„E‑Autos wirklich umweltfreundlicher?!“

17.09.2021

Fachaustausch mit Entwicklungsorganisation und Batterieforscherin

Immer mehr Auto­bau­er in Deutsch­land und welt­weit set­zen auf das E‑Auto mit Bat­te­rie. Doch fast über­all wird man in die­sem Zusam­men­hang gefragt: Was ist mit den Roh­stof­fen, sel­te­nen Erden und dem Recy­cling? Wie wer­den Men­schen­rech­te und öko­lo­gi­sche Stan­dards in den Roh­stoff­län­dern geach­tet? Was machen die Unter­neh­men, um Ver­ant­wor­tung für ihre Lie­fer­ket­ten zu über­neh­men? Wer­den aus­ge­dien­te Akkus recy­celt? Was ist von der For­schung für neue Bat­te­rien zu erwar­ten? Wie umwelt­freund­lich sind bat­te­rie­elek­tri­sche Autos letzt­lich wirklich?

Gemein­sam mit mei­nem Kol­le­gen Cem Özde­mir bin ich vie­len die­ser Fra­gen im öffent­li­chen Dia­log mit Fach­leu­ten nach­ge­gan­gen. Wir spra­chen mit Johan­nes Grün, Refe­rats­lei­ter für Wirt­schaft und Nach­hal­tig­keit der Ent­wick­lungs­or­ga­ni­sa­ti­on “Brot für die Welt” sowie Dr. Mar­gret Wohl­fahrt-Meh­rens, Fach­ge­biets­lei­te­rin Mate­ri­al­for­schung Bat­te­rien am Zen­trum für Son­nen­en­er­gie- und Was­ser­stoff-For­schung (ZSW), Baden-Würt­tem­berg in Ulm.

Roh­stoff­fra­gen

Johan­nes Grün bezog sich in sei­nen Aus­füh­run­gen vor allem auf die Stu­die „Weni­ger Autos, mehr glo­ba­le Gerech­tig­keit“. In der Anfang des Monats von „Brot für die Welt“ und Mise­re­or her­aus­ge­ge­be­nen Bro­schü­re mit dem Unter­ti­tel „War­um wir die Mobi­li­täts- und die Roh­stoff­wen­de zusam­men­den­ken müs­sen“ wird deut­lich: Die Roh­stoff­pro­ble­me sind nicht erst mit der Trans­for­ma­ti­on hin zum E‑Auto ent­stan­den. Aber die Rele­vanz ver­ant­wor­tungs­vol­len Roh­stoff­be­zugs hat erst in Ver­bin­dung mit der Antriebs­wen­de mehr Auf­merk­sam­keit erfah­ren. Ein neu­er Trend wirft ein Licht auf alte Pro­ble­me. Hin­ge­wie­sen wird unter ande­rem dar­auf, dass etwa 60 Pro­zent der Treib­haus­gas­emis­sio­nen ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­te von Autos auf die Stahl- und Alu­mi­ni­um­her­stel­lung ent­fal­len. Zugleich sind es viel­fach die Men­schen aus den För­der­län­dern für die­se Roh­stof­fe, die am meis­ten unter ver­schärf­ten Kli­ma­fol­gen wie Dür­ren und Über­schwem­mun­gen leiden.

Stahl ist das am meis­ten ver­bau­te Mate­ri­al im Auto. Nach Aus­tra­li­en ist Bra­si­li­en das zweit­größ­te Export­land für Eisen­erz. Eine Wel­le aus gif­ti­gem Minen­schlamm zeig­te im Janu­ar 2019 die unzu­rei­chen­den Sicher­heits- und Umwelt­stan­dards auf: 272 Men­schen star­ben und gro­ße Flä­chen sowie Flüs­se wur­den kontaminiert.

