Besuch beim E‑Bus-Hersteller Sileo

07.08.2018

Busverkehre emissionsfrei und leise

Vie­le Auf­ga­be­trä­ger des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs suchen ange­sichts zu hoher Luft- und Lärm­be­las­tun­gen in den Städ­ten nach pra­xis­taug­li­chen E‑Bussen. Tra­di­tio­nel­le deut­sche Bus­her­stel­ler wie Daimler/Evobus und MAN haben (noch) kei­ne sol­chen im Ange­bot.

Evo­bus will ab Jah­res­en­de mit dem Cita­ro Electric in Seri­en­fer­ti­gung gehen. Der Bus soll unter rea­len Bedin­gun­gen eine Reich­wei­te von mage­ren 130 bis 150 Kilo­me­tern bewäl­ti­gen, im Jahr 2020 sol­len es 190 Kilo­me­ter sein. MAN will Ende 2019 mit einem E‑Bus auf den Markt kom­men.

Das ein­zi­ge deut­sche Unter­neh­men, das der­zeit E‑Busse baut, ist Sileo mit Sitz in Salz­git­ter (Nie­der­sach­sen). Gemein­sam mit eini­gen nie­der­säch­si­schen Grü­nen habe ich das Unter­neh­men mit sei­nen in Deutsch­land und in der Tür­kei knapp über 1.000 Beschäf­tig­ten, das seit dem Jahr 2014 E‑Busse baut und zuvor schon im Karos­se­rie- und Stra­ßen­bahn­bau tätig war, besucht. Vor über einem Jahr war ich bereits in Aalen, wo ein Sileo-Bus im Ein­satz war, um mit dem Bus­un­ter­neh­men über sei­ne Erfah­run­gen zu spre­chen. Die Erfah­run­gen mit dem E‑Antrieb und den Reich­wei­ten waren posi­tiv, der Bus hat­te aber Macken bei­spiels­wei­se mit der Tür­me­cha­nik und wies des­halb unter­durch­schnitt­li­che Ein­satz­zei­ten auf.

Ähn­li­ches wur­de aus Bonn berich­tet, wo gleich sechs aus­ge­lie­he­ne Sileo-E-Bus­se im Ein­satz waren. Dar­auf von mir ange­spro­chen ver­wies ein Unter­neh­mens­ver­tre­ter in unse­rem Gespräch, es habe sich um „Seri­en­null­fahr­zeu­ge“ gehan­delt, die zu einem sehr frü­hen Zeit­punkt in den Ein­satz gin­gen, um Erfah­run­gen in der Pra­xis zu sam­meln. Dar­aus habe das Unter­neh­men sehr viel gelernt. Aber, das wird ein­ge­räumt, die Ver­füg­bar­keit der Bus­se lie­ge aktu­ell bei 90 bis 93 Pro­zent (bezo­gen auf alle denk­ba­ren Ein­satz­ta­ge), wes­halb eine E‑Flotte über Ersatz­fahr­zeu­ge ver­fü­gen müs­se. Die Ver­füg­bar­keit stei­ge durch die Wei­ter­ent­wick­lung jedoch „rapi­de“.

Sileo baut die Akkus aus den in Chi­na zuge­kauf­ten Zel­len sel­ber. Die Zel­len wer­den so ver­baut, dass even­tu­el­le Defek­te durch ein Ana­ly­se­sys­tem exakt loka­li­siert und die betref­fen­den Zel­len aus­ge­tauscht wer­den kön­nen. Der Bus­bau­er setzt auf Lithi­um-Eisen­phos­phat­zel­len, da die­se – bei gerin­ge­rer Ener­gie­dich­te – den höchs­ten Brand­schutz bie­ten. Das Kon­zept setzt auf gro­ße, leis­tungs­fä­hi­gen Akkus, da in Zwi­schen­la­dun­gen „kei­ne Zukunft“ gese­hen wird. Die Reich­wei­ten der Bus­se müs­sen also für den Tages­be­darf aus­rei­chen. Die Lade­tech­nik wird als „dyna­misch“ beschrie­ben, weil sie je nach­dem, wann der Bus wie­der in den Ein­satz kom­men soll, schnell bin­nen drei Stun­den oder eben aber auch lang­sa­mer lädt. Anders als bei den ers­ten Model­len wird ein zusätz­li­cher Die­sel­mo­tor für die extrem ener­gie­auf­wän­di­ge Hei­zungs- und Kli­ma­an­la­gen­un­ter­stüt­zung für nicht mehr erfor­der­lich gehal­ten. Der Strom aus den Akkus reicht, um die Regu­lie­rung im Tem­pe­ra­tur­be­reich von minus 15 bis plus 40 Grad zu gewähr­leis­ten. Die Reich­wei­te eines Bus­ses, der bei Plus 15 bis 20 Grad 370 Kilo­me­ter weit fährt, sinkt bei minus 15 Grad auf 267 Kilo­me­ter.

