Mit Jugendlichen auf Bildungsfahrt

21.02.2019

Viele Themen, viele Diskussionen

Nicht zum ers­ten Mal habe ich jun­ge Men­schen aus mei­ner Regi­on zu einer Bil­dungs­fahrt nach Ber­lin ein­ge­la­den. Die Grup­pe bekam ein inter­es­san­tes Pro­gramm gebo­ten. Für mich erga­ben sich sehr vie­le Mög­lich­kei­ten für Gesprä­che und Dis­kus­sio­nen.

Am Sonn­tag­abend ging es los. Im Hotel traf ich mich mit eini­gen der jun­gen Leu­te zu einer zwei­stün­di­gen Dis­kus­si­on. Ich wur­de nach den Prei­sen für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr gefragt. Ein Jugend­li­cher woll­te wis­sen, wes­halb Bus und Bahn in der Regi­on Stutt­gart nicht kos­ten­los sei­en. Mei­ne Ant­wort: Prei­se sind ein Steue­rungs­in­stru­ment. Wür­den wir die Prei­se abschaf­fen, wür­den wir ins­be­son­de­re in den Haupt­ver­kehrs­zei­ten ein Kapa­zi­täts­pro­blem bekom­men. Erfah­run­gen aus Städ­ten, die mit dem Null­ta­rif expe­ri­men­tiert haben, zei­gen, dass vor allem Rad­fah­ren­de und zu Fuß Gehen­de (bei Regen­wet­ter) umstei­gen. Um Auto­fah­ren­de zum Umstieg zu bewe­gen kommt es ins­be­son­de­re auf bes­se­re Ange­bo­te an. Daher wur­de und wird in und um Stutt­gart der öffent­li­che Nah­ver­kehr mas­siv aus­ge­baut (Takt­ver­dich­tung bei der S‑Bahn, län­ge­re Züge, Express­bus­se usw.). Ab April wer­den im Ver­bund­ge­biet des VVS (Ver­kehrs- und Tarif­ver­bund Stutt­gart) die Tari­fe mas­siv ver­ein­facht und um 25 bis 30 Pro­zent gesenkt. Aus einem der teu­ers­ten Tari­fe wird der bun­des­weit preis­wer­tes­te. Bei­des zusam­men, Aus­bau der Ange­bo­te und sin­ken­de Tari­fe, soll­ten Men­schen zum Umstieg bewe­gen. Ein ande­rer The­men­kom­plex bezog sich auf den Koh­le­aus­stieg. Ich wur­de gefragt, ob mir der ver­ein­bar­te Koh­le­aus­stieg schnell genug gehen wür­de, wel­che Ide­en es für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung in den vom Koh­le­aus­stieg betrof­fe­nen Gebie­ten gebe und wie es mit den erneu­er­ba­ren Ener­gi­en wei­ter­ge­hen sol­le. Aus mei­ner Sicht ist der Kon­sens um den Koh­le­aus­stieg ein rie­si­ger Erfolg. Soll­te es Chan­cen geben, den Aus­stieg zu beschleu­ni­gen, so soll­ten die­se ergrif­fen wer­den. Das hängt aber maß­geb­lich vom Aus­bau der Erneu­er­ba­ren und dem Netz­aus­bau ab, da wir im Süden der Repu­blik uns ver­mut­lich nie­mals voll­stän­dig auto­nom ver­sor­gen kön­nen. Um den Aus­bau der erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len, wofür ich die größ­ten Poten­tia­le bei der Wind- und Solar­ener­gie sehe, müs­sen Aus­bau­hür­den besei­tigt wer­den. Außer­dem müs­sen Spei­cher­tech­no­lo­gi­en und Ener­gie­ef­fi­zi­enz stär­ker geför­dert und schnel­ler vor­an­ge­bracht wer­den. Die vom Kohl­aus­stieg betrof­fe­nen Regio­nen hal­te ich für ver­hält­nis­mä­ßig gut vor­be­rei­tet, weil sich dort in den letz­ten Jah­ren zukunfts­fä­hi­ge Bran­chen ange­sie­delt haben und die Poli­tik sich um die Ansied­lung wei­te­rer Unter­neh­men bemü­hen wird.

