Mein Blick auf die Corona-Krise

11.10.2020

Das Virus, die Politik und die Gesellschaft

Der Umgang mit der Coro­na-Pan­de­mie stößt auf eine brei­te gesell­schaft­li­che Unter­stüt­zung, jedoch auch auf Kri­tik und Unver­ständ­nis. Von über­zo­ge­nen Beschrän­kun­gen oder gar einer „Coro­na-Dik­ta­tur“ ist im sehr bun­ten Lager der Kritiker*innen die Rede. Hier mein Blick auf die Risi­ken durch das Virus und den Umgang damit.

Mei­nungs­bil­dung und Ent­schei­dungs­fin­dung in Deutsch­land

Immer wie­der wird behaup­tet, poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen wür­den auf den Ein­schät­zun­gen weni­ger Per­so­nen wie Dros­ten, Wie­ler und Keku­lé grün­den. Dies ist falsch. Die Län­der haben ihre eige­nen Bera­ter­stä­be – und kom­men meist zu ver­gleich­ba­ren Ergeb­nis­sen. Ande­re Staa­ten haben wie­der­um ihre eige­nen Berater*innen – und kom­men eben­falls zu ähn­li­chen Ent­schei­dun­gen. Mehr­hei­ten unter Fach­leu­ten kön­nen sich irren. Wer jedoch den Emp­feh­lun­gen deut­li­cher Mehr­hei­ten unter Fach­leu­ten nicht fol­gen will, braucht hier­für sehr gute Grün­de und muss für die mög­li­chen Fol­gen in beson­de­rer Wei­se Ver­ant­wor­tung über­neh­men.

Wir haben auf Bun­des­ebe­ne die Bil­dung eines inter­dis­zi­pli­när besetz­ten wis­sen­schaft­li­chen Pan­de­mie­r­ats vor­ge­schla­gen, der die Lage bewer­ten und Maß­nah­men vor­schla­gen soll. Ein­ge­bun­den wer­den sol­len dabei neben medi­zi­ni­schen auch sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Expert*innen. Klar ist, dass letzt­lich immer die Poli­tik ent­schei­den muss, wel­chen der Vor­schlä­ge der Expert*innengremien sie fol­gen möch­te.

Mei­nung der Öffent­lich­keit

Die Coro­na-Maß­nah­men des Bun­des und der Län­der sto­ßen seit Anfang an auf eine gro­ße Unter­stüt­zung durch die Bevöl­ke­rung. So erbrach­te der reprä­sen­ta­ti­ve ARD-Deutsch­land­trend im August auf die Fra­ge „Sind die Coro­na-Maß­nah­men aus­rei­chend?“ fol­gen­des Ergeb­nis: 59 Pro­zent der Bürger*innen sag­ten „Ja“, 27 Pro­zent gin­gen die Maß­nah­men nicht weit genug und 11 Pro­zent ant­wor­te­ten, ihnen wür­den die Maß­nah­men zu weit gehen. Zahl­rei­che wei­te­re Befra­gun­gen durch ande­re Umfra­ge­insti­tu­te erga­ben ähn­li­che Stim­mungs­bil­der. Bei den Kom­mu­nal­wah­len in Nord­rhein-West­fa­len wur­den Ver­wal­tungs­chefs wie­der gewählt, die auf­grund des Pan­de­mie­ge­sche­hens teil­wei­se bereits im Febru­ar beson­ders weit­ge­hen­de Ein­schrän­kun­gen des All­tags­le­bens ange­ord­net hat­ten. Dar­un­ter befin­det sich der Land­rat des Land­krei­ses Heins­berg, der mit einem um 20 Pro­zent­punk­te ver­bes­ser­ten Ergeb­nis wie­der gewählt wor­den war.

Um kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men zu las­sen: Ich bin nicht der Mei­nung, dass sich Politiker*innen von Umfra­gen lei­ten las­sen soll­ten. Sie soll­ten für ihre Über­zeu­gun­gen ein­ste­hen und hier­für in Gesell­schaft und Par­la­men­ten um Zustim­mung wer­ben. Im kon­kre­ten Fall ist die Unter­stüt­zung der Maß­nah­men jedoch die Vor­aus­set­zung dafür, dass die Maß­nah­men befolgt wer­den und Infek­tio­nen best­mög­lich ver­mie­den wer­den. Dies trifft – aus mei­ner Sicht zum Glück – zu.

