Herausforderungen von Neckartalbahn und Allgäubahn

Wie steht es um die Neckar­tal­bahn zwi­schen Stutt­gart und Tübin­gen sowie um die Würt­tem­ber­gi­sche All­gäu­bahn zwi­schen Her­ber­tin­gen und Leut­kirch? Dar­über sprach ich im Rah­men einer öffent­li­chen Digi­tal­ver­an­stal­tung mit dem Qua­li­täts­an­walt des Lan­des für die Fahr­gäs­te der Bahn, Mat­thi­as Lieb.

Mat­thi­as Lieb ist Diplom-Wirt­schafts­ma­the­ma­ti­ker und war bis zu sei­ner jet­zi­gen Tätig­keit Lan­des­vor­sit­zen­der des öko­lo­gisch aus­ge­rich­te­ten Ver­kehrs­club Deutsch­land (VCD) in Baden-Würt­tem­berg.

Bahn­stre­cke Stutt­gart – Nür­tin­gen – Reutlingen/Tübingen

 Die Neckar-Alb-Bahn ist eine der zen­tra­len Ver­kehrs­ach­sen in Baden-Würt­tem­berg und ver­bin­det seit dem 19. Jahr­hun­dert wich­ti­ge Regio­nen zwi­schen Stutt­gart und Tübin­gen. Trotz ihrer lan­gen Geschich­te und hohen Bedeu­tung steht die Stre­cke heu­te vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen: Stei­gen­de Zug­zah­len tref­fen auf eine zuneh­mend unfle­xi­ble Infra­struk­tur.

Die Stre­cke ist hoch belas­tet, die Infra­struk­tur stör­an­fäl­lig und der Anzahl an Zügen nicht gewach­sen. Das Land hat das Netz Neckar­tal, zu dem auch die­se Stre­cke mit dem RE 6 sowie den bei­den Metro­pol­ex­press­li­ni­en MEX 12 und MEX 18 gehört, in sei­nem halb­jähr­li­chen Qua­li­täts­ran­king sehr schlecht bewer­tet. Die­ses Netz lan­det unter ins­ge­samt 34 bewer­te­ten Net­zen auf dem schlech­ten Platz 32. Dies hat mit Pünkt­lich­keit, Kapa­zi­tät und Sau­ber­keit zu tun. Die Letz­te Bewer­tung stammt aus dem ers­ten Halb­jahr 2025. Damals fuhr noch die SWEG (heu­te fährt DB Regio).

Da die Infra­struk­tur das „poli­tischs­te“ The­ma unter den Ver­spä­tungs­ur­sa­chen ist, habe ich mich damit am inten­sivs­ten befasst (sie­he die Links wei­ter unten). Auf­fäl­lig an die­ser Stre­cke sind neben den sanie­rungs­be­dürf­ti­gen Stell­wer­ken und Bahn­über­gän­gen der Gleis­kon­flikt in Plochin­gen und eini­ge Abschnit­te mit Geschwin­dig­keits­ein­brü­chen. Der Gleis­kon­flikt in Plochin­gen besteht, weil dort zwei Bahn­stre­cken (Neckar­tal­bahn und Fils­tal­bahn) zusam­men­lau­fen und Züge in Rich­tung Tübin­gen die Glei­se der Fils­tal­bahn que­ren müs­sen. Zudem ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass in den letz­ten Jahr­zehn­ten eini­ge Wei­chen abge­baut wur­den, die heu­te immer wie­der benö­tigt wür­den. Das bedeu­tet: Mehr Ver­kehr auf einem weni­ger fle­xi­blen Netz.

An der Infra­struk­tur zwi­schen Nür­tin­gen und Tübin­gen wur­den in den letz­ten Mona­ten eini­ge Ver­bes­se­run­gen vor­ge­nom­men. So wur­den die Block­ab­stän­de ver­kürzt, wodurch die Züge nicht mehr so lan­ge war­ten müs­sen, bis sie vor­aus­fah­ren­den Zügen fol­gen dür­fen. Kon­kret: Auf dem acht Kilo­me­ter lan­gen Block­ab­schnitt zwi­schen Nür­tin­gen und Met­zin­gen ent­stan­den im Dezem­ber 2025 drei gleich­mä­ßi­ge Block­ab­schnit­te. Züge kön­nen seit­her in einer enge­ren Tak­tung fah­ren. Die Inbe­trieb­nah­me war abhän­gig vom Neu­bau des Stell­werks in Met­zin­gen.

Eine wei­te­re Block­ver­dich­tung zwi­schen Reut­lin­gen und Tübin­gen soll fol­gen.

