Vom Bundesverkehrswegeplan zu den Ausbaugesetzen

Achtung Baustelle24.10.2016

Bundesverkehrswegeplan wird in Gesetze gegossen – Viel Beton und wenig Schienen zu erwarten

Heu­te star­ten die Aus­schuss­be­ra­tun­gen für die Aus­bau­ge­set­ze für die Straßen‑, Schie­nen- und Was­ser­we­ge. Die Aus­bau­ent­schei­dun­gen kran­ken an den Wur­zeln: Bis 2030 und die Fol­ge­jah­re sol­len vie­le Mil­li­ar­den Euro inves­tiert wer­den. Umwelt- und Ver­kehrs­po­li­ti­sche Zie­le wer­den von der Gro­ßen Koali­ti­on damit jedoch nicht ver­folgt. Das ist fatal – und bleibt es wohl auch.

Alle ursprüng­li­chen posi­ti­ven Ansät­ze wie die stren­ge Beur­tei­lung von Pro­jek­ten aus­schließ­lich an objek­ti­ven Maß­stä­ben, die zu Beginn der Bun­des­ver­kehrs­we­ge­pla­nung noch aus­ge­spro­chen wur­den, hat­ten sich schon früh in Luft auf­ge­löst. Viel zu groß war der Druck vie­ler Wahl­kreis­ab­ge­ord­ne­ten von CDU, CSU und SPD zuguns­ten häu­fig bes­ten­falls nur klein­tei­lig wirk­sa­mer Stra­ßen­neu­bau­ten. Alter­na­ti­ven wie der Aus­bau von Schie­nen­we­gen statt neu­er Stra­ßen oder des Aus­baus vor­han­de­ner statt des Baus von neu­en Stra­ßen wur­den in sehr vie­len Fäl­len nicht oder unzu­rei­chend geprüft. Am Ende ver­ab­schie­de­te das Bun­des­ka­bi­nett einen Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan 2030, der mehr einem „Wünsch-Dir-Was“-Konzert denn einer stim­mi­gen Netz­pla­nung gleicht. Hin­zu kom­men gra­vie­ren­de metho­di­sche Män­gel: So war das öffent­li­che Betei­li­gungs­ver­fah­ren eine Far­ce, weil die zahl­reich ein­ge­gan­ge­nen Stel­lung­nah­men nicht ernst­haft über­prüft wur­den und auch nichts bewirkt haben. Man­che Stra­ßen­pro­jek­te wur­den von den Län­dern nicht ange­mel­det, vom Bund aber trotz man­gel­haf­ter Daten­grund­la­gen bewer­tet und in den „Vor­dring­li­chen Bedarf“ ein­ge­stuft. Einer der gra­vie­rends­ten Kri­tik­punk­te bezieht sich dar­auf, dass das Bun­des­ka­bi­nett einen Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan ver­ab­schie­det hat, in dem der Groß­teil der von den Län­dern oder der Deut­schen Bahn ange­mel­de­ten Schie­nen­we­ge ent­we­der ohne jede Über­prü­fung von vorn­her­ein abge­lehnt oder aber bis heu­te noch nicht bewer­tet wur­de. Das hät­te sich ein Herr Dob­rindt bei den Stra­ßen nie­mals getraut!

In den letz­ten Mona­ten und damit im Vor­feld der nun begin­nen­den Bera­tun­gen der drei Aus­bau­ge­set­ze, die sich aus dem Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan ablei­ten, hat­te die Bun­des­tags­frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN dut­zen­de von Par­la­ments­in­itia­ti­ven ergrif­fen. Wir haben kri­ti­sche Nach­fra­gen gestellt und eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se für die Infra­struk­tur­pla­nung bean­tragt. Hier eini­ge wei­te­re Kri­tik­punk­te, die wir fest­stel­len müs­sen:

