Handeln für pünktlichere Züge!

„Der Start war holp­rig, denn drei Minu­ten vor der fahr­plan­mä­ßi­gen Abfahrts­zeit wur­de das Gleis gewech­selt. Der Zug war ganz gut aus­ge­las­tet. Die bei­den nächst­ge­le­ge­nen Toi­let­ten waren defekt und die Bord­kü­che hat­te nicht das vol­le Pro­gramm. Meh­re­re Zwi­schen­hal­te auf frei­er Stre­cke, ohne dass es eine Info gege­ben hät­te. In Nürn­berg wur­de der Zug wegen eines Ober­lei­tungs­scha­dens über den Güter­bahn­hof umge­lei­tet. Auf dem Weg dort­hin wur­de wir von einer Wei­chen­stö­rung auf­ge­hal­ten. Mit 1,5 Stun­den Ver­spä­tung am Ziel!“ So lau­tet einer mei­ner jün­ge­ren Ein­trä­ge über eine Fahrt von Ber­lin nach Stutt­gart in mei­nem Online-Bahn­ta­ge­buch.

Der neue Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter stößt auf vie­le alte, weit­ge­hend unan­ge­tas­te­te Pro­ble­me. An ers­ter Stel­le steht die Bahn. Bemer­kens­wert war schon der Koali­ti­ons­ver­trag. Dort hat­te man sich erst­mals seit vie­len Wahl­pe­ri­oden kein Ziel für die Ver­la­ge­rung von Ver­keh­ren auf die Schie­ne gesetzt. So muss man sich auch nicht mes­sen las­sen. Doch bei den Pünkt­lich­keits­wer­ten, bei denen ein Nega­tiv­re­kord den nächs­ten jagt, kann sich kein alter und kein neu­er Ver­kehrs­mi­nis­ter weg­du­cken. Im Fern­ver­kehr der Deut­schen Bahn gal­ten im ers­ten Halb­jahr gera­de noch 59 Pro­zent der Züge als pünkt­lich.  Über den Anteil aus­ge­fal­le­ner Züge, der noch hin­zu­kommt, schweigt sich die DB in ihrer kürz­lich vor­ge­leg­ten Bilanz lie­ber gleich ganz aus. Auch in den Sofort­pro­gram­men, die der geschass­te Minis­ter mit der DB vor­ge­legt hat­te, ging es weder um Pünkt­lich­keit noch um Ver­läss­lich­keit der Züge. Er hat­te sich lie­ber mit bild­star­ken Putz­ak­tio­nen an Bahn­hö­fen befasst und damit vom einen gro­ßen Pro­blem abzu­len­ken ver­sucht. Dabei ist für die Fahr­gäs­te vor allem wich­tig, dass ihr Zug fährt, die Anschlüs­se erreicht wer­den und sie eini­ger­ma­ßen recht­zei­tig am Ziel ankom­men.

Ver­spä­tun­gen im Eisen­bahn­sek­tor las­sen sich grund­sätz­lich in Pri­mär- und Sekun­där­ver­spä­tun­gen unter­tei­len. Pri­mär­ver­spä­tun­gen ent­ste­hen durch Stö­run­gen an Zügen oder an der Infra­struk­tur. Unter Sekun­där­ver­spä­tun­gen wer­den Über­tra­gun­gen auf bis­lang noch pünkt­li­che Züge ver­stan­den. Der Schwer­punkt soll­te daher auf der Ver­rin­ge­rung von Pri­mär­ver­spä­tun­gen lie­gen, weil es dann auch zu weni­ger Fol­ge­ver­spä­tun­gen kommt.

Nach den Ver­spä­tungs­sta­tis­ti­ken der Deut­schen Bahn AG zäh­len Fahr­zeug­stö­run­gen zu den häu­fi­gen Ursa­chen von Pri­mär­ver­spä­tun­gen. Somit ist eine prä­ven­ti­ve Instand­hal­tung der Züge maß­geb­lich für einen pünkt­li­chen Eisen­bahn­ver­kehr in Deutsch­land. Bei Infra­struk­tur­stö­run­gen gehö­ren Wei­chen­stö­run­gen zu den häu­figs­ten Ursa­chen von Ver­spä­tun­gen. Zudem zäh­len Ein­grif­fe von außen eben­falls zu den Pri­mär­ver­spä­tun­gen: Nach Per­so­nen­un­fäl­len dau­ert es in Deutsch­land drei Stun­den oder mehr, bis die Stre­cke wie­der frei­ge­ge­ben wird. In der Schweiz rol­len die Züge nach nur einer Stun­de wie­der. Zur zügi­ge­ren Klä­rung even­tu­el­ler Gefah­ren­la­gen bei­tra­gen kön­nen der Ein­satz von Stre­cken­ka­me­ras im Füh­rer­stand und lang­sa­mes Fah­ren auf Sicht.

