Wer zwischen Tübingen, Stuttgart und Heilbronn pendelt, kennt das Problem: Züge fahren sehr häufig mit Verspätung, manchmal gar nicht und die Anschlüsse auf andere Bahnen und Busse gehen flöten. Immer wieder sind die Züge überfüllt. Fahrten zur Arbeit oder Uni gleichen manchmal halben Abenteuerreisen.
Daher habe ich wieder Interessierte und Betroffenen zu einer digitalen Verspätungsanalyse und zur Suche nach Lösungen eingeladen. Zusammen mit Tobias Bückle von der Infrastrukturgesellschaft DB InfraGO (Leiter Infrastrukturentwicklung Region Südwest) und dem Daten-Analytiker Theo Döllmann bin ich den Gründen für die schlechte Situation und möglichen Lösungsansätzen auf den Grund gegangen.
Theo Döllmann aus Tübingen beschäftigt sich seit 2019 im Rahmen seines Projekts https://bahnvorhersage.de/ mit Verspätungsmustern. Als angehender Geoinformatiker hat er seine Bachelorarbeit der Analyse von Verspätungen auf der Bahnstrecke zwischen Tübingen, Stuttgart und Heilbronn gewidmet und dazu im Zeitraum vom Jahr 2021 bis Mai 2026 3,7 Millionen Datenpunkte aus 132.000 Fahrten analysiert. Stationsscharf und minutengenau hat er die Entstehung von Verspätungen ausgewertet. Sein Resultat: Einzelne Hauptgründe für die Unzuverlässigkeit gibt es nicht: Weder die Fahrgastwechselzeiten, noch die vielen Baustellen verursachen einen Großteil der Verspätungen. Gravierender sind vor allem die Verspätungen, die „im Lauf“, also auf den Strecken, entstehen. Zudem starten viele Züge ihre Fahrten bereits mit Verspätungen. Die überschlagende Wende in Tübingen (siehe unten) kann die Pünktlichkeit in Fahrtrichtung Heilbronn um ca. 6 Prozentpunkte verbessern. Zumal Züge, die in Tübingen deutlich verspätet starten, bis Reutlingen nochmals Zeit verlieren. „Dieser Abschnitt reagiert betrieblich empfindlich auf bereits vorhandene Verspätungen.“ Döllmann wies darauf hin, dass es nicht die eine Ursache für Verspätungen, sondern viele Ursachen gibt. Die Kapazität der Strecke stellt aber den zentralen Aspekt für einen verlässlichen Bahnbetrieb dar. Besonders auffällig ist der Abschnitt zwischen Esslingen und Ludwigsburg sowie der zwischen Walheim und Lauffen am Neckar. Döllmanns Empfehlung für noch genauere Analysen: Betriebliche Daten zu Zugfolge, Signalhalten, Gleisbelegung und Dispositionsentscheidungen zur Verfügung stellen und auswerten. Detailliertere Informationen sind hier zu finden: https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/130937
Tobias Bückle von DB InfraGO wies zunächst auf Wechselwirkungen der MEX mit anderen Linien, beispielsweise der Ermstalbahn, hin. Wenn der MEX zu spät in Tübingen abfährt, folgt er der RB 63 und baut bis Reutlingen weitere Verspätung auf. Einige Abschnitte sind besonders stark ausgelastet. Dies gilt für den Abschnitt zwischen Plochingen und Wendlingen, auf dem ICE-Züge von/nach Ulm unterwegs sind. Aber auch zwischen Stuttgart und Bietigheim sind über die Jahre immer mehr Züge aufs Gleis gesetzt worden und sorgen für eine hohe Streckenauslastung. Nach Heilbronn hat lange Zeit eine Langsamfahrstelle wegen eines abgerutschten Weinbergs für Beeinträchtigungen gesorgt (Langsamfahrstelle inzwischen aufgehoben).