  1. 24 Stra­ßen­pro­jek­te hat der Bund auf­ge­nom­men und bewer­tet, obwohl dafür von Län­der­sei­te kein Bedarf gese­hen wird. Dies gilt u. a. für den Nord­ost­ring Stutt­gart („Wei­te­rer Bedarf“) und die B 29 neu zwi­schen Röt­tin­gen und Nörd­lin­gen („Vor­dring­li­cher Bedarf“). Da die Stra­ßen­bau­ver­wal­tun­gen der betrof­fe­nen Län­der hier­zu meist kei­ne Unter­su­chun­gen durch­ge­führt haben, ist die Daten­grund­la­ge, die der Bund für die Nut­zen-Kos­ten-Berech­nung her­an­ge­zo­gen hat, häu­fig unklar und/oder höchst frag­wür­dig.
  2. Die umge­setz­ten Stra­ßen­bau­pro­jek­te des letz­ten Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plans ver­teu­er­ten sich im Durch­schnitt um 30 Pro­zent. Für den neu­en Plan hat die Bun­des­re­gie­rung (bis 2030 bzw. 2035!) kei­ner­lei Kos­ten­stei­ge­run­gen zugrun­de gelegt. Auch des­halb sind selbst nicht alle der im „Vor­dring­li­chen Bedarf“ ein­ge­stuf­ten Vor­ha­ben finan­zier­bar.
  3. Vie­le der vom Bund als vor­dring­lich ein­ge­stuf­ten Stra­ßen­bau­pro­jek­te sind nicht groß­räu­mig bedeut­sam. Ins­ge­samt trifft dies auf 381 Pro­jek­te mit einer Gesamt­län­ge von rund 1.900 Kilo­me­ter und Gesamt­kos­ten in Höhe von 11,5 Mil­li­ar­den Euro zu.
  4. Bei den Schie­nen­we­gen hin­ge­gen schie­den bereits zu Beginn der Erstel­lung des Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plans alle von den Län­dern und der DB ange­mel­de­ten Pro­jek­te aus, die kei­ne oder nur eine gerin­ge Bedeu­tung für den Güter- oder Per­so­nen­fern­ver­kehr haben. Und dies, obwohl es sich um BUN­DES­schie­nen­we­ge han­delt und es dafür kei­nen ande­ren Ver­ant­wort­li­chen als den Bund gibt!
  5. Unter­su­chun­gen für zen­tra­le Schie­nen­pro­jek­te wur­den vom Bund ent­we­der über­haupt nicht (Bei­spiel Gäu­bahn Stutt­gart-Zürich) oder viel zu spät (740-Meter-Netz) in Auf­trag gege­ben. Die Bewer­tung des für den Güter­ver­kehr sehr wich­ti­gen 740-Meter-Net­zes wur­de vom Bund erst im April 2016 ein­ge­lei­tet, womit min­des­tens zwei Jah­re taten­los ver­schla­fen wur­den!
  6. Die Eng­pass­be­wer­tun­gen bei Stra­ße und Schie­ne wur­den sehr unter­schied­lich vor­ge­nom­men. Wäh­rend die Ver­kehrs­men­gen bei den Stra­ßen für alle Stun­den des Jah­res ermit­telt wur­den, gibt es bei den Schie­nen­we­gen kei­ne tages­zeit­lich dif­fe­ren­zier­ten Aus­wer­tun­gen. Im Ergeb­nis soll der Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan 42 Pro­zent der zu erwar­ten­den Stau­zei­ten auf Auto­bah­nen, jedoch nur 13 Pro­zent der zu erwar­ten­den Zug­ver­spä­tun­gen zu besei­ti­gen hel­fen.

Wir haben uns wochen­lang auf die nun begin­nen­den Bera­tun­gen der drei Aus­bau­ge­set­ze vor­be­rei­tet. Dabei haben wir uns auch den Exper­ti­sen von grü­nen Kom­mu­nal- und Land­tags­frak­tio­nen sowie von Umwelt- und Ver­kehrs­ver­bän­den bedient. Außer­dem hat­ten wir Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zu vier Regio­nal­fo­ren ein­ge­la­den, um mit uns über die Grund­zü­ge der Bun­des­ver­kehrs­we­ge­pla­nung sowie ein­zel­ne Pro­jek­te zu dis­ku­tie­ren.

Mit zahl­rei­chen Anträ­gen wer­den wir uns für punk­tu­el­le Ver­bes­se­run­gen in den Aus­bau­ge­set­zen ein­set­zen. Die vie­len grund­le­gen­den Feh­ler, von denen hier nur eini­ge weni­ge kurz umris­sen wur­den, kön­nen damit jedoch nicht geheilt wer­den. Unser Ziel ist und bleibt ein Bun­des­netz­plan, der sich auf zen­tra­le Ergän­zun­gen des Stra­ßen­net­zes kon­zen­triert und die Schie­ne gegen­über der Stra­ße stärkt.

Die Wort­pro­to­kol­le der öffent­li­chen Anhö­run­gen des Ver­kehrs­aus­schus­ses zum Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan am 7. Novem­ber 2016 fin­den Sie hier:

https://www.bundestag.de/blob/479678/da32e1a0e6d3810fbfb72abfdc3cd422/085_sitzung_protokoll-data.pdf

https://www.bundestag.de/blob/479676/7f75eca6230b217ae368ecf800c5c229/084_sitzung_protokoll-data.pdf

https://www.bundestag.de/blob/479674/1ae70057530f7d5926e8dd70b4b6577c/083_sitzung_protokoll-data.pdf

Das Pro­to­koll der Anhö­rung zum Fern­stra­ßen­aus­bau­ge­setz am 9. Novem­ber 2016 fin­den Sie in Kür­ze hier: https://www.bundestag.de/ausschuesse18/a15/oeffentliche_anhoerungen

 

 

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