Aktuelles rund um Stuttgart 21

Dass sich Stutt­gart 21 ver­zö­gert und teu­rer wird ist nichts Neu­es und hat sich bis heu­te nicht ver­än­dert. Neu ist, dass es noch nicht ein­mal mehr einen neu­en ange­dach­ten Ter­min für die Inbe­trieb­nah­me gibt. Wir Grü­nen haben wegen der vie­len Pro­ble­me und offe­nen Fra­gen Stutt­gart 21 mal wie­der in den Bun­des­tag gebracht.

Im Rah­men einer soge­nann­ten „Selbst­be­fas­sung“ wur­de das The­ma im Ver­kehrs­aus­schuss durch uns auf die Tages­ord­nung gesetzt. Ein Ver­tre­ter der Deut­schen Bahn (Pro­jekt­ge­sell­schaft Stutt­gart – Ulm, PSZ) und der Bun­des­re­gie­rung stan­den Rede und Ant­wort. Ich habe in mei­nem Bei­trag erst­mal sehr grund­le­gen­de Kri­tik am Pro­jekt Stutt­gart 21 vor­ge­bracht: Stutt­gart 21 war ein von vorn­her­ein vor­pro­gram­mier­tes Desas­ter. Wäh­rend for­mal durch die Deut­sche Bahn ein neu­er Bahn­kno­ten geplant wur­de, ver­folg­ten die vier ande­ren Pro­jekt­part­ner (Land, Lan­des­haupt­stadt, Flug­ha­fen­ge­sell­schaft und Ver­band Regi­on Stutt­gart) teil­wei­se ganz ande­re Zie­le wie die Gewin­nung von Bau­land oder den Anschluss der Gäu­bahn an den Lan­des­flug­ha­fen. Es war abseh­bar, dass beim Auf­kom­men von Pro­ble­men jeder Pro­jekt­part­ner auf sei­ne Inter­es­sen pochen wür­de und der Bahn­kno­ten als gemein­sa­mes Ziel immer wei­ter in den Hin­ter­grund rücken wür­de. Die star­re Pro­jekt­struk­tur, die jede Abwei­chung vom im Jahr 2009 geschlos­se­nen Finan­zie­rungs­ver­trag nur mit Zustim­mung aller Pro­jekt­part­ner zulässt, wur­de mehr und mehr zum Klotz am Bein. Schwie­rig war und bleibt die Kon­trol­le über das Pro­jekt: Die PSU ist bis heu­te der DB Hol­ding unter­stellt. Die Fach­leu­te für die Infra­struk­tur sit­zen aber in der DB Netz AG, heu­te die DB Infra­GO AG. Dies bedeu­te­te auch für mich als Mit­glied des Auf­sichts­rats bei Infra­GO: Ich konn­te an der Steue­rung und Kon­trol­le aller Infra­struk­tur­pro­jek­te der Deut­schen Bahn mit­wir­ken – außer bei Stutt­gart 21. Auch die Bun­des­re­gie­rung ist bei Stutt­gart 21 sel­ten sprech­fä­hig, weil sie es nie sein woll­te und der Bund for­mal kein Pro­jekt­part­ner ist. Feh­len­de Trans­pa­renz neben unzu­rei­chen­der Kon­trol­le waren damit vor­pro­gram­miert.

Inhalt­lich ist mei­ne Kri­tik, dass der Tief­bahn­hof kapa­zi­ta­tiv ver­mut­lich nicht funk­tio­nie­ren wird. Die Zufüh­run­gen, die acht Bahn­steig­glei­se und die Bahn­stei­ge sind unzu­rei­chend. Einst wur­de Stutt­gart 21 mit dem Ver­spre­chen bewor­ben, es wür­de ein „S‑Bahn-ähn­li­cher Hoch­ge­schwin­dig­keits­ver­kehr“ gefah­ren wer­den. Dies bedeu­tet nichts ande­res, als schnell rein­zu­fah­ren, kurz zu hal­ten und schnell wie­der hin­aus­zu­fah­ren. Doch was ist, wenn die Fahr­gast­wech­sel­zei­ten durch vie­le Rei­sen­de auf schma­len Bahn­stei­gen län­ger als vor­ge­se­hen dau­ern? Wie soll auch mal auf Fahr­gäs­te aus ver­spä­te­ten Zügen gewar­tet wer­den kön­nen, ohne dass sich nach­fol­gen­de Züge durch beleg­te Glei­se ver­spä­ten? Das alles ent­spricht nicht den Ansprü­chen von heu­te und schon gar nicht den Ansprü­chen an einen zukunfts­fä­hi­gen Bahn­hof. Der Deutsch­land­takt erfor­dert völ­lig ande­re, näm­lich leis­tungs­fä­hi­ge­re Bahn­kno­ten.