Man begeg­net aber auch – womög­lich mit der Dau­er der Kri­se ten­den­zi­ell zuneh­mend – einer  Ver­un­si­che­rung inner­halb der Gesell­schaft. Es scheint so, dass gera­de weil wir so gut durch die Kri­se kamen, Men­schen die Not­wen­dig­keit der Maß­nah­men anzwei­feln. Man spricht von „Prä­ven­ti­ons­pa­ra­dox“.

Mit der Pro­test­be­we­gung habe ich mich in meh­re­ren öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen aus­ein­an­der gesetzt. Hier ein Bei­spiel: https://www.matthias-gastel.de/verschwoerungsglaube-und-coronakrise/

Bei allen öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen war aller­dings bemer­kens­wert, dass sich in kei­nem Fall jemand mit grund­sätz­li­cher Kri­tik an der Coro­na-Poli­tik betei­ligt hat.

Mei­ne Ein­schät­zung der Risi­ken durch das Virus

Ich habe – obwohl mein Arbeits­schwer­punkt im Ver­kehrs­be­reich liegt – mir unbe­kann­te Viro­lo­gen, Infek­tio­lo­gen und behan­deln­de Ärzt*innen aus der Regi­on kon­tak­tiert, um mir deren Mei­nun­gen ein­zu­ho­len. Die Rück­mel­dun­gen waren ein­deu­tig: Das Virus ist ernst zu neh­men und für die mensch­li­che Gesund­heit gefähr­li­cher als die Grip­pe. Die beschrän­ken­den Maß­nah­men sind im Grund­satz sinn­voll. https://www.matthias-gastel.de/wie-klinikaerzte-corona-sehen/

Außer­dem sprach ich mit Pfle­ge­per­so­nal in Kli­ni­ken.

Das Virus ist aus meh­re­ren Grün­den als gefähr­lich ein­zu­stu­fen: Die Über­tra­gung von Mensch zu Mensch erfolgt schnel­ler als bei vie­len ande­ren Infek­ti­ons­krank­hei­ten und es stößt auf Men­schen, die u. a. auf­grund des Feh­lens eines Impf­stoffs nahe­zu alle nicht immun sind. Ein Medi­ka­ment gibt es nicht. Das Aus­maß von Lang­zeit­schä­den kann noch nicht abschlie­ßend ein­ge­schätzt wer­den, jedoch wur­den erheb­li­che Lun­gen­schä­den unter einem Teil der (auch jün­ge­ren) Erkrank­ten fest­ge­stellt. Sie­he noch­mal: https://www.matthias-gastel.de/wie-klinikaerzte-corona-sehen/

Auch mit sozia­len Bera­tungs­stel­len in mei­nem Wahl­kreis stand ich immer wie­der in Kon­takt, um mich über deren Arbeit in Pan­de­mie­zei­ten und die Aus­wir­kun­gen der Beschrän­kun­gen auf deren Kli­en­tel zu infor­mie­ren.

Im März und April war das Gesund­heits­sys­tem durch die hohe Zahl der Erkrank­ten, von denen vie­le beatmet wer­den muss­ten, stark gefor­dert. Man­cher­orts, so in mei­nem Land­kreis, war es über­for­dert und schwer Erkrank­te muss­ten aus­ge­flo­gen wer­den. Die Gewähr­leis­tung der Leis­tungs­fä­hig­keit unse­res Gesund­heits­sys­tems steht für mich wei­ter im Mit­tel­punkt der Pan­de­mie­be­kämp­fung. Unter kei­nen Umstän­den dür­fen wir mei­nes Erach­tens Situa­tio­nen wie in Nord­ita­li­en ris­kie­ren, wo Men­schen, die hät­ten über­le­ben kön­nen, auf­grund einer Über­las­tung nicht mehr behan­delt wur­den. In vie­len Län­dern die­ser Erde geschieht dies der­zeit. In Frank­reich fül­len sich wie­der die Kli­nik­bet­ten und man­cher­orts steht man vor einer erneu­ten Über­las­tungs­si­tua­ti­on. In Deutsch­land haben wir zum Glück und infol­ge der ergrif­fe­nen Maß­nah­men der­zeit (noch?) eine ent­spann­te Situa­ti­on. Daher konn­te eine Viel­zahl der Beschrän­kun­gen auf­ge­ho­ben oder gelo­ckert wer­den. Es kann aber (ver­mut­lich noch für län­ge­re Zeit) noch kei­ne Ent­war­nung gege­ben wer­den. Aktu­ell stei­gen die Zah­len der Infi­zier­ten und Erkrank­ten lei­der wie­der und es sind häu­fi­ger älte­re Men­schen betrof­fen. Die jüngs­te Ent­wick­lung gibt Anlass zur Sor­ge, dass das Virus wie­der stei­gen­de Opfer­zah­len for­dern wird. Daher hal­te ich die Ein­hal­tung der Vor­ga­ben für extrem wich­tig – für sich sel­ber und noch mehr aus Rück­sicht auf beson­ders gefähr­de­te Men­schen. Für mich ist das eine Fra­ge des Respekts und der Soli­da­ri­tät ande­ren Men­schen gegen­über.