In einem Auto ste­cken durch­schnitt­lich 160 Kilo­gramm Alu­mi­ni­um. Mehr als 90 Pro­zent des in Deutsch­land benö­tig­ten Bau­xits stammt aus dem west­afri­ka­ni­schen Gui­nea. Auch hier müs­sen Sozi­al- und Umwelt­stan­dards bemän­gelt wer­den. Der hohe Was­ser­be­darf hin­ter­lässt wüs­ten­ähn­li­che Land­schaf­ten. Den Men­schen wur­de Land genom­men, Brun­nen sind ver­siegt. Johan­nes Grün sprach davon, dass es zwar eine Zer­ti­fi­zie­rung von Bau­xit gebe, nicht jedoch für das aus Gui­nea, das als Lie­fer­land eine gro­ße Rol­le spie­len würde.

Immer mehr elek­tri­sche Funk­tio­nen wie der auto­ma­ti­sche Fens­ter­he­ber oder Bord­com­pu­ter sor­gen dafür, dass die Län­ge der ver­bau­ten Kabel enorm zuge­nom­men hat. In einem VW Golf beträgt deren Län­ge bei­spiels­wei­se bereits 1,6 Kilo­me­ter. Die Kabel bestehen auch aus Kup­fer. Aus allen fünf wich­tigs­ten Lie­fer­län­dern, alle in Süd- und Mit­tel­ame­ri­ka gele­gen, wird über gra­vie­ren­de öko­lo­gi­sche, sozia­le und men­schen­recht­li­che Pro­ble­me im Umfeld von Kup­fer­mi­nen berich­tet. Der Was­ser­be­darf für Abbau und Auf­be­rei­tung ist hoch, das Was­ser wird viel­fach ver­schmutzt. Es kommt zu Ent­eig­nun­gen und Umsied­lun­gen. Es kam schon zu Damm­brü­chen, durch die sich Kup­fer­sul­fat in Flüs­se ergoss und den betrof­fe­nen Men­schen Trink­was­ser­zu­gän­ge ver­lo­ren gingen.

Lithi­um wird für ver­schie­dens­te Arten von Bat­te­rien, auch in E‑Autos, benö­tigt. Zur Gewin­nung wird lithi­um­hal­ti­ges Salz­was­ser aus der Tie­fe gepumpt. Die­ses muss mit sehr viel zuge­ge­be­nem Was­ser ver­duns­ten. Fol­gen sind ver­sal­ze­ne Böden und sin­ken­de Grund­was­ser­spie­gel. Land­wirt­schaft wird erschwert, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ver­lie­ren Lebensräume.

Die Hälf­te der Vor­rä­te an Kobalt wird im Kon­go ver­mu­tet. Tat­säch­lich stammt sogar 70 Pro­zent der För­der­men­ge aus die­sem Land. Der Abbau erfolgt über­wie­gend indus­tri­ell. Der Roh­stoff wird jedoch auch – gedul­det oder ille­gal – durch Kleinschürfer*innen gewon­nen. Kin­der­ar­beit ist dort kei­ne Aus­nah­me. Die Han­dels­ket­ten sind oft undurchsichtig.

Johan­nes Grün führ­te damit ein, dass sich Brot für die Welt mit dem The­ma „Pla­tin“, ver­wen­det unter ande­rem für Auto-Kata­ly­sa­to­ren, erst­mals mit Roh­stoff­ra­gen befasst habe. Dar­aus sei dann viel mehr gewor­den. Er sei in den ver­gan­ge­nen Mona­ten in Enga­ge­ment-Gesprä­chen mit VW und BMW gewe­sen. Es habe sich viel getan. Die Unter­neh­men wüss­ten, dass sie die Ver­ant­wor­tung nicht dele­gie­ren könn­ten. Daim­ler und VW bei­spiels­wei­se hät­ten gemein­sam eine Stu­die ver­ge­ben, um mehr über die Umstän­de der Lithi­um-Gewin­nung zu erfah­ren. Die Ent­wick­lung des Bewusst­seins sei gut, es sei aber noch ausbaufähig.