Spontan brachte Matthias Lieb, Qualitätsanwalt des Landes für den Schienenregionalverkehr, seine Expertise ein. Er verwies darauf, dass in den letzten Monaten Oberleitungsstörungen aufgetreten sind und mehrere Züge in die Werkstatt mussten, was für Engpässe bei den Fahrzeugen geführt hatte.
Nachfolgend liste ich umgesetzte und geplante Maßnahmen der Deutschen Bahn auf, die zu Verbesserungen der Betriebsqualität führen sollen.
Aktuelle Maßnahmen zwischen Tübingen und Stuttgart (und weiter nach Heilbronn)
Aus mehreren Antworten der Deutschen Bahn an mich kann ich entnehmen (Auswahl, in Kurzform zusammengefasst):
Erhöhung der Fahrzeugverfügbarkeit unter anderem durch bessere Wartung der Klimaanlagen und veränderte Umlaufdisposition zugunsten von Fünfteilern gezielt im Neckartal.
Eine Task Force Neckar arbeitet bereits seit Anfang Juli 2026 an der systematischen Identifikation und Reduzierung von Verspätungs- und Ausfallursachen.
Bei der Fahrgastinformation wurden kurzfristig Verbesserungen umgesetzt. Seit 01.08.2026 erfolgt die Fahrgastinformation verkehrsvertragskonform aus der Leitstelle Ulm heraus im engen Austausch mit Schichtleitungen und Verkehrsdisposition.
Für die beiden MEX-Linien ist seit 01. August 2026 in Tübingen eine überschlagene Wende vorgesehen. Damit wird die Übertragung von Verspätungen von ankommenden auf abfahrende Züge vermieden. Spürbar wird diese aufgrund der aktuell laufenden Baumaßnahmen zwischen Reutlingen und Tübingen allerdings erst nach Ende der Sommerferien ab 14.09.2026.
Ab Dezember 2026 werden auch in Heilbronn Änderungen eintreten, da die Durchbindung nach Osterburken entfällt. Fahrgäste ab Stuttgart nach Neckarsulm, Bad Friedrichshall, Möckmühl und Osterburken können umsteigefrei den RE8 ab Stuttgart nehmen. Wer mit dem MEX aus Tübingen kommt und in Richtung Osterburken fahren möchte, wird in Heilbronn umsteigen müssen (Umsteigezeit 5 Minuten). Der Anschlusszug wird bei Verspätungen des MEX nur sehr begrenzt warten können.
Eine Blockverdichtung zwischen Nürtingen und Metzingen (Blocksignal in Bempflingen) wurde vor einigen Monaten umgesetzt und ist zwischen Reutlingen und Tübingen in Planung. Aktuell sind die Blocklängen bis zu 4,7 Kilometer (Betzingen > Kirchentellinsfurt) lang. Umsetzung voraussichtlich in 2027.
Derzeit ist leider nicht geplant, Weichen entlang der Strecke für schnellere zulässige Geschwindigkeiten einzubauen. Dies ist aus meiner Sicht bedauerlich. Beispiel: Die Weichen im Bereich Tübingen Hauptbahnhof erlauben Richtung Stuttgart beim Befahren der Gleiswechsel eine Geschwindigkeit von nur 40 Stundenkilometer.
Insbesondere mit der Bahnstrecke Tübingen – Stuttgart habe ich mich schon sehr häufig befasst. Mehr Infos (Auswahl):
https://www.matthias-gastel.de/herausforderungen-von-neckartalbahn-und-allgaeubahn/
https://www.matthias-gastel.de/wie-gehts-zwischen-stuttgart-und-tuebingen-weiter/
https://www.matthias-gastel.de/netzzustand-bahnstrecke-stuttgart-tuebingen-schlecht/
Infos zur Frankenbahn (Auswahl):
https://www.matthias-gastel.de/frankenbahn-und-taubertalbahn-herausforderungen-loesungen/
https://www.matthias-gastel.de/hat-heilbronn-eine-chance-auf-fernverkehr/
https://www.matthias-gastel.de/frankenbahn-sanieren-und-ausbauen-fuer-regional-und-fernverkehr/
