MEX 12 und 18 – Was läuft schief zwischen Tübingen, Stuttgart und Heilbronn?

Wer zwi­schen Tübin­gen, Stutt­gart und Heil­bronn pen­delt, kennt das Pro­blem: Züge fah­ren sehr häu­fig mit Ver­spä­tung, manch­mal gar nicht und die Anschlüs­se auf ande­re Bah­nen und Bus­se gehen flö­ten. Immer wie­der sind die Züge über­füllt. Fahr­ten zur Arbeit oder Uni glei­chen manch­mal hal­ben Aben­teu­er­rei­sen.

Daher habe ich wie­der Inter­es­sier­te und Betrof­fe­nen zu einer digi­ta­len Ver­spä­tungs­ana­ly­se und zur Suche nach Lösun­gen ein­ge­la­den. Zusam­men mit Tobi­as Bück­le von der Infra­struk­tur­ge­sell­schaft DB Infra­GO (Lei­ter Infra­struk­tur­ent­wick­lung Regi­on Süd­west) und dem Daten-Ana­ly­ti­ker Theo Döll­mann bin ich den Grün­den für die schlech­te Situa­ti­on und mög­li­chen Lösungs­an­sät­zen auf den Grund gegan­gen.

Theo Döll­mann aus Tübin­gen beschäf­tigt sich seit 2019 im Rah­men sei­nes Pro­jekts https://bahnvorhersage.de/ mit Ver­spä­tungs­mus­tern. Als ange­hen­der Geo­in­for­ma­ti­ker hat er sei­ne Bache­lor­ar­beit der Ana­ly­se von Ver­spä­tun­gen auf der Bahn­stre­cke zwi­schen Tübin­gen, Stutt­gart und Heil­bronn gewid­met und dazu im Zeit­raum vom Jahr 2021 bis Mai 2026 3,7 Mil­lio­nen Daten­punk­te aus 132.000 Fahr­ten ana­ly­siert. Sta­ti­ons­scharf und minu­ten­ge­nau hat er die Ent­ste­hung von Ver­spä­tun­gen aus­ge­wer­tet. Sein Resul­tat: Ein­zel­ne Haupt­grün­de für die Unzu­ver­läs­sig­keit gibt es nicht: Weder die Fahr­gast­wech­sel­zei­ten, noch die vie­len Bau­stel­len ver­ur­sa­chen einen Groß­teil der Ver­spä­tun­gen. Gra­vie­ren­der sind vor allem die Ver­spä­tun­gen, die „im Lauf“, also auf den Stre­cken, ent­ste­hen. Zudem star­ten vie­le Züge ihre Fahr­ten bereits mit Ver­spä­tun­gen. Die über­schla­gen­de Wen­de in Tübin­gen (sie­he unten) kann die Pünkt­lich­keit in Fahrt­rich­tung Heil­bronn um ca. 6 Pro­zent­punk­te ver­bes­sern. Zumal Züge, die in Tübin­gen deut­lich ver­spä­tet star­ten, bis Reut­lin­gen noch­mals Zeit ver­lie­ren. „Die­ser Abschnitt reagiert betrieb­lich emp­find­lich auf bereits vor­han­de­ne Ver­spä­tun­gen.“ Döll­mann wies dar­auf hin, dass es nicht die eine Ursa­che für Ver­spä­tun­gen, son­dern vie­le Ursa­chen gibt. Die Kapa­zi­tät der Stre­cke stellt aber den zen­tra­len Aspekt für einen ver­läss­li­chen Bahn­be­trieb dar. Beson­ders auf­fäl­lig ist der Abschnitt zwi­schen Ess­lin­gen und Lud­wigs­burg sowie der zwi­schen Wal­heim und Lauf­fen am Neckar. Döll­manns Emp­feh­lung für noch genaue­re Ana­ly­sen: Betrieb­li­che Daten zu Zug­fol­ge, Signal­hal­ten, Gleis­be­le­gung und Dis­po­si­ti­ons­ent­schei­dun­gen zur Ver­fü­gung stel­len und aus­wer­ten. Detail­lier­te­re Infor­ma­tio­nen sind hier zu fin­den: https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/130937

Tobi­as Bück­le von DB Infra­GO wies zunächst auf Wech­sel­wir­kun­gen der MEX mit ande­ren Lini­en, bei­spiels­wei­se der Ermstal­bahn, hin. Wenn der MEX zu spät in Tübin­gen abfährt, folgt er der RB 63 und baut bis Reut­lin­gen wei­te­re Ver­spä­tung auf. Eini­ge Abschnit­te sind beson­ders stark aus­ge­las­tet. Dies gilt für den Abschnitt zwi­schen Plochin­gen und Wend­lin­gen, auf dem ICE-Züge von/nach Ulm unter­wegs sind. Aber auch zwi­schen Stutt­gart und Bie­tig­heim sind über die Jah­re immer mehr Züge aufs Gleis gesetzt wor­den und sor­gen für eine hohe Stre­cken­aus­las­tung. Nach Heil­bronn hat lan­ge Zeit eine Lang­sam­fahr­stel­le wegen eines abge­rutsch­ten Wein­bergs für Beein­träch­ti­gun­gen gesorgt (Lang­sam­fahr­stel­le inzwi­schen auf­ge­ho­ben).