Der Finan­zie­rungs­ver­trag wur­de ein­sei­tig zum Risi­ko der Deut­schen Bahn geschlos­sen. Sie muss einen Bahn­kno­ten errich­ten, an dem größ­te fach­li­che Zwei­fel bestehen. Zudem muss sie alle Mehr­kos­ten tra­gen, wie die Gerich­te inzwi­schen ent­schie­den haben. Für die Ver­zö­ge­run­gen muss die DB zudem Ver­zugs­zin­sen an die Lan­des­haupt­stadt ent­rich­ten, da die­se die erwor­be­nen Flä­chen noch immer nicht nut­zen kann.

Nun gibt es zahl­rei­che offe­ne Punk­te, die über den Zeit- und Kos­ten­rah­men hin­aus­ge­hen: Die durch­ge­hen­de Anbin­dung der Gäu­bahn an den Haupt­bahn­hof in Stutt­gart oder auch der Betrieb der S‑Bahn im Stö­rungs­fall, wenn nicht mehr auf den Kopf­bahn­hof aus­ge­wi­chen wer­den kann. Die Tun­nel­an­la­ge von Stutt­gart 21 ist für die Züge der S‑Bahn aus Brand­schutz­grün­den tabu.

Sei­tens der Deut­schen Bahn und der Bun­des­re­gie­rung wur­de wenig an Neu­ig­kei­ten bzw. an Ant­wor­ten auf die gestell­ten Fra­gen gelie­fert. Viel­mehr wur­de auf Som­mer 2026 ver­wie­sen. Erst dann soll ein neu­er Zeit­plan für die Inbe­trieb­nah­me ver­kün­det wer­den (sie­he dazu mei­ne Pres­se­er­klä­rung unten).

Die Pla­nung der drit­ten Stu­fe des Digi­ta­len Kno­ten Stutt­gart (räum­li­che Aus­wei­tung des digia­teln Kno­tens), den ich stark unter­stüt­ze, lau­fe laut DB-Aus­sa­ge im Ver­kehrs­aus­schuss gut und es gebe kei­ne Pro­blem­an­zei­gen. Er sol­le im Jahr 2031 in Betrieb gehen.

Mei­ne Pres­se­er­klä­rung über die Bera­tung im Ver­kehrs­aus­schuss:

Stutt­gart 21 im Bun­des­tag: Unkla­res bleibt unklar

Auf Antrag von Bünd­nis 90/Die Grü­nen befass­te sich der Ver­kehrs­aus­schuss des Bun­des­tags mit Stutt­gart 21. Es ging um die wei­te­ren Ver­zö­ge­run­gen bei der Fer­tig­stel­lung und Inbe­trieb­nah­me. Zwar wur­de sei­tens der Pro­jekt­ge­sell­schaft Stutt­gart-Ulm (PSU), die zur Deut­schen Bahn gehört, erneut ein Zeit­plan für Som­mer 2026 ange­kün­digt. Alles, was bis dahin gesche­hen soll und bis zur Inbe­trieb­nah­me erfor­der­lich ist, blieb im Unkla­ren. Die Ursa­chen für die mas­si­ven Ver­zö­ge­run­gen wur­den auf Bau­fir­men und die Digi­ta­li­sie­rung gescho­ben. Fra­gen und Nach­fra­gen zu wei­te­ren Ursa­chen blie­ben unbe­ant­wor­tet.

„Das Ver­trau­en in die Deut­sche Bahn ist heu­te nicht gera­de gewach­sen. Man hat den Ein­druck, die Pro­blem­ana­ly­se habe noch gar nicht begon­nen. Es wird wei­ter­hin nur von Prü­fun­gen gespro­chen und es wer­den wol­ki­ge Ver­spre­chen gege­ben“, so Mat­thi­as Gastel, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter aus Fil­der­stadt.

Posi­tiv bewer­tet der Abge­ord­ne­te, der sich schon seit 30 Jah­ren mit dem Pro­jekt beschäf­tigt, ein­zig Aus­sa­gen der DB zur eigent­li­chen Inbe­trieb­nah­me: Der Kopf­bahn­hof sol­le so lan­ge als „Rück­fal­l­e­be­ne“ betriebs­be­reit gehal­ten wer­den, bis sich die vol­le Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Tief­bahn­hofs bestä­tigt hat.