Mat­thi­as Lieb betont aber, die neu gebau­ten zusätz­li­chen Block­si­gna­le ver­bes­sern zwar die Situa­ti­on, . Sei­ne Ana­ly­se der Betriebs­da­ten zeigt deut­li­che Pünkt­lich­keits­pro­ble­me, ins­be­son­de­re im Berufs­ver­kehr. Beson­ders unter der Woche füh­ren hohe Aus­las­tung und Zug­dich­te zu Ver­spä­tun­gen, die sich ent­lang der Stre­cke auf­bau­en. Züge star­ten oft bereits ver­spä­tet in Tübin­gen und kom­men mit wei­te­ren Ver­zö­ge­run­gen in Stutt­gart an. Zwar kann dort teil­wei­se Zeit auf­ge­holt wer­den, ins­ge­samt bleibt das Ver­spä­tungs­ni­veau jedoch hoch.

Ein wesent­li­cher Trei­ber die­ser Pro­ble­me sind die soge­nann­ten Kurz­wen­den: Züge kom­men dabei an der End­sta­ti­on an und fah­ren weni­ge Minu­ten spä­ter vom sel­ben Gleis ab. Ver­spä­tun­gen wer­den dabei direkt in die Gegen­rich­tung über­tra­gen. Dadurch ent­steht ein sich selbst ver­stär­ken­der Effekt. Gleich­zei­tig feh­len im Betrieb regel­mä­ßig Fahr­zeu­ge, im Schnitt etwa zwei pro Tag.

Es wur­den jedoch auch kon­kre­te Ver­bes­se­rungs­maß­nah­men erar­bei­tet: Dazu gehö­ren ein sta­bi­ler 30-Minu­ten-Takt, durch­ge­hen­de Ver­bin­dun­gen ohne Kurz­wen­den, ein­heit­li­che Dop­pel­trak­tio­nen sowie der Ver­zicht auf das Ver­stär­ken und Schwä­chen von Zügen unter­wegs. Ers­te Erfol­ge zei­gen sich bereits, etwa durch Kapa­zi­täts­er­hö­hun­gen an Wochen­en­den seit Ende 2024.

Ein ent­schei­den­der Schritt soll im Som­mer 2026 fol­gen: Die Abschaf­fung der Kurz­wen­den. Dadurch ent­fällt die direk­te Über­tra­gung von Ver­spä­tun­gen, und die Betriebs­sta­bi­li­tät kann deut­lich stei­gen. Denn nur wenn  die Züge in Tübin­gen pünkt­lich star­ten,  besteht rea­lis­tisch die Chan­ce auf eine pünkt­li­che Ankunft.

Die Umset­zung vie­ler Maß­nah­men wur­de bis­lang durch Abhän­gig­kei­ten, unter ande­rem im Zusam­men­hang mit Stutt­gart 21, ver­zö­gert. Den­noch ist inzwi­schen klar: Die bestehen­den Pro­ble­me müs­sen unab­hän­gig davon gelöst wer­den – und ers­te Schrit­te sind end­lich ein­ge­lei­tet.

Die Bahn­stre­cke Stutt­gart – Tübin­gen führt durch mei­nen Wahl­kreis (Nür­tin­gen) wes­halb ich mich mit die­ser schon sehr umfas­send beschäf­tigt habe. Sie­he die Links:

Links:

https://www.matthias-gastel.de/regionalstadtbahn-neckar-alb-in-tuebingen-stehen-grosse-umbauten-an/

https://www.matthias-gastel.de/bahnstrecke-stuttgart-tuebingen-sanierung-ohne-erfolg/

https://www.matthias-gastel.de/netzzustand-bahnstrecke-stuttgart-tuebingen-schlecht/

https://www.matthias-gastel.de/qualitaetsranking-fuer-baden-wuerttembergische-bahnnetze/

https://www.matthias-gastel.de/fachgespraech-zum-ausbau-der-bahnstrecke-stuttgart-tuebingen/

https://www.matthias-gastel.de/bahnknoten-plochingen-als-verspaetungsfalle/

https://www.matthias-gastel.de/bahnprobleme-tuebingen-stuttgart-eroertert/

https://www.matthias-gastel.de/im-stellwerk-nuertingen-die-schwaechen-der-strecke-stuttgart-tuebingen-eroertert/

 

Württembergische Allgäubahn

Die würt­tem­ber­gi­sche All­gäu­bahn ver­bin­det auf rund 69 Kilo­me­tern Her­ber­tin­gen über Aulen­dorf und Kiß­legg bis Leut­kirch (frü­her wei­ter bis Isny). Die Stre­cke wur­de zwi­schen 1869 und 1872 eröff­net, die Ver­län­ge­rung nach Isny folg­te 1874. Heu­te ist sie ein­glei­sig mit weni­gen Kreu­zungs­mög­lich­kei­ten und zwi­schen Her­ber­tin­gen und Kiß­legg nicht elek­tri­fi­ziert, ein zen­tra­ler Grund für vie­le der heu­ti­gen Pro­ble­me.