Mein und unser grü­nes Oppo­si­ti­ons-Ver­ständ­nis

Unser Ver­ständ­nis von Oppo­si­ti­ons­ar­beit ist es, nach eige­nen fach­li­chen und sach­li­chen Über­zeu­gun­gen kon­struk­tiv zu agie­ren – und nicht pau­schal gegen Regie­rungs­han­deln an zu argu­men­tie­ren. Unser Selbst­ver­ständ­nis ist nicht das einer  Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on. Wir hal­ten einen Groß­teil der ergrif­fe­nen Maß­nah­men für rich­tig, weil es um den Schutz der Gesund­heit der Men­schen geht und die wesent­lich pro­ble­ma­ti­sche­ren Pan­de­mie­ver­läu­fe in ande­ren Län­dern – auch in Nach­bar­län­dern – zei­gen, was das Virus anrich­ten kann.

Im März konn­te noch nie­mand wis­sen, wie das Virus über­tra­gen wird und wel­che Maß­nah­men wirk­sam oder aber auch unan­ge­mes­sen sind und womög­lich mehr scha­den als nut­zen. Heu­te wis­sen wir zwar mehr, aber lei­der längst nicht alles. So bleibt bei­spiels­wei­se unklar, wel­che Lang­zeit­fol­gen in Fol­ge von Erkran­kun­gen durch das Virus an Orga­nen wie der Lun­ge ent­ste­hen kön­nen. Aus dem bis­he­ri­gen Pan­de­mie­ver­lauf konn­ten wir in der Zeit eini­ges ler­nen, wes­halb wir aktu­ell und auch in Zukunft mit der Kri­se anders umge­hen (kön­nen). Wo wir als Grü­ne Defi­zi­te und Feh­ler in der Coro­na­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung sahen, haben wir dies stets deut­lich gemacht.

Mei­ne und unse­re Kri­tik an der Coro­na-Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung

Wir hat­ten bereits wäh­rend des Lock­downs die Schlie­ßung von Spiel­plät­zen und die pau­scha­le Schlie­ßung von Kitas und Schu­len kri­ti­siert. Auf Spiel­plät­zen sahen und sehen wir kaum ein Infek­ti­ons­ri­si­ko. Kitas und Schu­len hät­ten sich bei Ein­hal­tung bestimm­ter Regeln mit deut­lich redu­zier­tem Infek­ti­ons­ri­si­ko zumin­dest für einen grö­ße­ren Teil der Kin­der und nicht nur im Not­be­trieb betrei­ben las­sen. Die Situa­ti­on der Fami­li­en war nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt wor­den. Kri­ti­siert hat­ten wir auch die hohe Abhän­gig­keit unse­res Lan­des von impor­tier­ten Medi­ka­men­ten und Hygie­ne­ar­ti­keln aus dem asia­ti­schen Raum. Hier müs­sen wir unab­hän­gi­ger wer­den, um dar­über auch bei gestör­ten Logis­tik­ket­ten jeder­zeit ver­fü­gen zu kön­nen.

