E‑Mobilität in der Praxis

21.11.2019

Fürs Netz nicht unbedingt ein Problem

Wie sieht das Lade­ver­hal­ten von E‑Au­to-Fah­rern aus? Was macht die zuneh­men­de E‑Mobilität mit unse­ren Strom­net­zen? Ein Pra­xis­ver­such gibt inter­es­san­te Hin­wei­se.

Zehn von ins­ge­samt 21 Haus­hal­ten einer Wohn­stra­ße in Ost­fil­dern (Land­kreis Ess­lin­gen) beka­men von Net­ze BW, dem Strom­netz­be­trei­ber im Süd­wes­ten, kos­ten­los ver­schie­de­ne E‑Autos sowie die dafür sinn­vol­le Lad­ein­fra­struk­tur gestellt. Ziel des Ver­su­ches war es, die Aus­wir­kun­gen auf das Strom­netz zu erfor­schen. Dafür wur­den kei­ner­lei Ver­än­de­run­gen am Strom­netz vor­ge­nom­men, um des­sen Leis­tung zu erhö­hen. Es wur­de ledig­lich Mess­tech­nik instal­liert. Die Lade­sta­tio­nen ver­füg­ten aller­dings über Lade­ma­nage­ment­sys­te­me. Ich hat­te mir den Ver­such schon mal vor Ort ange­schaut: https://www.matthias-gastel.de/unterwegs-in-der-e-mobility-allee/. Nach 18 Mona­ten ging der Ver­such nun zu Ende. Dem­nächst wird der offi­zi­el­le Abschluss­be­richt vor­ge­legt. Die Ergeb­nis­se lie­gen aber bereits vor. Im Gespräch mit der Pro­jekt­lei­te­rin habe ich mich über die­se Ergeb­nis­se erkun­digt und gebe sie hier wider:

  1. Die Pro­jekt­teil­neh­mer muss­ten sich erst ein­mal an die E‑Autos und das Lade­ver­hal­ten gewöh­nen. Anfangs wur­den die E‑Autos, die eine Reich­wei­te von 200 Kilo­me­ter auf­wei­sen, bereits meist ab einer „Restreich­wei­te“ von 120 Kilo­me­ter wie­der auf­ge­la­den. Nach etwa einem hal­ben Jahr leg­te sich die Reich­wei­ten­angst. Die­sel­ben Fahr­zeu­ge wur­den weit­aus sel­te­ner, teil­wei­se erst ab einer „Restreich­wei­te“ von 10 Kilo­me­tern, neu auf­ge­la­den. Dar­aus ergibt sich schon, dass gleich­zei­ti­ge Lade­vor­gän­ge eines Groß­teils der Fahr­zeu­ge sehr unwahr­schein­lich sein dürf­ten. Übri­gens wur­den die Autos im Monats­durch­schnitt 1.200 Kilo­me­ter weit gefah­ren.
  2. Es zeig­te sich, dass es sehr unter­schied­li­che „Lade­ty­pen“ gibt. Man­che laden täg­lich, ande­re nur ein­mal pro Woche, ohne dass dies aus­schließ­lich mit den gefah­re­nen Kilo­me­tern und der dadurch ver­blie­be­nen „Restreich­wei­te“ zu tun hät­te. Von den 10 Fahr­zeu­gen wur­den maxi­mal fünf gleich­zei­tig gela­den – und zwar in gera­de ein­mal 0,1 Pro­zent des 18-mona­ti­gen Gesamt­zeit­raums. Die befürch­te­te Gleich­zei­tig­keit mit dem ent­spre­chen­den fürs Netz kri­ti­schen Last­an­stieg blieb aus. Ein Lade­schwer­punkt zwi­schen 19 und 21 Uhr war jedoch zu erken­nen.
  3. Die Lade­punk­te waren mit Last­ma­nage­ment­sys­te­men ver­se­hen. Die Lade­leis­tung wur­de so gesteu­ert, dass es zu kei­ner zu hohen Netz­be­las­tung kom­men konn­te. Im Nach­hin­ein wur­de aller­dings klar: Auch ohne die­ses Manage­ment hät­te es kei­ne Pro­ble­me fürs Netz gege­ben, da die Netz­struk­tur von vorn­her­ein „Luft“ auf­wies. Die Kun­den fühl­ten sich durch das Manage­ment und die Unste­tig­keit bei den Lade­vor­gän­gen nicht ein­ge­schränkt.
  4. Dass der Zeit­be­darf fürs Laden kein prak­ti­sches Pro­blem dar­stellt ist bekannt und wur­de durch fol­gen­de Fest­stel­lung bestä­tigt: Die Autos hän­gen im Tages­durch­schnitt 7,5 Stun­den am Kabel. Tat­säch­lich gela­den wur­de aber nur 2,5 Stun­den. Es könn­te also sel­te­ner gela­den und/oder nach einem Lade­vor­gang eine län­ge­re Stre­cke gefah­ren wer­den. Hin­weis: Autos wer­den im Tages­durch­schnitt nur eine Stun­den gefah­ren und ste­hen 23 Stun­den „sinn­los“ her­um.
  5. Neun, viel­leicht auch alle 10 der Test­haus­hal­te kau­fen der Net­ze BW die Lad­ein­fra­struk­tur ab. In min­des­tens einem Haus­halt wur­de bereits ein eige­nes E‑Auto ange­schafft. Die Test­haus­hal­te nut­zen die E‑Mobilität also ent­we­der wei­ter­hin oder wol­len sich die­se Opti­on offen hal­ten.

EON war bei einem ähn­li­chen Ver­such zu ver­gleich­ba­ren Ergeb­nis­sen gekom­men.

Und so geht es wei­ter: Net­ze BW wer­den im Dezem­ber einen grö­ße­ren Ver­such star­ten. Dies­mal soll das Netz- und Lade­ver­hal­ten in der Tief­ga­ra­ge eines gro­ßen Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses mit 63 Wohn­ein­hei­ten im Land­kreis Lud­wigs­burg getes­tet wer­den. Von den 85 Stell­plät­zen sol­len 58 mit einem Lade­punkt (Typ 2‑Steckdose, 11 statt 3,5 kW gegen­über einer „nor­ma­len“ Steck­do­se) aus­ge­stat­tet wer­den. Eini­ge wei­te­re Stell­plät­ze ver­fü­gen bereits über Steck­do­sen. Die Eigen­tü­mer haben sich ein­stim­mig auf den Ver­such ein­ge­las­sen. Es wer­den 45 Test­fahr­zeu­ge zur Ver­fü­gung gestellt. Für die­ses Ver­suchs­feld wur­de die Strom­lei­tung ver­stärkt. Auch hier kommt ein intel­li­gen­tes Lade­ma­nage­ment zum Ein­satz.

 

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