Tourismuspolitisches Fachgespräch in Wildberg/Nordschwarzwald

Knapp drei Tage ver­brach­te ich auf dem Cam­ping­platz „Car­pe Diem“ in Wild­berg im Nord­schwarz­wald. Mei­ne An- und Abrei­se erfolg­te mit dem Fahr­rad und der S‑Bahn. Auf dem Cam­ping­platz hat­te ich mir ein Tiny-Haus gemie­tet. Da ich immer wie­der Zeit an der Rezep­ti­on ver­bracht hat­te, konn­te ich zahl­rei­che Ein­drü­cke vom Betrieb eines sol­chen Plat­zes mit­neh­men. Vor Ort war ich mit dem Fahr­rad unter­wegs. Auf mei­nem Pro­gramm stand ein fast drei­stün­di­ges Fach­ge­spräch, an dem der Betrei­ber des Cam­ping­plat­zes sowie Ver­tre­te­rin­nen von IHK Pforz­heim, Tou­ris­mus­ge­sell­schaft Nörd­li­cher Schwarz­wald und eine Ver­tre­te­rin von „Urlaub auf dem Bau­ern­hof“ teil­nahm. Ein­ge­bracht hat­ten sich zudem Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter der Kom­mu­nal­po­li­tik und der grü­ne Land­tags­kan­di­dat Fynn Rubehn. Anwe­send war auch eine Lokal­zei­tung.

Ich bin zunächst mit der Fest­stel­lung, dass der Tou­ris­mus im Schwarz­wald, ins­be­son­de­re im Nord­schwarz­wald unter­schätzt wird und noch erheb­li­che Poten­tia­le zu bie­ten hat, ins Gespräch gestar­tet. Nach­fol­gend eini­ge Zah­len, Daten und Fak­ten zur Ent­wick­lung und der Bedeu­tung des Tou­ris­mus. Wei­ter unten habe ich eini­ge Dis­kus­si­ons­punk­te und Ergeb­nis­se des Fach­ge­sprächs zusam­men­ge­tra­gen.

 

  1. Tou­ris­mus in Deutsch­land

– 496 Mil­lio­nen Über­nach­tun­gen (+1,9% gegen­über 2023), leicht über vor-Coro­na-Niveau

– 2,8 Mil­lio­nen Beschäf­tig­te

– In 2024 Umsatz von 124 Mrd. Euro

– 2,8 Mil­lio­nen Beschäf­tig­te

– Deutsch­land ist neunt­be­lieb­tes­tes Rei­se­ziel welt­weit

 der Tou­ris­mus ist eine weit unter­schätz­te Wirt­schafts­bran­che!

 

  1. Tou­ris­mus in Baden-Würt­tem­berg

– In 2024 wur­den 59 Mil­lio­nen Über­nach­tun­gen gezählt, Rekord!

– Nach Bay­ern die zweit­höchs­ten Über­nach­tungs­zah­len

– 20 Pro­zent Aus­lands­gäs­te

– Durch­schnitt­li­che Ver­weil­dau­er 2,5 Tage (1980 noch 5 Tage)

 

  1. Tou­ris­mus im Schwarz­wald

– 24 Mil­lio­nen Über­nach­tun­gen in 2024 (+ 1% gegen­über 2023)

– Über­durch­schnitt­li­cher Zuwachs aus Aus­land, insb. aus Spa­ni­en und Ita­li­en

– Jah­res­um­satz 8 Mrd. Euro

– Stär­ken: Natur/Landschaft, Fluss­tä­ler, Wan­der- und Rad­we­ge, Konus-Gäs­te­kar­te

 

  1. Cam­ping­tou­ris­mus

– Rekord-Über­nach­tungs­zah­len: 42,9 Mio. in 2024, das sind +20% gegen­über 2019

– Über­nach­tungs­zah­len in 25 Jah­ren ver­dop­pelt

– Schwarz­wald nach Ost­see (S‑H) auf Platz 2

– 15,4% der Cam­ping­plät­ze ver­fü­gen über Lade­säu­len für E‑Autos

 

  1. Her­aus­for­de­run­gen für den Tou­ris­mus

– Fach­kräf­te­si­che­rung in Hotel­le­rie und Gas­tro­no­mie

– Kli­ma­kri­se (Extrem­wet­ter­er­eig­nis­se, Hit­ze, Was­ser­man­gel, …)

– Over­tou­rism (sie­he Demos auf Mal­lor­ca)

– Umwelt-/Kli­ma­schutz, Nach­hal­tig­keit

– Kri­se Win­ter­sport in Mit­tel­ge­bir­gen und nied­ri­ge­ren Alpen­la­gen

 

Wor­über wir in Wild­berg spra­chen

Der Tou­ris­mus gera­de im Nord­schwarz­wald bie­tet noch erheb­li­che Poten­tia­le, zumal die­ser aus der Regi­on Stutt­gart gut und schnell erreich­bar ist. Man kann auch gut mit den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und dem Fahr­rad sehr nach­hal­tig anrei­sen.