Auf mei­ne Fra­ge ging Grün kurz auf das The­ma „Ölfor­de­rung“ ein, da ja Pro­ble­me mit ver­seuch­ten Böden und Gewäs­sern bekannt sind. Er sprach davon, dass es kei­ne gelun­ge­nen Pro­zes­se gebe, um die Schä­den zu begrenzen.

Die Bat­te­rie

Frau Dr. Wohl­fahrt-Meh­rens führ­te ein, man müs­se auf bat­te­rie­elek­tri­sche und brenn­stoff­zell­tech­ni­sche Antrie­be umstel­len, da deren Ener­gie­ef­fi­zi­enz höher und die davon aus­ge­hen­den CO 2‑Belastungen gerin­ger sei­en. Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien sei­en Stan­dard, das wür­de auch die nächs­ten 10–15 Jah­re so blei­ben. Jedoch wer­de sich deren Roh­stoff­ein­satz ver­än­dern. Kobalt käme bereits nur noch in sehr klei­nen Men­gen zum Ein­satz, bald sei Kobalt wie auch Nickel ganz ver­zicht­bar. Die Lebens­dau­er der Auto­bat­te­rien sei deut­lich gestie­gen. Auto­bau­er wür­den eine Garan­tie auf acht Jah­re und 150.000 Kilo­me­ter gewäh­ren. Durch Fort­schrit­te beim Bat­te­rie­ma­nage­ment könn­ten Bat­te­rien heu­te aber auch schon 400.000 Kilo­me­ter ermög­li­chen. Eine Alter­na­ti­ve für bestimm­te Anwen­dun­gen kön­ne die Lithi­um-Eisen­phos­phat-Bat­te­rie sein. Sie wäre aber grö­ßer und wür­de gerin­ge­re Reich­wei­ten ermög­li­chen, dafür aber vier Mil­lio­nen Kilo­me­ter an Lebens­leis­tung ermöglichen.

Zum The­ma „Recy­cling“ berich­te­te sie, dass Kobalt, Kup­fer und Nickel bereits zurück gewon­nen wür­de. Das müs­se zukünf­tig auch mit dem Lithi­um gesche­hen. Recy­cling sei die neue Rohstoffquelle.

Die Kos­ten­sen­kung bei der Bat­te­rie­pro­duk­ti­on sei viel stär­ker aus­ge­fal­len als pro­gnos­ti­ziert wor­den sei und es sei­en noch wei­te­re Kos­ten­ent­wick­lun­gen nach unten zu erwar­ten. Dann könn­ten Kauf­prei­se von E‑Autos wei­ter sin­ken und zuneh­mend auch klei­ne­re Model­le auf den Markt kommen.

Auch auf die Brenn­stoff­zel­le ging Frau Dr. Wohl­fahrt-Meh­rens ein. Sie führ­te aus, dass im Pkw der bat­te­rie­elek­tri­sche Antrieb effi­zi­en­ter sei. Kli­ma­zie­le sei­en mit der Brenn­stoff­zel­le nicht erreich­bar. Sie sei auch deut­lich teu­rer. Inter­es­sant sei sie aber für Schif­fe, Last­wa­gen und Flug­zeu­ge, da die dafür erfor­der­li­chen Reich­wei­ten nicht mit Strom aus dem Akku zu erzie­len sei­en. Was­ser­stoff sei dar­über hin­aus ein inter­es­san­ter Energiespeicher.