Sie­he zu die­sen Kri­tik­punk­ten  https://www.matthias-gastel.de/corona-kein-ausreichendes-krisenmanagement-des-bundes/ Wei­te­re Kri­tik­punk­te bezo­gen sich auf zu lan­ge Grenz­schlie­ßun­gen (bspw. zwi­schen Kon­stanz und Kreuz­lin­gen, sie­he https://www.matthias-gastel.de/schliessung-der-grenze-bei-konstanz-pruefen/ ) sowie die unzu­rei­chen­den Wirt­schafts­hil­fen für Solo­selbst­stän­di­ge.

Die „epi­de­mi­sche Lage von natio­na­ler Trag­wei­te“ sehen wir aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den skep­tisch und plä­die­ren dafür, dem Bun­des­tag die Mög­lich­keit zu geben, die Fort­füh­rung der Lage regel­mä­ßig zu über­prü­fen und die Auf­he­bung von Rechts­ver­ord­nun­gen ver­lan­gen zu kön­nen. Kon­kre­te Maß­nah­men wie bei­spiels­wei­se die Mas­ken­pflicht beru­hen, anders als häu­fig behaup­tet, nicht auf die­ser Rechts­grund­la­ge, son­dern wur­den von den Län­dern im Rah­men von All­ge­mein­ver­fü­gun­gen erlas­sen.

Zur aktu­el­len Coro­na-Poli­tik: Sind die Infek­ti­ons­zah­len als ein­zi­ges Kri­te­ri­um für die Ein­schät­zung der Gefähr­dungs­la­ge geeig­net? Wir mei­nen: „Nein“. Neben den Infek­ti­ons­zah­len müs­sen auch wei­te­re Indi­ka­to­ren in den Blick genom­men wer­den. Hier­zu kann die Situa­ti­on im Gesund­heits­we­sen, ins­be­son­de­re die Lage auf den Inten­siv­sta­tio­nen der Kli­ni­ken, zäh­len. Mei­ne Frak­ti­on nennt wei­te­re Indi­ka­to­ren: Regio­na­le Test­ka­pa­zi­tä­ten, die Mög­lich­keit einer schnel­len Kon­takt­per­so­nen-Nach­ver­fol­gung, die Alters­struk­tur der Infi­zier­ten sowie der R‑Wert. „Wir müs­sen weg von der allei­ni­gen Fokus­sie­rung auf die Infek­ti­ons­zah­len, die ohne eine Ein­ord­nung zu wenig aus­sa­ge­kräf­tig sind.“

Ich ste­he zur Mas­ken­pflicht an bestimm­ten Orten, so in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. Die Orte, an denen sie ver­pflich­tend vor­ge­schrie­ben wird, müs­sen jedoch begründ­bar sein. Ob dies auf öffent­li­chen Plät­zen im Frei­en zutrifft, wie in Bay­ern und nun auch in mei­nem Land­kreis Ess­lin­gen kürz­lich ange­ord­net, muss kri­tisch hin­ter­fragt wer­den. Wich­tig ist, dass die Mas­ken­pflicht dort, wo Men­schen sich häu­fig für län­ge­re Zeit nicht aus dem Weg gehen kön­nen, auch tat­säch­lich durch­ge­setzt wird. Dies gilt bei­spiels­wei­se für Bus und Bahn. Hier soll­te regel­mä­ßig kon­trol­liert und Ver­stö­ße soll­ten durch Buß­geld und sofor­ti­gen Fahrt­aus­schluss sank­tio­niert wer­den. Hier­zu mehr Infos: https://www.matthias-gastel.de/maskentragen-im-fernverkehr-der-bahn-durchsetzen/ Aber selbst­ver­ständ­lich wer­de ich mich auch an die Vor­schrif­ten hal­ten, von denen ich nicht voll­stän­dig über­zeugt bin. Regeln gel­ten in unse­rem Rechts­staat auch für die­je­ni­gen, die sie nicht nach­voll­zie­hen kön­nen. Das soll­ten auch die­je­ni­gen beach­ten, die den Rechts­staat durch die Schutz­maß­nah­men als gefähr­det betrach­ten.