Für Mat­thi­as Gastel war Stutt­gart 21 von Anbe­ginn an ein „vor­pro­gram­mier­tes Desas­ter“: „Nie hat ein funk­tio­nie­ren­der, zukunfts­fä­hi­ger Bahn­kno­ten im Mit­tel­punkt der Pla­nun­gen gestan­den, son­dern ande­re Ansprü­che wie die Gewin­nung von Bau­land. Die Pro­jekt­struk­tur mit fünf Pro­jekt­part­nern hat sich als viel zu starr erwie­sen und durch häu­fig wider­sprüch­li­che Inter­es­sen nicht bewährt, um das Pro­jekt mit grund­le­gen­den Wei­ter­ent­wick­lun­gen zukunfts­fä­hig aus­zu­rich­ten. Zwar hal­te ich die Digi­ta­li­sie­rung für den rich­ti­gen Weg. Dies wird aber nicht aus­rei­chen, um die benö­tig­ten Kapa­zi­tä­ten zu schaf­fen.“

 

Exkurs: Was sich durch Grü­nes Enga­ge­ment ver­än­dert hat

Ich habe bereits auf die star­re Pro­jekt­struk­tur hin­ge­wie­sen, die Ände­run­gen nur mit Zustim­mung aller Pro­jekt­part­ner mög­lich (in der Pra­xis oft unmög­lich) macht. Im Tief­bahn­hof, der ein Poli­ti­kum ist, ließ sich ledig­lich die Digi­ta­li­sie­rung ver­ein­ba­ren (die­se reicht über den Tief­bahn­hof hin­aus). Wei­te­re Ände­run­gen gab es außer­halb des Tief­bahn­hofs: Im Nord­zu­lauf wer­den zwei zusätz­li­che Glei­se geplant (Ver­län­ge­rung der Neu­bau­stre­cke von Mann­heim). Unter­sucht wird ein Nah­ver­kehrs­drei­eck, mit des­sen Hil­fe nicht alle Züge zwin­gend in den Haupt­bahn­hof hin­ein­fah­ren müs­sen und die­ser ent­las­tet wer­den kann. Bei Wend­lin­gen wird die gro­ße statt die klei­ne Wend­lin­ger Kur­ve rea­li­siert, eine kreu­zungs­freie Ein­fä­de­lung von der Neckar­tal­bahn aus Tübin­gen kom­mend auf die Neu­bau­stre­cke in Rich­tung Flughafen/Stuttgart.

Hin­zu­wei­sen ist noch auf den Kos­ten­de­ckel: Unter Grün-Rot war klar, dass sich das Land nicht frei­wil­lig an even­tu­el­len Mehr­kos­ten des Pro­jek­tes betei­li­gen möch­te. Bei der CDU hin­ge­gen muss­te in den dama­li­gen Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen Über­zeu­gungs­ar­beit geleis­tet wer­den. Die­se ging vor 10 Jah­ren von kei­nen oder kei­nen nen­nens­wer­ten Mehr­kos­ten aus. Die kla­re Hal­tung des Lan­des hat sich am Ende „bezahlt“ gemacht: Kla­gen der Deut­schen Bahn gegen das Land wur­den von Gerich­ten zurück­ge­wie­sen. Eine Betei­li­gung des Lan­des an den Mehr­kos­ten hät­te sehr schmerz­haf­te Mil­li­ar­den­ein­spa­run­gen im Lan­des­haus­halt erzwun­gen.

 

Wei­ter­füh­ren­de Links

Zu Gäu­bahn und Pfaf­fen­steig­tun­nel: https://www.matthias-gastel.de/fragwuerdiger-pfaffensteigtunnel-engpass-noerdlich-von-boeblingen/

Ent­wid­mungs-Recht Gleis­vor­feld: https://www.matthias-gastel.de/rechtsgutachten-belegt-dass-gaeubahnflaeche-nicht-entwidmet-werden-kann/

Wie die S‑Bahn von ETCS pro­fi­tiert: https://www.matthias-gastel.de/wie-die-s-bahn-von-etcs-profitieren-soll/

Tan­gen­ti­al­ver­bin­dung statt Ergän­zungs­sta­ti­on: https://www.matthias-gastel.de/staerkung-tangentialer-verbindungen-statt-ergaenzungsstation/

Ver­spä­tungs­fal­le Tief­bahn­hof: https://www.matthias-gastel.de/stuttgart-21-aus-einem-verspaeteten-zug-werden-fuenf-verspaetete-zuege/

 

Wei­te­re Infos rund um Stutt­gart 21: https://www.matthias-gastel.de/zum-thema/stuttgart-21/page/6/#q‑1