­wor­ten und neh­men den­je­ni­gen, die dar­an glau­ben, Unsi­cher­hei­ten. Wider­spruch wird nicht gedul­det. Geprägt sind die Ver­schwö­run­gen von Exper­ten­miss­trau­en und den Blick auf den Staat als Feind.

Ver­schwö­rungs­glau­be geht oft ein­her mit Anti­se­mi­tis­mus, was wie­der­um nichts ande­res als den Glau­be an eine jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung dar­stellt.

Es geht nicht dar­um, eine kon­struk­ti­ve Lösung zu fin­den, son­dern ein Feind­bild zu pfle­gen.

Lässt sich sagen, wer für Ver­schwö­rungs­glau­be beson­ders anfäl­lig ist? Aus­zug aus der Ant­wort von Micha­el Blu­me: Bil­dung bie­tet nur einen gewis­sen Schutz. Es lässt sich aber durch­aus fest­stel­len, dass häu­fi­ger Men­schen anfäl­lig sind, die eine Schwä­che im Umgang mit Unsi­cher­hei­ten haben, von nega­ti­ven Kind­heits­er­fah­run­gen geprägt, miss­trau­isch und ängst­lich sind. Män­ner sind stär­ker gefähr­det als Frau­en. Etwa fünf Pro­zent der Bevöl­ke­rung zählt zum Krei­se jener, die beson­ders für Ver­schwö­rungs­my­then anfäl­lig ist.

Ver­mut­lich ist Ver­schwö­rungs­glau­be nicht auf dem Vor­marsch, tritt der­zeit aber lau­ter auf, weil er auf den Demos gegen die Coro­na-Beschrän­kun­gen eine Büh­ne erhält. Er ist gefähr­li­cher gewor­den, weil Het­ze betrie­ben und Hass geschürt wird.

Um es auch hier noch ein­mal zu sagen ein Hin­weis von Mat­thi­as Gastel: Nicht jeder, der auf eine der Demos geht und gegen die Ein­schrän­kun­gen wegen der Coro­na­pan­de­mie argu­men­tiert ist ein Ver­schwö­rungs­gläu­bi­ger. Man soll­te sich aber sehr gut über­le­gen, auf wes­sen Ein­la­dung man dies macht, mit wem man in der Öffent­lich­keit gemein­sam auf­tritt und wem man letzt­lich zu einer Büh­ne ver­hilft. Dass die Demo in Stutt­gart zuletzt von einem Wirr­kopf, der für die AfD in den Land­tag gewählt wor­den war und dort mit sei­ner Ver­ach­tung par­la­men­ta­ri­scher Spiel­re­geln auf­fällt, orga­ni­siert wur­de, spricht Bän­de.

Hin­weis auf eine wei­te­re Ver­an­stal­tung, dies­mal mit dem Sozio­lo­gen Dr. Mat­thi­as Quent, Direk­tor am Insti­tut für Demo­kra­tie und Zivil­ge­sell­schaft in Jena: Die­se öffent­li­che Video­kon­fe­renz fin­det ver­mut­lich am 14. Juli statt. Es geht um Rechts­extre­mis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Ver­schwö­rungs­my­then. Nähe­res in den sozia­len Medi­en und der Tages­pres­se.