Auch wäh­rend des Schul­un­ter­richts soll­te meist auf Mas­ken ver­zich­tet wer­den kön­nen. Vor­rang haben Abstands­re­ge­lun­gen, regel­mä­ßi­ges Lüf­ten, Unter­richt in grö­ße­ren Räu­men oder in zeit­lich ver­set­zen Grup­pen, die Kom­bi­na­ti­on aus Prä­senz- und Digi­tal­un­ter­richt usw. – je nach ört­li­chen Gege­ben­hei­ten. Man soll­te die hohe Akzep­tanz der Maß­nah­men in der Gesell­schaft nicht über­stra­pa­zie­ren. Ohne Akzep­tanz und Durch­setz­bar­keit hel­fen alle Vor­schrif­ten nichts.

Droht ein zwei­ter Lock­down?

Nein. Einen erneu­ten Lock­down hal­te ich weder für sinn­voll noch für erfor­der­lich, da wir inzwi­schen wis­sen, wie geziel­te­re Maß­nah­men aus­se­hen kön­nen. Die­se bestehen aus eini­gen bun­des­weit gel­ten­den Regeln (Abstands­ge­bot, Mas­ken­pflicht an bestimm­ten Orten) und – je nach Infek­ti­ons­ge­sche­hen – loka­len Beschrän­kun­gen. Ich bin der Über­zeu­gung, dass unser stark föde­ra­les und sub­si­di­är geglie­der­tes Sys­tem einen enor­men Vor­teil in der unmit­tel­ba­ren Bekämp­fung der Pan­de­mie bie­tet. Damit ver­mei­den wir auch man­che erneu­te mas­si­ve wirt­schaft­li­che Schä­den. Dass Län­der sich gegen­sei­tig zu Risi­ko­ge­bie­ten erklä­ren oder gar ein­zel­ne Stadt­be­zir­ke ist aller­dings nicht hin­nehm­bar, den Bürger*innen nicht ver­mit­tel­bar und kein Ruh­mes­blatt des Föde­ra­lis­mus.

Umgang mit Kritiker*innen der Coro­na-Poli­tik

Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­ker der Coro­na-Maß­nah­men mel­den sich seit Mai rege und teil­wei­se laut­stark zu Wort. An man­chen Tagen wur­den die Abge­ord­ne­ten­bü­ros mit bis zu 150 Mails geflu­tet und Demons­tra­tio­nen gehö­ren zu den Wochen­en­den. Ich habe einen Groß­teil der Mails gele­sen und sehr vie­le davon beant­wor­tet. Der­zeit ist die Lage ruhig und es gehen kaum Bür­ger­an­lie­gen zur Coro­na­po­li­tik ein. Mir ist wich­tig, mich mit den Argu­men­ten aus­ein­an­der zu set­zen und, auch wenn ich sie meist nicht tei­le, ihnen sach­lich mei­ne eige­nen Argu­men­te ent­ge­gen zu stel­len. Längst nicht alle, aber lei­der viel zu vie­le, stüt­zen sich auf Ver­schwö­rungs­my­then und höchst dubio­se Quel­len. Daher habe ich mich auch mit die­ser The­ma­tik in Form öffent­li­cher Ver­an­stal­tun­gen befasst. Bei­spiel: https://www.matthias-gastel.de/verschwoerungsglaube-und-coronakrise/

Was ich mir von den­je­ni­gen wün­sche, die har­te und pau­scha­le Kri­tik an der Coro­na­po­li­tik vor­brin­gen: Schaut Euch mal um, in wel­chem Land Ihr ger­ne leben wür­det. Sehr vie­le Län­der, viel­leicht sogar die meis­ten Län­der, haben wei­ter­ge­hen­de Maß­nah­men wie Aus­gangs­sper­ren erlas­sen, um die Pan­de­mie zu bekämp­fen. Dem gegen­über ste­hen Län­der wie die USA, deren Prä­si­den­ten zwar (inzwi­schen) die erheb­li­chen Risi­ken durch das Virus nicht mehr grund­sätz­lich leug­nen (wohl aber am liebs­ten ver­drän­gen), aber auf Maß­nah­men zum Schutz der Gesund­heit der Men­schen weit­ge­hend ver­zich­ten, um ihr Ver­ständ­nis von Stär­ke und Unver­wund­bar­keit zu demons­trie­ren. Sie ris­kie­ren Gesund­heit und Leben derer, für die sie Ver­ant­wor­tung tra­gen. In Schwe­den wur­de auf vie­le in ande­ren Län­dern umge­setz­te Schutz­maß­nah­men ver­zich­tet. Dort star­ben rela­tiv gese­hen fünf­mal mehr Men­schen als in Deutsch­land. Wenn man sich die­se Extre­me anschaut kann man doch zur Mei­nung kom­men, dass Deutsch­land die Kri­se viel­leicht doch nicht so schlecht managt, oder? Kri­tik im Detail und an ein­zel­nen Maß­nah­men hal­te ich – wie hier auch for­mu­liert – für erwünscht und erfor­der­lich.