Spon­tan brach­te Mat­thi­as Lieb, Qua­li­täts­an­walt des Lan­des für den Schie­nen­re­gio­nal­ver­kehr, sei­ne Exper­ti­se ein. Er ver­wies dar­auf, dass in den letz­ten Mona­ten Ober­lei­tungs­stö­run­gen auf­ge­tre­ten sind und meh­re­re Züge in die Werk­statt muss­ten, was für Eng­päs­se bei den Fahr­zeu­gen geführt hat­te.

Nach­fol­gend lis­te ich umge­setz­te und geplan­te Maß­nah­men der Deut­schen Bahn auf, die zu Ver­bes­se­run­gen der Betriebs­qua­li­tät füh­ren sol­len.

Aktu­el­le Maß­nah­men zwi­schen Tübin­gen und Stutt­gart (und wei­ter nach Heil­bronn)

Aus meh­re­ren Ant­wor­ten der Deut­schen Bahn an mich kann ich ent­neh­men (Aus­wahl, in Kurz­form zusam­men­ge­fasst):

Erhö­hung der Fahr­zeug­ver­füg­bar­keit unter ande­rem durch bes­se­re War­tung der Kli­ma­an­la­gen und ver­än­der­te Umlauf­dis­po­si­ti­on zuguns­ten von Fünf­tei­lern gezielt im Neckar­tal.

Eine Task Force Neckar arbei­tet bereits seit Anfang Juli 2026 an der sys­te­ma­ti­schen Iden­ti­fi­ka­ti­on und Redu­zie­rung von Ver­spä­tungs- und Aus­fall­ur­sa­chen.

Bei der Fahr­gast­in­for­ma­ti­on wur­den kurz­fris­tig Ver­bes­se­run­gen umge­setzt. Seit 01.08.2026 erfolgt die Fahr­gast­in­for­ma­ti­on ver­kehrs­ver­trags­kon­form aus der Leit­stel­le Ulm her­aus im engen Aus­tausch mit Schicht­lei­tun­gen und Ver­kehrs­dis­po­si­ti­on.

Für die bei­den MEX-Lini­en ist seit 01. August 2026 in Tübin­gen eine über­schla­ge­ne Wen­de vor­ge­se­hen. Damit wird die Über­tra­gung von Ver­spä­tun­gen von ankom­men­den auf abfah­ren­de Züge ver­mie­den. Spür­bar wird die­se auf­grund der aktu­ell lau­fen­den Bau­maß­nah­men zwi­schen Reut­lin­gen und Tübin­gen aller­dings erst nach Ende der Som­mer­fe­ri­en ab 14.09.2026.

Ab Dezem­ber 2026 wer­den auch in Heil­bronn Ände­run­gen ein­tre­ten, da die Durch­bin­dung nach Oster­bur­ken ent­fällt. Fahr­gäs­te ab Stutt­gart nach Neckar­sulm, Bad Fried­richs­hall, Möck­mühl und Oster­bur­ken kön­nen umstei­ge­frei den RE8 ab Stutt­gart neh­men. Wer mit dem MEX aus Tübin­gen kommt und in Rich­tung Oster­bur­ken fah­ren möch­te, wird in Heil­bronn umstei­gen müs­sen (Umstei­ge­zeit 5 Minu­ten). Der Anschluss­zug wird bei Ver­spä­tun­gen des MEX nur sehr begrenzt war­ten kön­nen.

Eine Block­ver­dich­tung zwi­schen Nür­tin­gen und Met­zin­gen (Block­si­gnal in Bem­pf­lin­gen) wur­de vor eini­gen Mona­ten umge­setzt und ist zwi­schen Reut­lin­gen und Tübin­gen in Pla­nung. Aktu­ell sind die Block­län­gen bis zu 4,7 Kilo­me­ter (Bet­zin­gen > Kir­chen­tel­lins­furt) lang. Umset­zung vor­aus­sicht­lich in 2027.

Der­zeit ist lei­der nicht geplant, Wei­chen ent­lang der Stre­cke für schnel­le­re zuläs­si­ge Geschwin­dig­kei­ten ein­zu­bau­en. Dies ist aus mei­ner Sicht bedau­er­lich. Bei­spiel: Die Wei­chen im Bereich Tübin­gen Haupt­bahn­hof erlau­ben Rich­tung Stutt­gart beim Befah­ren der Gleis­wech­sel eine Geschwin­dig­keit von nur 40 Stun­den­ki­lo­me­ter.

 

Ins­be­son­de­re mit der Bahn­stre­cke Tübin­gen – Stutt­gart habe ich mich schon sehr häu­fig befasst. Mehr Infos (Aus­wahl):

https://www.matthias-gastel.de/herausforderungen-von-neckartalbahn-und-allgaeubahn/

https://www.matthias-gastel.de/im-stellwerk-nuertingen-die-schwaechen-der-strecke-stuttgart-tuebingen-eroertert/

https://www.matthias-gastel.de/wie-gehts-zwischen-stuttgart-und-tuebingen-weiter/

https://www.matthias-gastel.de/netzzustand-bahnstrecke-stuttgart-tuebingen-schlecht/

Infos zur Fran­ken­bahn (Aus­wahl):

https://www.matthias-gastel.de/frankenbahn-und-taubertalbahn-herausforderungen-loesungen/

https://www.matthias-gastel.de/hat-heilbronn-eine-chance-auf-fernverkehr/

https://www.matthias-gastel.de/frankenbahn-sanieren-und-ausbauen-fuer-regional-und-fernverkehr/