Gespräche auf der IAA-Nutzfahrzeugmesse

Auch dies­mal war ich wie­der auf der IAA unter­wegs und sprach mit zahl­rei­chen Her­stel­lern von Lkw, Bus­sen und deren Zulie­fe­rer. Da der Rund­gang vom Ver­an­stal­ter orga­ni­siert wor­den war, ich an den Mes­se­stän­den ange­mel­det und inhalt­lich vor­be­rei­tet war, erga­ben sich sehr effi­zi­en­te Gesprä­che. Nach­fol­gend ein kur­zer Über­blick über mei­ne Gesprä­che und aktu­el­le Ent­wick­lun­gen auf dem Nutz­fahr­zeug­markt:

Putz­meis­ter

Den Anfang mach­te ein Unter­neh­men aus mei­nem Wahl­kreis. „Putz­meis­ter“ ist bekannt für sei­ne Beton­pum­pen. Vom chi­ne­si­schen Kon­zern „Sany“ auf­ge­kauft, gehö­ren heu­te auch Bau­ma­schi­nen und Schwer­last­fahr­zeu­ge sowie elek­tri­sche LKW zur Gesamt­pa­let­te. Die Lkw wer­den aus­schließ­lich in Chi­na pro­du­ziert. In Deutschland/Aichtal fin­det ledig­lich der Ver­trieb statt. Die Beton­pum­pen wer­den nach wie vor auf den Lkw des Her­stel­lers ent­spre­chend des Kun­den­wunschs auf­ge­baut.

Mah­le

Auch der Stutt­gar­ter Mah­le-Kon­zern ist mir nicht fremd, da ich das Unter­neh­men schon häu­fi­ger besucht habe. Auf der IAA prä­sen­tiert wur­de ein Ran­ge-Exten­der-Sys­tem für schwe­re E‑Trucks. Die Idee: Weni­ger Akkus, im ein­ge­spar­ten Raum fin­det ein Ver­bren­nungs­mo­tor Platz. Der Ver­bren­nungs­mo­tor speist Strom in den Akku, erzeugt also kei­ne Bewe­gungs­en­er­gie. Die elek­tri­sche Reich­wei­te wird auf 400 Kilo­me­ter begrenzt und durch eine ver­bren­nungs­tech­no­lo­gi­sche Reich­wei­te von noch ein­mal 400 Kilo­me­ter ergänzt. Das Fahr­zeug­ge­wicht soll sich damit um 400 Kilo­gramm redu­zie­ren las­sen. Man geht bei Mah­le davon aus, dass der Ran­ge Exten­der über­wie­gend bei unvor­her­ge­se­he­nen Ereig­nis­sen (bspw. defek­te Lade­säu­le) genutzt wird und nicht von vor­ne­her­ein in die Rou­ten­pla­nung ein­ge­preist wird. Er soll eher dazu die­nen, die Reich­wei­ten­angst zu neh­men. Übri­gens liegt der Auf­trags­ein­gang bei Mah­le im Nutz­fahr­zeug­ge­schäft aktu­ell „deut­lich über dem Vor­jah­res­ni­veau“.

MAN

Die neue Bat­te­rie­ge­ne­ra­ti­on des bat­te­rie­elek­tri­schen Schwer­mo­dells eTGX soll bis zu zehn Pro­zent mehr nutz­ba­re Ener­gie spei­chern kön­nen, ohne die Nutz­last zu ver­rin­gern. Die Reich­wei­te wird mit 660 Kilo­me­ter ange­ge­ben. Mög­lich sind bis zu sie­ben Bat­te­rie­pa­ke­ten, was die Reich­wei­te auf bis zu 720 Kilo­me­ter anstei­gen las­sen soll. Das Unter­neh­men ver­weist im Wett­be­werb mit chi­ne­si­schen Her­stel­lern auf das eige­ne, bewähr­te Ser­vice­netz und eigens ent­wi­ckel­te Betriebs­soft­ware und Bat­te­rie­ge­häu­se. Der Ver­such, auch einen Was­ser­stoff-Ver­bren­ner anzu­bie­ten, war wenig erfolg­reich. Auch von Hybrid-Lösun­gen hält man nicht viel. Man setzt klar auf die Bat­te­rie, mit der sich über 90 Pro­zent der Anwen­dungs­fäl­le abde­cken las­sen sol­len. Zudem war­tet die TGX-Kabi­ne mit ver­bes­ser­ten Sicht­ver­hält­nis­sen auf durch eine her­un­ter­ge­zo­ge­ne Wind­schutz­schei­be sowie ein optio­na­les Fens­ter in der Bei­fah­rer­tü­re.

