E‑Bus im Fernverkehr

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02.11.2018, ergänzt am 07.11.2018 

Bericht über eine Testfahrt mit Flixbus

Im Nah­ver­kehr zögern Her­stel­ler und Auf­ga­ben­trä­ger noch beim Ein­satz von Elek­tro­bus­sen. Das Fern­bus­un­ter­neh­men Flix­bus erprobt bereits deren Ein­satz im Fern­ver­kehr.

Im April star­te­te der ers­te voll­elek­tri­sche Fern­bus in Frank­reich. Kürz­lich folg­te ein Test­bus auf der Stre­cke zwi­schen Frank­furt, Hei­del­berg und Mann­heim. Bei­de Bus­se stam­men aus Chi­na, näm­lich von Yutong (Ein­satz in Frank­reich) und BYD (Modell C9, Lithi­um-Eisen-Phos­phat-Akku, Län­ge des Bus­ses 12,20 Meter, Ein­satz in Deutsch­land). Von deut­schen oder zumin­dest euro­päi­schen Her­stel­lern gibt es schlicht­weg kein Ange­bot. Schwie­rig, so war es von Flix­bus immer wie­der zu hören, sei auch die Zulas­sung des E‑Busses für die Stra­ßen in Deutsch­land gewe­sen. Daher spricht Geschäfts­füh­rer André Schwämm­lein von einem „Signal an die Bus­her­stel­ler, Inno­va­tio­nen vor­an­zu­trei­ben und Alter­na­ti­ven zum rei­nen Die­sel-Antrieb zu ent­wi­ckeln.“ Weg und Ziel beschreibt er wie folgt: „Im Hin­blick auf ein lang­fris­ti­ges Umden­ken soll­te Indi­vi­du­al­ver­kehr mit fos­si­len Kraft­stof­fe nicht mehr sub­ven­tio­niert wer­den. Statt­des­sen brau­chen wir den Umstieg auf alter­na­ti­ve Antrie­be und Inves­ti­ti­on in öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel. Wir müs­sen den Wan­del weg vom Indi­vi­du­al­ver­kehr mit fos­si­len Kraft­stof­fen ein­lei­ten.“ Der E‑Bus kos­tet in der Anschaf­fung etwa dop­pelt so viel wie einer mit Die­sel­an­trieb. Dafür soll­ten die Betriebs- und War­tungs­kos­ten gerin­ger aus­fal­len. Flix­bus kauft den Strom eige­nen Anga­ben zufol­ge aus rege­ne­ra­ti­ven Quel­len ein. Medi­en­be­rich­ten zufol­ge wür­de Flix­bus E‑Busse auch ger­ne im Drei­eck Ham­burg-Ber­lin-Han­no­ver ein­set­zen, wofür aber grö­ße­re Reich­wei­ten erfor­der­lich sei­en.

Ich habe den E‑Bus zwi­schen Frank­furt, Hei­del­berg und Mann­heim getes­tet. Der Bus mit sei­nen 51 Sitz­plät­zen prä­sen­tiert sich mit Hil­fe einer spe­zi­el­len Folie in für Flix­bus unge­wöhn­li­cher Far­be: Je nach Licht­ein­fall schim­mert er mal blau, mal grün. Das soll den Strom­fluss sym­bo­li­sie­ren, so das Unter­neh­men. Abwei­chend vom übli­chen Geschäfts­mo­dell, bei dem Bus­se der Sub­un­ter­neh­men zum Ein­satz kom­men, ist Flix­bus dies­mal sel­ber Fahr­zeug­hal­ter. Der Akku soll dem Bus laut Her­stel­ler­an­ga­ben Ener­gie für 200 Kilo­me­ter spen­den. Die Stre­cke ist rund 115 Kilo­me­ter lang. Vor der Rück­fahrt muss also erst­mal gela­den wer­den. Eine Lade­sta­ti­on befin­det sich am Zen­tra­len Omni­bus­bahn­hof (ZOB) in Mann­heim. In Frank­furt wird (zunächst) an einer tem­po­rä­ren Sta­ti­on gela­den. Eine vol­le Ladung dau­ert etwa drei Stun­den. In Mann­heim ange­kom­men erklär­te mir der Bus­fah­rer, der Akku sei zu Hälf­te ent­leert. Die Reich­wei­ten­an­ga­be des Her­stel­lers ist also durch­aus rea­lis­tisch, zumal Hei­zung und Lüf­tung wäh­rend der Fahrt ein­ge­schal­tet waren.

Der Bus soll vier­mal täg­lich zwi­schen den Städ­ten pen­deln. Die Fahr­gäs­te wer­den online und auf den Tickets dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich bei den Fahr­ten mit dem E‑Bus um eine Ver­suchs­pha­se han­delt. Eben­so wer­den sie dar­über infor­miert, dass sich an Bord des Bus­ses kei­ne Toi­let­te befin­det.