Wirt­schaft­li­che Lage

Die Coro­na-Kri­se hat für glo­ba­le Ver­wer­fun­gen gesorgt. Logis­tik­ket­ten wur­den unter­bro­chen, der Indus­trie haben Tei­le für die Fer­ti­gung gefehlt, Abnah­me­märk­te für unse­re export­ab­hän­gi­ge Wirt­schaft sind zusam­men gebro­chen. Öko­no­men gehen davon aus, dass rund 70 Pro­zent des Wirt­schafts­ein­bruchs auf der­ar­ti­ge glo­ba­le Effek­te zurück zu füh­ren sind. Die ande­ren 30 Pro­zent gehen auf das Kon­to von Lock­down und Ver­un­si­che­rung von pri­va­ten Konsument*innen. Durch umfang­rei­che Wirt­schafts­hil­fen und aus­ge­wei­te­te Regeln für die Kurz­ar­beit konn­ten vie­le, aber lei­der nicht alle Här­ten ver­mie­den wer­den. Aktu­ell hat sich die Nach­fra­ge nach unse­ren Pro­duk­ten in Chi­na wie­der sehr posi­tiv ent­wi­ckelt. Sor­ge berei­tet die Wirt­schafts­kri­se in den USA, die auch ohne Lock­down anhält. Die Arbeits­lo­sig­keit in Deutsch­land ist – durch die Kurz­ar­beit gedämpft – gestie­gen, sinkt der­zeit jedoch wie­der und weni­ger Men­schen befin­den sich in Kurz­ar­beit. „Die Arbeits­lo­sig­keit ist auf­grund der ein­set­zen­den Herbst­be­le­bung im Sep­tem­ber gesun­ken“, so die Bun­des­agen­tur für Arbeit. Die Arbeits­lo­sen­zah­len lie­gen aber um über 600.000 über dem Vor­jah­res­wert, was einer Quo­te von 6,2 Pro­zent ent­spricht (gegen­über Vor­jahr: +1,3 Pro­zent­punk­te, gegen­über Vor­mo­nat: ‑0,2 Punk­te). Gese­hen wer­den muss, dass sich gera­de in der Auto­mo­bil­wirt­schaft bereits vor Coro­na ein­ge­tre­te­ne Ein­trü­bun­gen mit durch die Pan­de­mie aus­ge­lös­ten Fak­to­ren über­la­gern. Coro­na beschleu­nigt Pro­zes­se von Auto­ma­ti­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung und legt kras­ser denn je Ver­säum­nis­se im Manage­ment offen, was sich auf dem Arbeits­markt wider­spie­gelt.

Per­sön­li­ches Fazit

Ich mei­ne, dass Deutsch­land bis­lang ver­hält­nis­mä­ßig gut durch die Kri­se gekom­men ist. Wir haben weni­ger Tote zu bekla­gen als die meis­ten ande­ren Län­der. Das kann als Beleg dafür gewer­tet wer­den, dass die ergrif­fe­nen Maß­nah­men nicht völ­lig falsch waren und sind. Kri­tik im Detail ist not­wen­dig und ange­bracht. Der Kurs ins­ge­samt stimmt aber und hilft, Men­schen­le­ben zu schüt­zen.

Zum Schluss

Die­ser Bei­trag stellt die Fak­ten und mei­ne Ein­schät­zun­gen zum datier­ten Zeit­punkt dar. Auch wenn sich Din­ge ändern und ich hier kei­ne Aktua­li­sie­run­gen vor­neh­me, soll­te mei­ne Grund­hal­tung zum ange­mes­se­nen Han­deln in der Coro­na­kri­se deut­lich gewor­den sein.

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