Cell­cen­tric

Daim­ler Truck, Vol­vo und wohl bald auch Toyo­ta sind am Brenn­stoff­zel­len-Her­stel­ler Cell­cen­tric betei­ligt. Das Unter­neh­men hat sei­nen Sitz in Kirch­heim unter Teck (mein Wahl­kreis). Es ent­wi­ckelt, pro­du­ziert und ver­mark­tet Brenn­stoff­zel­len­sys­te­me für schwe­re Nutz­fahr­zeu­ge. Nach Unter­neh­mens­an­ga­ben konn­te mit dem neu­en Modell ein um 20 Pro­zent gerin­ge­rer Kraft­stoff­ver­brauch gegen­über dem Vor­gän­ger­mo­dell erreicht wer­den sowie eine um 40 Pro­zent gerin­ge­re Kom­ple­xi­tät bei einer Lebens­dau­er von 25.000 Stun­den. Man ver­weist auf die höhe­re Ener­gie­ef­fi­zi­enz als bei Was­ser­stoff-Ver­bren­nung und dar­auf, dass Tan­ken weni­ger Zeit bean­sprucht als elek­trisch zu laden.

ZF

Das Unter­neh­men aus Fried­richs­ha­fen berich­te­te im Vor­feld der IAA, bis­lang im Jahr 2026 ein Auf­trags­vo­lu­men von über fünf Mil­li­ar­den Euro erzielt zu haben. Eigen­dar­stel­lung: „Mit sei­nem brei­ten Tech­no­lo­gie­port­fo­lio und einer ska­lier­ba­ren Platt­form­stra­te­gie unter­stützt ZF sei­ne Kun­den ent­lang aller rele­van­ten Wege zur Dekar­bo­ni­sie­rung.“ ZF will sein Nutz­fahr­zeug-Geschäft deut­lich aus­bau­en. Dabei setzt man auf Hybrid-Antrie­be (auch für Rei­se­bus­se). Aus der Ent­wick­lung der Brenn­stoff­zel­le hat man sich ver­ab­schie­det. Als Vor­teil wird gese­hen, dass Hybrid-Lösun­gen auf der Archi­tek­tur von Ver­bren­ner-Fahr­zeu­gen auf­set­zen.

Valeo

Der fran­zö­si­sche Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer mit einem Sitz in Bie­tig­heim-Bis­sin­gen schätzt, dass sich die Wirt­schaft­lich­keit von Bat­te­rie- und Ver­bren­ner-Lkw gegen Ende des Jahr­zehnts deut­lich annä­hern. Einen Break-even wird um 2029 oder 2030 erwar­tet. Dazu tra­ge der Kos­ten­druck durch deut­lich güns­ti­ge­re E‑Lkw aus Chi­na bei. Her­aus­for­de­rung blei­be die Lade-Infra­struk­tur, aber auch die Wett­be­werbs­fä­hig­keit gegen­über Chi­na. In Bie­tig­heim-Bis­sin­gen befin­det sich ein For­schungs­stand­ort fürs auto­no­me Fah­ren. Dafür wird Soft­ware ent­wi­ckelt und Hard­ware wie ein Kame­ra­sys­tem pro­du­ziert. Das Unter­neh­men führt kei­ne Pro­duk­te, mit denen man von der Ver­bren­ner­tech­no­lo­gie abhän­gig ist.