Am Mon­tag traf die Besu­cher­grup­pe im Reichs­tags­ge­bäu­de ein. Sie bekam auf der Tri­bü­ne des Ple­nar­saals eine Ein­füh­rung in die par­la­men­ta­ri­sche Arbeit. Anschlie­ßend gab es eine Dis­kus­si­on der 50-köp­fi­gen Grup­pe mit mir. Eine der Fra­gen kam von einer jun­gen Frau, die sich in Aus­bil­dung zur Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ge­rin befin­det und sich eine bes­se­re Pra­xis­an­lei­tung wünscht. Ich ver­wies dar­auf, dass ich bei mei­nen Besu­chen in Aus­bil­dungs­klas­sen ange­hen­der Kran­ken- und Altenpfleger*innen schon häu­fi­ger mit die­sem Wunsch kon­fron­tiert wor­den war. Die Grü­nen im Bun­des­tag wol­len den die Kran­ken- und Alten­pfle­ge finan­zi­ell stär­ken, so dass mehr Fach­kräf­te­stel­len ein­ge­rich­tet wer­den kön­nen, wovon auch die Aus­bil­dung pro­fi­tiert. Aus unse­rer Sicht soll­te auch eine Pfle­ge­kam­mer ein­ge­rich­tet wer­den, um der Pfle­ge ein höhe­res Gewicht gegen­über den Trä­gern von Hei­men und Kli­ni­ken, von Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­run­gen sowie der Poli­tik zu ver­schaf­fen. Eine Fra­ge bezog sich auf die Zukunft von Was­ser­stoff­au­tos. Was­ser­stoff, so mei­ne Ant­wort, wird der­zeit über­wie­gend auf Erd­gas­ba­sis gewon­nen und macht daher öko­lo­gisch kei­nen Sinn. Die Erzeu­gung von Was­ser­stoff aus Strom ist der­zeit noch nicht wirt­schaft­lich, soll­te aber inten­si­ver fort­ent­wi­ckelt wer­den.

Zum Mit­tag­essen stieß ich noch­mal zur Grup­pe hin­zu. Vier Real­schü­le­rin­nen waren inter­es­siert zu hören, wie man der Pro­ble­ma­tik mit dem Plas­tik in den Mee­ren bei­kom­men könn­te. Mei­ne Ant­wort: Der Plas­tik­müll fin­det über vie­le Wege, näm­lich Schif­fe, Haus­ab­wäs­ser und Müll­ent­sor­gung über Flüs­se, in die Mee­re. Die Men­gen an Kunst­stof­fen müs­sen ver­rin­gert wer­den, wofür jeder sei­nen Bei­trag leis­ten kann. Ich sel­ber nut­ze zum Trin­ken unter­wegs eine Mehr­weg­fla­sche, die ich immer wie­der am Was­ser­hahn auf­fül­le.

Nach­mit­tags bekam die Grup­pe Inputs von einem Ver­tre­ter der Jun­gen Euro­päi­schen För­dera­lis­ten (JEF) zur Euro­pa­po­li­tik, der Bun­des­vor­sit­zen­den der Grü­nen Jugend, Ricar­da Lang, über die Ver­bands­ar­beit und die Schwer­punk­te in den gesell­schafts­po­li­ti­schen und öko­lo­gi­schen The­men­fel­dern sowie von zwei jun­gen Akti­vis­tin­nen von „Fri­days for Future“, der Jugend­be­we­gung für den Kli­ma­schutz. Im Nach­klang konn­te ich mit eini­gen der jun­gen Leu­te noch über Kli­ma­schutz dis­ku­tie­ren.

Am Diens­tag stan­den eine Bus­rund­fahrt durch die Stadt, eine Füh­rung durch die ehe­ma­li­ge Unter­su­chungs­an­stalt der Sta­si in Hohen­schön­hau­sen, eine Demo­kra­tie­aus­stel­lung und ein Rol­len­spiel auf der Tages­ord­nung. Beim Abend­essen erga­ben sich für mich wei­te­re Mög­lich­kei­ten für Gesprä­che. Ich ließ mir von den Erleb­nis­sen in Hohen­schön­hau­sen (für die meis­ten der jun­gen Leu­te sehr beein­dru­ckend, zumal im Schul­un­ter­richt wenig über die Unter­drü­ckung der Frei­heit in der DDR ver­mit­telt wur­de) und dem Rol­len­spiel berich­ten. In den Dis­kus­sio­nen an den Tischen ging es wäh­rend des Essens um Euro­pa und die Chan­cen, rechts­ex­tre­me und popu­lis­ti­sche Par­tei­en bei der Euro­pa­wahl klein­zu­hal­ten und um den Umgang mit der AfD im Bun­des­tag.

Für die Grup­pe bot der Mitt­woch den zwei­ten Teil der Stadt­rund­fahrt und einen Besuch in der Kai­ser-Wil­helm-Gedächt­nis­kir­che, bevor es mit der Bahn zurück nach Stutt­gart und von dort wei­ter nach Ess­lin­gen, Nür­tin­gen, Böb­lin­gen oder Kon­stanz und damit zurück in den All­tag ging …

Zur Erläu­te­rung: Alle Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te kön­nen im Jahr drei Bil­dungs­fahr­ten für jeweils 50 Per­so­nen nach Ber­lin anbie­ten. Die hier beschrie­be­ne Fahrt war spe­zi­ell auf jun­ge Men­schen zuge­schnit­ten. Teil­ge­nom­men haben Mit­glie­der von Jugend­ge­mein­de­rä­ten in drei Städ­ten, Akti­ve einer Thea­ter­grup­pe, Mit­glie­der der Grü­nen Jugend, Schü­ler­zei­tungs-Macher und Schüler*innen einer Real­schu­le.

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