Eben­so wich­tig ist es, die Aus­wir­kun­gen ver­spä­te­ter Züge auf Fol­ge­zü­ge so weit wie mög­lich zu begren­zen. Ins­be­son­de­re müs­sen Bau­ar­bei­ten mit dem Fahr­plan so koor­di­niert wer­den, dass aus­rei­chend Kapa­zi­tät im Netz ver­füg­bar bleibt und Fern­ver­kehrs­li­ni­en nicht von meh­re­ren Bau­stel­len gleich­zei­tig betrof­fen sind. Nur so kön­nen Ver­spä­tungs­über­tra­gun­gen ver­mie­den wer­den. Der Fahr­plan kann zusätz­lich durch grö­ße­re Fahr­zeit­re­ser­ven robus­ter gestal­tet wer­den. Die Schweiz ana­ly­siert den Nut­zen sowie nega­ti­ve Fol­gen von Fahr­zeit­re­ser­ven mit­hil­fe von KI und passt den Fahr­plan ent­spre­chend den dar­aus gewon­ne­nen Erkennt­nis­sen an.

Dar­über hin­aus soll­te DB Fern­ver­kehr bei gro­ßen Ver­spä­tun­gen oder Zug­aus­fäl­len Reser­ve­zü­ge (Dis­po­si­ti­ons­zü­ge) an beson­ders ver­spä­tungs­an­fäl­li­gen Kno­ten­bahn­hö­fen vor­hal­ten, die sofort ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Die aktu­el­len Ersatz­zü­ge und ent­spre­chen­des Per­so­nal rei­chen offen­sicht­lich nicht aus.

Um eine höhe­re Pünkt­lich­keit im Fern­ver­kehr zu errei­chen, soll­te die Deut­sche Bahn mehr Per­so­nal im ope­ra­ti­ven Bereich ein­stel­len, um eine pünkt­li­che Bereit­stel­lung der Züge und pünkt­li­che­re Abfahr­ten zu gewähr­leis­ten sowie eine voll­stän­di­ge Beset­zung der Stell­wer­ke zu errei­chen. Hier wur­den schon erfreu­li­che Erfol­ge erzielt. Für voll­stän­di­ge Trans­pa­renz der Betriebs­si­tua­ti­on soll­ten aus­ge­fal­le­ne Züge regel­mä­ßig mit den Ver­spä­tungs­sta­tis­ti­ken ver­öf­fent­licht wer­den.

Im Zuge der Gene­ral­sa­nie­run­gen sol­len neben den Instand­hal­tungs­maß­nah­men auch kon­se­quent kapa­zi­täts­er­hö­hen­de Maß­nah­men für mehr Fle­xi­bi­li­tät im Eisen­bahn­be­trieb sowie der Ein­bau von ETCS vor­ge­se­hen wer­den. Die „Ampel“ hat­te damit gestar­tet. Lei­der hat die jet­zi­ge Koali­ti­on hier – an der fal­schen Stel­le – den Rot­stift ange­setzt. Es wird fast nur noch saniert und kaum mehr für grö­ße­re Kapa­zi­tä­ten gesorgt.

Wenn Aus- und Neu­bau­maß­nah­men auch nicht schnell wirk­sam wer­den, so dür­fen die­se den­noch nicht ver­zö­gert wer­den wie der­zeit durch die Koali­tio­nä­re. Immer mehr Pla­nun­gen kom­men zum Still­stand, weil es an Pla­nungs­gel­dern des Bun­des fehlt. Bau­rei­fe Pro­jek­te kön­nen aus dem glei­chen Grund nicht gestar­tet wer­den. Dabei gibt es im Koali­ti­ons­ver­trag eines inter­es­san­tes und wich­ti­ges Stich­wort: Es soll ein Schien­fonds ein­ge­rich­tet wer­den. Das wäre ein gro­ßer Schritt, um zügi­ger und effi­zi­en­ter vor­an­zu­kom­men! Was es näm­lich braucht ist eine aus­kömm­li­che und ver­läss­li­che Finan­zie­rung für die jewei­li­gen Fol­ge­jah­re. Dann kön­nen Pla­nungs- und Bau­ka­pa­zi­tä­ten auf­ge­baut und die enor­men Kos­ten­sprün­ge der letz­ten Jah­re gedämpft wer­den. Hier könn­te der neue Minis­ter an der rich­ti­gen Stel­le Hand­lungs­fä­hig­keit bewei­sen!