Bosch

Der gro­ße Zulie­fe­rer betrach­tet die Bat­te­rie auch im Nutz­fahr­zeug als „Leit­tech­no­lo­gie“, sieht aber im schwe­ren Fern­ver­kehr und auf glo­ba­len Märk­ten eine Ergän­zung durch Was­ser­stoff und alter­na­ti­ve Kraft­stof­fe. Daher setzt Bosch „kon­se­quent auf tech­no­lo­gi­sche Viel­falt“ und lie­fert neben Brenn­stoff­zel­len-Antriebs­sys­te­men auch Schlüs­sel­kom­po­nen­ten für den Was­ser­stoff-Ver­bren­nungs­mo­tor. Zugleich will das Unter­neh­men sei­ne Posi­ti­on beim Die­sel­an­trieb wei­ter aus­bau­en. Auch am Stand wur­de betont, das tech­ni­sche Ren­nen bei den Antrie­ben habe die Bat­te­rie für sich ent­schie­den. Doch noch lie­ßen sich damit nicht alle Anwen­dun­gen abde­cken und in ande­ren Welt­re­gio­nen wer­de auf ande­re Tech­no­lo­gien bzw. Ener­gie­trä­ger gesetzt. In Indi­en sei dies sehr stark der Was­ser­stoff.

Elring­Klin­ger

Als Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer aus der Nähe von Reut­lin­gen (Baden-Würt­tem­berg) bie­tet das Unter­neh­men nach eige­nen Aus­sa­gen ein brei­tes Spek­trum an Lösun­gen für moder­ne Hoch­volt­bat­te­rien. Dazu zäh­len unter ande­rem Zell­kon­tak­tier­sys­te­me für unter­schied­li­che Zell­for­ma­te, Bat­te­rie­packs und Bat­te­rie­spei­cher­lö­sun­gen. Die­se sol­len dazu bei­tra­ge, Gewicht und Sys­tem­kos­ten zu redu­zie­ren sowie die Betriebs­si­cher­heit zu ver­bes­sern. Hin­weis: Der Stand­be­such muss­te lei­der ent­fal­len.

Daim­ler Truck

Der Dax-Kon­zern aus mei­nem Wahl­kreis[1] setzt bei Lkw in ers­ter Linie auf bat­te­rie­elek­tri­sche Antrie­be – auch, wenn man in der E‑Mobilität noch nicht dort sei, wo man es erwar­tet hat­te. Dar­auf hat­te die Kon­zern­che­fin in einem Pres­se­ge­spräch kürz­lich hin­ge­wie­sen. Wäh­rend sich ande­re aus dem Was­ser­stoff zurück­zö­gen, set­ze man für einen eher gerin­ge­ren Pro­zent­satz der Last­wa­gen mit hoher Nutz­last und für beson­ders ener­gie­in­ten­si­ve Anwen­dun­gen wie Kühl­fahr­zeu­ge, die eine hohe Reich­wei­te (1.000 Kilo­me­ter) errei­chen müss­ten, auf Was­ser­stoff. Dafür inves­tie­re man einen mitt­le­ren drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag. Zugleich räu­me Daim­ler Truck ein, sich mit der Lithi­um-Eisen­phos­phat-Bat­te­rie­zel­len sehr abhän­gig vom chi­ne­si­schen Bat­te­rie­zell­her­stel­ler CATL gemacht zu haben. Die­se Abhän­gig­keit wer­de mit­tel­fris­tig zum Pro­blem, so die Truck-Che­fin. Am schwie­rigs­ten zu elek­tri­fi­zie­ren sei­en Lkw, die schwe­re Zula­dun­gen zu trans­por­tie­ren hät­ten. Dann erschwe­re das hohe Gewicht der Bat­te­rien eben die­se Zula­dung. Sehr inter­es­sant war für mich eine Rund­fahrt im E‑Lkw mit einem Ent­wick­ler hin­ter dem Steu­er, der mir eini­ge wei­te­re Ein­bli­cke ermög­lich­te.

