Zeit für Entscheidung: Neubaustrecke Hamburg – Hannover

Über den Umgang mit der über­las­te­ten Bahn­stre­cke zwi­schen Ham­burg und Han­no­ver wird seit Jah­ren dis­ku­tiert. Längst wur­de nach­ge­wie­sen, dass die Her­aus­for­de­run­gen nicht im Bestand gelöst wer­den kön­nen. Kon­se­quen­ter­wei­se wur­de eine Neu­bau­stre­cke geplant. Eine inten­si­ve Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung wur­de durch­ge­führt. Nach­dem die Vor­pla­nung abge­schlos­sen wur­de, steht die par­la­men­ta­ri­sche Befas­sung an.

Das Vor­ha­ben war mehr­fach im Bun­des­tags-Ver­kehrs­aus­schuss ein The­ma. Befür­wor­ter wie Geg­ner einer Neu­bau­stre­cke kamen zu Wort. Nach­dem die Deut­sche Bahn die Vor­pla­nung abge­schlos­sen hat, gab es im März 2026 ein Fach­ge­spräch, an dem Abge­ord­ne­te aus dem Ver­kehrs­aus­schuss und betrof­fe­nen Wahl­krei­sen sowie die Deut­sche Bahn, das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um und das Eisen­bahn­bun­des­amt, aber auch Vertreter*innen der Län­der Nie­der­sach­sen, Bre­men und Ham­burg, teil­nah­men.

Ich erklär­te für mei­ne Frak­ti­on, dass man sich am Ende eines lan­gen Pro­zes­ses der Mei­nungs­bil­dung befin­det. Wenn man den Bahn­ver­kehr stär­ken will, wofür die Eng­pass­si­tua­ti­on der Bestands­stre­cke auf­ge­ho­ben wer­den muss, gibt es kei­nen Plan B als Alter­na­ti­ve zu einer Neu­bau­stre­cke. Nie­der­sach­sen kann enorm pro­fi­tie­ren, in dem an der Bestands­stre­cke der Regio­nal­ver­kehr bes­ser und der Fern­ver­kehr erhal­ten blei­ben kann, zugleich an der Neu­bau­stre­cke zwei bis drei Regio­nal­hal­te (Sol­tau­er Hei­de und Ber­gen und ein wei­te­rer?) ent­ste­hen kön­nen.

Die Vertreter*innen von Ham­burg und Bre­men äußer­ten sich posi­tiv zu den Plä­nen. Von Nie­der­sach­sen kamen kri­ti­sche Anmer­kun­gen. Das Land for­der­te aber „mehr Kapa­zi­tät“ und gab an, einen Halb­stun­den­takt um Regio­nal­ver­kehr zu ver­fol­gen. Die Deut­sche Bahn mach­te dar­auf­hin sehr klar deut­lich, dass die­se Takt­ver­dich­tung weder mit der jet­zi­gen Infra­struk­tur noch mit klei­ne­ren Aus­bau­maß­nah­men mög­lich ist. Für mehr Kapa­zi­tät for­der­te Nie­der­sach­sen die Digi­tal­tech­nik ETCS auf der Bestands­stre­cke. Auf mei­ne Fra­ge, ob denn die Regio­nal­zü­ge des Lan­des über ETCS ver­fü­gen oder neue Züge mit ETCS aus­ge­stat­tet wer­den wür­den, war man sich unsi­cher. Nach­träg­li­che Erkun­dun­gen mei­ner­seits erga­ben, dass es kei­ne Um-/Aus­rüs­tungs­plä­ne gibt. Das Land for­dert also eine digi­ta­le Stre­cken­aus­stat­tung, hat aber in den nächs­ten Jah­ren kei­ne Fahr­zeu­ge, die dort fah­ren kön­nen. Ech­te Vor­schlä­ge, wie der Eng­pass im Bestand beho­ben wer­den könn­te oder Argu­men­te gegen die Neu­bau­stre­cke brach­te Nie­der­sach­sen nicht her­vor.

Die Deut­sche Bahn mach­te deut­lich, dass sie einen kla­ren Pla­nungs­auf­trag des Bun­des hat. Die Kri­te­ri­en dafür (Aus­wahl): Ver­kehr­lich eng­pass­freie Ver­bin­dung, betrieb­lich opti­mal und Fahr­zei­ten mit Kon­for­mi­tät zum Deutsch­land­takt. Bis­her haben im Rah­men der Öffent­lich­keits­ar­beit unter ande­rem 12 Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen statt­ge­fun­den. Eine ein­glei­si­ge Neu­bau­stre­cke neben der Bestands­stre­cke („drit­tes Gleis“) reicht nicht, den Eng­pass zu behe­ben. So etwas baue die DB ganz gene­rell nicht mehr. Die DB stell­te noch­mal die Bewer­tungs­ma­trix der Vari­an­ten vor. Die Neu­bau­stre­cke schnei­det dem­nach bei nahe­zu allen Kri­te­ri­en, so bei der Schall­be­las­tung, beim Flä­chen­ver­brauch und den Ein­grif­fen in Natur­schutz­ge­bie­te, bes­ser ab. Neu­bau lässt sich zudem schnel­ler umset­zen als Maß­nah­men am Bestand, die noch dazu über vie­le Jah­re den Bahn­ver­kehr stark beein­träch­ti­gen wür­den. Das Eisen­bahn­bun­des­amt beton­te, nur die Vor­zugs­va­ri­an­te (Neu­bau­stre­cke) erfüllt alle Anfor­de­run­gen und ande­re Vari­an­ten sind nicht geneh­mi­gungs­fä­hig. Ein Raum­ord­nungs­ver­fah­ren muss, so die DB, nicht nach­ge­holt wer­den und läuft ohne­hin im Rah­men des Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­rens.