Plat­ziert wer­den die Strom­spei­cher auf dem Dach der Bus­se, weil hier im Fal­le von Ver­kehrs­un­fäl­len die gerings­ten Risi­ken gese­hen wer­den. Das Unter­neh­men bie­tet ein Rück­nah­me­sys­tem für die Akkus an, die sich bis zu 2.000mal auf­la­den las­sen. Der Ener­gie­ver­brauch wird mit 0,7 bis 1,3 Kilo­watt­stun­den pro Kilo­me­ter ange­ge­ben, was durch­aus als „spar­sam“ bezeich­net wer­den kann. Zur Effi­zi­enz trägt wesent­lich die Ener­gie­rück­ge­win­nungs­ra­te bei, die mit bis zu 75 Pro­zent ange­ge­ben wird und damit lt. Sileo weit über dem Durch­schnitt lie­gen wür­de.

Sileo wirbt auf sei­ner Home­page mit einem „ganz­heit­li­chen Betriebs­kon­zept“. Was heißt das für die im Umgang mit E‑Bussen meist uner­fah­re­nen Kun­den, woll­te ich wis­sen. Ant­wort: Ange­bo­ten wer­den Fern­dia­gno­sen bei tech­ni­schen Pro­ble­men. Werk­stät­ten vor Ort wer­den geschult, damit die­se mit den E‑Bussen umge­hen kön­nen. Außer­dem gibt es einen mobi­len Ser­vice vor Ort.

Fol­gen­de Model­le wer­den von Sileo ange­bo­ten (alle Anga­ben stam­men vom Her­stel­ler):

S10: Län­ge 10,70 Meter, Akku-Kapa­zi­tät 260 Kilo­watt­stun­den, Reich­wei­te bis zu 350 Kilo­me­ter, 33 Sitz- und 57 Steh­plät­ze

S12: Län­ge 12 Meter, Akku-Kapa­zi­tät bis zu 300 Kilo­watt­stun­den, Reich­wei­te bis zu 400 Kilo­me­ter, 39 Sitz- und 51 Steh­plät­ze

S18: Län­ge 18 Meter, Akku-Kapa­zi­tät von bis zu 450 Kilo­watt­stun­den, Reich­wei­te bis zu 400 Kilo­me­ter, 55 Sitz- und 81 Steh­plät­ze

S25: Län­ge 25 Meter, Akku-Kapa­zi­tät von bis zu 600 Kilo­watt­stun­den, Reich­wei­te bis zu 300 Kilo­me­ter, 71 Sitz- und 139 Steh­plät­ze. Ham­burg hat fünf und Aachen einen die­ser Lang­bus­se bestellt.

Rund­fahrt mit einem der Sileo-Bus­se.

Mit einem der 18 Meter lan­gen Bus­se haben wir eine Pro­be­fahrt unter­nom­men. Wie bereits bei ande­ren Fahr­ten mit E‑Bussen fiel vor allem die ruhi­ge Fahr­wei­se posi­tiv auf. Auch die Beschleu­ni­gung ist gera­de im Nah­ver­kehr, in dem sehr häu­fig gebremst und ange­fah­ren wer­den muss, ein Plus­punkt.

Wie wer­den sich Kos­ten und Reich­wei­ten von E‑Bussen ent­wi­ckeln? Die Ein­schät­zung von Sileo-Ver­tre­tern: Sin­ken­de Pro­duk­ti­ons­kos­ten wer­den in leis­tungs­fä­hi­ge­re Akkus inves­tiert, so dass die Bus­se in der Anschaf­fung auch in naher Zukunft min­des­tens dop­pelt so teu­er wie Die­sel­bus­se blei­ben wer­den. Ziel sei­en Reich­wei­ten von 500 bis 600 Kilo­me­tern. Zu den Kos­ten hat­te jüngst eine Stu­die der Welt­bank bestä­tigt, dass sich die höhe­ren Anschaf­fungs­kos­ten von E‑Bussen meist über die Nut­zungs­zeit refi­nan­zie­ren, da gerin­ge­re War­tungs- und Repa­ra­tur­kos­ten anfal­len (Quel­le: Wirt­schafts­wo­che).

Mein Fazit ist, dass der Ein­satz von Elek­tro­bus­sen schon heu­te oder spä­tes­tens in Kür­ze äußerst sinn­voll ist, um Mobi­li­tät umwelt- und kli­ma­ge­recht orga­ni­sie­ren zu kön­nen. Mit der Pro­dukt­viel­falt wird der Wett­be­werb zuneh­men. Das sieht man nicht nur bei Sileo so und geht davon aus, dass Daim­ler auch bei den E‑Bussen Markt­füh­rer wer­den wird. Wei­te­re Her­stel­ler lie­gen auf der Lau­er. So pro­du­ziert der chi­ne­si­sche Groß­kon­zern BYD („build your dreams“) bereits 100 E‑Busse in Ungarn, die für den Ein­satz in Lon­don vor­ge­se­hen sind und plant in Frank­reich eine zwei­te euro­päi­sche Pro­duk­ti­ons­stät­te. Der deut­sche Markt gilt als beson­ders zen­tral, wie Sileo betont: Hier sind die Anfor­de­run­gen am höchs­ten und wer hier E‑Busse abset­zen kann, dem gelingt dies auch in ande­ren Län­dern. Also könn­te auf Deutsch­land end­lich mal eine Schlüs­sel­rol­le in Sachen E‑Mobilität zukom­men!

Aktu­ell lie­gen Sileo für die­ses und die bei­den kom­men­den Jah­re 220 Vor­be­stel­lun­gen vor – in Deutsch­land und ande­ren Län­dern.

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Ein Kommentar zu “Besuch beim E‑Bus-Hersteller Sileo

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