Ergän­zend zu Daim­ler Bus: Von den im Jahr 2025 aus­ge­lie­fer­ten Bus­sen waren 65 Pro­zent mit bat­te­rie­elek­tri­schem Antrieb aus­ge­stat­tet. Ab 2030 wer­den kei­ne Stadt­bus­se mehr mit Die­sel­an­trieb gebaut (die Euro 7‑Entwicklung spart sich Daim­ler Bus für die­se Bus­ka­te­go­rie).

Zwi­schen den Gesprä­chen an den Stän­den traf ich mich mit drei wei­te­ren Abge­ord­ne­ten mei­ner Frak­ti­on mit VDA-Prä­si­den­tin Hil­de­gard Mül­ler zum Aus­tausch.

All­ge­mei­ne Hin­wei­se

Die EU hat auch für LKW CO2-Vor­ga­ben. Wer­den die­se nicht ein­ge­hal­ten, dro­hen Straf­zah­lun­gen. Dazu bekam ich kri­ti­sche Stim­men zu hören, weil die Vor­ga­ben kaum zu errei­chen sei­en und die Straf­zah­lun­gen die Unter­neh­men zu belas­ten dro­hen. Vor allem die gro­ßen Logis­ti­ker wie DHL und Ama­zon set­zen bereits auf alter­na­ti­ve Antrie­be und gehen mit ihren Flot­ten vor­aus. In der Anschaf­fung und durch Inves­ti­tio­nen in Lade-Infra­struk­tur ist der Umstieg zunächst mal teu­er. Im Betrieb hin­ge­gen sind E‑Fahrzeuge in der Regel güns­ti­ger. Trucks aus Chi­na sind in der Anschaf­fung um 30 bis 40 Pro­zent preis­wer­ter, wodurch die deutschen/europäischen Anbie­ter mas­siv unter Druck gera­ten. Die Chi­ne­sen brin­gen viel Erfah­rung aus ihrem eige­nen Markt und eige­ne Bat­te­rie­zel­len mit. 95 Pro­zent der welt­weit ver­kauf­ten E‑Lkw stam­men aus chi­ne­si­scher Pro­duk­ti­on. Beim Ser­vice wer­den sie durch Koope­ra­tio­nen bes­ser. Span­nend auch Tes­la: Nach vie­len Jah­ren des Ver­zugs soll jetzt der E‑Lkw mit einer Reich­wei­te von 550 Kilo­me­ter (gegen­über Vol­vo, Renault und MAN unter­durch­schnitt­lich) bis hin zu 800 Kilo­me­ter kom­men und auch in Grün­hei­de pro­du­ziert wer­den. Tes­la plant zudem ein eige­nes Lade­netz. Der chi­ne­si­sche Auto­mo­bil­her­stel­ler BYD will ab 2027 sei­nen ers­ten E‑Schwerlaster nach Euro­pa brin­gen und kün­dig­te an, lang­fris­tig auch in Euro­pa pro­du­zie­ren zu wol­len.

Quel­len:

Tages­spie­gel Back­ground v. 11.09.2026 und vom 15.09.2026

Wirt­schafts­wo­che v. 11.09.2026

Sany-trucks.com

Newsroom.mahle.com

Ver­kehrs­rund­schau 04.09.2026

Süd­ku­rier v. 10.09.2026

FAZ v. 17.09.2026

https://www.automobil-produktion.de/technik/das-sind-die-highlights-der-iaa-transportation/2735393

… und wei­te­re.

[1] Bei­trag über mein Gespräch mit dem Betriebs­rat: https://www.matthias-gastel.de/besuch-am-hauptsitz-von-daimler-truck/