Öffent­li­che Anhö­rung

Der Bun­des­tags-Ver­kehrs­aus­schuss hat­te zur öffent­li­chen Anhö­rung ein­ge­la­den. Auf Vor­schlag der Frak­tio­nen wur­den neun Sach­ver­stän­di­ge ein­ge­la­den, die ihre Posi­tio­nen vor­tru­gen und in ins­ge­samt sechs Run­den Fra­gen der Abge­ord­ne­ten beant­wor­te­ten. Ver­tre­ten waren die Deut­sche Bahn, die kom­mu­na­le Ebe­ne, Ver­bän­de und die Wis­sen­schaft. In etwas mehr als drei Stun­den wur­den alle rele­van­ten Aspek­te aus­gie­big bespro­chen.

Kon­sens war, dass es eine Gene­ral­sa­nie­rung der Bestands­stre­cke inklu­si­ve kapa­zi­täts­er­wei­tern­den Maß­nah­men geben muss. Die­se ist fürs Jahr 2029 vor­ge­se­hen. Der genaue Umfang steht noch nicht fest. Die DB sprach von neun Maß­nah­men, die der­zeit an der Bestands­stre­cke vor­ge­se­hen sind. Die Mehr­heit der Sach­ver­stän­di­gen war sich einig, dass die­se jedoch nicht aus­rei­chen, um die Über­las­tung auf­zu­lö­sen und schon gar nicht, um dar­über hin­aus gehen­de Kapa­zi­tä­ten zu schaf­fen. Selbst, wenn ETCS (Digi­ta­li­sie­rung) mit der Sanie­rung umge­setzt wird, kön­nen nur 200 Züge die Stre­cke befah­ren. Es braucht aber Kapa­zi­tä­ten für 400 Züge pro Tag.

Die Deut­sche Bahn erklär­te, dass sie 29 Vari­an­ten unter­sucht hat. Dar­un­ter war auch das, was die Geg­ner einer Neu­bau­stre­cke for­dern. Jedoch wur­de schnell klar, dass ein wei­te­res Gleis den Anfor­de­run­gen nicht ent­spricht. Nur eine zwei­glei­si­ge Neu­bau­stre­cke kann die Anfor­de­run­gen des Bun­des (Bun­des­schie­nen­we­ge­aus­bau­ge­setz) erfül­len und ist damit geneh­mi­gungs­fä­hig. Von eini­gen Teil­neh­mern wur­de dar­auf ver­wie­sen, dass die Bestands­stre­cke nicht nur punk­tu­ell über­las­tet ist und es sich um einen Kor­ri­dor mit Schlüs­sel­funk­ti­on für Nord­deutsch­land und dar­über hin­aus han­delt.

Aus der Run­de gab es eini­ge Punk­te, die auch mir wich­tig sind: Fern­ver­kehrs­hal­te an der Bestands­stre­cke sol­len erhal­ten blei­ben, mög­lichst gute Bün­de­lung der Neu­bau­stre­cke mit der Auto­bahn, gute Betriebs­qua­li­tät auf bei­den Stre­cken soll mög­lich wer­den, mit Regio­nal­hal­ten soll Nut­zen in der betrof­fe­nen Regi­on gestif­tet wer­den, Güter­ver­kehr soll nachts auf die gut lärm­ge­schütz­te Neu­bau­stre­cke ver­la­gert wer­den.

Ich habe in der Ver­samm­lung noch ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es eine Neu­bau­stre­cke oder – im Fal­le des Schei­terns – über die Kor­ri­dor­sa­nie­rung hin­aus nichts geben wird. Etwas ande­res erfüllt die Anfor­de­run­gen an die benö­tig­te Kapa­zi­tät und Fahrt­zeit schlicht­weg nicht. Für uns Grü­ne geht es um ein bun­des­weit stim­mi­ges Betriebs­kon­zept zuguns­ten der Fahr­gäs­te und Güter­kun­den (Deutsch­land­takt). Ich wies zudem dar­auf hin, dass sich eine Neu­bau­stre­cke schnel­ler rea­li­sie­ren lässt als ein zusätz­li­ches Gleis an der Bestands­stre­cke. In der Anhö­rung waren dazu eini­ge kon­kre­te Pra­xis­bei­spie­le genannt wor­den (Bei­spiel Neu­bau­stre­cke Wend­lin­gen – Ulm vs. Stutt­gart 21).

Für uns Grü­ne im Bun­des­tag wie auch in Nie­der­sach­sen ist daher klar: Wir schau­en nach vor­ne. Wir über­neh­men Ver­ant­wor­tung für die Aus­ge­stal­tung eines leis­tungs­fä­hi­gen, zukunfts­fä­hi­gen Bahn­ver­kehrs. Wir las­sen kei­ne Eng­pass­pla­nun­gen zu. Wir kämp­fen daher für die Neu­bau­stre­cke. Nur mit einer sol­chen wer­den Vor­aus­set­zun­gen für einen funk­tio­nie­ren­den Bahn­ver­kehr geschaf­fen.

Zu den Plä­nen der Deut­schen Bahn (Abschluss Vor­pla­nung):

https://www.matthias-gastel.de/entscheidungsreif-neubaustrecke-hamburg-hannover/

Sehr aus­führ­lich (Sach­stand Mit­te 2023): https://www.matthias-gastel.de/ausbau-der-bahninfrastruktur-zwischen-hamburg-und-hannover/