Das heu­ti­ge Zug­an­ge­bot wirkt auf den ers­ten Blick soli­de:

  • RE6 Stutt­gart – Sig­ma­rin­gen – Her­ber­tin­gen –  Aulen­dorf im 2‑Stun­den-Takt
  • RB53-Ver­bin­dun­gen zwi­schen Sig­ma­rin­gen, Aulen­dorf, Kiß­legg und Leut­kirch
  • Anschluss in Kiß­legg Rich­tung Mün­chen (RE96)

Hin­ter die­sem Ange­bot steckt jedoch ein fra­gi­les Sys­tem. Beson­ders pro­ble­ma­tisch: Die Abstän­de zwi­schen Kreu­zungs­mög­lich­kei­ten auf der ein­glei­si­gen Stre­cke sind sehr groß, oft zwi­schen 8 und 12 Kilo­me­tern. Das bedeu­tet: sSo­bald ein Zug Ver­spä­tung hat, gibt es kaum Mög­lich­kei­ten zum Aus­wei­chen oder Über­ho­len. Ver­spä­tun­gen über­tra­gen sich zwangs­läu­fig auf den gesam­ten Betrieb.

Anschluss­pro­ble­me in Kiß­legg

Ein zen­tra­les Nadel­öhr ist der Bahn­hof Kiß­legg. Auf dem Papier exis­tiert ein bahn­steig­glei­cher Anschluss mit nur drei Minu­ten Umstei­ge­zeit zwi­schen den Zügen aus Mün­chen und Rich­tung Aulen­dorf. In der Rea­li­tät ist die­ser Anschluss jedoch hoch­gra­dig unzu­ver­läs­sig.

Zwar liegt die offi­zi­el­le Anschluss­quo­te über alle Züge in Kiß­legg bei rund 87 %. Betrach­tet man aber nur die kri­ti­schen Anschlüs­se vom RE96 aus Mün­chen zur RB53, wur­den 2023 ledig­lich etwa 25 bis 43 % der Anschlüs­se erreicht. In spä­te­ren Aus­wer­tun­gen ver­schlech­ter­te sich die Lage 2024 sogar auf 13 bis 37 %. In der Aus­wer­tung im Jahr 2025 lag die Quo­te bei 27%.

Der Grund ist sim­pel: Drei Minu­ten Umstei­ge­zeit sind bei kleins­ten Ver­spä­tun­gen nicht halt­bar. Selbst bei bahn­steig­glei­chem Umstieg bleibt real nur etwa eine Minu­te Puf­fer, zu wenig für einen sta­bi­len Betrieb. Da die Züge zwar am glei­chen Bahn­steig, aber doch mit grö­ße­rem Anstand zuein­an­der hal­ten, muss mit zwei Minu­ten Fuß­weg gerech­net wer­den. Ob die Züge zukünf­tig näher anein­an­der hal­ten kön­nen, wird geprüft. Das wür­de aber eine Anpas­sung der Siche­rungs­tech­nik erfor­dern.

Fol­gen für Rei­sen­de sind regel­mä­ßig ver­pass­te Anschlüs­se, aus­ein­an­der bre­chen­de Rei­se­ket­ten und vor­zei­tig enden­de Züge, um die Ver­spä­tung nicht wei­ter zu ver­schär­fen.

Gera­de der RE6 aus Stutt­gart erreicht Aulen­dorf häu­fig gar nicht. Um Fol­ge­ver­spä­tun­gen zu ver­mei­den, endet er je nach Lage bereits in Her­ber­tin­gen, Bad Saul­gau oder Alt­shau­sen. Für Fahr­gäs­te bedeu­tet das zusätz­li­che Umstie­ge und erheb­li­che Unsi­cher­heit.

Struk­tu­rel­les Pro­blem

Ein grund­le­gen­des Pro­blem liegt im Aus­bau­kon­zept: Die Elek­tri­fi­zie­rung der Ach­se Mem­min­gen – Lin­dau hat zwar die­se Ver­bin­dung gestärkt, gleich­zei­tig aber frü­he­re Direkt­ver­bin­dun­gen geschwächt. Heu­te sind zusätz­li­che Umstie­ge nötig, ohne dass die Infra­struk­tur aus­rei­chend sta­bil ist.