Die­ser Text erschien als mein Gast­bei­trag in der „Frank­fur­ter Rund­schau“

Hin­weis: Die vie­len Ver­spä­tun­gen im Fern­ver­kehr wir­ken sich lei­der auch stark auf die Pünkt­lich­keits­wer­te im Regio­nal- und Nah­ver­kehr der Bahn aus.

Exkur­si­on: Zug­aus­fäl­le auf hohem Niveau

Acht Pro­zent aller Fern­ver­kehrs­zü­ge sind im ers­ten Halb­jahr voll­stän­dig oder abschnitts­wei­se aus­ge­fal­len. Im ers­ten Halb­jahr des Vor­jah­res war es eben­so. Die­se Zah­len wur­den auf mei­ne Anfra­ge hin vom Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um gelie­fert. In den meis­ten Vor­jah­ren waren es deut­lich weni­ger. Frü­her lag die Aus­fall­quo­te gar nur bei zwei bis drei Pro­zent.

Wir haben es, wenn wir uns eine län­ge­re Zeit­schie­ne anschau­en, mit einem ziem­lich ste­ti­gen Anstieg zu tun. Wich­tig ist: Zug­aus­fäl­le blei­ben in den Pünkt­lich­keits­sta­tis­ti­ken der DB unbe­rück­sich­tigt. Kon­kret: Im Juni und Juli 2026 gal­ten nur 52,6 Pro­zent der Fern­zü­ge der Deut­schen Bahn als pünkt­lich (pünkt­lich oder weni­ger als sechs Minu­ten ver­spä­tet).
Berück­sich­tigt man den Anteil aus­ge­fal­le­ner Züge, so kam weni­ger als die Hälf­te der Züge über­haupt und pünkt­lich am Ziel an.

Es braucht eine Stra­te­gie für Pünkt­lich­keit und Ver­läss­lich­keit auf der Schie­ne. Rei­sen­de müs­sen sich wie­der auf die Bahn ver­las­sen kön­nen. Dazu braucht es ein Bün­del kurz- und län­ger­fris­tig wirk­sa­mer Maß­nah­men. Vie­le Ver­spä­tun­gen haben mit Stö­run­gen an den Fahr­zeu­gen zu tun. Die prä­ven­ti­ve Instand­hal­tung der Züge soll­te gestärkt wer­den. In wich­ti­gen Kno­ten soll­ten mehr Reser­ve­zü­ge und Per­so­nal bereit­ste­hen. Sehr wich­tig und hoch­po­li­tisch ist die sanie­rungs- und aus­bau­be­dürf­ti­ge Infra­struk­tur. Die Gene­ral­sa­nie­run­gen müs­sen zügig, aber bes­ser auf­ein­an­der abge­stimmt, umge­setzt wer­den. Damit sind immer auch kon­se­quent kapa­zi­täts­er­hö­hen­de Maß­nah­men mit umzu­set­zen (Über­leit­stel­len, neue Wei­chen für höhe­re Geschwin­dig­kei­ten als die alten, Über­hol­glei­se, Dgi­ta­li­sie­rung usw.). Das Schie­nen­netz muss leis­tungs­fä­hi­ger und betrieb­lich fle­xi­bler wer­den. Der Bun­des­tag muss sich end­lich zu wich­ti­gen Aus- und Neu­bau­pro­jek­ten wie Ham­burg – Han­no­ver beken­nen und deren Pla­nung und Bau finan­zie­ren.

Für die voll­stän­di­ge Trans­pa­renz der Betriebs­si­tua­ti­on soll­te die Quo­te aus­ge­fal­le­ner Züge regel­mä­ßig mit den monat­li­chen Pünkt­lich­keits­sta­tis­ti­ken ver­öf­fent­licht wer­den.

Das Pünkt­lich­keits­the­ma beschäf­tigt mich schon seit vie­len Jah­ren. Daher hier der Hin­weis auf einen bereits älte­ren Bei­trag zum The­ma: https://www.matthias-gastel.de/fuenf-ideen-fuer-puenktlichere-zuege/