Mit mir star­ten 15 bis 20 wei­te­re Fahr­gäs­te die Rei­se. Der gut gelaun­te und von sei­nem Gefährt sicht­bar begeis­ter­te Bus­fah­rer begrüß­te die Fahr­gäs­te „auf dem Weg in die Zukunft“. Er wies mehr­fach dar­auf hin, dass er sehr ger­ne für Fra­gen rund um den Bus zur Ver­fü­gung steht und sprach mir gegen­über von bis­her aus­schließ­lich posi­ti­ven Erfah­run­gen mit dem neu­en Bus. Der Bus fuhr viel ruhi­ger als die Die­sel­be­trie­be­nen, was ich als sehr ange­nehm wahr­nahm. Pro­blem­los konn­te ich wäh­rend der Fahrt auch klein­ge­druck­te Tex­te lesen. Aller­dings sind Uneben­hei­ten der Fahr­bahn deut­li­cher spür­bar. Zu spü­ren war auch die für E‑Fahrzeuge typi­sche kraft­vol­le­re Beschleu­ni­gung. Die Aus­stat­tung des Bus­ses über­zeug­te nur teil­wei­se: Die Sit­ze waren zwar bequem, aber in sehr engen Abstän­den ein­ge­baut und boten kei­ne Bein­frei­heit. Mei­nen Lap­top konn­te ich nicht wie gewohnt und zum Arbei­ten erfor­der­lich auf­klap­pen. Über Steck­do­sen ver­füg­te der Bus nicht, ledig­lich USB-Buch­sen waren vor­han­den. WLAN funk­tio­nier­te erst nach eini­gen Anlauf­schwie­rig­kei­ten. Übri­gens ist der E‑Bus nicht bar­rie­re­frei. Es feh­len der Rol­li­lift und der Platz für zwei Men­schen im Roll­stuhl, wie sie bei Neu­fahr­zeu­gen vor­ge­schrie­ben sind. Den Hin­ter­grund erklär­te mir Flix­bus auf Anfra­ge: Es han­delt sich offi­zi­ell um einen Über­land- und kei­nen Fern­bus und für einen sol­chen gibt es kei­ne Vor­ga­ben. Das Unter­neh­men ver­weist dar­auf, dass auf der Stre­cke täg­lich 40 Flix­bus­se unter­wegs sind, von denen vie­le über die beschrie­be­nen Aus­stat­tungs­merk­ma­le ver­fü­gen.

Am Flug­ha­fen Frank­furt stie­gen knapp 20 Fahr­gäs­te zu, die meis­ten Sitz­plät­ze waren besetzt. Auf der Auto­bahn fuhr der Bus sei­ne Höchst­ge­schwin­dig­keit von 100 Stun­den­ki­lo­me­ter aus. An den bei­den rech­ten Fahr­spu­ren konn­te beob­ach­tet wer­den, wie die Ober­lei­tun­gen für den Feld­ver­such, LKW elek­trisch fah­ren zu las­sen, instal­liert wur­den. Die­ser Ver­such auf einer Auto­bahn ist deut­lich frag­wür­di­ger als gro­ße Fahr­zeu­ge bat­te­rie­elek­trisch fah­ren zu las­sen. In Hei­del­berg stie­gen wie­der vie­le Fahr­gäs­te aus, aber so gut wie nie­mand kam hin­zu. Nach der fahr­plan­mä­ßi­gen Fahrt­zeit von 1:55 Stun­den kamen die 13 Fahr­gäs­te pünkt­lich, sogar etwas über­pünkt­lich, in Mann­heim an. Die Fahrt, die ich zwei Tage im Vor­aus gebucht hat­te, kos­te­te mich 4,08 Euro. Ein erst am Tag der Fahrt gelös­ter Fahr­schein hät­te 6,99 Euro gekos­tet.

Mein per­sön­li­ches Fazit: Es ist sehr gut, dass Flix­bus die­sen Ver­such gestar­tet hat. Damit wird belegt, dass die Ein­satz­mög­lich­kei­ten bat­te­rie­elek­tri­scher Bus­se häu­fig unter­schätzt wer­den. Es wird Zeit, dass end­lich auch die gro­ßen deut­schen Bus­her­stel­ler ernst­haft in die­ses zukunfts­träch­ti­ge Markt­seg­ment ein­stei­gen und die Auf­ga­ben­trä­ger – ger­ne in Kom­bi­na­ti­on mit Ober­lei­tun­gen auf stark fre­quen­tier­ten Stre­cken­ab­schnit­ten – muti­ger auf die­se Antriebs­tech­no­lo­gie set­zen.

Nach­trag:

Flix­bus berich­tet von Pro­ble­men mit dem BYD-Bus, wäh­rend mit dem in Frank­reich ein­ge­setz­ten Bus des Her­stel­lers Yutong gut lau­fe. Der BYD-Bus lade manch­mal nicht rich­tig. Schon mehr­fach sei­en Tech­ni­ker des chi­ne­si­schen Her­stel­lers vor Ort gewe­sen.

Ham­burg – Ber­lin als zusätz­li­che Ver­suchs­stre­cke dürf­te wegen der Stre­cken­di­stanz von 300 km aus­schei­den. Optio­nen sei­en hin­ge­gen Ber­lin Leip­zig oder Düs­sel­dorf – Maas­tricht.