Fazit 1

Das Fazit der Ent­wick­lungs­or­ga­ni­sa­tio­nen in der erwähn­ten neu­en Stu­die lau­tet: “Pro­duk­ti­on und Nut­zung von Autos, ins­be­son­de­re von Autos mit Ver­bren­nungs­mo­tor, haben zahl­rei­che schäd­li­che Aus­wir­kun­gen auf Kli­ma, Gesund­heit, Umwelt und Men­schen­rech­te – in Deutsch­land und welt­weit. Die­se rei­chen von stei­gen­den Treib­haus­gas- und hohen Schad­stoff­emis­sio­nen über Lärm, Ver­kehrs­to­te und einen enor­men Flä­chen­ver­brauch bis hin zu den ver­hee­ren­den Fol­gen des Roh­stoff­ab­baus. Um die schlimms­ten Aus­wir­kun­gen der Kli­ma­ka­ta­stro­phe noch zu ver­hin­dern und die gesund­heits­schäd­li­chen Schad­stoff­emis­sio­nen zu ver­min­dern, muss der Ver­bren­nungs­mo­tor mög­lichst schnell mit einem End­da­tum ver­se­hen wer­den. Die bis­he­ri­gen Aus­füh­run­gen haben aller­dings gezeigt, dass es nicht aus­reicht, den Antrieb der vie­len Mil­lio­nen Pkw in Deutsch­land aus­zu­tau­schen. Viel­mehr muss die Zahl der Autos dras­tisch sin­ken, um den Ver­brauch von Roh­stof­fen, Ener­gie und Flä­chen zu redu­zie­ren. Unse­re Mobi­li­tät muss sich grund­le­gend ver­än­dern, um einer kli­ma­freund­li­chen, nach­hal­ti­gen und glo­bal gerech­ten Ent­wick­lung Vor­schub zu leis­ten und gleich­zei­tig dem stei­gen­den Bedürf­nis nach Mobi­li­täts­in­fra­struk­tu­ren welt­weit Rech­nung zu tragen.”

Fazit 2

Cem Özde­mir und ich hat­ten betont, dass unser grü­nes Ziel nicht ist, alle Ver­bren­ner-Autos 1:1 durch bat­te­rie­elek­tri­sche Autos zu erset­zen. Viel­mehr set­zen wir vor allem auf Bahn, Bus und Fahr­rad. Für die Mobi­li­tät sind Autos aber auch in Zukunft nicht ver­zicht­bar. Daher kommt es auf deren Antrieb, jedoch auch auf deren Grö­ße an, weil dar­an wie­der die Roh­stoff­ra­ge auf­ge­macht wer­den muss. Wir begrü­ßen das neue Bewusst­sein von Öffent­lich­keit und Unter­neh­men für Roh­stof­fe, wün­schen uns aber, dass die­ses nicht auf die E‑Autos begrenzt bleibt.

Inter­es­sant übri­gens: Die über 60 Teil­neh­men­den hat­ten die Mög­lich­keit, sich mit Fra­gen und State­ments aktiv ein­zu­brin­gen. Von den­je­ni­gen, die am Ver­bren­ner fest­hal­ten wol­len bzw. E‑Autos ableh­nen, hat­te ver­mut­lich nie­mand an der der Ver­an­stal­tung teil­ge­nom­men, sich zumin­dest nicht eingebracht.

 

Quel­len und Hinweise:

Hier geht es zur Stu­die „Weni­ger Autos, mehr glo­ba­le Gerech­tig­keit – War­um wir die Mobi­li­täts- und Roh­stoff­wen­de zusam­men­den­ken müs­sen“: https://power-shift.de/weniger-autos/

Stutt­gar­ter Zei­tung v. 13. August 2021 („Die Bat­te­rie, das neue Herz des Autos“)

Mein Besuch bei Frau Dr. Wohl­fahrt-Meh­rens in Ulm: https://www.matthias-gastel.de/entwicklung-von-akku-und-brennstoffzelle/

Bericht über ein frü­he­res Fach­ge­spräch der Grü­nen im Bun­des­tag zur Roh­stoff­fra­ge: https://www.gruene-bundestag.de/themen/mobilitaet/rohstoffbilanz-der-elektromobilitaet-verbessern

Frü­he­re Zusam­men­stel­lung von mir zur Roh­stoff­fra­ge: https://www.matthias-gastel.de/mobilitaet-der-zukunft-muss-emissionsarm-und-ressourcensparend-sein/

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