Mat­thi­as Lieb bringt fol­gen­den Ver­gleich: Wäh­rend im Stra­ßen­bau bewusst Reser­ven ein­ge­plant wer­den (z. B. Stand­strei­fen auf Auto­bah­nen), fehlt ein sol­cher „Puf­fer“ bei der Bahn oft voll­stän­dig. Die Infra­struk­tur ist auf einen idea­len, ver­spä­tungs­frei­en Betrieb aus­ge­legt, der im All­tag prak­tisch nie erreicht wird.

Ana­ly­se und Maß­nah­men:

Die Pro­ble­me sind seit Jah­ren bekannt und wur­den wie­der­holt ana­ly­siert: Unter ande­rem unter­such­te Mat­thi­as Lieb in den Jah­ren fol­gen­des bzw stell­te fest:

2023: Ers­te detail­lier­te Unter­su­chung der Anschluss­qua­li­tät in Kiß­legg

2024: Wei­te­re Ver­schlech­te­rung der Situa­ti­on, kri­ti­sche Bewer­tung von dis­ku­tier­ten Halt­aus­fäl­len

2025: Wei­ter­hin nied­ri­ge Anschluss­quo­te ohne Ver­bes­se­rung

2026: Dis­kus­si­on über Ersatz­lö­sun­gen bei vor­zei­ti­gen Zug­wen­den

Im DB Navi­ga­tor wur­de inzwi­schen ein Warn­hin­weis für den kri­ti­schen Anschluss in Kiß­legg ein­ge­führt. Ein sel­te­nes Bei­spiel für trans­pa­ren­te Fahr­gast­in­for­ma­ti­on. Den­noch wäre eine stär­ke­re Nut­zung his­to­ri­scher Daten zur rea­lis­ti­schen Rei­se­emp­feh­lung wün­schens­wert.

Was jetzt not­wen­dig ist

Klar ist: Ohne bes­ser, teil­wei­se zusätz­li­che Infra­struk­tur las­sen sich die Pro­ble­me nicht lösen. Laut Mat­thi­as Lieb sind fol­gen­de Maß­nah­men not­wen­dig:

  • Besei­ti­gung von Lang­sam­fahr­stel­len auf der Zol­lern­bahn
  • Zusätz­li­che Signa­le zur Ver­dich­tung der Zug­fol­ge
  • Ein Wen­de­gleis in Kiß­legg
  • Teil­wei­se Zwei­glei­sig­keit (z. B. Mengen–Herbertingen und von Kiß­legg Rich­tung Leut­kirch)
  • Reak­ti­vie­rung von Kreu­zungs­bahn­hö­fen wie Wol­fegg und Mar­stet­ten-Aitrach
  • Elek­tri­fi­zie­rung und Beschleu­ni­gung zwi­schen Aulen­dorf und Kiß­legg

Unter der Ampel-Regie­rung wur­den bun­des­weit bereits zahl­rei­che klei­ne­re und mitt­le­re Maß­nah­men ange­sto­ßen (z. B. zusätz­li­che Signa­le, Über­leit­stel­len oder Bahn­steig­ver­län­ge­run­gen). Von rund 350 geplan­ten Pro­jek­ten ist zwar ein Teil umge­setzt, doch die Finan­zie­rung reicht nicht aus, um alle not­wen­di­gen Ver­bes­se­run­gen rea­li­sie­ren zu kön­nen.

Fazit

Die Neckar-Alb Bahn und die würt­tem­ber­gi­sche All­gäu­bahn zei­gen exem­pla­risch ein grund­le­gen­des Pro­blem im Schie­nen­ver­kehr: Ein wach­sen­des Ange­bot trifft auf eine Infra­struk­tur, die dafür nicht aus­ge­legt ist. Solan­ge sich dar­an nichts ändert, blei­ben Ver­spä­tun­gen, ver­pass­te Anschlüs­se und unzu­ver­läs­si­ge Ver­bin­dun­gen ein struk­tu­rel­les Pro­blem, unab­hän­gig von Fahr­plan­op­ti­mie­run­gen. Klei­ne und mitt­le­re Maß­nah­men könn­ten bei den Bahn­li­ni­en in der Flä­che oft rasch zu Ver­bes­se­run­gen füh­ren, wenn dafür aus­rei­chend Pla­nungs­ka­pa­zi­tä­ten und Finanz­mit­tel bereit­ge­stellt wür­den.