Der Tou­ris­mus stellt im Nord­schwarz­wald einen wich­ti­gen wirt­schaft­li­chen Fak­tor mit vie­len Arbeits­plät­zen dar. Im Durch­schnitt blei­ben die Tou­ris­ten etwas län­ger als drei Tage in der jewei­li­gen Unter­kunft. Es ist aus wirt­schaft­li­chen wie auch aus öko­lo­gi­schen Grün­den erstre­bens­wert, die Auf­ent­hal­te zu ver­län­gern. Dazu braucht es Ange­bo­te, die gut/besser kom­mu­ni­ziert wer­den. Anders als im Süd­schwarz­wald spielt der alpi­ne Win­ter­sport kei­ne domi­nie­ren­de Rol­le mehr, da die erfor­der­li­chen Schnee­la­gen zu unsi­cher gewor­den sind. Viel­mehr bie­tet der Nord­schwarz­wald gute Bedin­gun­gen fürs Rad­fah­ren und ganz­jäh­rig fürs Wan­dern. Der Nord­schwarz­wald bie­te, anders als der Süden, Misch­wäl­der und damit im Herbst schö­ne Farb­spie­le, so ein Argu­ment. Immer stär­ker im Kom­men sind Well­ness-Ange­bo­te. Die Kli­ma­ver­än­de­rung sorgt dafür, dass man­cher­orts die Som­mer­sai­son ver­län­gert wur­de. Die Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter des Tou­ris­mus bestä­tig­ten, was schon in den Medi­en berich­tet wur­de: Immer häu­fi­ger kom­men Men­schen aus Spa­ni­en und Ita­li­en in den Schwarz­wald, weil es ihnen zuhau­se zu heiß wird. Hol­ger Stern, Betrei­ber des Cam­ping­plat­zes, sprach von einem Anteil von Gäs­ten aus dem Aus­land, der bei rund 50 Pro­zent liegt. Hier sind es sehr häu­fig Men­schen aus den Nie­der­lan­den.

Wir spra­chen auch über die Chan­cen durch den Fahr­rad­tou­ris­mus. Vie­le Unter­künf­te haben sich dar­auf ein­ge­stellt und bie­ten bei­spiels­wei­se Unter­stell­mög­lich­kei­ten für die Fahr­rä­der und Mög­lich­kei­ten zum Strom tan­ken für E‑Bikes. Zudem kommt es auf die Wege und die Aus­schil­de­rung an (die ich im Land­kreis Calw als sehr gut wahr­ge­nom­men habe).

Auch über die Fach­kräf­te- und Arbeits­kräf­t­e­the­ma­tik spra­chen wir. Man sei stark auf Per­so­nal aus dem Aus­land ange­wie­sen, merk­ten die Ver­tre­te­rin­nen von IHK und Tou­ris­mus­ver­band an. Das Schwä­cheln der Indus­trie und dort unsi­cher gewor­de­ne Arbeits­plät­ze habe die Per­so­nal­la­ge im Tou­ris­mus­ge­wer­be etwas ent­spannt.

In unse­rem Gespräch wur­den eini­ge Hand­lungs­be­dar­fe deut­lich: So soll­te ver­mehrt digi­tal auf die Ange­bo­te der Regi­on hin­ge­wie­sen wer­den. Auch die Konus-Gäs­te­kar­te soll­te digi­ta­li­siert wer­den (ist in Arbeit). Ins­ge­samt soll­te der Nord­schwarz­wald stär­ker als Regi­on in Erschei­nung tre­ten.

Nach dem Gespräch mach­ten wir noch einen Rund­gang über den Platz, erst zu den Tiny-Häu­sern und den Schä­fer­wa­gen, dann zu den Zel­ten und Wohn­wa­gen.

Nach rund drei Stun­den ende­te das pro­duk­ti­ve und ergie­bi­ge Gespräch.

Im ver­gan­ge­nen Jahr war ich tou­ris­mus­po­li­tisch im Süd­schwarz­wald unter­wegs. Sie­he https://www.matthias-gastel.de/auf-dem-feldberg-ueber-winter-tourismus-gesprochen/